03 Biker

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„Ich komm schon mit Frauen nicht klar, Junge! Lass mich in Ruh!“

Der kantige Kerl in den schwarzen Biker-Klamotten kippte seinen Schnaps und das Pint der Brühe, die hier „Bier“ genannt wurde hinterher, zog einen Zwanziger aus der Tasche, legte ihn auf den Tresen und sagte zum Wirt: „Meins und seins. Reicht das?“ Stew nickte. Er hätte auch genickt, wenn es nicht so gewesen wäre. Dieser Typ da brauchte keine martialischen Aufnäher oder Abzeichen. Burschen, wie den, hatte er schon lang nicht mehr in seiner Kneipe gesehen. Daniela-Dan hängte sich an den Arm des Fremden, wie eine Katze im Tierheim die Beine eines Menschen umschmeichelt.

„Lass es!“, sagte der. “Bitte, ich mag´s nicht, okay?“ Seine Stimme ließ keine Auslegung zu, aber Dani konnte nicht aufgeben und schlang seine Arme noch enger um den des Mannes.

„Ich will Dir nicht weh tun, Junge!“

Es klang fürsorglich, warm und endgültig. Dani ließ ab, stolperte eilig auf seinen roten Lackpömps mit nassen Augen in Richtung der Frauentoilette.

„Sie hat doch niemanden.“, meinte der Wirt, griff nach dem Zwanziger und blickte dem Mann hinterher, der bereits im Begriff war, die Kneipe zu verlassen. Einen Moment später hörte Stew das tiefe Gurgeln und Blubbern eines schweren Motorradmotors und das Geräusch knackender Kiesel, als der Fremde seine Maschine die Auffahrt hinab auf die Strasse zurollen ließ. Er blickte zur Wanduhr, die auf kuchenplattengroßer Fläche völlig überflüssig für die hier gängige Biermarke warb. Niemand in dieser Gegend gab auch nur zehn Cent mehr pro Pint für eine andere Sorte aus, ob sie nun besser war oder nicht. Was heisst schon „besser“!

Es war Donnerstag und gerade halb sieben abends. Morgen um die selbe Zeit würde die Kneipe den ersten Ansturm erwarten. Am Samstag dann lockte eine Countryband und versprach gute Kasse. Stew hätte sich die Tage zwischen Montag bis einschließlich Donnerstag sparen können, aber solange er nicht drauflegte, würde er die Kneipe geöffnet lassen. War besser, als trüben Gedanken nachzuhängen. Das bisschen Arbeit im Haus oder im kleinen Garten, den Gretchen noch angelegt hatte, war schnell erledigt, auch wenn er es langsam angehen ließ. Seit sie gestorben war, schien sich etwas wie Blei in ihm auszubreiten, jedes Jahr ein bisschen mehr. Sie hatten gemeinsam der großen Stadt im Norden den Rücken gekehrt, waren hier angekommen, hatten sich über viele, manche harten Jahre eine bescheidene Existenz aufgebaut und ein zufriedenes Leben geführt. Kinder waren ihnen verwehrt geblieben. Gretchen´s Ex hatte sie mit einem Andenken von einem seiner heimlichen Ausflüge zu den billigen Junkie-Nutten infiziert. Sie hatte es Stew gesagt, als er sie um ihre Hand bat und darauf bestanden, dass er eine Bedenkzeit nehmen solle. „Okay.“, hatte er geantwortet, einen Moment geschwiegen, den Verlobungsring aus der Tasche gezogen und ihn ihr angesteckt. Sie fehlte ihm so sehr, mehr, als er es hätte in Worte fassen können.

Gerade hatte er ein frisches Fass angeschlossen, als die Eingangstür aufgestoßen wurde und fünf Kutten in schwarzem Leder lärmend in die Kneipe gestapft kamen. Sie bauten sich am Tresen auf und prollten herum. Während er ihnen Pints zapfte und sie bediente taten sie ihm einfach nur leid. Kopien werden mit jeder Kopie blasser und schmuddeliger. Er hatte noch Jungs erlebt, die in den 70igern mit ihren Harleys über die Strassen gekreuzt waren, ihre eigenen Ideen von Freiheit gelebt, Feindschaften auf eigene Weise ausgetragen, krumme Dinger gedreht, den Preis gezahlt hatten, und irgendwann auf die eine oder andere Weise dabei draufgegangen waren. Das hier war einfach nur ein Pack Angestellter einer Organisation, die sich „Club“ nannte. Das hier waren Ratten, die sich unter einem nostalgischen Fell versteckten, einem Fetisch, der ersetzen sollte, was ihnen abhanden gekommen war. Wie Ratten konnten sie eine Seuche herumtragen, und wie Ratten konnten sie, einmal in die Ecke gedrängt gefährlich werden. Er zapfte zügig, schenkte großzügig ein und wusste mit ihnen umzugehen. Er wäre sicher nie aus Vietnam zurückgekehrt, hätte er auf jedes Rascheln im Dschungel sofort reagiert oder es überhört.

Dani trat in den Gastraum, überrascht von der Anwesenheit der Kerle, die er erkannte und schnell auf ihre Stimmung hin taxierte. Reflexartig stieg er in seine Rolle, machte ein paar Tanzschritte auf den Tresen zu, steckte sich dort eine der länglichen, weißen und süßlich parfümierten Filterzigaretten an, wandte sich verhaltend lächelnd spielerisch den Männern zu. Eine Kutte, der, mit zerschlagener Nase und eingedrücktem Wangenknochen, gröhlte los: „Wie heiß ist das denn? Unser arschgeiles Schwanznüttchen ist heute da! Lust auf ein Stößchen, Prinzessin?“

„Mit Dir doch immer, wenn Du es Dir leisten kannst und die kleine blaue Pille hält, was Du versprichst!“, kam es keck zurück. Die Kerle lachten rauh. Die kaputte Nase packte sein Pint, leerte es auf ex und knurrte entgegnend:

„Geh Dir schon mal das Ärschlein waschen, und mit dem duftigen, leckeren Pfirsich-Gleitgel rutschig machen, oder magst Du es natürlich rauh und hart? Ich bin gleich bei Dir und werd´ Dich mit meiner Vanillesauce wie ´nen Doughnut füllen!“

Dani rieb Daumen und Zeigefinger aneinander: „ Du böser, böser Junge! Du weißt doch, nur Bares im Voraus ist Wahres und macht mich richtig feucht!“. Die Kutte zog steif grinsend mit leerem Blick zwei Scheine aus der Brusttasche und schob sie dem Wirt zu, der sie für Dani in Empfang nahm. Dann packte der Kerl Dani am Handgelenk und schleifte ihn hinter sich her in die Damentoilette. Der Wirt stöpselte den Stecker der Jukebox ein. Sofort ging der Dolly Parton-Song kratzend knackend da weiter, wo er tags zuvor stecken geblieben war: „…don´t take my man, just because you can…!“

„Mann, stell das Ding ab!“, verlangte einer der Lederjungs lautstark. „Wir wollen lieber die süße Schwanzpussy singen hören, wie sie auf Zack´s Pussybratspieß tanzt…hehehe.“ Die Bande gröhlte lüstern und orderte Schnaps. Sparks, der Metzger mit den Keulenfäusten, den schweißigen, knallroten Pausbacken, dem roten Tuch, das seine Glatze verdeckte und der dicken Kreole im rechten Ohr schnippte nun ebenfalls zwei Scheine auf den Tresen und kommentierte: „Die nächste Fahrt nehm ich! Dann ist die Nutte gut geschmiert und lässt sich schmatzig über´n Horizont reiten!“ Die Typen schlugen begeistert krächzend mit den Händen auf den Balken. Im Knast war Sparky auf den Geschmack gekommen und hatte sich die Spitznamen „Nähmaschinen-Pavian“ und „King-Fister“ verdient.

„Mach keinen Höllenritt draus!“, wagte der Wirt ruhig an Sparky zu adressieren. Der Metzger hörte genau das „sonst“ und verstand, was der Satz daran anschließend sagen wollte. Von allen im Raum war er der einzige, der den alten Sack hinter dem Tresen instinktiv ernst nahm. „Ne Flasche vom Hochprozentigen!“, orderte er. „Nach Zack muss die Jungsfotze desinfiziert werden, sonst hol ich mir was und ein bisschen was für die Stimmung kann auch nicht schaden.

Als Zack schließlich breit grinsend aus der Toilette kam, wie ein Kater, der in der Speisekammer ein Fläschchen Sahne umgekippt und die genüßlich weggeschleckt hatte, setzte sich Sparks mit dem Schnaps in Bewegung. „Lass der Torte ein bisschen Pause. Die ist fertig!“, protzte die gebrochene Nase.

„Kann nicht sein,“ ließ Sparks abschätzig heraus,“ich war ja noch gar nicht in ihm drin!“

Der Schrei des Unglücklichen, sein heftiges Klagen und Jammern kurz darauf ließ ahnen, was Zack angerichtet haben mußte, wenn Spark´s „Hygienemaßnahme“ derart heftig wirkte. Dani´s schmerzvolles Keuchen und Stöhnen mischte sich unter Sparks viehisches Grunzen und das Stakkato übelsten verbalen Drecks. Überraschend schnell brüllte er triumphierend seinen Höhepunkt hinaus, der sich anhörte, als sei ein Saurier dabei, eine Beute zu zerreissen. In der Gaststube empfing Sparks anerkennendes Gejohle und Schulterklopfen der Kumpane. Stew blickte sorgenvoll zur Toilette. Schließlich stellte er eine Flasche Schnaps auf den Tresen und ging hinüber. Sparks sah ihm gelassen hinterher. Die anderen ließen die Schnapsflasche kreisen, er lehnte ab. „Nix los in diesem Puff! Nur ein Arsch, das sind ein paar zu wenig.“, gab er heiser krächzend von sich. „Ich hab keinen Bock, an Langweile einzugehen.“

Zwei Dinge geschahen gleichzeitig: Stew kam mit Blut an den Händen und der Schürze aus der Damentoilette, und jemand packte Sparks und Zack am Nacken, schlug deren Schädel mit aller Wucht gegeneinander und warf sie zu Boden, wie Müllsäcke. Den anderen dreien, erging es ebenso, bevor sie begriffen, wie ihnen geschah. Stew nickte dem kantigen Mann in den Bikerklamotten erschrocken und zugleich dankbar zu. Im schummrigen Licht der Kneipe, in die sich das helle Zucken einer defekten Neonröhre der Jukebox mischte, war es ihm für einen Moment so erschienen, als blickte er in das bleiche Gesicht eines Toten. Dani konnte sich kaum auf den Beinen halten, wie er die Toilette verließ. Als er den Fremden im Raum zwischen den am Boden liegenden Kutten stehen sah, schwankte er wimmernd mit verlaufener Wimperntusche, verschmiertem Lippenstift und ausgestreckten Armen auf ihn zu, wobei ihm Blut an den nackten Schenkeln hinab rann.

„Du bist zu mir zurückgekommen!“, hauchte er, bevor er zu Boden sank. Der Fremde fing ihn auf, hielt ihn in den Armen und bettete ihn auf eine Bank, während der Wirt eine Ambulanz rief und die Polizei verständigte.

„Du hast mich gerufen!“, raunte der Fremde Dani ins Ohr, bevor sie in Bewußtlosigkeit fiel. Er strich ihr über den Kopf und die Wange, dann erhob er sich und wandte sich zum Gehen. Stew versuchte nicht, ihn zurück zu halten. Er fragte nur:“Wer bist Du?“

„Judas.“, antwortete der Fremde, ging und war fort, bevor Ambulanz und Polizei eintrafen. Der Wirt begleitete Dani ins Krankenhaus, regelte die Formalitäten, blieb bei ihr am Bett und machte am nächsten Vormittag seine Aussage auf dem Revier.

„Gretchen, da ist jemand, ein junger, verletzter Mensch. Ich würde ihr gern für eine Weile Obdach geben, einen sicheren Ort, bis sie weiß wohin sie gehen will. Was meinst Du? Wärst Du einverstanden, dass ich sie bei uns aufnehme?“ Nachdem Stew das Grab vom Unkraut befreit und die Pflanzen gegossen hatte, stellte er eine neue Grabkerze in die Bronzelampe, die er kürzlich im Laden von Konrad, dem Deutschen, gekauft hatte, erhob sich, Harke und Gießkanne in der einen, das Blumenpapier mit dem Unkraut in der anderen und schritt erleichtert zum Ausgang des Friedhofes, wo er es in den Abfallkübel warf.

„Ein schönes Medaillon hast Du!“, sagte die Schwester, die Dani am Dienstag zur Entlassung aus der Klinik die Wertsachen und Papiere aushändigte. „Wen stellt die Figur da?“, wollte sie wissen und blickte fasziniert auf das Relief. Dani nahm das Schmuckstück dankbar entgegen und legte es sich um, nachdem sie das Bild mit ihren Lippen berührt hatte.

„Das ist Judas,“ entgegnete sie, „der Schutzpatron für die hoffnungslosen Fälle.“

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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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