06 Die Stadt II

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Ich kann mich genau an diesen Weg erinnern, nur nicht daran, wann ich hier gewesen bin, was der Ort mit mir zu tun hat. Möglich, dass ich ein Deja-vu habe. Ich trage High-Heels. Das ist Quatsch, es ist irre kompliziert auf diesem Weg mit solch einem Schuhwerk rumzustolpern! Was mach ich überhaupt hier? Ich versuche mich zu sortieren. Ich bin doch auf dem Weg zu Walter´s Appartement gewesen. Wir haben mit Freunden ins Dominoes fahren und feiern wollen. Ich fühle mich, als hätte ich mich von ihm zu irgendwas breit quatschen lassen… so ein Mist, verdammt! Wahrscheinlich war ich völlig geflashed und bin auf seinem Stoff besinnungslos durch die Gegend gelaufen und jetzt hier gelandet. Scheiße! Meine Tasche ist weg! Na toll: kein Handy, keinePapiere, kein Geld, keine Schlüssel. Bevor die Panik meinen Hals erreicht, kommt mir der klare Gedanke, dass es keine Bedeutung für mich hat… wie bitte? Walter muss was ganz Neues zusammengepanscht und mir verabreicht haben. Ich bin verwirrt. Er ist wirklich nicht der Typ für sowas und überhaupt kein Psycho. Aber wieso bin ich so drauf und wieso hab ich nicht die geringste Idee, was ich hier mache, wie ich hierher gekommen bin? Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Ich beginne automatisch, dem Weg vor mir zu folgen, überlege, dass es vielleicht besser wäre, in die andere Richtung, in die, aus der ich mutmaßlich gekommen bin zu gehen. Ich bin mir jedoch gar nicht sicher, aus welcher Richtung ich überhaupt gekommen bin.

Denganzen Vormittag kreist er schon planlos hin und her. Ahmed und Jussef haben sich seit ein paar Tagen nicht mehr sehen lassen. ImWohnheim weiß auch niemand, was mit ihnen ist, wo sie sind. Sie sind mit ihm zusammen nach so ner Befragung entlassen worden. Jetzt suchen die bekloppten Bullen nach Zeugen. Sollen sie suchen. Keiner wird den Mund aufmachen. Man verrät seine Brüder nicht. Die beiden kleinen Christenfotzen, die sich von Ahmed und Jussef haben ficken lassen, glauben an so´n Liebesscheiss und wollen sogar zum wahren Glauben wechseln – keine Gefahr. Die sind so blöd, die merken doch erst was, wenn die beiden sich in Luft aufgelöst haben. Er muß heftig lachen: die Weiber hier sind so voll naiv, gucken immer so blöd mit dicken Augen, wenn du sie satt hast und ihnen sagst, daß du mit so Stinkefotzen wie ihnen nix zu tun haben willst, weil gebrauchtes Zeug in die Gelbe Tonne gehört! Ey, geil, ey!

Der Schlampe im Amt vorhin hätte er gern sein Messer in den Bauch gesteckt! Statt ihm den Schein für das Geld zu geben, will sie dies noch wissen und das… was glaubt die Fotze eigentlich, was sie ist! Sie ist ein Weib und Weiber haben zu gehorchen! Als er ihr deutlich sagt, was sie für ihn ist, in seiner Sprache, kommt einer dieser kastrierten Typen aus dem Nebenraum und durch die offene Tür kann er den muskelbepackten Kerl der Security sehen, der irgendwas in sein Sprechgerät sagt. Okay, dann eben morgen in der nächsten Stadt, wo er unter einem anderen Namen gemeldet ist. Diese Leute hier haben im Grunde nichts drauf, die einen haben immer ein schlechtes Gewissen, die anderen sind träge im Kopf, weil sie glauben, alle wollen nur das, was sie selbst für richtig halten. Denen zeigst du ein Messer und schon pissen sie sich in die Höschen oder Unterhosen. Er läuft draußen die Treppen zum U-Bahnhof hinab, springt in eine Bahn, fährt zwei Stationen und mischt sich unter die Leute. Im Gedränge reißt er einer Alten die Handtasche vom Arm und ist weg, bevor irgendwer kapiert, was passiert ist. Im Portemonnaie sind vierhundert Euro, na, das hat sich gelohnt! Gegen Mittag geht er in das Restaurant eines Libanesen. Der Kellner kennt ihn, aber als er ihm  aber einen Hunderter zeigt, nimmt der seine Bestellung auf. Die Mahlzeit ist gut und erinnert ihn an die, die seine Großmutter immer zubereitet hat. Grade hat er gezahlt, da betritt ein Bruder das Lokal mit einer ungläubigen Hure. Der Bruder trägt teure Klamotten und die Hure trippelt hochnäsig in unzüchtigen Kleidern hinter ihm her. IhreBrüste schaukeln und ihr Hintern wackelt und er ist auf der Stelle geil! Der Blick des Bruders macht ihm klar, dass er besser schnell verschwindet. Er hat das Geld und könnte sich im Puff erleichtern, aber wieso es verschwenden, es gibt genug Weiber hier, überall! Ahmed und Jussuf treiben es wahrscheinlich grad wieder mit ihren Huren und haben darüber ihren Bruder wohl vergessen. Wenn er sie sieht, werden sie ihm den Ritt mit ihren Stuten erlauben müssen! Er steigert sich immer weiter in seine geilen Fantasien und kann sich grade noch beherrschen und seine Hand vom strammen Arsch einer Ungläubigen zurückziehen, die im Gedränge der Einkaufsstrasse vor ihm einen Kinderwagen schiebt. Nur wenige Schritte entfernt stehen zwei Bullen und sprechen mit einer aufgebrachten Person. Der eine Bulle ist ne Schlampe, der der pralle Arsch fast aus der Hose platzt.„Einmal, ich schwöre, fick ich so ne Bullenfotze!“

Esist ein schöner Tag. Er fährt mit einem Bus aus der Stadt zum Fluß. Ahmed, Jussuf und er haben da eine ruhige, von Büschen geschützte Stelle entdeckt, wo man baden und im Gras schlafen kann und wo es seine Brüder früher auch gern mit ihren Huren hinzog. Es gibt da ein Plätzchen, das eine besondere Bedeutung für ihn hat. Als die Erinnerung aufsteigt, wird er noch erregter, als er es schon ist. Er legt sich ins Gras, befreit sein hartes Glied aus der Hose und beginnt es mit seiner zur Vagina geformten Faust zu reiben… wie sie geschrien hat diese Schlampe! Gebettelt, gestöhnt und gekreischt hat sie, als es ihr kam und er sich in ihr entleerte. Die Bilder sind so lebendig, dass er auf der Stelle erschauernd abspritzt. Dann fing sie an, zu jammern und zu heulen, sie übergab sich und nannte ihn ein Schwein und ihm wurde klar, dass dieses Weibstück ihm das Leben schwer machen wollte, statt dem Glück zu danken, das ihr durch ihn widerfahren war. Er hört wieder den trockenen Knack, mit dem ihr Genick brach. Sie war noch warm, als er sie erneut nahm und das war beinah noch besser als vorher. Wie ein Verrückter reibt er seinGlied, bis der Saft aus ihm in das hohe Gras schießt.

Erhat sie, so wie sie war, in den Fluß geworfen, einige Atemzüge lang dem davontreibenden leblosen Körper nachgeschaut, ausgespuckt und sich auf den Weg zurück ins Wohnheim gemacht.

Der Sonne nach ist es Nachmittag, als ich mich an einer Weggabelung ankommend erinnere, dass ich mich dort stets entschied, welcheStrecke ich nehmen sollte: die steile, aber kürzere zur S-Bahnhaltestelle hinauf, oder die längere, schönere und flache amFluß entlang zur Endstation des Busses. Ich wende mich nach rechts, zum einen zieht es mich dorthin, zum anderen beginnt da nach wenigenMetern Asphalt, was mir das Gehen mit meinem hohen Schuhwerk sehr erleichtern wird. Ja, ich kenne die Strecke und dann sehe ich, dass ich statt der High-Heels Laufschuhe trage und einen pinkfarbenen Trainingsanzug, statt der engen Designer-Jeans, dem knappen Shirt undder stylishen Lederjacke. Ich laufe, trainiere für den Halbmarathonder Uni… und da ist plötzlich dieser Kerl, der vor mir aus den Büschen springt und…

„Leute,es muss da noch jemand gewesen sein!“, schnauzt Hauptkommissar Gelber. „Es wird mir doch niemand erzählen wollen, dass unser Kunde sich einfach, wie das Männlein im Walde auf die Wiese gestellt, einen runtergeholt hat, oder auch zwei und sich danach selbst in einem Anfall von Hirnerweichung oder Wahnsinn so zugerichtet hat, wie er aufgefunden wurde.

Kolacki von der KTU wiederholte: „Die Leute, die ihn fanden, sind blöderweise rumgelaufen und haben Spuren zertrampelt, aber es müsste dennoch mehr zu sehen und zu finden sein, wenn es weitere Personen am Tatort gegeben hätte, ist es aber nicht. Das Messer, mit dem dem Opfer Penis und Hoden abgetrennt wurden, gehört unzweifelhaft dem Opfer! Wir konnten keine fremden Fingerabdrücke finden.“

„Er hat sich also nach seiner Selbstentmannung selbst brutal gefistet und sich dann noch selbst seine Juwelen in den Hintern gestopft? Bitte, was ist das denn für eine Story? Ich hör schon das Gelächter, wenn ich das dem Staatsanwalt vorgetragen habe.“

Kolacki zuckte mit den Schultern: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“

„Chef,“ meinte Konny, winkte Gelber und die Kollegen zu sich, deutete auf ihren Bildschirm. „Wir haben einen Treffer! Die DNA unseres Kunden ist identisch mit jener, die bei der Obduktion eines Vergewaltigungs- und Mordopfers vor zwei Jahren sichergestellt werden konnte! Und, haltet Euch fest: als Tatort wurde von den Kollegen seinerzeit genau die Stelle ermittelt, an der unser aktuelles Opfer gefunden wurde.“

„Ja, Konny, das ist  sehr spannend, aber bitte sei mir nicht böse: derStaatsanwalt wird das sicher gern in seinen Kreisen als Anekdote vortragen, und dennoch die Aufklärung dieses Falles erwarten.“

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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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