07 Das Mädchen im Wald

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Der Weg zur Jagdhütte

Henri, Georg und ich hatten geplant, das Wochenende in der Jagdhütte von Henri´s Vater zu verbringen. Als wir uns auf den Weg machen wollten, bestellte mich Prof. Bischoff zu sich, um mit mir die Semesterarbeit zum Abschluß des Proseminars zu besprechen. Da war nichts zu machen. Sein Wunsch war Befehl und einen miesen Start ins Hauptseminar konnte und wollte ich mir nicht leisten. Henri zeichnete mir den Weg zur Hütte in eine Wanderkarte, beginnend am Parkplatz, der einen Kilometer vor dem Ortseingang von Schmartkalt lag und durch einen ausgeschilderten Weg von der Landstrasse aus erreicht werden konnte. Die Jungs fuhren mit Getränken und Proviant vor . Wie erwartet dauerte das Gespräch mit Bischoff endlos. Ich spürte, dass es ihm wichtig war, mich auf seine Erwartungen einzustellen und dass er offenbar große Stücke auf mich hielt. Es war schon gegen Mittag, als ich sein Büro verließ. Wie ich in meinen kleinen R4 einstieg, entdeckte ich, dass ich zwar meinen Rucksack mit den warmen Klamotten eingepackt, meinen Parka, die gefütterten Stiefel und den Schlafsack aber vergessen hatte. Natürlich waren die Strassen verstopft, es war Freitag und alle wollten nachhause. Es war nach eins, als ich mich endlich auf den Weg machen konnte. Heftiger Schneefall hatte eingesetzt und ich war froh, dass meine „Folienkartoffel“, wie die andern meinen R4 nannten, Frontantrieb hatte und Paps mir in der letzten Woche Winterreifen montiert und einen Satz Schneeketten in den Kofferraum gelegt hatte, von denen ich nicht hoffte, sie brauchen zu müssen.

Gegenfünfzehn Uhr hatte ich die Abfahrt von der Autobahn auf die Landstrasse erreicht und eine halbe Stunde später sah ich durch die beschlagene Frontscheibe und das Schneegestöber hindurch eher zufällig das Hinweisschild zum Parkplatz. Hinter der Reihe Fichten,die den Platz zur Wetterseite hin schützten fand ich neben Henri´s dickem Geländewagen einen guten Platz. Würde es weiter schneien, wie bisher, müssten wir am Sonntag die Wagen freischaufeln. Auf demDachträger des Landrovers sah ich erleichtert zwei Schüppen fixiert. Ich zog einen Schal, den dicken Parka, eine Wollmütze an, tauschte die Schuhe gegen die gefütterten Stiefel, legte denRucksack mit dem aufgebundenen Schlafsack über den Rücken, schloß den Wagen ab, zog mir gefütterte Fäustlinge über die Hände und stapfte auf den hoch verschneiten Weg, der zwischen verschneiten Bäumen mitten durch den Wald führte. Die Spuren meiner Freundewaren nicht mehr zu sehen, und es begann dunkel zu werden.

„Eine knappe halbe Stunde dauert´s vom Parklplatz zur Hütte.“, hatteHenri erläutert. Daraus konnte bei diesem Wetter nichts werden und nach den ersten hundert Metern war mir klar, dass ein anstrengender Fußmarsch vor mir lag. Ich sank bei jedem Schritt etwa zwanzigZentimeter und dann mehr ein. Als ich die dritte Biegung des Weges erreicht und das erste Drittel zurückgelegt hatte, war ich durchgeschwitzt und mit Schnee bedeckt, wie ein Kuchen mitPuderzucker. Stehen zu bleiben war keine gute Idee, denn schnell würde ich ausgekühlt sein. Die starke Stablampe leuchtete durch das heftige Treiben der Flocken und ich konnte die vierte Biegung erahnen, hinter der ein längerer Anstieg wartete. Entschlossen stapfte ich weiter vorwärts und motivierte mich mit der Aussicht auf ein leckeres Nudelgulasch, auf Bier und Schnaps. Seit meinem Aufbruch am Parkplatz war bereits eine dreiviertel Stunde vergangen und ich dachte, dass es eine gute Idee sei, mich bei den Jungs zu melden. Ich fand mein Handy aber weder in einer der Parkataschen, noch in einer Tasche meiner Jeans. Wahrscheinlich hatte ich es im Wagen auf dem Beifahrersitz liegen lassen. „Na toll!“, dachte ich. Für einenAugenblick fühlte ich mich beklommen. Allein im Nichts und ohne Möglichkeit Hilfe zu rufen, sollte etwas passieren! Ich beschleunigte meinen Schritt so gut es ging. Ich mußte die Hütte erreichen, bevor es stockdunkel wäre und ich gar nichts mehr sah. Das Einatmen der kalten Luft begann zu schmerzen und ich spürte bereits Erschöpfung. Als ich dabei war, die vierte Wegbiegung hinter mir zu lassen, sah ich eine Gestalt zwischen kleinen verschneiten Tannen und Gestrüpp auf den Weg treten. Ich erschrak und packte die Stablampe fester. Im Lichtkegel erkannte ich das Gesicht einer jungenFrau das zum Teil vom Pelzrand der Kapuze ihrer hellen Winterjacke bedeckt wurde. Außer ihr schien da jedoch niemand zu sein. „Hi!“,grüßte ich erleichtert. Keiner der Jungs hatte etwas davon gesagt, dass auch Mädels zu uns stoßen sollten. „Willst Du auch zurHütte?“, fragte ich sie. „Zusammen geht es sich leichter.“

„Ich bin fort.“, entgegnete sie mit schwacher Stimme.

„Wo willst Du denn hin?“, setzte ich nach.

„Ich weiß nicht, wo ich bin!“, gab sie zur Antwort.

„Ich weiß das auch nicht so genau, aber dieser Weg führt zu einer Jagdhütte, in der ein paar Freunde auf mich warten. Das beste ist, Du kommst mit mir. In der Hütte bist Du sicher.“

Sie sah mich seltsam fragend an und lächelte unsicher.

„Ich muß mich finden!“, sagte sie und es klang so hoffnungslos traurig.

„Ohje!“, dachte ich und stellte mir vor, eine geistig verwirrte Person vor mir zu haben. Möglicherweise gab es hier in der Gegend eine Klinik aus der sie fortgelaufen war.

„Wenn wir in der Hütte sind, können wir jemanden anrufen, der Dich abholen und nachhause bringen kann. Solange bist Du sicher bei uns und in der warmen Hütte geschützt vor diesem Wetter. Du mußt doch sicher auch hungrig sein und durstig.“

Sie sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. „Das Licht tut mir weh.“, mehr sagte sie nicht.

Ich hielt die Lampe auf den Weg und leuchtete die Schneise entlang zwischen den schneebedeckten Nadelbäumen, die den Weg säumten. Als ich weiterstapfte, folgte sie mir. Ihren Atem hörte ich kaum, sodass ich mich mehrmals umsah. Dann, ich war gerade im Begriff, den Anstieg zu nehmen, hörte ich gar nichts mehr. Ich sah mich um und sie war verschwunden. Ich leuchtete den Weg zurück, keine Spur von ihr. Siemusste sich wieder zur Seite in den Wald geschlagen haben. Ich konnte sie nicht in der Dunkelheit und in dieser Kälte sich selbst überlassen! Ich rief und ging zurück, suchte die Stelle, an der sie den Weg verlassen haben konnte, aber ich sah nichts. Der Wind trieb mir Schneekristalle in die Augen und der Kegel der Lampe ließ nur wirbelnde Flocken erkennen, die jede Sicht wie eine Wand beinah versperrte. Es war sinnlos. Ich rief noch einige Male. Als keine Reaktion kam, nahm ich den Weg wieder auf. Was hätte ich denn sonst tun können? Jetzt ging es um mich! Ich war hungrig, erschöpft und allmählich kriegte ich richtiggehend Schiss. Sollten die anderen versuchen sie zu finden. Mir flatterten die Knie und wollte nur nochschlafen. „Weiter!“, spornte ich mich an, „Weiter! Kann ja nicht mehr allzu weit sein!“ Mit verbissener Entschlossenheit setzte ich Fuß vor Fuß. Ich mußte ja nur zwischen den Bäumen links und rechts bleiben, deren verschneite Äste das Licht der Lampe reflektierten. Gerade glaubte ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Licht der Hütte zu erkennen, da pinkelte ich mir vor Schreck fast in die Hose! Unvermittelt stand das Mädchen von eben vor mir in der Dunkelheit! Durch die tanzenden Flocken hindurch sah ich im Licht der Lampe ihren traurigen Blick. „Komm!“, forderte sie mich auf. „Komm doch bitte und hilf mir!“

Ichwollte weiter zur Hütte, die doch so nah war, wollte sie auffordern, mit mir zu kommen, aber ich konnte ihr nur folgen und hatte sofort jede Orientierung verloren. Eigentlich war es, als ginge ich neben ihr, wie auf einem Laufband, das in einen dichten Nebel führte und wieder hinaus. Ich fühlte mich benommen, wie nach einer durchfeierten Nacht, und als ich die Augen aufschlug, stand ich in hellem Tageslicht auf einer Waldlichtung und beobachtete eineVielzahl von Leuten. Polizisten in Uniform, Kriminalbeamte und einige in hellen Kunststoffoveralls, die sich innerhalb eines mit breitem Kunststoffband abgegrenzten Bereiches zu schaffen machten. Als ich näher herantrat, machte sich ein beängstigendes Gefühl in mir breit. Dann sah ich auf einer Plastikplane ausgebreitet, etwas, das ich als Überreste einer Leiche erkannte, daneben etwas, das ich sofort als einen Rucksack identifizierte, einen der Art, wie meiner es war, etwas Anderes schien ein Schlafsack gewesen zu sein und die Leiche selbst war in etwas gekleidet, das mich an meine Kleidungsstücke erinnerte. Was war das? Was passierte hier? Jemand griff meine Hand, und da war sie wieder, das Mädchen vom Weg! Mir gaben die Knie nach, ich glaubte mich übergeben zu müssen.

„Ruhig,“sagte sie, „Das vergeht gleich wieder. Ja, das da, bist Du, das warst einmal Du!“ Sie legte ihre Arme um mich, gab mir einen Kuß auf die Wange.

„Danke!“,hörte ich sie sagen und dann nickte sie mit ihrem Kopf in Richtung einer anderen Plane, auf der Reste eines Skeletts, von Schuhen und anderen Bekleidungsstücken ausgebreitet lagen.

„Das da war ich einmal! Ohne Dich hätte ich nicht den Mut gehabt, mich zu finden!“ Ich sah sie verwirrt an. Zum erstenmal sah ich sie wirklich vor mir. Sie blickte ernst, aber sie hatte warme Augen, zwei Grübchen neben ihren fein geschwungenen Lippen. Sie gefiel mir auf Anhieb, ein Mensch, dem ich mich sofort verbunden fühlte.

„Komm, laß uns gehen!“, meinte sie und nahm mich bei der Hand.

„Ja aber…!“, entgegnete ich.

„Lassenwir sie ihre Arbeit machen. Die Dinge gehen ihren Weg. Mit uns hat das nun alles nichts mehr zu tun. Kümmern wir uns lieber um uns!“

Widerspenstigerst, aber dann mit immer beschwingteren Schritten folgte ich ihr an ihrer Hand. Ich fühlte, es würde schön sein!

Epilog:

Im „Anzeiger“ wurde berichtet, dass es sich bei den, von Pilzsuchern entdeckten, Überresten um die des seit zweieinhalb Jahren vermissten Studenten, Winfried Schöller handele, der sich damals im Winter im Wald verlaufen habe und entsprechend gerichtsmedizinischerErkenntnisse, erfroren sei. Die bei den Ermittlungen am Fundort zufällig entdeckten Überreste einer weiteren Person, konnten der seit nunmehr sechzehn Jahren vermißten Julia Pinter, Enkelin des ehemaligen Miteigentümers der Kronstaedt Privatbank zugeordnet werden. Das ausgedehnte Waldgebiet, in dem die traurigen Fundegemacht wurden, sowie die in der Nähe des Fundortes befindlicheJagdhütte sind Eigentum der Bank, die heute von Meinwart Kort, demStiefvater der Toten geleitet wird.

Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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