08 Wer den Geist ruft

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Kellerwischte abschätzig mit der Hand durch die Luft, kippte den nächsten Schnaps, kaum, dass Kurt ihn vor ihm abgestellt hatte. Als er gleich darauf einen weiteren verlangte, winkte Kurt ab:

„Laß gut sein, Torsten! Schluß für heute, Klappe zu, Affe tot!“

Keller wusste es selbst, und er wusste, dass Schnaps nichts änderte oder rückgängig machen konnte. Er war frustriert, ohnmächtig und esnagte an ihm. Drei Wochen war es nun her und immer noch lief das Saupack auf freiem Fuß herum. Nichts passierte und sein Zorn und sein Hass änderten nichts und auch nichts am Zustand seiner Frau.

„Tutmir leid Kurt!“, entschuldigte er sich, denn er hatte laut Luft abgelassen in der letzten Stunde. Er legte einen Schein auf denTresen hob die Hand und wandte sich Richtung Ausgang. Kurt nahm denSchein, tat ihn in die Schublade neben die Geldkassette, nahm Keller´s Gläser, spülte sie und stellte sie auf dem Abtropfblech der Spüle ab. Er hatte Keller nicht das Gefühl von Mitleid geben wollen. Gift für einen Mann, der sich zu Unrecht den Vorwurf machte, seine Frau und seine Kinder nicht beschützt zu haben.

„Arme Sau!“, meinte Edith, die abends ihr Mittagessen nachholte und sich einen kleinen Absacker gönnte, um von der Schicht herunter zukommen. Kurt nickte, es gab nichts hinzuzufügen.

„BeiDir alles im Lot?“, fragte er. Er wußte, Edith hätte von sich auserzählt, aber irgendwie hing Bedrückung, und Niedergeschlagenheit im Raum, die auch nichts änderte.

„Komm, gib mir noch was.“, entgegnete sie, angelte sich eine Zigarette aus dem Päckchen vor sich und steckte sie sich mit dem abgegriffenen,goldenen Dupontfeuerzeug an, während Kurt ihr den Sekt in ein frisches Glas füllte und das gebrauchte mit dem fetten Lippenstiftabdruck in der Spüle reinigte. Der ruhige Gast, hinten am Ecktisch hob den Arm. Kurt nickte und zapfte vom Starkbier in ein großes Seidel. Er war kurz vor Keller gekommen, hatte Leber Berliner Art mit Kartoffelpüree, grünem Salat und Schokopudding zumNachtisch bestellt, einen Schnaps getrunken, bislang zwei große Seidel getrunken und die ganze Zeit über schweigend im Halbschatten gesessen, nachgedacht oder Keller zugehört, vielleicht beides, jedenfalls hatte er keine Regung von sich gegeben. Erst jetzt, alsKurt ihm das Bier brachte, stand er auf und ging die Stufen hinab zur Toilette. Das deutliche Klacken bei jedem Schritt zeigte an, dass die Knobelbecher, die er trug, eisenbeschlagene Spitzen und Hacken haben mußten.

Edith nickte in Richtung der Treppe und fragte Kurt:

„Ist das denn für einer?“

Kurt zuckte mit den Schultern.

„Ist zum erstenmal da. Hab den in der Gegend noch nie gesehen.“

Edithnahm einen Zug, inhalierte , blies den Rauch unter den Schirm der Lampe, die schräg über ihr hing und ein schummriges Licht von sich gab.

„Kein Kunde für mich.“, sagte sie. Kurt legte eine Kassette in den Player und leise floß ein alter deutscher Schlager aus den versteckten Boxen. Edith summte lächelnd die Melodie mit.

„War das schön damals, Kurti, weißt Du noch? Wenn Du Dich nur einmal ein bisschen mehr ins Zeug gelegt hättest! Ich hab doch gemerkt, dass ich Dir nicht egal war.“

Kurt entgegnete ihren Blick: „Aber Günther hatte schon ein Auto und verdiente Geld.“ Edith lächelte bitter, zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher, verließ den Hocker und stöckelte auf ihren hohen Pömps Richtung Toiletten, steuerte hart dem Fremden entgegen, der eben zurück kam. Geschickt machte er Edith den Weg frei. Im helleren Licht der Gaststube war sein markant geschnittenes Gesicht mit dem grau melierten Stoppelbart dem kurzen wuscheligen Haar zu sehen. Es wirkte ernst aber zugleich eher milde und freundlich, dennoch beschlich Kurt ein eigenartiges Gefühl. Möglich, dass die schwarzen Lederhosen, das schwarze Hemd, die schwarze Lederweste und dann dieseStiefel, den beunruhigenden Kontrast zum Gesichtsausdruck verursachten. Trotz der schweren Stiefel bewegte sich der Mann eher tänzerisch entspannt. Er nahm wieder am Ecktisch platz und hob das Seidel zum Mund.

„Ichwill nen Cowboy als Mann…“, trällerte der nächste Schlager von der Konserve.

„Das war die Musik meiner Jugend.“, erläuterte Kurt beinahe entschuldigend in Richtung des stillen Gastes am Ecktisch, der nicht reagierte, und schenkte sich ein Glas Cola ein. Kurz darauf kam Edith die Treppen herauf gestolpert, blickte kurz in Richtung des Ecktisches, nahm ihren Platz am Tresen wieder ein und steckte sich die nächste Zigarette zwischen die Lippen.

„Kommst Du mit, Geli besuchen, wenn sie wieder da ist?“, fragte sie. Kurt nickte. „Hoffentlich kommt sie zurück!“

Edith verschluckte erschrocken Rauch und hustete so heftig, daß es ihr die Tränen in die Augen trieb. Als sie sich und ihre Atmung wieder unter Kontrolle hatte, blickte sie Kurt ehrlich betroffen an,versuchte ihre Tränen mit einem Papiertaschentuch zu trocknen,verwischte ihre Wimperntusche dabei aber derart, dass Kurt sich zwingen mußte, trotz allem ernst zu bleiben, als zeitgleich „Poison“ von Alice Cooper die Serie deutscher Schlager abbrach. Edith verstand das kurze Zucken in seinem Gesicht dennoch.

„Idiot!“, zischte sie und fragte: „Ist es so schlimm?“

Kurt nickte und platzte nun heraus, unfähig sich angesichts des verschmierten Make-ups seines Gegenübers weiter zu beherrschen.

„Männer sind einfach nur Idioten, kaputt und unerträglich!“, brachte sie hervor und dabei flossen weitere Tränen und zogen Bahnen über die stark gepuderten, mit Rouge aufgehübschten Wangen.

„Torsten hat erzählt, dass diese Schweine ihr derart auf und gegen den Kopfgeschlagen und getreten hätten, dass die Ärzte, angesichts der Schädigungen am Gehirn mit ernsten Folgen rechnen. Morgen kommt sie bei einem Top-Hirnchirurgen, oder wie das heißt unter´s Messer, aber ein Jesus ist der auch nicht. Torsten ist fertig. Hier hat er sich mal abgeregt. Zuhause muß er ja für die Kleinen da sein. Geli´s Mutter kann nur zwei drei Stunden am Tag aushelfen. Muss sich um ihren Mann kümmern, der nach dem Schlaganfall auch nur noch halb in der Welt ist. Norbert hat Torsten beurlaubt und zahlt ihm sein Gehalt weiter. Respekt, das hätte keiner hier gedacht. Sandra ist erst zehn Jahre, aber ein kluges, waches Mädchen. Torsten hat erzählt, dass sie von Zeit zu Zeit nachts ins Bett macht und weint.Hat die Schweinerei direkt mitgekriegt, hat gesehen, wie diese Kerle ihre Mutter niedergeprügelt haben, hat selbst auch Schläge insGesicht bekommen, sich aber sofort um das Kleine im Kinderwagen gekümmert und sich schützend über es geworfen, als diese Bestien den Kinderwagen zur Seite getreten haben.“

„Ichkönnte kotzen!“, meinte Edith und verlangte was Härteres. „ich geh gleich in den Dom und steck ne Kerze an! Was bleibt einem denn da noch übrig?“

Kurt stellte ihr ein Whiskyglas mit einem fingerbreit eingeschenkten Fernet hin, überlegte kurz und machte auch für sich ein Glas fertig. Als Edith ihren Drink gekippt hatte und er sie fragend ansah,meinte sie: „Tut gut das Zeug jetzt, aber ich muss nachher um zehn nochmal an den Start!“

„Ruf mich an, wenn Du was Neues erfährst!“, sagte sie und dankte, alsKurt ihr signalisierte, daß die Getränke aufs Haus gingen. Er nahmden Zehner für die Hühnersuppe, die Kartoffelpuffer mit Apfelmus,tat ihn in die Kasse und winkte Edith hinterher. In diesem Augenblick trat der Gast vom Ecktisch an den Tresen und verlangte, seine Zeche zu bezahlen. Kurt fröstelte es beim Blick in diese eiskalten, leeren und abgrundtiefen Augen. Die Münzen, die der Fremde auf den Tresenlegte, waren so blank, als seien sie eben erst geprägt worden und der Schein so glatt und sauber, wie aus der Notenpresse. Es war der zigfache Betrag der Zeche, der vor ihm lag. „Kaufen Sie bitte der armen Frau Blumen davon, sobald sie wach ist und gesund wird und dem tapferen Mädchen schenken sie bitte eine große Schokolade!“ Während Kurt erstaunt und wie vom Donner gerührt auf das Geldstarrte, hörte er bereits die Tür seiner Gastwirtschaft zufallen. Er hatte noch fragen wollen, was er sagen solle von wem..“. DieGänsehaut klang nur langsam ab und auch am kommenden Morgen, als er seine Einkäufe tätigte und danach begann, die Mahlzeiten für den Tag vorzubereiten, hatte er immer noch das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu bewegen.

Gegen Mittag kamen wieder die drei Arbeiter von der Baustelle am Beekenkamp, wo sich auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwalzwerks die ersten kleinen Gewerbebetriebe ansiedelten; der Enkel der Michalske kam, und holte auf dem Heimweg von der Schule das Mittagessen für sie ab, wie jeden Tag.

„Ichsoll Ihnen sagen, dass Oma bis Dienstag mit dem Kirchenchor unterwegs ist.“, sagte er, steckte sich die Rolle Drops weg, die Kurt neben anderen Süßigkeiten immer für Kinder bereitliegen hatte, die füre eine Erledigung zu ihm kamen. „Dankeschön!“, sagte Klaudius und stürmte mit der Mahlzeit im Styroporbehälter davon. Kurt hatte Spaß an dem Knaben, dessen Eltern und Familie ihm ein gutes Vorbild gaben. Normal war das längst nicht mehr.

Mehrere gewaltige Explosionen erschütterten die mittägliche Ruhe, ließenden den Boden beben, Fensterscheiben und Gläser und Flaschen in den Regalen klirren. Kurt blickte sich entsetzt um, die drei Männer waren aufgesprungen, zwei Teller schlugen samt der Mahlzeiten auf den Dielenboden und draußen zerplatzten einige Dachpfannen auf demBürgersteig vor dem Haus. Wie durch einen Zufall hatte bislang noch niemand seinen Wagen hier geparkt und es war auch niemand am Haus entlang gelaufen. Vorsichtig traten Kurt und seine Gäste vor dieTür. Eine Straßenbahn war stehen geblieben und ein Kleinlaster, hinter dem die üblichen Idioten hupten, weil er ihre Weiterfahrt blockierte. Als weitere Dachpfannen herunterfielen, zogen sich die vier Männer wieder in die Gaststätte zurück. Kurt ersetzte dieGerichte und reinigte dann den Boden. Sie spekulierten, was diese Explosionen wohl verursacht haben könnte und wo sie stattgefundenhaben könnten.

„MeinKumpel Majid hatte vor zwei Wochen bei den Libanon-Kanaks drüben im Kranz-Viertel zu tun. Die wollten keinen Deutschen, also hat sein Chef ihn geschickt. Es gab da irgendein Problem mit der Heizung, die die Firma noch für die Vorbesitzer eingebaut hatte. Die wollten Garantieleistung und wurden sauwütend, als Majid ihnen erklärte,dass es die nur bei Einhaltung der Wartungsintervalle gäbe und auch nur,wenn Reparaturen oder Veränderungen von einem ausgewiesenen Fachbetrieb durchgeführt worden seien. Majid brachte ihnen den Puls wieder runter, nahm den Auftrag zur Reparatur aber nicht an, aus guten Gründen und dummen Erfahrungen mit solchen Leuten. Er hat erzählt, dass überall Bastler und Pfuscher am Werk gewesen seien. Irgendwann müsse was passieren und dann könne man froh sein, wenn man keine Finger im Spiel hatte. – Das eben kann der Beweis dafür gewesen sein!“

Jede Menge Alarmsirenen waren zu hören und Blaulicht flackerte.

Kurtschaltete das Radio an. Der lokale Sender berichtete nur von der Katastrophe im Kranz-Viertel. Drei Häuser waren in Schutt und Asche gelegt worden. Tote oder Schwerverletzte gab es, wie durch ein Wundernicht. Mit detaillierten Aussagen hielt sich der Sender zurück.

Kamal wurde blaß, als er die Ruinen seines Hauses und die seiner Kusins sah.Zugleich schossen blinder Haß und Wut durch ihn hindurch! Wer das getan hatte würde sterben, langsam und qualvoll krepieren – er und dessen ganze Familie, Freunde und alle! Feuerwehrleute und Spezialisten der Polizei liefen im Schutt hin und her, suchten, fotografierten, nahmen Proben, liefen einfach durch sein Haus! Kamal schrie und tobte und warf Steine gegen sie, bis ihn drei Polizisten packten, zu Boden brachten und fesselten. Es hatten sich wohl drei Duzend Männer zusammengerottet und rückten bedrohlich näher. In diesem Moment trafen drei Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei ein, bildeten eine Formation mit hochgezogenen Schilden und gefassten Knüppeln. Flüche und Beleidigungen brandeten auf, ein Mann stürmte mit einem Baseballschläger auf eine Streifenpolizistin los und wälzte sich nach dem Strahl Pfefferspray heulend, schreiend  unf jammernd am Boden. Ein älterer Mann hielt zwei andere Heißsporne zurück und deutete auf einen Beamten, der das Geschehen mit einer Videokamera filmte und auf die Bodycam, auf der Schulter der Beamtin.Es wurde etwas ruhiger. Unter dem Schutz der Bereitschaftspolizei, gingen Kriminaltechniker und Sprengstoffexperten ihren Aufgaben nach. Als der Ruf „Gas“, kam, drängten die Kräfte die Leute zurück, ein Beamter mit arabischer Herkunft erklärte auf Arabisch, was los war mit mäßigem Erfolg. Erst als drei Männer in Maßanzügen vor Orterschienen, die Anwälte des Clans, kehrte etwas Ruhe ein und die Leute zogen sich mißtrauisch zurück. Sie schafften es schließlich, dass Kamal verschwand. Er hatte schon genug dummes Zeug von sich gegeben und die Polizeikameras filmten weiter.

„Bernd,“sprach einer der Anwälte einen Kollegen an, „Glaubst Du, könnte es sein, daß…“

Der Angesprochene schüttelte den Kopf.

„Nein, auf keinen Fall, das ist nicht so einer!“, entgegnete er.

„Trotzdem,stell Dir vor, dieser meschuggene Kamal oder ein anderer des Clans käme auf die Idee und macht, was sie immer machen, wenn sie glauben, daß andere es genauso machen, wie sie! Dann hätten wir einProblem…“

„Sieht der Alte, der angerufen hat, auch so. Er wird Kamal mit den beiden anderen vorsichtshalber in den Libanon schicken, bis sich die Wogen gelegt haben.“

„Doofheit und Geiz an der falschen Stelle.“, sagte Kolacki von der KTU und schob den blauen Kunststoffhefter HK Paul und dem ermittelnden Staatsanwalt zur anderen Seite des Besprechungstisches zu. Die sahen ihn verwundert an, auch wenn sie seine laxe Ausdrucksweise kannten. Er zuckte mit den Schultern.

„Was soll ich sagen? Der „Sprengstoff“ hat nichts gefunden und wir können unsererseits nur hinzufügen, dass mit Gas nicht zu spaßen ist. Dazu gibt es eine Reihe von Stimmen ansässiger Fachbetriebe. Mitarbeiter hatten sich geweigert, ins Viertel zu fahren und die Chefs wiesen auf die Bedrohung hin und die Forderungen, die Wartungen kostenlos durchführen zu dürfen. Seitens des Amtes sei auch keine Reaktion erfolgt.“

„Dazu will ich klare Aussagen und unterschriebene Protokolle!“, fauchte der Staatsanwalt. „Wo sind wir denn hier?“

Eine Antwort bekam er nicht. Kolacki meldete sich zu Wort:

„Da gibt es zwölf weitere Immobilien, die dem einen oder anderen Clan gehören und Gas beziehen! Wenn ich die Fachunternehmen richtig verstanden habe, haben die im gesamten Viertel nicht eine Anlage gewartet.“

Der Staatsanwalt öffnete seine Krawatte und wandte sich an HK Paul:

„Wie kommt es eigentlich, daß es bei diesen Explosionen nur einigeVerletzte aber keine Toten gab?“

Dazu gab es ein Stimmengewirr. Einige behaupteten, es habe telefonische Warnungen gegeben von einem Mann, der Deutsch gesprochen habe, andere sagen, dass es Brüder gewesen seien, die sagten, dass Deutsche alle im Viertel umbringen wollten… Die Aussagen dazu waren so widersprüchlich, daß wir davon ausgehen, dass zwischen einzelnen Gruppen der beiden Clans Rivalitäten ausgebrochen sein müssen.

„Und was bliebe dann von der Hypothese, alles sei auf schlampige Wartung der Gasanlagen zurückzuführen?“

„Alles!“, mischte sich Kolacki wieder ein.

„Es muß doch geradezu eine Einladung gewesen sein, auf diese Weise eine Warnung zu setzen. Keiner weiß was genaues, aber jeder hat es verstanden.“

„Fakten, Beweise, Geständnisse!“ meinte der Staatsanwalt, dem anzusehen war, wie wenig ihm diese Angelegenheit gefiel.

Ahmad, der Chauffeur des Alten sollte Kamal und seine Kusins mit dem schwarzen Chevrolet Kleinbus zum Flughafen nach Frankfurt bringen. Er hatte das so entschieden und verfügt und gegen ihn gab es keinen Widerspruch. Mit im Bus saßen noch zwei Männer, die für den Alten Aufgaben erledigten, auf die sie hin lange Jahre trainiert worden waren. Weder Kamal noch seine Kusins empfanden deren Anwesenheit erleichtert, ganz im Gegenteil. Wollte der Alte sich ihrer vielleicht entledigen der einen blöden Sache wegen?

Gegen Mittag des Tages stand fest, daß die drei nicht an Bord der Maschine gegangen waren, der Wagen nicht am Flughafen angekommen war.

Am folgenden Tag meldete sich Omar aus Beirut und berichtete von dem Fund dreier Männerleichen in den Fahrwerkschächten der Maschine aus Frankfurt. Die Fotos der Toten, die Omar schickte, zeigten die beiden Killer des Alten und Ahmad.

Ibrahim war auf der Stelle klar, dass Kamal und die beiden anderen auch nicht mehr lebten. Drei Wochen später wurde sein Gefühl bestätigt. Wanderer hatten in einem Forst bei Olpe drei Leichen im Unterholz entdeckt. Ibrahim übernahm die Identifizierung und als er sah, was ihnen angetan worden war, verstand er, dass sich für sie ein Kreisgeschlossen hatte, den sie begonnen hatten.

„Wir werden gar nichts unternehmen!“, brachte er bei der Versammlung der Anführer der Familien des Clans aus und schlug mit seinem Gehstockauf den Tisch. Die meisten zuckten zusammen, hatten ihr Oberhaupt noch nie in dieser Art erlebt. Murat, einer der Jüngeren, der sich bereits einen Namen mit äußerst lukrativen Aktionen und Geschäftengemacht hatte, sah voreilig eine Gelegenheit gekommen, sich den Anwesenden zu empfehlen und begann „Bedenken“ zu formulieren.Viele der Anwesenden nickten, vermieden es aber, Ibrahim´s Blicken zu begegnen.

„IhrDummköpfe glaubt tatsächlich, daß dieser einfache Mann zu all dem in der Lage gewesen sein konnte? Habt Ihr ihn Euch nicht angeschaut? Was wisst Ihr von Menschen, was könnt Ihr von Menschen sehen, was über sie empfinden? Blind seid Ihr, ohne Empfinden und immer bereit Euren Lastern und Schwächen zu folgen und Ihnen zu gehorchen! Dieser Mann ist gebrochen, sein Herz schmerzt ihn des Dolches wegen, der es durchbohrt hat. Seine Seele sehnt sich jener seiner Frau und der Mutter seines Kindes zu folgen, sobald sie geht. Ich bin betrübt darüber, wie fern ihr dem Leben seid! Die Tat Kamal´s, der anderen beiden und dieses dummen kleinen Jungen hat etwas in die Welt gerufen, das, wie ich fürchte auf uns alle aufmerksam geworden ist und sein Auge auf uns richtet. Als ich mit den Leichen der drei, die ich identifizieren sollte allein in dem kalten Raum war, hörte ich sie wimmern und ihre Zähne klappern und ich schwöre, ihre Augen waren weit aufgerissen, und ich spürte den Schatten, der sich über sie legte, ihnen die Seelen aussaugte und leere Hüllen zurückließ.“

Mehmet feixte, aber Ibrahim reagierte nicht, sah ihn einfach nicht mehr.

„Danke, Kurt!“, meinte Keller nachdem er ihn und Edith begrüßt hatte.„Meine Kleine hat sich über die dicke Tafel Schokolade richtig gefreut! Lieb von Dir!“

Kurtund Edith verstanden sich blind. Beide unterdrückten den Reflex, ihm ehrlich zu sagen, wer der Spender war. Wieso Gedanken erzeugen, wo es dem Fremden doch ganz offensichtlich um die Sache gegangen war und nicht um seine Erwähnung. Gegen drei am nächsten Tag holte Kurt Edith von zuhause ab, sie fuhren zum Blumengeschäft, wo sie morgens schon einen wunderschönen Strauß bestellt hatte. Kurt zahlte mit dem Geld des Fremden und dann fuhren sie zum Krankenhaus, um Angelika zu besuchen. Sie war immer noch im Koma, aber ihr Gesicht schien nicht mehr so wächsern zu sein, wie Keller es beschrieben hatte. Die Schwester holte eine passende Vase aus dem Stationszimmer und stellte sie mit dem Bouquet auf ein Tischchen, das neben dem Bett stand.Edith kämpfte mit ihren Tränen und Kurt drückte ihr versichernd die Hand. Nach etwa 20 Minuten bat die Schwester sie zu gehen, da Angelika untersucht werden müsse.

„Ichhab keine Lust, nachhause zu gehen.“, meinte Edith und Kurt verstand, was sie meinte.

„MeinVertrag läuft erst in fünf Jahren aus. Bis dahin steh ich noch oft genug hinterm Tresen. Ich glaube, wenn ich heute schwänze, bringt es mich nicht um!“ Er sprang nur schnell in die Kneipe hinein,stellte ein Schild zur Info für die Stammgäste ins Fenster. Als er draußen das Gitter vor die Tür zog und abschloß sah er, welches Schild er gezogen hatte: „Einer Familienangelegenheit wegen heute geschlossen.“

„Darf ich Dich ins „Cousteau“ einladen?“, fragte er Edith. Sie lächelte, deutlich nah am Wasser, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Hast Du nicht einen schönen Film auf ner Konserve? Ich hätte einfach Lust drauf, gemütlich auf dem Sofa zu hocken, zu glotzen, mal nicht allein, einen Wein zu schlürfen und dabei Chips, Salzstangen und Erdnüsse zu knabbern!“

EinigeAbende später wollte Keller sein Glück teilen und war etwas enttäuscht, daß Kurt´s Kneipe geschlossen war. Angelika war zurück, hatte die Augen aufgeschlagen, als er sie besuchte und sogar ein paar Worte mit gebrochener Stimme gesagt. Der Arzt, der sie zuletzt operiert hatte, brachte die gute Nachricht, daß Geli außer Gefahr sei.

„Ihre Frau wird noch eine Weile Erinnerungslücken haben, sie wird vieles neu lernen müssen: das Sprechen, das Gehen und die Feinmotorik in ihrer rechten Hand wird lange gestört bleiben, aber es wird alles besser mit Geduld und Übung. Ich halte es in Hinblick auf die nüchterne Einschätzung meiner Kollegen und meiner ersten Diagnose für ein Wunder, was sich da mit ihrer Frau getan hat!“

Murat beschäftigte noch im gleichen Jahr das Team um HK Paul. Im Restaurant seines Bruders hatte er sich aggressiv einem Fremden gegenüber verhalten, der sich dennoch bemühte, kein Öl ins Feuer zu gießen. Als er seine Rechnung verlangte, bezahlte und das Lokal verlassen wollte, griff Mehmet ihn ohne erkennbaren Grund verbal beleidigend an, zog sein Messer und wollte zustechen. Das Nächste, das alle Zeugen gleichlautend aussagten war, daß er mit dem eigenenMesser, das aus seiner Schädeldecke ragte, einfach schlaff zu Boden fiel. An den Fremden konnte sich niemand wirklich konkret erinnern.

„Also,ich werde Clive Owen befragen, wer übernimmt Mark Wahlberg und werfühlt sich der Aufgabe gewachsen, Liam Neeson zu interviewen? – In dieser Bandbreite bewegt sich die Personenbeschreibung zu dem Fremden, der sich unmittelbar nach Mehmet´s Ende in Luft aufgelöst hat!“

„Der Schein, mit dem er bezahlt hat, ist so jungfräulich, als sei er gerade der Druckmaschine entnommen worden und selbstredend: kein Fingerabdruck, keine DNA, nichts! Der Schein ist so echt, dass nicht wenige andere in einer Kasse oder in einem Päckchen mit Banderole sich wie Blüten fühlten.“ Wenn Kolacki erläuterte, dann wurde immer deutlich, was Sache war.“

„Kein Problem, haben wir eben noch einen ungelösten Fall in unserer Quartalsstatistik!“, kam es aus einer Ecke des Raumes.

Ibrahim brachte sein Alter und zunehmende Beschwerden zur Geltung, als er der Versammlung seine Entscheidung darlegte, sich mit seiner Frau und anderen Mitgliedern der Familie auf sein Anwesen in Andalusien zurück zu ziehen. Darauf war der Clan nicht vorbereitet. Manche Männer jammerten gar und baten ihn fast auf Knien, sie nicht allein zu lassen. Nicht wenige sahen deutlich, was kommen musste, wenn Grünschnäbel und Unbelehrbare wie Murat einer gewesen war, dieFührung des Clans wollten, sich stritten und Unheil stifteten, aber niemand der Älteren hatte den Mut, gegen einen Jüngeren anzutreten.Nicht wenige von denen hatten von diesem Augenblick geträumt, endlich das Sagen zu bekommen.

„Was soll aus denen unserer Familie werden, die hier bleiben?, fragte Amira ihren Mann. Ibrahim entgegnete beinahe mit kalter Stimme: „Sie werden lernen müssen, zu überleben, Frau! Es ist nicht der Weg, den Kamal und zu viele glaubten und glauben gehen zu müssen und sich immer noch in dieser Position sehen. Ich habe den Schatten gespürt und ihn beinahe mit den Augen sehen können. Ich bin alt, aber nicht kindisch und ich sage Dir, Kamal´s Untat und das der anderen ist noch nicht gesühnt. In Hass, Zorn und Überheblichkeit hat er einem Dämon die Pforte geöffnet, der nun nach Nahrung seiner Art sucht. Morgen gegen Abend sollten wir, die wir reisen wollen, nicht mehr unter diesem grauen Himmel sein. Übermorgen früh sollten wir unter einem anderen Firmament erwachen, das Meer rauschen hören und in der frischen Brise den Duft von Salz, Blumen, Gewürzen undKräutern in uns aufnehmen.“

Amira schüttelte hinter seinem Rücken den Kopf, besuchte ihren Sohn, dessen Frau und deren Kinder. Sie drückte ihm ein Päckchen mit Geld in die Hand.

„Kommt bitte so schnell wie möglich zu uns, verkauft, was Ihr habt und wartet nicht lang. Ihr wisst, dass Ibrahim uns alle mit Gesichtern, die er hatte, oft vor Schwierigkeiten und Schlimmerem bewahrt hat!“

Ihr Sohn glaubte, sich vor seiner Frau als harter Mann zeigen zu müssen. In diesem Augenblick wusste Amira, dass sie einen Fehler gemacht hatte, ihn so erzogen zu haben. Es war wie ein Schnitt durch ihr Herz, als er grinsend sagte: „Vater ist alt geworden und wie stehe ich da? Alle halten mich schon für den Sohn eines dummen Greises, der dabei ist, den Verstand zu verlieren! Redet von Geistern und derartigem! Wenn ich auch nur den letzten Rest von Ehre behalten will, dann kann ich das nur hier und sicher nicht woanders!“

Amirahatte während des gesamten Fluges tags drauf das deutliche Gefühl, der Boden des Flugzeug müsse sich öffnen und sie in den Tod stürzen lassen. Erst nach einiger Zeit auf dem wundervollen Anwesen in Andalusien, umringt von den Familienmitgliedern, die sie begleitet hatten, fühlte sie sich ruhiger. Ibrahim verbrachte Stunden draußen auf einer Steinbank unter Palmen hoch über der Küste, blickte aufs Meer hinaus, verrichtete seine Gebete sich nach Mekka verneigend und kam erst zur Abendmahlzeit heim.

HK Paul trat frisch mit neuen Kräften und Optimismus ausstrahlend nach dem langen Urlaub mit der Familie wieder zur Arbeit an. Seine gute Laune, die nachklingenden Erlebnisse der letzten Wochen endeten abrupt, als die Nachricht reinkam und ihn mit den üblichen Leuten seiner Gruppe zum Einsatz rief.

EinKnabe war im Bahnhof unversehens auf das Gleis einer Intercitystrecke gestürzt, während der Zug auf Durchfahrt befindlich bereits heran und über ihn hinweggerauscht war, bevor irgendwer so richtig realisierte, was sich abspielte. Keiner hatte irgendetwas oder so richtig was gesehen. Alles sei so schnell passiert, oder ein Anruf war in genau diesem Augenblick angekommen, oder…oder. Es war die Aussage eines hysterisch kichernden Junkies, der mitbedeutungsvollen, abgehackten Gesten beschrieb, dass der Junge am Automaten gestanden habe, um ein Getränk zu ziehen, als „diese große Gestalt aufgetaucht sei, ihn gepackt, über sich gehoben und dann wie einen „Schlafsack“ auf das Gleis geworfen habe.

„Für so nen Kaputten war die Beschreibung 1A!“, meinte Schmiel, der Phantombildzeichner, legte seine Protokollskizze und eine Computerunterstützte Collage auf den Tisch.

„Und,was hälst Du  von der Beschreibung?“, fragte Paul nach. Schmiel entgegnete:

„Auf der Skala von „Bekloppt, vergiß es“ nach „gut beobachtet, brauchbar“ sage ich: „außergewöhnlich, absolut authentisch!“, diese Person gibt es und sieht ganz genauso aus!“

Kolacki trat in den Kreis.

„Das Opfer ist nicht auf die Gleise geplumpst, gestolpert und wurde auch nicht geschubbst! Der Knabe war schon tot, als der Zug den Körper zerfetzte. Ursache war eine Gewalteinwirkung auf den Schädel, wie er typisch ist für den Sturz aus großer Höhe auf harten Untergrund oder wie er bei Motorradfahrern gefunden wird, die ohne Helm Kopf voran gegen einen Brückenpfeiler oder eine Strassenlaterne geschleudert werden. Die Zertrümmerung des Schädels durch den Zug ist ausgeschlossen, denn er wurde, vom Rumpf getrennt mit Resteneiner Schulter neben dem Gleis liegend gefunden. Der Fleiß meiner Mitarbeiter brachte mir die deutliche Rekonstruktion der Aufnahme einer Überwachungskamera zu Augen, die ich Euch nun ebenfallspräsentieren möchte!“

Paul nickte nach der Vorführung auf dem großen Flachbildschirm.

„Ich gehe davon aus, daß das bereits das optimale Ergebnis ist?“

Kolacki nickte.

„In der Tat, aber…“

„Ist okay! Aber Fantasie und, ehrlich, ohne die geht es hierbei nicht wirklich, zählt nicht als Beweis.“

Wahrheit ist ein hartes Brot.

Am Freitag schob Schmiel Bereitschaft in der Abteilung, wie bei Personalmangel üblich. „Als Künstler kannst Du auch noch nach der Pensionierung berühmt werden!“, pflegte Krings, der Obermaxe, immer zu sagen, wenn ihm Alternativen fehlten und er „Reste kratzte“, allen voran bei Schmiel, den er mehr als nur nicht mochte.„Wer zuhause röhrende Hirsche und Waldnixen über dem Sofa hängen hat, kann das schon mal gar nicht beurteilen!“, hatte der ihm mal verärgert unter die Nase gerieben. „Aber ich kann Dir sagen, was Du am Wochenende für das Team und die öffentliche Sicherheit machen darfst!“ Krings besaß nicht den Ansatz von Humor nur das, wasMenschen wie ihn zum Lachen bringt, weil sich jemand wehrlos ärgern muß.

Das Wetter war so naß, so kalt, so knochentief ungesund, dass es bis Mitternacht an diesem Freitag kein besonderes Vorkommnis gegeben hatte, mit Ausnahme eines Streits zwischen Eheleuten, wobei dieEhefrau ihren Gatten mit dem Baseballschläger des Sohnes durch die Zimmer der Wohnung gehetzt und ihn schließlich im Bad mit dieserKeule, nach Zertrümmerung der Papptür niedergestreckt hatte. Schmiel schaltete den Grafik-PC an und begann aus Langweile sich noch einmal den Film der Überwachungskamera vom Bahnhof und seine Phantombilder aufzurufen. Er fand die Stelle im Film, über die er immer wieder gestolpert war, löste die Sequenz in Einzelbilder auf, skalierte seine Fantombilder runter und versuchte sie, wie Puzzelstücke in die entstandenen Einzelbilder einzufügen. Es führte zu nichts, es war erschöpfend, und er wollte eben das  , als die beiden Kollegen vom Publikumsbereich um seine Unterstützung baten. Ein randalierender Betrunkener, ein echter Fitnessclub-Albtraum mit kiloschweren anabolisch aufgeblähten Muskeln und einem durch gleiche Substanz geschrumpelten Verstand, der dem Wahn anhing, seinem Kumpel hier aus dem Verlies befreien zumüssen. In dem Augenblick, als dieser fleischgewordene Marvel-Cartoon den Schädel eines Kollegen in den Schwitzkasten nahm, griff Schmiel nach dessen Schlagstock und versetzte dem Berserker einen satten Schlag auf den Schädel, der sofortige Wirkung zeigte. Eine durchtrainierte Gruppe der JVA tanzte samt Notarzt an und übernahm es, den Albtraum in Verwahrung zu nehmen.

Der Kollege drückte Schmiel dankbar die Hand.

„Dieses Arschloch hätte es nicht einmal gemerkt, wenn es mir das Genick gebrochen hätte!“

Als Schmiel wieder an seinem Schreibtisch Platz nahm, sah es so aus, als habe jemand an dem PC herumgefummelt. Der Monitor war dunkel und der Rechner ließ sich nicht mehr hoch fahren.

AmMontag bat er den IT-Zampano Raghav, er möge sich doch des Gerätes annehmen. Noch im Büro schraubte der den Rechner auf.

„Wie oft hab ich darauf hingewiesen, dass wir hier einen Spannungsüberlastungsschutz brauchen! – Ich hoffe, dass diesmal wenigstens ganz viel, ganz wichtiges Datenmaterial kaputt gegangen ist! Vielleicht wäre von der Festplatte für ein paar tausend Euro im Labor noch was zu retten, aber, wer will das bewilligen! Das mittelalterliche Backupband jedenfalls ist unwiderbringlich verschmurgelt.

„Und wieso glaubst Du, dass das alles was mit Strom zu tun hat?“, hakte Schmiel nach.

„Sag mal, Süßer, willst Du mich verarschen? Wirf mal einen Blick auf die billige Dreifachdose, die ein ignoranter Erbsenzähler im Baumarkt gekauft hat für drei Euro, wenn überhaupt!“

In diesem Moment trat Krings durch die Tür.

„Die Produkte des Baumarkts sind durchaus qualitativ hervorragend! Ich setze diese Steckdosen selbst in meinem Haus ein!“

„Haben Sie diese Information Ihrer Brandschutzversicherung mitgeteilt, Chef?“, trat Raghav vor.

„Vorsichtig, Kollege! Ganz vorsichtig!“, warnte Krings.

„Kein Problem, Chef! Jetzt, wo ich weiß, daß wir uns einig sind, werde ich unverzüglich mit dem Austausch gefährlicher Ausstattung gegen genormte und vorgeschriebene Produkte beginnen!“

DieTür flog in die Angel und Raghev begann ungerührt mit der Dokumentation der Missstände.

„Und woher soll diese Überspannung gekommen sein?“, wollte Schmiel wissen.

„Wie lange hast Du Zeit, mir zuzuhören? Baukräne, Trafodefekt, Blitzeinschlag… Ich tippe für Freitag mal auf letzteres.“

HK Paul begrüßte Angelika und Torsten Keller im Kommissariat, führte sie in den Besprechungs- und Projektierungsraum, stellte beiden sein Team vor, alle, die letztlich an ihrem Fall beteiligt waren. Angelika hinkte deutlich, bewegte sich aber bereits sicher mit ihrenGehhilfen. Ihre Sprache klang noch etwas verwaschen, war aber kräftig, wort- und satzverständlich. Sie blickte etwas entschuldigend um sich, was HK Paul sofort zum Anlaß nahm, beide anzusprechen!

Sehr geehrtes Ehepaar Keller, wir begrüßen es voller Dankbarkeit, dass Sie zu uns gekommen sind und uns für unsere Fragen zur Verfügung stehen wollen! Ihnen gilt unser Dank in besonderer Weise, Frau Keller. Sie nehmen eine große Anstrengung auf sich!

Angelika lächelte schwach, war aber nun gefasst.

„Einige Zeugen haben sich inzwischen doch zu einer Aussage bereit gefunden, wobei die Beschreibung des Hergangs ihrer Tochter bislang die wertvollste ist. Wir würden Sie bitten, uns das Geschehen, so weit es Ihnen möglich ist, aus Ihrem Erleben heraus zu schildern. Glauben Sie, daß Sie dazu bereits in der Lage sind? Es wäre kein Problem, wenn es Ihnen momentan noch zu schwer fiele. Wir können Ihre Darstellung auch durchaus etwas später zu Protokoll nehmen.“

Angelika blickte Paul und jeden einzelnen an: „Später wird es auch nicht besser.“ Einige der Anwesenden, nickten ihr bewundernd zu.

„Ichwar auf dem Weg zum nächsten Discounter, um Einkäufe für die bevorstehenden Tage zu machen. Ich schob den Kinderwagen unserer Kleinen und Sandra begleitete mich. Sie war verschossen in ihre kleine Schwester und bat mich, den Wagen auch einmal für einige Schritte schieben zu dürfen. Als ich ihr ihren Schmusebär gab, dem ich ein rosa Bändchen am Kopf befestigt hatte und dem wir gemeinsam den Namen ihrer Schwester gegeben hatten, lief sie neben mir her und sprach mit dem Spielzeug, so wie sie mit ihrer Schwester sprach. Wir hatten etwa die Hälfte des Hinweges hinter uns, als aus der Stichstraße, die vom Prozessionsweg ins Libanesenviertel führt, ein Junge, so um die zehn Jahre herunter kam, freundlich lächelnd auf uns zu tänzelte, mit einem Tennisball spielte und sich um uns herum bewegte. Es kam mir seltsam vor, denn er kam Sandra immer näher. Er lobte ihren Teddy und fragte, ob er ihn auch einmal halten dürfe. Sandra zog ihr Spielzeug näher an sich und sagte:“Nein, das mag ich nicht!

„Nur mal, ganz kurz!“, sagte er, immer noch lächelnd, aber es klang schon fordernd und Sandra bekam Angst.

„Du hast doch gehört: sie mag nicht! Laß sie bitte in Ruhe!“, forderte ich ihn auf. Er brachte etwas in seiner Sprache hervor, das sich schon frech und sogar unverschämt anhörte. Er sprang erneut eine Runde um uns herum und dann sprang er gegen Sandra vor, stieß sie heftig zu Boden, entriß ihr den Teddy, lachte, hielt ihn triumphierend in die Höhe und lief los in Richtung der Stichstraße. Sandra war geschockt und weinte über den Verlust. Ich rief dem Burschen hinterher, er solle auf der Stelle den Teddy zurückbringen. Er lachte nur dreist, schwenkte das Spielzeug und rief: „Ist gut für meine Schwester! Kauf einen anderen!“

„Du bringst ihn auf der Stelle zurück, oder ich rufe die Polizei!“, entgegnete ich nun wütend. Er verschwand einfach, lief die Strasse hinauf und war weg. Sandra weinte bitterlich, ich versprach ihr, einen neuen Teddy zu kaufen, aber jeder, der Kinder hat, weiß, dass ein Ersatz kein guter Ersatz ist. Jedenfalls hielt sie mit mir Schritt, als ich versuchte das letzte Wegstück so schnell, wie möglich zurück zu legen, während ich mir schon Gedanken machte, welchen Rückweg ich einschlagen könnte, um eine weitere Begegnung zu vermeiden. Plötzlich hörte ich hinter mir jemanden laufen und laut rufen: „Hey, bleib stehen, Frau!“

Als ich mich umsah, kamen da drei erwachsene Männer und vorne weg eben jener Junge auf mich zu gelaufen. Mir war auf der Stelle klar, dass Ärger ins Haus stand. Weit und breit war da kein Mensch in der Nähe, der mir hätte zur Hilfe kommen können und ich fühlte, dass das auch niemand tun würde.

Der erste war nun direkt bei mir, war mit seinem Gesicht in meinem Distanzbereich, blickte mich hasserfüllt an und schrie:

„Was glaubst Du, Nazisau, wer Du bist? Kannst Du auf ehrliche, fremde Menschen runterschauen, Nazisau? Drohst liebem Jungen mit Polizei, wo Dein Mädchen ihm die Puppe für seine Schwester geschenkt hat? BistDu wahnsinnig im Kopf? Wieso spuckst Du auf unseren Stolz? Bist eine blöde Hure, läufst wie Nutte rum, kein bisschen anständig und ehrbar gekleidet!“

Sandra schrie vor Angst, und ich wollte sie schützend in die Arme nehmen. Du Sau wagst es, Dich abzuwenden, wenn ich mit Dir zu sprechen habe? Laß das kleine Weibstück! Ist schon genauso Nutte wie Du! Hure wirft Hure! Ich glaube, ich hab ihm wütend gesagt, er solle meine Tochter nicht so nennen. In diesem Augenblick schlug er mir zum erstenmal ins Gesicht, dann war der nächste da, schlug mich, boxte mich, trat mich, schlug Sandra so heftig ins Gesicht, daß sie durch die Luft flog und auf den Kinderwagen stürzte. „Dieses kleine Nuttenkind wagt es, sich gegen einen Mann zu wehren! Wir müssen es züchtigen und dem Schreihals im Wagen sollten wir auch gleich denKopf abschneiden!“

Ichglaubte den Verstand zu verlieren, schrie und einer der Kerle riss mich vom Boden hoch, zerrte an meinen Kleidern, fetzte sie mir vom Körper und brüllte lachend: „Alte Christenhure! Wir werden Deine Brut schlachten und Dir was besseres in den Bauch ficken!“ Dann prügelte wieder einer auf mich ein, trat mich in den Leib und als ich den ersten Tritt an den Kopf bekam wurde alles schwarz.

Torsten,der zum erstenmal gehört hatte, was Angelika widerfahren war, saß verzweifelt weinend am Tisch. Angelika setzte sich neben ihn und versuchte ihn zu trösten. Paul und das Team ließen dem Paar den Raum, zogen sich für zehn Minuten zurück. Als sie wieder eintraten, war Torsten wieder bei sich und Angelika deutlich gefasst.

Paul wollte sich entschuldigen, aber beide schüttelten mit dem Kopf. Schmiel legte Angelika ein Photoalbum vor und bat sie, sich dieBilder darin anzuschauen und zu sagen ob sie jemanden erkenne und wenn, ob er an dem Verbrechen beteiligt gewesen sei, und was er getan habe.

Schmiel, Kolacki und Paul erlebten etwas Seltenes: einen glatten Durchmarsch! Zielsicher identifizierte sie die drei Männer, die sie fast zu Tode geprügelt hatten und auch den Jungen, der, wie Kolacki perDNA-Nachweis klar hatte beweisen können, mit den drei anderen auf die bewußtlose, schwer verletzte Frau uriniert hatte. Dieses Detail sollte unter Verschluß gehalten werden, zumal es ja keine Anklage und Verhandlung mehr geben würde.

„Werden Sie diese Leute nun festnehmen können?“, fragte Torsten.

Lieber Herr, liebe Frau Keller,“begann Paul, „das wird nicht mehr möglich sein, denn all diese Personen stehen bereits vor einer anderen Instanz. Sie wurden allesamt in einer Weise abberufen, die mehr Strafe war, als alles was ein Gericht hier aussprechen dürfte. Der Junge, der sie dem Geschehen zugeführt hatte, fand seinerseits ein Ende, das er nicht hatte kommen sehen!“

Angelika lehnte sich bleich in den Besprechungsstuhl zurück und wischte sich mit einem Papiertaschentuch über die Augen.

„Wozuwar das alles nun nötig?“, fragte sie ruhig und gefaßt. Torsten setzte nach: „Wer hat diese „Tiere“ zur Strecke gebracht und warum?“

„Wir wissen es nicht!“, antwortete Paul wahrheitsgemäß und gab Schmiel einen Wink. Der schaltete den großen Flachbildschirm an.

Übergroß und gestochen scharf waren da seine Phantombilder zu sehen, die er zu dem Fremden angefertigt hatte, der vermutlich Mehmet getötet hatte.

„Wer ist das?“,riefen beide und sahen sich an.

„Kennen Sie diesen Mann?“, fragte Paul.

„Mir kommt er irgendwie bekannt vor.“, sagte Angelika Keller. Torsten zögerte einen Atemzug lang und schloß sich an: „Geht mir mir genauso. Ist mir so vertraut das Gesicht, aber woher könnte ich nicht sagen.“ Angelika sagte: „Bitte haltet mich nicht für verrückt, aber ich könnte schwören, dass dieser Mann bei mir amBett im Krankenhaus gesessen hat, meine Hand gehalten und etwas gesagt hat, woran ich mich nicht mehr erinnere.“

„Ichglaube, ich hab ihn schon mal in einem Film gesehen… ja, ich erinnere mich: es ging darum, daß ein Vater seine entführte Tochter wieder nachhause holte…“

Paul ließ es sich nicht nehmen, selbst ins Krankenhaus zu fahren und dem Personal dort das Phantombild zu zeigen.

„Aber ja!“ sagte eine Schwester der Komastation. „Der war nicht nur einmal da. Er kümmerte sich sehr um Frau Keller und entlastete uns. Er gab an, in einer Einrichtung für Wachkomapatienten gearbeitet zu haben und ein Jugendfreund Frau Keller´s zu sein, der von ihrem Unglück gehört habe. Nein, einen Namen habe er nicht genannt, aber jeder Handgriff, jede Frage, jeder Hinweis, jede Beobachtung, die er weitergab zeichnete ihn als kompetente Fachkraft aus.“

Etwas lief ihm derart gegen den Strich, wie ein Lastenschlepper, der sich auf dem Rhein quer stellt. Dennoch fühlte er sich ruhig und mußte schmunzeln, denn die Phantomzeichnung des Fremden konnte durchaus eine Skizze des Schauspielers sein. An diesem Tag verließ erpünktlich das Kommissariat im sicheren Wissen, dass dieser Fall zumindest entweder erledigt war oder sich nie würde völlig aufklären lassen – ohne dass dadurch aber Schaden entstünde. Gegen Tote  und den vagen Doppelgänger eines Hollywoodschauspielers würde auch der ambitionierteste Staatsanwalt keine Ermittlungen mehr leiten wollen.

Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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