05 Prag

© hpkluge  2018

Spätestens nach dem Eklat im Ballett, wo meine Kommilitonen sich bereits im Foyer unmöglich verhalten hatten um dann als Gipfel während derVorführung Chips zu knabbern und mit den Tüten zu rascheln, wollte ich mit diesen Proleten nichts mehr zu tun haben. Wir waren mit dem kunsthistorischen Seminar nach Prag gefahren, um den Prager Jugendstil an Beispielen vor Ort anzuschauen. Die Vorbereitung der Exkursion war an unserem Dozenten und mir kleben geblieben, da sich sonst niemand bereit gefunden hatte, sich zu beteiligen. Die Spezialität von Nichtsnutzen und Faulpelzen ist  es schließlich, eine unbegrenzte Erwartungshaltung und die unerträgliche Maulerei und Besserwisserei, wenn die Arbeit erst einmal von anderen getan ist. Am dritten Tag bat ich den Dozenten um Dispenz.

„Ich verstehe Sie! Eine Bedingung nur: zum neuen Semester erwarte ich Ihr Referat zum Thema, Materialien und Nachweise zu Ihrer Recherche! Machen Sie es gut. Bis Freitag 9 Uhr am Bus zur Rückfahrt.“

Als die Prolls erfuhren, dass ich mich absetzte, mußte ich mir noch das ein oder andere anhören, bis ich den Bus an der Karlsbrücke verließ und meiner Wege ging. „Hält sich für was Besseres, das Arschloch!“ kam es aus der Ecke der möchtegern-genialischen Kritzler und Latzhosenträger. In der Tat, da hatten sie recht. Marlies tat mir leid. Sie war mit einem der Asis zusammen und fand nicht den Mut, sich ebenfalls abzusetzen, obschon sie es am liebstengetan hätte, wie ich ihr ansah. Sie war in Ordnung und die einzige unter den Mädels, die hart an ihren zeichnerischen und malerischen Talenten arbeitete, statt die Kurse mit fanatischem Murks zur Diktatur des Proletariats über die Herrschaft des Zwangskapitalismus und westlichem Imperialismus zu boykottieren.

„Schaut, was er sich mal wieder fein gemacht hat!“, lästerte ein abgerissener Kommilitone. In der Tat hatte ich ein fast schon geschäftsmäßiges Outfit gewählt, um mich so deutlich wie möglich, von dem Haufen abzusetzen. Marlies winkte mir lächelnd zum Abschied zu.

„Stehst Du auf diesen bourgeoisen Freier, den Oberspießer?“, kriegte sie prompt von ihrem „Mann“ auf den Hut.

Ichverbrachte den Tag damit, Kirchen, Galerien und Museen zu besuchen und spürte diese wesentlich dichtere, erdverbundenere Ausrichtung des Jugendstils, der in Böhmen und Mähren mit dem kreativen Zentrum Prag entstanden und zur Blüte gebracht worden war. Paris, das war Sonne und Licht und Luft, in dieser Stadt hingegen berührte die Sonne die Erde. Am Abend spazierte ich vom Hotel zum Wenzelsplatz und setzte mich ins Restaurant Jalta. Der damalige schwarze Umtauschkurs erlaubte mir einen 5 Gänge-Genuß mit anschließendem Ausklingen bei Kuba-Zigarre, himmlischem Kaffee und feinstem Cognac.

Ichließ den Tag Revue passieren auf dem Fußweg in Richtung des Hotels, ließ mir Zeit, denn ich hatte nicht die geringste Lust, mir den Abend durch eine Begegnung mit auch nur einem dieser Prolls zu verderben.

Als ich das Hotel Ambassador am unteren Ende des Platzes passiert hatte, und mir gerade ein Taxi für die Fahrt zu dem Hotel heranwinken wollte, in dem der Kurs eingebucht war, hörte ich neben mir dieStimme einer jungen Frau sagen: „Die Nacht ist doch noch so jung „schöner Mann!“ Als ich mich ihr zuwenden wollte, rempelte mich einBetrunkener so stark an, dass ich stolperte und meinen Sturz gerade noch auffangen konnte. Ich sah mich um, aber da war niemand außer einem ebenfalls schon angetrunkenen älteren „Pagen“, der Taxis für die herausströmenden Gäste einer beendeten Veranstaltung im Hotel herbei winkte.

„Oben ist Diskothäk, mit dekadentär Musik aus däm Westen.“ versuchte er mich zu locken und wies mit seiner weiß behandschuhten Hand zur hohen, beleuchteten Fensterfront über dem Portal. „Ist so cheiss…und so beliept bei die Leiten!“, sagte er und ließ dazu seine buschigen Augenbrauen tanzen. „Die scheensten Mäddchen sind da und, no, sähr erfahräne Frauen.“. Ich nickte ihm zu, dankte ihm und drückte ihm einen Kronenschein in die Hand, der sich in meine Hosentasche verirrt hatte. Er bedankte sich ebenso erfreut, wie überschwenglich. „Glick versuchen, junger Härr! Diskothäk ist sich noch bis zwei Uhr geeffnet, Sondergenähmmigung wegen so viel ausländische Gäste heite.“

Ich dachte:“Wieso nicht?“, ABBA dröhnte im Treppenaufgang aus dem Saal  von oben herab. Eine Partykugel schickte irrisierende Lichtblitze durch die geöffnete, zweiflügelige, deckenhohe Tür hinaus und wohl gleich mehrere Stroboskopstrahler waren dabei, Verstand und Aufmerksamkeit der Gäste zu zerschreddern. Gerade hatte ich die letzten Stufen vor der Ebene erreicht und  im Begriff meinen Mantel zu öffnen, da eine heiße Luftwelle, ein tropisches Ambiente erwarten ließ, als eine junge schwarzhaarige Frau in hautengem, schwarzen Etuikleid und gewagten schwarzen Highheels auf den Treppenaufgang zu stolperte, und ich hätte schwören können, sie vor dem Hotel erst gesehen zu haben! Ich wußte, dass sie stürzen mußte. Ich fing sie also im richtigen Moment auf, sie blickte mich aus großen braunen und sehr müden, geröteten Augen an, legte beide Arme um meinen Nacken, ohne die Clutch zu verlieren, die sie trug. Ihr Mund war großzügig blutrot geschminkt, und ich hatte Angst um meinen neuen Trench, aber ihr Kopf blieb auf Abstand. Ich nahm deutlich Alkoholgeruch wahr, wunderte mich nur, Whisky zu riechen. Ich hätte sie eher zurFraktion der Weißschnapsfreunde, Vodka, Akquavit, Tequila oder Gin sortiert. Sie konnte sich anscheinend nicht mehr auf den Beinen halten und das war kein Spiel. Ich nahm sie also auf meine Arme, trug sie die Treppen hinunter und brachte sie an die frische Luft. Der alte „Page“war auf der Stelle bei mir und half mir, sie stützend auf den Beinen zu halten. „Ein echter Dschäntelmän der alten Schule!“, sagte er. „Sieht man in meiner Position eigäntlich nimmer!“

„Kennen Sie diese junge Frau?“, fragte ich ihn. Er sah mich direkt an und antwortete: „Jo, ist heifig do. Ist ihr Geschäft, heer ich, mit Herren oder Damen zu gehen, für, no, der junge Herr mecht schon wissen, wos ich sog´n mecht.“ Er winkte einen der wartenden Taxifahrer zu sich: „Mechtest, bitte Manfred sog´n, dass er sein Ängel mecht holen, wann Du ihn siehst oder mit Radio rufen kennst.“

Fünf Minuten später hielt ein brandneues Mercedes-Taxi vor dem Ambassador und ein muskelbepackter Kerl mit Schlägermütze, schwarzem Schnauzbart, schwarzer Lederweste, brauner Breitcordhose, John-Lennon- Brille, silberberingten Fäusten stieg aus und kam auf uns zu. „Junger Herr hat Ängelchen auf der Treppen aufg´fangn, sonst bees ausgehn kennan, ist leider Ängel ohne Fliegel!“,moderierte der Alte. „Danke, mein Lieber!“, sagte der Taxifahrer, drückte mir die Hand und gab mir eine Visitenkarte. „Hast freie Fahrt bei mir, solange Du da bist!“ Er nahm nun seinerseits die junge Frau auf seine Arme, legte sie auf die Rückbank und deckte sie mit einer karierten Wolldecke zu. Als er die Tür schließen wollte,drehte er sich nochmal zu mir: „Sie will Dir was sagen!“

„Morgen hier im Hotel, an der Bar, Zeit, so wie jetzt? Ich möcht´ mich revengieren! Hast was für mich getan!“

Sie war nicht nüchtern gewesen und ich war gespannt, ob sie tatsächlich kommen würde. Als ich gegen halb elf gerade den Eingang zur Bar erreichte, trat sie in Begleitung eines ebenso attraktiven blonden, langhaarigen Mädchens heraus in die Rezeption. „Elena, das ist mein Ritter, von dem ich Dir erzählt hab.“, erklärte sie und dann zu mir gewandt:“Das ist Elena, meine beste Freundin! Es macht Dir doch hoffentlich nichts aus, daß sie mich begleitet?“

„Ich heiße Michael und ich fände es schön, auch Deinen Namen zu kennen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Eindruck, als sähe ich etwas wie Verärgerung durch Elena´s Augen huschen.

„Oh,entschuldige bitte, Michael!- wie unhöflich von mir! Ich heiße Malinka.“, entgegnete die schöne Unbekannte lächelnd und reichte mir ihre Hand. „Dein Name und mein Name beginnen beide mit einem„M“!“

Elena wich meinem Blick aus, senkte ihren abwesend lächelnd zu Boden.

Mein Vater hatte mir oft von seinen Erlebnissen im Krieg erzählt, und daß er sehr oft „gespürt“ hatte, wenn es brenzlig wurde. Ein Jucken der Kopfhaut, knapp oberhalb des Nackens oder ein Kribbeln an der Nasenwurzel, ein stechendes Jucken in der Nasenspitze hatten ihn immer wieder alarmiert. Einmal war er auf einem Streifengang instinktiv in Deckung gegangen und der entfernte Scharfschütze hatte ihm nur ein Loch in die Schirmmütze und eine Schramme über dieSchädeldecke schießen können. Ein anderes Mal, konnte er rechtzeitig seinen auf eine Lichtung vorrückenden Zug aufhalten, die von eingegrabenen Partisanen als Hinterhalt vorbereitet worden war.

Der Nieser war heftig und überraschte mich selbst. „Prosit!“, sagteMalinka und reichte mir ein Papiertaschentuch. „War windig und feucht die letzten Tage hier.“, erklärte sie und drückte mir ihr Päckchen mit den Tüchern zwinkernd in die Hand. „Ich hab noch ein anderes. Kommt, jetzt aber los, die Show im „Kabaret“ beginnt in einer halben Stunde und es wäre schön, wenn wir noch eine Loge bekämen!“ Ich sah sie fragend an.

„Nunwir haben vor, Dir Orte in Prag zu zeigen, die ein Tourist nur mit Führern, wie uns zu sehen bekommt, und das sind nicht sehr viele!“

„Gut, das klingt sehr vielversprechend!“, entgegnete ich.

„Das soll es auch! – Ich meine, gut soll es ja auch sein!“, meinte sie und hüstelte kurz. Dann fuhr sie fort: „Der Haken ist: wir zeigen und Du zahlst – alles: Eintritt, Getränke einfach alles! Ist das ein Problem für Dich?“ „Wenn das Geld, das ich bei mir hab, ausgegeben ist, ist auch die Führung vorbei! Das ist okay.“

„Na, schaun wir mal!“, lachte Malinka.

„Wieviel hast Du denn – dabei ?“, setzte Elena kichernd nach. „Ich mein ja nur!“, fügte sie schnell an. Auch ich hatte Malinka´szurechtweisenden Blick gesehen.

„Elena braucht immer etwas Zeit, um warm zu werden und was zu trinken. Ein guter Schluck wäre ja nun wirklich nicht zu verachten, was meinst Du, Michael?“ Ich nickte zustimmend. „Ja, könnte auch dem Schnupfen vorbeugen!“

Irgendwie kriegte ich nicht so richtig mit, was Elena plötzlich derart erheiterte, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Malinka machte eine Handbewegung, die weltweit signalisiert, daß eine Person nicht ganz sauber tickt. Vom Wenzelsplatz schritten wir zügig einer Strasse mit Tramgeleisen entlang, zweigten in eine Nebenstrasse und in eine weitere Nebenstraße ab und standen bald auf einem offenen unbeleuchteten Platz, der von etwas, wie alten Industriebauten, Werkshallen eingerahmt war. Ein eigenartiger Ort. Irgendwoher kam Musik ans Ohr. Malinka und Elena schritten bis zu einer breiten Stahltreppe vor , stiegen hoch und dann standen wir vor einem imposanten Stahltor. Malinka klopfte mit der Faust gegen sie.Jemand öffnete, obschon ich kaum ein Geräusch gehört hatte, das ihre Bemühung erzeugt hätte. Der Typ, der in der Tür stand, erinnerte mich in Gestalt und Erscheinung an Malika´s Freund Manfred. Wahrscheinlich sehen sich Türsteher und Leibwächter auf der ganzen Welt immer ähnlich. Er kassierte von mir den Eintritt. Im Inneren dann ging die Luzy ab: „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin wurde gerade durch das Intro von Iron Butterfly´s „In-a-gadda-da-vida“ abgelöst. Das war für mich gefühlt ein echter Wirklichkeitsriß, ein Spalt im Raum-Zeit-Gefüge der sozialistisch-kommunistischen Republik! Der Klon von Manfred führte uns zu einer weiteren Stahltür, hinter der sich unter uns ein nostalgischer Theatersaal mit Bühne, Tischen und plüschbespannten Sesseln im Parkett eröffnete, wo es einst die üblichen Sitzreihen gegeben haben musste. An den Tischen saßen Leute in ausgesuchter Abendgarderobe und dinierten. Wir stiegen drei Stufen hinab und nahmen in einer Loge an einem Tisch Platz. Malinka flüsterte dem Mann etwas ins Ohr, er nickte ging und brachte eine große Flasche Vodka mit einem Glas und zwei große, dekorierte Cocktailgläser fürMalinka und Elena. Malinka nippte, daran, nahm einen Schluck, als ich mein Glas gefüllt und angesetzt hatte und dann einen weiteren. Sie leckte sich genüßlich die Lippen, während Elena ihren Drink ex kippte und sich reckte und streckte. „Lecker!“, sagte sie, als sie meinen Blick sah. Der Kellner oder was er auch immer sein mochte, nahm die leeren Gläser der beiden mit. Malinka´s Kopfschütteln entnahm ich, dass er keine weiteren Drinks bringen sollte. Elena begleitete ihn. „Kleine Mädchen!“, erklärte Malinka, nahm mein Vodkaglas, nippte daran, da, wo ich mit meinen Lippen angesetzt hatte und sah mir offen in die Augen. Einen Atemzug lang schossen mir Bilder durch den Kopf, erregende Fantasien, wie es sein könnte, wenn… in diesem Moment begann die Show auf der Bühne im Saal, und ich mußte mich am Kopf kratzen. Malinka sah mich fragend an und meinte: „Ich hoffe es gibt in Deinem Hotel keine Läuse! Von Zeit zu Zeit haben wir hier leider dieses Problem.“

Ichverneinte. „Wir sind nun schon ein paar Tage hier und da hätte ich das sicher bereits gemerkt.“ Sie nickte und blickte dennoch forschend.

Ein Einradfahrer zeigte seine beeindruckenden Jonglierkünste, ihm folgten Athleten, die in vielerlei Variationen menschliche Pyramiden und faszinierende Strukturen in unglaublicher Schnelligkeit und Folge zeigten. Ein Clown ließ Seifenblasen tanzen, lieferte wechselnd mit Klarinette und Akkordeon die Begleitmusik. Jede Darbietung wurde mit kundigem, begeisterten Applaus des Publikums begleitet und auch Malinka schien sehr beeindruckt, klatschte zumTeil stehend und irgendwann sah ich, wie sie sich flüchtig mit dem Handrücken eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen schien. Helena kam mit dem Kellner, der uns eröffnete, dass der Tisch im Restaurant(der Name, den er nannte, war mir schon im gleichen Moment entfallen) frei sei und die Küche auf unsere Bestellung warte. Das war schön, aber mir ging nicht die Eile auf, zu der er uns deutlich drängte. Ich beglich die Rechnung, legte ein angemessenes Trinkgeld drauf, das er aber nicht zu beachten schien. Er steckte das Geld ohne mehr als ein sehr sparsames „Danke“ in die Börse, stieg die Treppen zur Tür hinauf und öffnete sie. In diesem Moment erhaschte ich den Beginn des nächsten Programmteils. NackteMenschen, so schien es, betraten die Bühne und begannen mit einem erotischen Vorspiel… Ich wandte mich an Malinka: „Wieso gehen wir denn gerade jetzt?“ Sie seufzte, lächelte dann und erklärte: „Michael, das sind Balletttänzer in hauchfeinen Trikots! Da passiert nichts, was original, Haut auf Haut nicht sehr viel aufregender wäre, meinst Du nicht auch?“

Siehatte ja recht, aber dennoch…? Ihre Bemerkung hinsichtlich des Erlebens „Haut auf Haut“, war kaum misszuverstehen, aber in ihrer Stimme hatte ich keinen Hauch sinnlichen Anrührens wahrgenommen. In Eile schritten wir, wieder auf dem Platz angekommen, an der Front einer Halle entlang, bis wir einen versteckten Kellerabgang erreichten. Wieder eine Tür, wieder jemand der Eintritt verlangte. Ich zahlte, hegte nach dem bisherigen Verlauf eines weitgehend vergeudeten Abends keine Erwartung mehr. Meine Skepsis wurde widerlegt. Hinter der Tür erwartete uns ein Stehgeiger in einer Tracht, die ich mal in einem alten Schinken mit Liselotte Pulver gesehen hatte, den sich meine Eltern eines Sonntagsnachmittags schwarzweiß angeschaut hatten: „Ich denke oft an Piroschka“, hieß der oder so. Der Mann fidelte uns zu einem Tisch in einer ruhigen Ecke, an dem wir Platz nahmen. Ich wartete auf dieKarten, aber Malinka legte mir ihre  Hand auf die meine: „Die Karten hier sind alle nur in tschechisch, bulgarisch und ungarisch geschrieben. Ich habe also für Dich eines der besten Gerichte bestellt, für die die Küche in diesem Restaurant berühmt ist! Wenn es Dir nicht schmeckt, bezahle ich es! Was sagst Du?“

„Ichvertraue Dir!“, kam es mir über die Lippen, aber nicht wirklich von Herzen.

„Du willst mir vertrauen.“, sagte Malinka und es klang melancholisch, auch wenn sie lächelte und ihre Augen freundlich strahlten. „Ich werde Dich nicht enttäuschen, mein Freund! Du wirst sehen.“

Der Tokayer war ein Gedicht, und er durchwärmte Körper, Geist und Seele. Schweinebraten, wie ich ihn auch bei meiner Mutter oder Oma nie genossen hatte, mit gezauberten Beilagen, Gemüse, Bohnen Reis,Paprika, Zwiebeln, Pfeffer, Gewürzen, Kümmel und vielem mehr, was ich noch nie gekostet hatte. Das Restaurant war gut besucht, allen schien es zu schmecken und doch, kam es mir ruhig vor, auch wenn der Geiger seine Violine zwitschern ließ und einige Gäste den Rhythmus seiner Melodien mitklatschten, sie mitsummten, einige sogar mit denFüßen stampften. Es waren wohl eher vornehmere Personen, die einer Kontenance verpflichtet schienen.

„Eßt ihr denn nichts?“, fragte ich Malinka, Helena einschließend, die gedankenverloren über ihren Teller hinweg und durch mich hindurch schaute.

„Möglicherweise brühte ich etwas aus.“, meinte Malinka. „Du hast ja auch schon genießt. Dieses feuchte Wetter schleppt gern was mit sich. Helena war vorhin solange im Kabaret auf der Toilette, weil sie an Durchfall leidet. – Es tut mir so leid, daß wir Dir den Abend so verderben, den wir Dir doch wirklich schön haben gestalten wollen!“

„Ihr habt es versucht, und ich hab es genossen, ihn mit Euch verbracht zuhaben. Sicher ist es nun besser, wir brechen auf!“

„Ich rufe Manfred an, daß er uns abholt!“, sagte Malinka und gab unserem Kellner einen Wink. Der wirkte überrascht, hatte sich womöglich noch ein besseres Geschäft erhofft. Es schienen nun auch einige der anderen Gäste unruhig zu werden, blickten zum Teil auffällig in unsere Richtung, und wie es mir vorkam insbesondere in meine.

„Wahrscheinlichfragen sie sich, was ich jetzt wohl mit zwei so hübschen Mädchen unternehmen werde.“, bot mir meine Fantasie als Erklärung an. Die Rechnung hatte es in sich, war gepfeffert wie der Schweinebraten. Ich zahlte, gab Trinkgeld und drückte auch dem Geiger ein ordentliches Geld in die Hand, der es nicht vornehm höflich sondern mit seltsam gestelzter Begeisterung quittierte.

Manfredsetzte mich an meinem Hotel ab. „Bitte schau doch mal, ob Michael Läuse auf seinem Zimmer hat. Dieser Laden hatte in diesem Jahr schon einmal so ein Problem, nachdem die Delegation der rumänischen Kommunisten hier untergebracht war. Manfred nickte und Elena trug für ihn eine Tasche. In diesem Moment kam ein anderes Taxi an, aus dem Marlies mit ihrem „Mann“ stieg. Sie winkte mir lächelnd zu und schürzte anerkennend ihre Lippen angesichts meiner Begleitung. Ihr Mann setzte grade wieder an, mir mit giftigem Blick einen Kommentar zu geben, Malinka maß mich mit einem kurzen Seitenblick, holte eine Zigarette, wer weiß woher vor, ging auf Marlies´ Begleiter zu und bat ihn um Feuer. Ich konnte den Triumph in seinen Augen sehen, als er in meine Richtung blickte.

Manfred trat mit Elena und zwei der unangenehmen Teilnehmer der Exkursion aus dem Hoteleingang. Tippte in meine Richtung mit dem Finger an die Krempe seiner Mütze und meinte: „Keine Läuse mehr auf Deiner Etage. Diese beiden hier wollen noch was erleben. Tschüß, behalte meine Karte! War fein, was Du gemacht hast!“

„Derhier will auch noch richtig heiss einen drauf machen!“, meinte Malinka und zog Marlies „Mann“ mit sich zum Taxi. Verwirrt blickte Marlies in meine Richtung, erwartete offenbar eine Reaktion von mir. Ich schüttelte den Kopf und winkte ab. Manfred hupte kurz,winkte und gab mit quietschenden Reifen Gas.

Ichging hinüber zu Marlies, die aufgelöst da stand und gegen dieTränen ankämpfte. Ich nahm sie bei der Hand, zog sie mit ins Hotel und überredete den alten Mann an der Rezeption mit einem Kronenschein, uns die Hotelbar aufzuschließen und ein paar Getränkeheraus zu geben. Heute waren fast alle Gäste abgereist und wir würden um neun als letzte das Hotel verlassen. Ich setzte mich mit Marlies an den hintersten Tisch und schenkte uns ein.

„Hab ich Dir nicht gesagt, daß ich Dich nicht enttäuschen werde?“

Erschrocken blickte ich Marlies an! Ich hatte doch ohne jeden Zweifel Malinkas prechen hören.

„Jetzt stell Dich bloß nicht an, Junge! Ich kann sowas eben, was soll ich lange erklären? Laß uns die knappe Zeit, die wir haben, nicht vertrödeln! Keine Angst, die Kleine hier behält nicht den kleinsten Kratzer, keinen Hauch von Erinnerung an mich in ihr und wie ich fühle, soviel kann ich verraten, steht sie auf Dich!“

„In aller Kürze: Weder heisse ich Malinka, noch bin ich irgend etwas, wie eine Frau, obschon, ich könnte mich daran gewöhnen. Das Konzept gefällt mir. Ich war nur unterwegs, um was Leckeres zu essen. Das Jalta hat bis auf das ein oder andere Kellnerchen oder Köchlein aber nichts zu bieten, was für mich geeignet ist und genauso ist das mit den anderen Restaurants. Du hast wirklich vielversprechend geduftet und hattest dank der wundervollen Köche und Deiner konservativen Speisenauswahl nicht eine üble Gewürznote an Dir, die das Leckerste einfach unumkehrbar verderben kann!“ Ich sah das, was ich alsMalinka kannte durch Marlies Augen an: „Und was wäre das für einGewürz?“

„Knoblauch,mein Lieber, aber zieh keine voreiligen Schlüsse!“ Diese Pflanze ist und hat nichts, was uns erschrecken, abschrecken oder bannen könnte! Es ist nicht mehr, nicht weniger entscheidend als eine kulinarische Frage und eine digestive dazu! Blähungen sind für jede Lebensform unangenehm.

Nun, ich war so voller Hoffnung, endlich noch zu einer Mahlzeit zu kommen, aber schon so schwach, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, als ich gegen jemanden stolperte, der ein paar Schnäpse jonglierte, die mich bekleckerten, der mich verärgert zur Seite stieß und mich in Richtung der Treppe taumeln ließ. Nun, Du hast mich aufgefangen,und hinunter getragen. Selbstverständlich wäre mir nichts passiert, wäre ich gestürzt, außer, dass alle meinen  hätten. Durch Deinen Einsatz hatte ich dann aber ein anderes, viel heftigeres Problem am, wie sagt ihr Menschen, „Arsch“.

Du hast mir geholfen, aus freien Stücken, aus – noch so ein Wort,„Nächstenliebe“, Mitmenschlichkeit – einfach aus einer ehrlichen Regung heraus, ohne Zwang, ohne Druck, von mir aus auch deshalb, weil Du mich für eine Frau gehalten hast, eine, Dich anziehende, mögliche Paarungspartnerin… der Punkt ist: vorbehaltlos, freiwillig! Ein solcher Akt ist für uns bindend und verpflichtend. Du warst somit für mich kein Lebensmittel mehr, sondern ein Gegenüber, jemand sogar, der über mich hätte bestimmen können.

An dem Abend wäre ich ohne Manfred draufgegangen. Manfred ist für mich soetwas, wie ein Proviantbeutel. In der Not kann ich von ihm essen, wofür ich ihm gebe, was er benötigt. Sex gehört nicht dazu, denn das ist unmöglich, weil es nicht zu dem Konzept gehört, was uns ausmacht. Mein Problem war, wieder aus der, unserem Kodex geschuldeten Verpflichtung, Dir gegenüber raus zu kommen. Manfred und ich sind Geschäftspartner das ist ok und stört niemanden unserer Art, einem Menschen gegenüber aber durch den Kodex verpflichtet zu sein, ist von Übel, zeugt von Schwäche, Dekadenz, von Gefahr für alle. In meiner Lage gab es nur die Möglichkeit, dass Dich ein anderer ißt und trinkt. Ich hab mich bemüht, ausschließlich bemüht, Dich anderen meiner Art unter die Nase zureiben. Ich entschuldige mich nicht und es tut mir auch nicht leid, denn dazu müsste ich Mensch sein, was ich nicht bin und auch nicht sein oder werden kann. Elena ist mein Schatten, eine Manifestation der Spiegelung meinerselbst. Sie hätte Dich daher weder töten, noch aufnehmen, verzehren können, denn sie war und ist nichts als ich selbst, gespiegelt, aber ich. Ähnlich wie es bei schizophrenen Menschen der Fall ist, können auch Subjekt und Spiegelung in einen Diskurs miteinander geraten. Der „Kellner“ im Kabaret hatte meine Absicht verstanden und war bereit. Elena hat ihn aber umkonditioniert, und ich war paralysiert.

ImRestaurant waren alle bereit, und voller Hunger, aber meine Präsenz in beiden Aspekten hat sie verunsichert und zu keiner Aktion kommen lassen. Du hast Glück gehabt! Sieh es so, denn verstehen kannst Du es nicht, dazu müßtest Du ich sein.

Ich ließ es dabei bewenden. Du kannst nicht sein und leben, was völlig anders ist und in ihm aufgehen, denn das ist Wahnsinn, die ewige Ambivalenz, der Fluch auf ewig von Pol zu Pol und zugleich wieder zurück zu springen.

Als Malinka ging, gab ich Marlies einen Kuss auf die warmen, weichen Lippen und glaubte von weit her ein Lachen zu hören und ein Zwinkern zu sehen.

Wir fuhren erst Stunden später zurück, wurden von der Polizei ausgiebig der vermissten Teilnehmer unserer Exkursion wegen verhört. Sie blieben verschwunden ohne jede Spur, bis heute. Marlies und ich kamen uns näher, wurden nach gut einem Jahr ein Paar, heirateten, bekamen Kinder. Marlies ist heute Dozentin an der Kunstschule, die wir besuchten, während ich immer noch in einem Raum unseres Hauses Farbe auf Leinwände auftrage, einfach so, und mit – dankbarem -Staunen registriere, daß Leute für den Murks tatsächlich Geld ausgeben wollen. Es hätte alles schlimmer kommen können.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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