10 Tradition

© hpkluge 2018

Tradition

Großmutter

Seit Großvater´s Tod führte Großmutter die Familiengeschäfte mit harter Hand, entschlossen und erfolgreich. Mein Vater hatte sich nie dafür interessiert, einzusteigen. Meine Onkel Trenck und Falk hatten sich schon an Großvater die Zähne ausgebissen und spürten bald, daß sie es nie über ihre gutdotierten Abteilungsleiterposten hinaus schaffen würden. Irene und Maren, ihre Ehefrauen die das nicht akzeptierten, trieben ihre Männer immer wieder an und versuchten auf die ein oder andere Art Unruhe in die Holding und die ein oder andere Firma zu tragen. Oma blieb cool, es schien an ihr alles abzuprallen oder zusammenzubrechen, wie Sturmwogen an der Küste, die gegen die Wogenbrecher schlugen. Irene und Maren peitschte das weiter hoch und sie bekamen nicht mit, wie sie dabei waren, sich mit ihrem krankhaften Ehrgeiz der Wut, ihrem Hass selber in die Tiefe zu reißen.

An jedem ersten Januar kam die Familie im Kortenhaus zusammen, von wo aus Großvater mit seinem Vater die ersten geschäftlichen Aktivitäten gelenkt hatte. Diesmal lag schon seit dem Weihnachtsfest, zu dem Oma nur Mutter, Trenck, Falk und meine Kusinen und Kusins zum Essen am ersten Feiertag eingeladen hatte ein sich zusammenbrauender Ärger in der Luft. Irene und Maren hatten gegiftet und geschäumt, wie zu hören war. Nach dem Tee am ersten Feiertag hatte Oma sich einer „Schwäche“ wegen entschuldigt und zurückgezogen. Oma liebte es, kleine aber gediegene Geschenke zu machen, die jeder erst zuhaus auspacken durfte. Mutter fand in ihrer Kassette den Verlobungsring den ihre Urgroßmutter von Urgroßvater bekommen hatte. Sie war glücklich. In meiner Schachtel waren Urgroßvaters erste Manschettenknöpfe aus vergoldetem Kupfer. Ich spürte die Wärme die von ihnen auszugehen schien und Mutter suchte mir zwei Hemden aus Vater´s Schrank, die zum Tragen dieser Schmuckstücke ausgelegt waren und übergab sie mir. Am 30.Dezember rief mich Großmutter an und bat mich zu sich.

„Dein Ur-Urgroßvater begründete eine Tradition, die Dein Urgroßvater und Großvater fortführte. Dein Vater, der unseren Geschäften den Rücken kehrte, kann sie nicht weiterführen und würde es auch nicht in rechter Weise, wie von seinem Vater und Großvater gewünscht tun können.“, begann sie, nachdem wir in den großen Sesseln vor dem offenen Kamin Platz genommen hatten. Oma hatte einen Kakao zubereitet, der es in sich hatte. Beste Schokolade in fetter Milch aufgekocht und mit viel Zucker und hochprozentigem Kuba-Rum verrührt, dazu waren mir unbekannte Gewürze eingemischt und alles mit einer Sahnehaube abgedeckt. Nach zwei kleinen Schlückchen wurde mir heiß und ich fühlte mich von Energie geladen. Die Welt schien flüssig zu werden und verfestigte sich erneut.

„Der Schmutz, die Sorgen, das Böse des alten Jahres, soll im alten Jahr bleiben und nicht mit in den Beginn des Neuen mitgeschleppt werden!“, erklärte sie.

„Das ist einleuchtend und richtig!“, hörte ich mich sprechen. Ich geriet darüber in eine geradezu euphorische Stimmung. Großmutter tätschelte mir lächelnd Hände und Wangen. Irgendetwas ging mit ihr vor, denn plötzlich erschien sie mir sehr viel jünger als sie war.

„Ja, es ist so, wie Du es sagst: es ist richtig und dazu ist es absolut notwendig, will man nicht im Alten wie in einem Sumpf stecken bleiben.“

Ihre Lippen waren voll und natürlich rot, ihre Augen strahlten, ihre Falten glätteten sich, ihr Haar blieb weiß, aber schien beinah zu schimmern. Ich rieb mir die Augen. Sie sah mich fragend an.

„Ach Omi, ich glaube ich vertrag den Rum nicht! Mir kommt vor, Du veränderst Dich sehr, Du scheinst immer jünger zu werden!“

Sie entgegnete meinen Blick voller Wärme und fragte mich: „Nun, gefällt Dir, was Du siehst?“

„Oma, ja! Du bist wunderschön!“ und ich konnte spüren, daß ich die Wahrheit sagte. Sie reichte mir die Hand.

„Komm, ich bring Dich zu Bett! Wir können morgen weiter reden.

Ich muß gleich eingeschlafen sein, ich sank förmlich in eine sanfte tiefe Dunkelheit. Ein Traum zog mich in seinen Bann… in diesem Traum kam ich in tiefer Zärtlichkeit und Leidenschaft mit einer warmen wunderschönen Frau zusammen. Wir liebten uns und ich wußte einfach, ich war dabei, der Traumfrau mein Kind zu schenken. Als ich am Morgen erfrischt und lebendig erwachte, schwebte Omas Gesicht über mir.

„Das Frühstück ist fertig!“, sagte sie lächelnd und in diesem Augenblick wurde ihr Gesicht eins mit dem der Frau in meinem Traum und da war auch der Duft, den ich immer noch wahrnahm. Verwirrt und immer noch dem Traum anhängend erhob ich mich und Großmutter erwiderte meinen Blick in aller Offenheit und mir war, als wisse sie genau, was ich geträumt hatte.

„Wenn es schön war, mein lieber Junge, dann bewahre es in Deinem Herzen! Nur da bleibt es sicher und rein!“

Beim Frühstück erzählte sie mir noch eine Anekdote zu den Manschettenknöpfen, die sie mir geschenkt hatte. Sie war sonst von einer ernsten Freundlichkeit und sehr geraden Denkweise bestimmt, heute früh aber sprühte sie geradezu vor Witz und mitreißendem Humor. Großvater mußte ein glücklicher Mann gewesen sein, diese Frau gefunden zu haben! Mutter hatte auch Humor, war aber eher still und bescheiden und eigentlich nie ernst, wie Großmutter. Auf der aber auch die ganze Last auf den Schultern lag. Sie hatte Vater nie einen Vorwurf gemacht, daß er sich der ihm zugedachten Verantwortung entzogen hatte. Sie hätte ihn gebraucht, nachdem Trenck und Falk sich nicht als Entlastung erwiesen, sondern eigene Pläne verfolgten.

„Was denkst Du, sollten wir in diesem Jahr noch vom Tisch wischen, um unbelasteter das neue Jahr anpacken zu können?“

Ich steckte nicht im Alltagsgeschäft, bekam nur mit, was Mutter erzählte, und was ich am Rande hörte. Von mir wurde erwartet, ein erstklassiges Studium zu absolvieren, um dann in die Geschäfte zu wachsen.

„Ich glaube, die Kooperation mit den Chinesen ist ein Fehler. Über uns gewinnen sie Einfluß und ein Standbein im hiesigen Markt, aber uns lassen sie nicht aktiver in ihrem Einflussgebiet werden. Das ist kein Geschäft, das ist Übernahme!“

Großmutter nickte lächelnd und legte ihre Hand auf die meinen.

„Du glaubst also nicht, was Trenck uns prognostiziert?“

„Ich hab das abstrakt mit meinem Professor diskutiert und er hat mich nur gefragt, was mich bewege, die Fakten so naiv zu interpretieren.“

Dieser Lehrer tut Dir gut! Ich bin froh, daß Du dem Rat Deiner Mutter gefolgt bist und nicht sofort in unsere Unternehmungen eingestiegen bist. Was bei der Zusammenkunft am 1ten Januar auch immer auf den Tisch kommen mag, halte Dich zurück, sei still, beharre darauf, noch Student und unerfahren zu sein! Ich möchte nicht, daß schlafende Hunde und Hyänen geweckt werden, hörst Du? Ich bin die böse Hexe für einige, die glauben, mir nur einen Stein um den Hals binden und mich in den Fluß werfen zu müssen, um endlich an den Kuchen kommen zu können. So soll es bleiben, mein Junge.“ Sie sah mich offen an, schmunzelte und fuhr, meine Hände mit den ihren haltend fort: „Wenn mich also manche für eine böse Hexe halten, wieso glauben sie es dann nicht auch? Glaub mir, Dummheit, Faulheit, Selbstgefälligkeit, Überheblichkeit, Verantwortungslosigkeit, Gier und Neid sind die größten Seuchen, die die Menschheit bedrohen!“

Als ich mich auf den Nachhauseweg machte, fragte ich sie, ob sie nicht mit Mutter und mir Sylvester feiern wolle, statt allein mit sich zu sein.

„Das ist lieb von Dir, mein Junge,“sagte sie, „aber im Augenblick ist das ganz und gar unmöglich. Außerdem bin ich nicht allein, ich habe meine Erinnerungen.“

Das war keine Floskel, das meinte sie tatsächlich.

Mutter und ich hatten soeben unser Frühstück beendet, als Dr.Mangold, Omas Anwalt, anrief und mitteilte, das die Familiensitzung abgesagt sei.

Falk, Trenck, Irene und Maren seien mit dem Wagen tödlich verunglückt.

„Ihre Großmutter bat mich, Sie und Ihre Mutter zu informieren und richtet Ihnen über mich aus, daß sie sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzt, sobald es ihr möglich ist.“ Ich konnte das verstehen. Mutter meinte: „Trotzdem hätte sie uns selbst anrufen können. In einer Familie ist das so! Kann sie nicht einmal vergessen, daß Sie Chefin und große Unternehmerin ist? Mangold kann einem leid tun, statt sich mit seiner Familie an den Tisch zu setzen und Neujahr zu begehen, muss er rumtelefonieren, den Postillion für sie machen!“

„Mit dem Honorar, daß er berechnet, wird er sich nicht ausgenützt fühlen!“, entgegnete ich. Irgendwie fand ich Mutters spitze Bemerkung nicht gerecht.

„Jetzt redest Du schon, wie Deine Großmutter!“, sagte sie.

Am Nachmittag kam Oma selbst vorbei.

„Ich war bei der Polizei und im Leichenschauhaus. Was man gleich erledigt, ist erledigt! Vom Warten wird nichts besser!“, begann sie und ich hörte, wie Mutter tief Atem holte.

Irene saß am Steuer und hatte schon am frühen Abend mehr Promille im Blut, als mancher nach der Sylvesterparty. Wie die Gerichtsmedizin protokolliert hat, waren alle Personen im Wagen zum Zeitpunkt des Unglücks in erheblichem Rauschzustand, teils durch Alkohol, teils durch Kokain bedingt. Sie waren auf dem Weg zur Neureichenparty im neuen „Marina-Club“. Die Vorfreude auf das „Event“ war offenbar zu groß und endete in einigen Metern unter der Wasseroberfläche eines Seitenbeckens im Hafen, wo in der ehemaligen Werft der „Club“ angesiedelt ist. Mangold ist immer noch dabei die Fakten aufzunehmen und zu sortieren.“

„Es geht um den Tod Deiner Söhne und Schwiegertöchter,“ gab Mutter von sich, „und Du redest so eiskalt daher!“

„Schon gut!“, entgegnete Oma und winkte ab. „Ich bin gleich wieder fort! Darf ich Dich bitten, Ursula, die Dinge bezüglich Bestattung, Trauerfeier etc. in die Hand zu nehmen? Du hast ja recht, gefühlskalte Personen, wie ich eine bin, haben da gewiß nicht das Händchen. Die Rechnungen bitte alle an mich. Das ist eher etwas, mit dem ich umgehen kann!“

Etwas in Oma´s Stimme berührte mich und tat mir weh. Ich begleitete sie zur Tür und wollte sie dort umarmen, sie entzog sich mir mit einem verbindlichen Lächeln.

„Es ist gut, es ist eben, wie es ist! Geh zu Deiner Mutter, die braucht Dich im Augenblick mehr als ich!“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange, zwickte die und meinte:“Es wird alles besser! Du wirst sehen.“

Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, ging ich zu Mutter, nahm sie in die Arme und tröstete sie. Trenck und Falk waren nie besonders respektvoll mit ihr umgegangen und Irene und Maren hatten das ihre getan. Mutter war ein völlig anders getakteter Mensch und ich verstand Paps, warum er sich diese Frau genommen hatte. Während ich sie also in den Armen hielt, kamen mir Oma´s Worte nochmals deutlich in den Sinn:

„… Ich bin die böse Hexe für einige, die glauben, mir nur einen Stein um den Hals binden und mich in den Fluß werfen zu müssen, um endlich an den Kuchen zu können“… „Wenn mich also manche für eine böse Hexe halten, wieso glauben sie es dann nicht auch?… Dummheit, Faulheit, Selbstgefälligkeit, Überheblichkeit, Verantwortungslosigkeit, Gier und Neid sind die größten Seuchen, die die Menschheit bedrohen!“

Diese Worte bedrückten mich und verfolgten mich durch den ganzen Tag bis in den Schlaf hinein. Irgendwann in der Nacht wachte ich schweißgebadet aus einem Albtraum auf. Großmutter saß mit roter Robe und Perücke am Richtertisch. Falk, Trenck und ihre beiden Frauen hockten zwischen schwarz uniformierten, gesichtslosen Gestalten auf der Anklagebank, die silbernen Handschellen verbrannten ihnen die Handgelenke. Sie jammerten nicht, spuckten um sich besonders in Richtung des Richtertisches. Mutter stand an ihrem Pult in Anwaltsrobe und Perücke und trug ein engagiertes Plädoyer zur Verteidigung ihrer Mandanten vor. Mangold trat hinter die Richterin, Großmutter, und interpretierte abwiegelnd: „Völlig dilletantisch, viel zu unausgewogen emotional! Keine Chance!“ Ich sah mich um, aber ich konnte mich nirgendwo im Gerichtssaal entdecken, trotzdem hörte ich den Urteilsspruch und den Nachsatz: „Henker, walten Sie Ihres Amtes!“

Mir war übel. Ich rannte ins Bad, stellte mich mitsamt meines durchschwitzten Pyjamas unter die Dusche und ließ kaltes Wasser über mich rinnen. Mit dem Schweiß und meiner Übelkeit floß auch der böse Verdacht in den Abfluß, Oma könne irgendwie für den Unfall und den Tod der vier verantwortlich sein.

Mit frischem Pyjama legte ich mich wieder ins Bett, nachdem ich die beiden Fenster hinter den schweren Vorhängen geöffnet hatte und ein Hauch der kalten Nachtluft ins Zimmer wehte. In matter Müdigkeit sank ich erneut in einen Schlaf und glitt erneut in einen, diesmal nicht bedrückenden, Traum. Ein Druide stand zusammen mit zwölf Priesterinnen in einem Kreis um einen Altar. Aus Schalen stieg duftender Rauch auf, ein irdener Pokal wurde von Priesterin zu Priesterin gereicht. Eine jede nahm einen Schluck von seinem Inhalt. Als das Gefäß dem Druiden übergeben wurde, trat er zum Altar, die Priesterinnen zogen das Tuch beiseite, das bislang etwas verborgen hatte. Sichtbar wurden zwei Personen, eine Frau, die auf Knien und Ellbogen gestützt, Ihr Hinterteil einem Mann entgegen reckte, der ihre Hüften fassend sich bereit machte, sie zu besteigen. Der Druide gab zunächst der Frau, dann dem Mann vom Pokal zu trinken. Der Mann leerte ihn und zerschmetterte ihn sodann. Kaum zersprang der in Scherben, drang er in den ihm dargebotenen Schoß und begann die Frau zu begatten. Als der Mann in meinem Traum der Frau seinen Samen gab, erwachte ich und stellte peinlich berührt fest, ebenfalls ergossen zu haben. Ich fühlte mich dann aber, wie von Engelsflügeln in tiefen, friedvollen Schlaf getragen.

Mutter hatte tatsächlich eine würdevolle Trauerzeremonie, Bestattung und Trauerfeier organisiert. Es war so ziemlich jeder erschienen, der in der Stadt Rang und Namen hatte, ebenso die Vertreter der wichtigsten Geschäftspartner und alle, die sich zu unserer Familie zählten, sich vielleicht wieder einmal in Erinnerung bringen wollten. Die meisten Trauergäste, die der Einladung gefolgt waren, waren wegen Großmutter da, nicht der Verstorbenen wegen. Den Trauergottesdienst über hatte sie stumm und unbewegt in einer Bank für Familienangehörige in sich versunken verbracht. An der Gruft über der ein Profanandachtshäuschen fertiggestellt werden sollte, stand sie ebenso stumm und unbewegt, nickte den Kondolierenden dankbar zu, gab aber niemandem die Hand. Ihre Distanziertheit war bekannt und wurde akzeptiert, wie befremdlich sie dem ein oder anderen auch war. Mutter schüttelte dankend Hände und ließ sich auch umarmen. Oma nahm das gelassen zur Kenntnis, beobachtete Mutter dabei, wie sich ein Forscher interessiert das Exemplar einer seltenen Species anschaut. Zum Auftakt der Trauerfeier sprach Großmutter einige verbindliche Worte, wie sie wohl jeder von ihr erwartet hatte: Sachlich, nüchtern und wie ich fand sehr zutreffend, ohne einen Zwischenton, der etwas über ihre tatsächliche Haltung den Verstorbenen gegenüber hätte erkennen lassen. Mein Vater war nicht erschienen, ihm war sein Anbauprojekt in Indien wichtiger. Seine Brüder hatte er schon vor langer Zeit hinter einer Tür des Vergessens ausgeschlossen und von vorn herein keinen Wert darauf gelegt, ihre Frauen kennen zu lernen. Mutter hatte ihm dennoch die Hochzeitsfotos per Email geschickt und nach seiner Reaktion sie auch nicht einmal mehr ihm gegenüber erwähnt. Seine Bemerkungen zu den beiden waren so genau gewesen und erfüllten sich Zug um Zug. Nach einer Stunde etwa, entschuldigte Großmutter sich und brach auf. Sie ging auf Mutter zu und bedankte sich für ihre Mühe und das gelungene Ergebnis. Es war das erstemal, daß ich Oma ein uneingeschränktes Lob hatte sprechen hören. Mutter blieb nicht unberührt, doch ich sah, wie vorsichtig sie es annahm.

Mich bat sie am Montag der kommenden Woche in ihr Büro in der Holding zu kommen.

„Ich bin Deinem Rat gefolgt und hatte bereits kurz nach unserem Gespräch die Verhandlungen mit den Chinesen abgebrochen. In diesem Zuge kamen einige Aktivitäten meiner verstorbenen Söhne ans Licht, die mich kurzfristig gezwungen hätten, sie von ihrer Verantwortung zu befreien, um Schaden von uns abzuwenden. Ich möchte Dir nun folgenden Vorschlag unterbreiten: ein Studium im Vereinigten Königreich bei gleichzeitiger Einbindung als Praktikant in einem der angesehensten Bankhäuser weltweit, wäre das eine Idee, die Dir zusagte?“

Ich fand das eine ganz und gar hervorragende Idee. Selbst Mutter hatte keine Einwände vorzubringen.

„Klar wird es komisch für mich, daß Du weit fort bist, aber ich weiß auf eine solche Chance hat Dein Vater gewartet! Er bekam sie nicht.“

Ich brauchte ein gutes halbes Jahr, um mit allem klar zu kommen doch dann war ich angekpmmen und es war fantastisch. Ich stellte fest, dass ich verdammt gut war und das Lernen wie von alleine ging. Mutter telefonierte wenigstens zweimal in der Woche mit mir, wollte alles wissen, freute sich mit mir über manches. Weitaus seltener sprach ich mit Oma, meine letzten Versuche, sie anzurufen liefen bei ihrer Sekretärin auf, die mir mitteilte, dass Oma auf einer längeren Geschäftsreise unterwegs sei und häufig nur über Email erreichbar sei. Ich war verblüfft. Mutter war 50 und Oma war etwa Mitte sechzig. In dem Alter noch kreuz und quer durch die Weltgeschichte zu reisen, das war sportlich! Das sagte ich auch Mutter, aber irgendwie druckste sie herum. Sie wollte nicht sprechen. Von Oma kriegte ich nur eine Mail, in der sie davon schwärmte, daß sie diese Reise schon viel früher hätte unternehmen sollen und daß sie sich so frisch und jung fühle, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ein paar Tage später traf Mutter überraschend bei mir ein. Ich freute mich riesig, wir unternahmen eine Menge und als wir nach einem langen und spannenden Tag vor dem Gaskamin in meiner Wohnung saßen, Tee tranken und Sandwiches genossen, fragte ich sie, was sie denn von Oma und ihrer Weltreise wisse. Zuerst blieb sie unverbindlich, aber zuletzt platzte es aus ihr heraus:

„Deine Froßmutter ist schwanger! Deshalb ist sie weg! Sie will keine Diskussionen oder Statements geben müssen.“

„Hallo, wie geht das denn? Oma ist Mitte sechzig!“ Mutter begann zu weinen. „Das versteht keiner. Da gibt es ja so Tricksereien, die alten Frauen eine Schwangerschaft ermöglicht, aber Oma sagt selbst, daß sie keine Eizellen von sich eingefroren hatte, die künstlich befruchtet und ihr eingepflanzt worden seien. Sie sagt, es sei einfach passiert, sie ja nicht im Traum daran gedacht hätte, in ihrem Alter Verhütung zu betreiben!“

Keine Ahnung wieso, aber plötzlich fühlte ich mich sehr eigenartig.Ich entschuldigte mich, lief zur Toilette, übergab mich und sah mich einer mißtrauisch instinktsicheren Mutter gegenüber.

„Tut mir leid, Mutter. Es waren diese verdammten Kidneypies! Ich liebe dieses Zeugs, aber wenn die nicht vom richtigen Imbiss sind, gibt’s Probleme. Ich werd mir erstmal einen Schnaps nehmen. Willst Du auch einen?“

Mutter schüttelte den Kopf, war jedoch bereit, die Geschichte anzunehmen. Das Restaurant machte einen so sauberen Eindruck!“

„Das ist auch eines der besten hier, aber shit happens!“

„Na, soweit würde ich nun aber nicht gehen!“, lachte sie.

„Und, wer ist Oma´s Lover?“

Das ist nach der Frage, wieso diese Schwangerschaft möglich ist, die zweite Millionenfrage! Glaubst Du wirklich, daß wir das je erfahren, wenn sie es nicht will?“

„Nein!“,antwortete ich und wir lachten.

„Ich freu mich für Oma!“, sagte ich ehrlich und zugleich kochten Emotionen in mir hoch, erschienen Bilder vor meinen Augen von meiner Übernachtung am 30igsten auf den 31gsten Dezember des letzten Jahres und dem Traum in der Nacht vom 1ten auf den 2ten Januar diesen Jahres. Konnte es möglich sein, dass…?“ Allein der Gedanke war so lächerlich, so unhaltbar!

Im Oktober kehrte Großmutter von ihrer Reise heim mit einem gesunden Knaben, von dem sie in Sydney, entbunden worden war. Zur Taufe ihres Sohnes geschah das nächste Wunder: Paps kehrte zurück. Er hatte sein Projekt in andere Hände übergeben, erkannt, wo er nun gebraucht wurde. Er übernahm Oma´s Aufgabe und nahm seinen Job als väterlicher Bruder ernst. Ich graduierte in Großbritannien und wurde später Finanzvorstand unseres Familiengeschäfts. Alles lief sehr gut über die folgenden zehn Jahre. Paps und Mutter lebten wieder als Paar zusammen, Oma war eine wirklich gute Mutter. Dann war ihre Zeit abgelaufen, der alte böse Feind fraß ihr Leben auf. Sie bat mich zu sich vor den anderen, als es soweit war.

„Ich hätte Dich auch in dieser Welt gern zu meinem Gatten genommen, das ging leider nicht, weil es niemand versteht! Du warst meine Liebe, als wir unseren Sohn zeugten und wir wurden in gültiger Ehe verbunden… nach dem Ritual unserer Vorfahren, in der Magie einer Zeit, die neben jener, in der wir leben, weiter gültig ist. Eine Jungfrau, die ein Kind empfängt, das ist jetzt die Magie dieser Welt! Ein Gott, der für seine Schöpfung stirbt, weil sie so in aller Unschuld neu und von neuem Leben erfüllt wird!“

Wir, Du und ich, sind eins! Für immer und in unserem Sohn, der in dieser Welt und Wirklichkeit zuhause sein wird. Während wir zurück bleiben und in der alten Welt bald ein gemeinsameses Leben leben werden in unserer Tradition.

Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.