11 Jake

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Für meine Mutter war ich eine Riesenenttäuschung, seit sie mich mit einer Puppe hatte spielen sehen und mich dann zum erstenmal in den alten Kleidern meiner älteren Schwester Caren erwischte. Sie schleifte mich zu Vater Claudius o´Keefe, der mich für ein Wochenende bei sich und seiner Haushälterin Amalie Saunders behielt. Er erzählte mir Geschichten aus der Bibel, zeigte mir die Bienenstöcke hinter dem Pfarrhaus und Amalie ließ mich den Brotteig kneten, den sie gerade vorbereitet hatte, während Vater Claudius an seiner Predigt dokterte. Als Amalie das Brot aus dem Ofen holte und es so herrlich in der Küche duftete, kam auch der Vater aus seiner Denkstube und wir setzten uns zum Abendbrot an den Tisch. Vater Claudius segnete das Brot, ritzte dreimal das Kreuzzeichen in den knusprig brauen Rücken des Laibs und schnitt es an. Ich fühlte mich rundherum wohl. Da war nichts von einer Strafpredigt, die ich nach Mutter´s Reaktionen und Androhungen erwartet hatte. Strafe wofür überhaupt? Ich spielte eben lieber mit Caren´s Puppen und ich fühlte mich in ihrem Kleid besser, als in meinen Latzhosen. Ich mochte auch den Duft in den Laden mit ihrer Wäsche. Mutter hatte dort kleine rosa Seifenstücke zwischen Schüpfer und Leibchen gelegt, die den Duft von Rosen abgaben. Selbst Paps schnupperte an den Rosen, die neben der Küchentür zum Garten an der Mauer empor rankten.

Nach dem Abendbrot holte Amalie ihr Strickzeug und fuhr mit ihrer Arbeit an den bunten Socken für Vater Claudius fort. Der steckte sich ein Pfeifchen an, paffte ein paar Züge und legte die Brille beiseite, die er abwesend auch beim Essen getragen hatte, die Zeichen Amalie´s übersehend, die sie versucht hatte, ihm zu geben. Er lachte und meinte: „Da ist das Ding ja.“ Schließlich wandte er sich mir in aller Ruhe zu.

„Du spielst gern mit Puppen, sagt Deine Mutter. Mh, okay, dazu sind die ja gemacht. Was glaubst Du, wieso das Deiner Mutter Kummer bereitet?“

„Ich will ja gar nicht, dass ihr das Sorgen macht. Ich spiel nur einfach lieber mit Caren´s Puppen als mit dem Lastwagen oder den Bauklötzen. Es ist einfach so,“ kam es aus mir,“und ich zieh gern Sachen vonCaren an. Es fühlt sich so gut an. Es ist komisch für mich, daß ich das nicht darf und es ist mir egal, dass das kein anderer Junge macht. Mom sagt, das sei pervers. Was heißt das, Vater? Was bedeutet das: „pervers“?“

Amalie blickte mich über die Gläser ihrer Brille an, wie Oma es immer getan hatte, bevor sie mich einfach in die Arme genommen undgeknuddelt hatte.

„Ich verstehe, was Deine Mutter meint, aber sie hat unrecht! Du bist auch nicht der einzige Junge, der gern mit Puppen spielt oder Mädchenkleider ausprobiert! Was sagt Dein Pa?“

Es tat mir so gut, das aus seinem Mund zu hören!

„Paps hat eigentlich nur gelacht und Mom gesagt, dass sie sich mal nicht aufregen solle. Er hat gesagt, dass das entweder vorbei gehe und wenn nicht, es auch kein Weltuntergang sei. Mom hat sich sehr aufgeregt.“

Vater o´Keefe nickte und Amalie tat das auch.

„Dein Vater ist ein weiserer Mann, als ich gedacht habe! Und was meinen Dein Bruder Brad und Deine Schwester Caren?“

„Brad hat sich mal schlapp gelacht, als er mich in Caren´s Sachen gesehen hat, mich hochgehoben, gedrückt und gesagt: „Cool, noch ´ne Schwester – na fein, wenn Caren zum College geht, hat Mom Hilfe im Haushalt!“ Caren hat mich auch in die Arme genommen und mir nur gezeigt, was ich auf keinen Fall anfassen sollte… „oder Du lernst zu bügeln!“

Am Sonntag Abend kamen Mom und Brad, um mich heim zu holen.

„Margreth, Sie müssen sich nicht quälen!“, meinte Vater o´Keefe, als Mom ihn fragte, ob er mir ordentlich die Leviten gelesen habe, worauf sie ihn irritiert ansah.

„Jake ist ein lieber, gut erzogener junger Mensch, der beginnt, sich zu entwickeln. Da gibt es nichts, was Gotte´s Plan widerspäche…“

„Ja, aber, es kann doch nicht sein, dass…!“, unterbrach ihn Mom.

„Was kann nicht sein Margreth? Was der Herr geschaffen hat, ist wohlgetan! Wollen wir Menschen ihm in seine Taten hinein reden, deren Sinn und Ziel wir nur erahnen, nie aber zur Gänze verstehen können, bevor sie sich uns nicht aus sich selbst eröffnen?“

Mom schwieg auf der Heimfahrt und es war nicht schwer zu erkennen, dass sie enttäuscht war.

„GuterMann, dieser Pfaffe!“, hörte ich Dad, als Mom sich ihm ausgeschüttet hatte.

Bradhat mich mit sich zur Scheune genommen, als wir zuhause angekommen waren, wohl um mich aus der Schusslinie zu ziehen.

„Hör mal, Kleiner, mir ist es egal, ob Du mein Bruder bist, lieber ´ne Schwester wärst oder ein Kamillenbonbon! Wir gehören alle zusammen und wenn ich mal ein Mädel hier anschleppe, dann halt die Klappe, wenn sie Dir nicht gefällt, okay? Dann weiß ich Bescheid ohne dumme Sprüche! Paß mal auf, im Moment ist es ganz gut, wenn Du ´ne Weile nicht mit ´ner Puppe spielst oder Dich von Mom in Caren´s Sachen erwischen läßt, okay?“

Ich lag schon im Bett, als Caren später aus der Stadt zurückkam. Sie hatte mit Mom eine Auseinandersetzung in der Küche unten, die sich um mich drehte.

„Mom, die Erde wird sich weiterdrehen, aber Du kannst Jake das Leben mit Deinen Befürchtungen zur Hölle machen! Ehrlich, Mom, willst Du das? – Und wenn die Leute was zu stänkern hätten, Mom, Jake gehört zu uns! Und wenn sie uns nicht mehr kennen wollen, wie Du meinst, dann sind sie es nicht wert, dass wir sie kennen! Wenn sie riechen, dass Du Dich schämst, dann wird es so kommen, wie Du glaubst, daß es kommen muß. Würdest Du andere verachten, deren Kind ähnliches durchlebt, wie Jake?“

Als Caren die Küchentür hinter sich zuschlug und die Treppen herauf kam, knipste ich meine Nachttischlampe aus und heulte still in mein Kissen.

Ich verdankte es Vater o´Keefe, daß ich schließlich Orientierung und Hilfe bekam. Ihm gelang es, Mutter dazu zu bewegen, mich einem Arzt und Spezialisten vorzustellen, der im „Mother of God Memorial“ in der Stadt arbeitete. Doktor Joannson war selbst geweihter Priester, was Mom zuletzt überzeugte und in der Hoffnung hielt, eine zweite Meinung zu der des Gemeindepfarrers zu bekommen.

Ihre Enttäuschung war maßlos, als sie verstehen lernen mußte, dass bei mir weder eine moralische Verirrung, noch eine Absonderlichkeit, die auf das Wirken dämonischer Mächte zurück zu führen sei, vorlag, dass ich eines von hunderttausenden Mädchen weltweit sei, das mit dem Körper eines Jungen geboren worden war. Spontan sprang Mom aus dem Sessel auf, würgte und rannte aus dem Büro zur Toilette. In ihrem Körper war aus ihrer Sicht etwas entstanden, das wider die Natur war! Sie verfiel in einen Weinkrampf, als Dr. Johannson ihr das für mich angesagte Verfahren darlegte. Vater führte sie behutsam aus Dr.Joannson´s Büro. Caren und Brad traten ein, denen er erklärte, was er bereits meinen Eltern erläutert hatte.

Nach einer Gewöhnungszeit, in der ich auf das Leben als Mädchen vorbereitet werden sollte, um den Alltag als Mädchen zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, würde er das Ansetzen einer Hormontherapie befürworten. Mit Erreichen der Volljährigkeit sähe er die endgültige Geschlechtsangleichung als gegeben an.

Dann geschah aus heiterem Himmel, was nie hätte geschehen dürfen:

MeineSchwester Caren wurde von einem Unbekannten verschleppt, mißbraucht und ermordet.

Unsere Familie ging kaputt. Mutter kam der Arbeit auf der Farm Monat um Monat zunehmend müder und abwesender nach, Vater begann zu trinken und trank bald nur noch. Am Anfang kam der Deputy einmal im Monat vorbei, um uns zu berichten, dass es noch nichts Neues im Fall gab. Ich kapierte, daß er begonnen hatte, sich zu schämen und Brad, mein Bruder und Caren´s Zwilling, sagte ihm irgendwann: „Martin, tu Dir das nicht weiter an! Sobald es was gibt, bist Du sowieso der erste, der hier ist und wie es um Mom und Dad bestellt ist, weißt Du.“

„Sag mir Bescheid, wenn die Ernte anfängt, Brad! Ich komm rüber und helfe Euch!“, bot er an.

„Ok, fein von Dir!“, entgegnete Brad und wir wussten, daß das vonMartin nicht daher geredet war.

Genau vier Tage später kam er wieder auf den Hof.

„Dieses Arschloch hat erneut zugeschlagen! Drüben in der Nähe der Staatsgrenze wurde ein Mädchen genau im Alter von Caren damals entführt und, Ihr wißt schon…! Das Schwein ist ganz genauso vorgegangen, wie bei ihr. Dass es derselbe ist, haben die Laborleute vom FBI sicher festgestellt. Inzwischen sind ein paar Daten mehrzusammen gekommen. Seine DNA konnte mit insgesamt elf Fällen inVerbindung gebracht werden.

„Und,“ fragte ich vorlaut, „was hilft uns das weiter?“

„Laß es sein!“, ging Brad dazwischen.

„Ist schon gut!“, meinte Martin. „Zuerst einmal nicht viel, Jake, da hast Du schon recht! Aber mit jedem Datensatz, der da in Zusammenhang mit ihm kommt, lernen wir ihn besser kennen. Niemand kann am   über diesen Planeten und durch dieses Land ziehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Eine Ente kann keine Bärentatze in den Lehm drücken und ein Maultier keine Mustangspur machen. Selbst, wenn es mal so aussieht, ist das auch eine Spur, nämlich die, dass da wasfalsch ist, jemand etwas weis machen möchte. Verstehst Du, was ich meine?“

Martin kam tatsächlich und half bei der Ernte. Er wechselte sich mit Brad auf dem Mähdrescher ab. Vater hätte das nicht gekonnt, obwohl ihn die Nachricht, daß der Mörder wieder aktiv war, auf seltsame Weise aktivierte. Er trank, aber er begann die Zäune zu kontrollieren, mit Butch, einem beeindruckenden Schweißhund, den wir als Welpen von einem Nachbarn bekommen hatten, und der ihm nicht von der Seite wich. Er hatte die alte, vergessene Schrotbüchse vom Dachboden geholt, sie entrostet, geölt und bereit gemacht. Seit „General Lee“, ein beeindruckender Kater mit Kampfspuren an Ohren, der Maske und überall am Körper sich um unerwünschte Nager auf unserer Farm kümmerte, die Karnickelpopulation deutlich reduzierte und selbst Marder und Füchse vom Hühnerstall fernhielt, war die Waffe in Vergessenheit geraten. Sogar Großvater´s antiken Sharp-Karabiner hatte Paps wieder ausgekramt und begonnen Opa´s Spezialmunition für dieses Geschütz mit Opa´s ebenso antikem Werkzeug hierfür herzustellen. Wenn Vater seinen Weg an den Zäunen entlang machte oder mit demTruck, darauf Werkzeuge und Material, zu den Abschnitten fuhr, wo eine Reparatur notwendig war, hatte er neben Butch, immer die doppelläufige Schrotbüchse und eine Schachtel Patronen mit grobem Schrot dabei. Der Karabiner stand im Haus geölt und bereit im Waffenschrank. Da er mit dem Truck nur über die Weiden und über unsere Feldwege fuhr, kam er trotz Schnaps klar. Zuletzt hatte er sich von Mutter immer eine Thermoskanne mit schwarzem Kaffee und Sandwiches mitgeben lassen. Auch sie war froh, daß sich etwas an Paps Verhalten änderte.

Der Sommer ging zuende, die Felder in der Gegend waren abgeerntet und Mutter begann eben, sich um die Obstbäume auf Großmutter´s Obstwiese zu kümmern, die Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen und Marillen, die Oma und Uroma noch als Setzlinge aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten und sich hatten schicken lassen. Als Martin  vor dem Haus parkte und mit finsterem Gesicht ausstieg, war schon klar, dass sein Besuch keinen erfreulichen Grund hatte.

„HeuteNacht haben wir die kleine Samantha von den Sander´s unter dem Abfallholz von Bernie´s Sägewerk gefunden. Das Schwein hat versucht, den Haufen abzufackeln. Bernie hat es rechtzeitig gemerkt, das Feuer mit einem Löscher klein gekriegt und dann den Schlauch drauf gehalten. Er sah einen Typ davon rennen, und mit einem ziemlich neuen, roten Dodge-Truck wegrasen. Bernie meint, der Drecksack habe auf dem linken Bein gehumpelt, eine Basecap und normale Klamotten getragen. Die Leiche der Kleinen ist im Countyhospital. Das FBI ist auf dem Weg mit mobilem Equipment.“

Von nun an hatte Paps immer auch ein Fernglas und ein Handy dabei.

Dr.Joannson hatte bei mir mit der Hormontherapie begonnen und meine Gefühle fuhren mit mir Achterbahn. Mutter war es, die mir in dieser Phase half und mich in Schutz nahm, wenn ich Paps und Brad immer mal wieder nur zickend nervte und sie hochgingen wie Raketen, was ich widerum genoss und zugleich bedauerte. Von der Schule wurde ich für ein Jahr beurlaubt, denn die anderen Jugendlichen kamen nicht mit mir und ich mit ihnen nicht klar. Während bei einigen Jungs die ersten Barthaare zu sprießen begannen, blieb mein Gesicht glatt, meine Haut wurde weicher, ich setzte etwas Fett am Hintern, am Bauch, den Hüften, den Oberschenkeln und Oberarmen an und mir begann ein Busen zu wachsen. Meine Stimme blieb, wie sie war und irgendwie begann ich mich aus dem Gefühl heraus etwas anders zu bewegen ahmte zugleich die Bewegungen, Gesten, Mimik und Sprechweise anderer Mädchen daheim vor dem Spiegel nach. Ich nannte mich nun Jaqueline oder Jacky. Caren´s Kleider gefielen mir nicht mehr, ich fand andere besser und Mutter brachte mich in die Stadt zu einer Kosmetikerin, die mir beibrachte, mich zu pflegen und zu schminken, mit meinen Haaren, die inzwischen schulterlang waren, richtig umzugehen. Als ich dann zum erstenmal einen BH anlegte, geschah etwas eigenartiges: ich war derart erregt, dass ich ejakulieren mußte. Dr. Joannson erklärte mir, daß es völlig normal sei. Er bewunderte meine Entwicklung und Fortschritte, die ich machte. In der Schule wurde ich nach meiner Rückkehr aufgenommen, eine Zeitlang neugierig beäugt und von einigen auch verspottet. Als ich mit allem aber recht normal und unaufgeregt umging, trat Ruhe ein, und ich wurde von den Mädchen mit einer Ausnahme als eine der ihren akzeptiert.

Die Trauer um Caren blieb präsent in unserem Haus und mir wurde deutlich, wie sehr ich sie als Schwester, als Mädchen gebraucht hätte, um mit ihr all das zu teilen und zu besprechen, wozu Mutter inzwischen zu alt war. Sie ging wirklich liebevoll mit mir um, aber oft hatte ich das Gefühl, daß sie mich mehr als Caren und weniger oder gar nicht als Jaqueline sah.

Martin war wieder einmal ein Wochenende bei uns gewesen und hatte Brad und Paps bei der Ernte geholfen, auch wenn er längst Sheriff war und Paps nur noch trank, wenn es etwas zu feiern gab, oder ihm nach einem Schluck zur Stärkung war.

„Jacky,“ hatte Martin mir zum Abschied am Sonntag Abend gesagt, „Du bist ein schönes Mädchen geworden, und ich möchte Dir einfach nur sagen: „Pass auf! Der Kerl, der Deine Schwester und andere überfallen und umgebracht hat, ist immer noch auf freiem Fuß, soweit wir wissen. Außer ihm gibt es aber noch weitere Raubtiere, die auf Beute aus sind! Ich will Dir keine Angst machen, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!“

In der Woche darauf, als Paps nach einigen Erledigungen aus der Stadt zurück kam, zeigte er mir eine kleine Pistole mit zwei übereinanderliegenden Läufen, die abwärts geknickt werden und so mit je einer Patrone geladen werden konnten.

„Trag die bei Dir, Schatz! Sie ist leicht zu verstecken und schnell in der Hand, wenn es sein muß!“

Er meinte es gut, aber ich erschrak.

„Nur für den Fall!“, sagte Paps legte eine Schachtel mit Munition dazu und meinte: „Hinter der Scheune kannst Du mit dem Ding üben. Wenn Du etwas Sicherheit hast, siehst Du es anders.!“

Ich tat ihm den Gefallen und gab tags drauf zwei Schüsse auf eine Scheibe an der Scheunenwand ab. Die Patronen wirkten klein und niedlich, aber es hatte gereicht, zwei Löcher in die Bretter derWand zu schlagen, eines unter der Scheibe, eines weit daneben. Damit konnte ich nur Unheil anrichten. So ließ ich die Waffe daheim in einer Schublade meiner Kommode liegen.

Von Zeit zu Zeit kam ein bunt bemalter Pferdewagen durch die Gegend. Eine alte Frau in ebenso bunter, seltsamer Kleidung und klimperndem Goldschmuck kam auf diese, dann auf jene Farm gefahren, bat darum, ihren Wagen auf dem Gelände für ein paar Nächte stehen lassen, und ihr Zugpferd auf einer Weide frei grasen lassen zu dürfen. Die Bauern gaben ihr auch Heu und Hafer für das Tier und ließen es frei an die Tränke. Ich kann nicht sagen, ob die Alte nun eine echte Zigeunerin war, eine einsame Indianersquaw oder eine der immer noch herum streunenden Hippiemädchen, die wahrscheinlich bis zu ihrem Tode ihren Träumen und Visionen auf der Fährte blieben, gelenkt von der einen oder anderen Droge, die sie gelernt hatten in der Natur zu finden. In diesem Herbst lenkte sie ihren Wohnwagen auf unsere Farm und wir ließen sie mit ihm hinter der Scheune Quartier beziehen. DieWeide war offen und schloß Mutter´s Obstwiese mit ein. An derScheune war auch die alte Tränke, und es gab einen fast kniehohenSteinkreis, in dem gefahrlos ein Feuer brennen konnte. Brad holte den alten rostigen Dreifuß aus dem Schuppen, mit dem ein Kessel oder ein Rost über den Flammen oder der Glut gehalten werden konnte. Neben der Scheune gab es auch drei Plumpsklos, die wir für die Saisonarbeiter angelegt hatten. Der Alten gefiel alles sehr gut und sie lächelte gern, was einige Bewegung in ihre Falten brachte. Sie nannte sich Madeleine de la Rouge und ihrem Akzent nach mochte sie tatsächlich aus den Südstaaten, Louisianna, oder so, kommen. Wenn sie abends am Feuer saß und leise seltsame Melodien summte, Lieder sang ,die sich anhörten, als seien sie in einer anderen Zeit in fremden Ländern entstanden, fühlte ich mich angezogen und schlich mich in ihre Nähe.

Beim Abendessen hatte Brad erzählt, daß er von Martin gehört habe, dass die Alte hin und wieder jemandem aus der Hand, von den Augen oder aus Karten gelesen habe, ohne Geld zu verlangen und auch nur, wenn jemand sie darum bat. Reverend Wendel Brown habe seine Gemeinde gewarnt und sie sogar als Hexe bezeichnet. Vater o´Keefe hatte berichtet, daß es in seiner alten Heimat in Übersee viele solcher Frauen gäbe, dieMenschen die Zukunft eröffneten.

„Natürlich kennt nur der Herr, aller Menschen Zukunft!“, hatte er besorgten Leuten erklärt, „aber was ist mit Euch, wenn ihr seht, daß eine Kuh lahmt? Woher wollt ihr wissen, dass es dem Tier bald elend ergehen kann, wenn ihr nichts unternehmt,  nicht den Arzt holt? Ah, sagt Ihr, ist doch klar: das weiß man doch! Hat Euer Vater, Euer Großvater auch schon gewußt? Woher? – Na, seht Ihr! Diese Frau tut nichts anderes. Sie sieht Dein Gesicht, Pinter und sie weiß, daß Du zuviel trinkst und sie sagt Dir, daß Du Probleme haben wirst. Wenn das so ist, dann ist unser guter Doktor Potter auch ein Hexer, ja?“

„Sie hat Erica Simmons gesagt, sie würde Zwillinge in diesem Jahr zur Welt bringen und so war es dann auch!“, hatte eine Frau dagegengehalten. „Okay, was ist mit Ryan? Immer, wenn er Schmerzen in seinem Bein bekommt, das er nicht mehr hat, sagt er, daß das Wetter schlecht wird und manchmal sagt er sogar, dass ein Sturm käme, und er hat recht. Oder was ist mit Euren Tieren, wieso verhalten die sich eigenartig, wenn ein Unwetter droht? Weder Ryan noch die Tiere stehen mit Satan in Kontakt! Ihr kennt die Worte: Wetterfühligkeit und Instinkt!“

Nach dem Abendbrot kontrollierte ich nochmal den Hühnerstall und sah tatsächlich zwei Marder, die blitzschnell verschwanden, als ich auftauchte. Danach ging ich zum Feuer hinüber, wo die Alte saß. Als sie mich wahrnahm, winkte sie mich zu sich herüber, und ich setzte mich neben sie auf eine alte Obstkiste.

„Hi,“sagte ich, „ich bin Jackie“.

„Es ist ein wundervoller Abend, nicht wahr?“, entgegnete sie.

„Ja, ichweiß!“, fuhr sie fort. „Du hast einen Weg hinter Dir, um soweit gekommen zu sein und da ist noch eine Strecke vor Dir, bis Du eins bist mit Dir.“

Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken, wie sie so sprach, obwohl ihre Stimme angenehm und in keiner Weise bedrohlich klang.

„Man sagt, Sie können Menschen die Zukunft vorhersagen? Stimmt das?“ Mir klopfte das Herz laut, als ich sie fragte.

Ich konnte ihr Lächeln sehen, als säße ich ihr gegenüber.

„Willst Du das? Willst Du wirklich Deine Zukunft kennen?“, klang es gütig.

„Eigentlich nicht wirklich.“, gab ich zu. „Aber neugierig bin ich schon ein bißchen.“

Sie schwieg eine Weile. Schließlich zog sie eine flache Metalldose aus der Tasche ihres weiten Rocks, die im Licht des Feuers schimmerte.Sie entnahm der Dose einen länglichen Gegenstand, eine Art Zigarillo aber unebenmäßig geformt und gebogen. Sie steckte ihn sich zwischendie Lippen, hielt dann einen trockenen Zweig ins Feuer, führte dieFlamme zu ihrem Gesicht und entzündete damit paffend ihr Rauchwerk. Der Gestank, der von dem Qualm ausging war bestialisch, aber nur einen Moment lang, dann schien er sich in einen Duft zu wandeln, der in unserer Küche und im ganzen Haus schwebte, wenn Mutter mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen begann.

Sie paffte noch einige Male, dann wandte sie sich mir zu und ihre Augen schimmerten im Licht des Feuers.

„Geh bitte in Dein Zimmer und bringe mir, was Du in Deiner Kommode versteckt hast.“, kam es ganz ruhig und selbstverständlich von ihr. Bevor ich mich noch wirklich wundern konnte, war ich bereits aufgestanden und machte mich auf den Weg zum Haus. Alle saßen in derKüche, waren in ein Gespräch vertieft und schienen mich gar nicht zu bemerken, obschon die Stufen hinauf knarrten. Ich holte den Derringer und die Schachtel mit den Patronen, verließ das Haus unbemerkt, eilte zum Feuer und übergab der Alten die Dinge.

„Du hast recht getan! Dieses Zeug löst keine Probleme. Sie griff in die Schachtel und dann warf sie die Patronen ins Feuer. Ich zuckte zusammen, denn jetzt mußte es laut und gefährlich werden. Statt dessen glaubte ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Aus den Flammen erhob sich eine kleine Wolke Glühwürmchen!

„Viel schöner, nicht wahr?“, meinte die Alte und nahm einen weiteren Zug ihres glimmenden Zigarillos. In ihren Händen hielt sie die kleine Waffe und bewegte sie hin und her, als wolle sie die kneten. Ungewollt atmete ich etwas von dem Rauch ein, den sie in die Nacht blies und mir wurde ein klein wenig schwindlig. Als ich wieder auf ihre Hände blickte, schien helles, blaues Licht zwischen ihren Fingern hervor zu brechen. Sie knetete weiter, und dann hielt sie ein, öffnete die Hände und ich sah dort, statt des Derringers, eine kleine durchsichtig blau schimmernde Kugel liegen.

„Nimm!“, sagte die Alte. „Trag sie bei Dir. Wenn es soweit ist, wirst Du wissen, was Du mit ihr zu tun hast!“

Ihrer Stimme, so sanft und warm sie auch war, konnte ich klar den Wunsch entnehmen, zu schweigen und nicht zu fragen. Ich nahm die Kugel an mich, steckte sie in meine Hosentasche und war schon fast vor der Haustür, als ich feststellte, daß ich mich weder bedankt noch verabschiedet hatte, hatte aber das sichere Gefühl, dass die Alte das auch gar nicht erwartete.

Als ich im Bett lag sah ich das Gesicht der Alten so deutlich vor mir, als säße sie auf der Bettkante und beuge sich zu mir hinab.

„Schlafe gut und sei behütet!“

Beim Frühstück überraschte uns Brad mit der Nachricht, daß die Alte wohl noch in der Nacht aufgebrochen und weitergereist sei.

„Sie hätte sich wenigstens verabschieden können!“, meinte Mutter.

„Hat sie, und besser!“, sagte Brad, faßte Mutter bei der Hand, führte sie durch die Küchentür hinaus und zeigte ihr die Bienenstöcke unter den Obstbäumen.

„Es ist doch Herbst!“, meinte Mutter.

Die Waben sind voll, die Körbe sind winterfest. Wenn der Frühlingkommt, geht es richtig los!“, lachte Brad. Vater kratzte sich am unrasierten Kinn.

„Hast Du nicht kürzlich erst gesagt, daß wir uns mal wieder ein paar Bienenvölker anschaffen sollten, Margreth?“

„Unheimlich ist das schon.“, entgegnete Mutter, und ich erhaschte von der Seite, wie sie hastig ein Kreuzzeichen schlug.

Von Zeit zu Zeit zog ich die blaue, immer etwas kühle Kugel hervor und betrachtete sie. Da war nichts besonderes an ihr zu entdecken. Ich hätte nicht sagen können, aus welchem Material sie sein mochte. Manchmal schien sie aus Glas, dann aus Kunststoff oder einem Gel zu sein. Ich hielt sie verborgen, ließ sie niemanden sehen, denn ich hatte das eigenartige Gefühl, dass das, was sie darstellte, verloren gehen könne. Ich hatte die Patronen zu Glühwürmchen werden sehen!

Dem knallharten, eisigen Winter folgte urplötzlich ein sich milde und mit weichem Licht ankündigender Frühling. Die Natur brach sich Bahn, Felder und Wälder ergrünten und Blumen setzten bunte Flecken in das einzigartige Gemälde unserer kleinen Welt. Im Sommer sollte ich in die Großstadt zu Tante Wanda ziehen, um eine der gepriesenen Highschools dort zu besuchen. Ich hatte keine Lust dazu, fühlte mich wohl in unserer Gegend. Die Highschool in der Stadt war keinesfallsübel, aber Mutter hatte auch Caren zu Wanda schicken wollen. Sie hatte irgendwie diesen Hang zum Höheren. Dr. Joannsen war anhand meiner Entwicklung zu dem Entschluß gelangt, meinen Eltern die geschlechtsangleichende Operation bereits unmittelbar zum Erreichen meiner Volljährigkeit vorzuschlagen. Meine Brüste hatten sich zunatürlicher Form und Beschaffenheit entwickelt, mein Hintern war voller, aber mein Becken war eben das eines Mannes und nicht das einer Frau. „Da könnte man Angleichungen machen, aber ich rate ab. Von den Kosten mal ganz zu schweigen!“, sagte er. „Mit Deinem Gangbild, Deiner Gestik, Motorik, Mimik machst Du ohnehin mehr, als ein Messer leisten könnte. Ich fühlte mich selbst tatsächlich auch als echte Frau, hatte aber den ein oder anderen Verehrer bereits abgewiesen, denn ich wollte mit dem Sex warten, bis er mir auf die authentischste Weise möglich sein konnte. Ich hatte Angst davor es so zu tun, wie es Männer und Jungs miteinander tun, wenn sie sich ineinander verlieben. Brad hatte mir auf dem PC Bilder gezeigt. Einige hatte ich sehr erregend gefunden, aber andererseits auch befremdlich.

Es war an einem Mittwoch, der Nachmittagssport fiel aus, da unser Lehrer sich bei einem schweren Sturz mit dem Fahrrad einen Arm und das Becken gebrochen hatte. Die anderen fuhren mit dem Bus, ich wartete auf Mom, die mich abholen und die Gelegenheit nutzend, mit mir  paar Erledigungen in der Stadt machen wollte. Sie kam nicht, ihr Handy schien nicht zu funktionieren, wahrscheinlich hatte sie, wie so häufig, mal wieder versäumt den Akku aufzuladen. Frau Coen, eine Chemielehrerin an unserer Schule nahm mich bis zum Abzweig zur Nachbarstadt mit, wo sie einen Termin bei einer Behörde hatte. „Ich würde Dich gern heim bringen,“ entschuldigte sie sich, „aber der Termin ist völlig wichtig!“

„Kein Problem, von hier sind es nur so 20 Minuten zu Fuß, bis nachhaus.“, beruhigte ich sie.

Ich war vielleicht zehn Minuten gelaufen und erreichte eben das kleine Waldstück, durch das ein Weg zur Farm der Dalton´s führte, als ich einen Wagen hinter mir bremsen hörte. Ich drehte mich um, der Typ hinter der getönten Scheibe gab leicht Gas und drängte mich seitlich ab. Der Truck war verdreckt, aber klar als Dodge zu erkennen, durch den Schmutz stellenweise rote Farbe zu sehen. Mir klopfte das Herz bis zum Hals und ich wollte in Panik den Weg Richtung Farm flüchten. Der Typ gab heftig Gas, der Wagen erfasste mich und schleuderte mich in ein Gesträuch. Mit dem Kopf schlug ich auf einen harten Gegenstand und mir wurde schwarz vor Augen. Ich erwachte in Panik, denn ich war dabei zu ersticken. Auf mir hockte ein Mann, hielt meine Kehle brutal mit einer Hand umschlossen und begann mit der anderen mir die Jeans und den Schlüpfer herunter zureißen.

„Ja, was haben wir denn hier?“, keuchte er geil und packte meinen Penis und den Hodensack, knetete meine Geschlechtsteile, daß mir vor Schmerz die Tränen kamen und ich wimmerte. Brutal warf er mich auf den Bauch, riß mir die Schenkel auseinander, keuchte, holte sein Ding raus und warf sich auf mich. In diesem Moment kam mir die Kugel in den Sinn, die ich in der Hosentasche der Jeans mit mir trug. Mit aller Kraft drehte ich mich seitwärts. Er stürzte auf die Seite,ich griff in meine Tasche, bekam die Kugel zu fassen und hielt sie in der Faust. Er ohrfeigte mich brutal legte sich erneut auf meinenRücken und drängte sein hartes Glied gegen meinen Anus. Der Schmerz als er mich penetrierte war unerträglich und mit aller Kraft der Verzweiflung bäumte ich mich auf, warf ihn ab und er kam auf dem Rücken zu liegen. Als er so vor mir lag wußte ich genau, was mit der Kugel zu geschehen hatte: ich preßte sie gegen sein Loch undschob sie ihm wie ein Zäpfchen ein. Er bäumte sich auf, schrie perverses Zeug, bewegte sich kreischend über den Boden, als wolle er die Erde penetrieren. Ich erhob mich, wankte zur Straße, wo sein Truck in den Graben gerollt war. Der Streifenwagen des Sheriffs hatte sich hinter ihn mit blitzenden Alarmlampen gestellt. Martin kam herausgesprungen, ich winkte ab und wies in Richtung der Schreihe.

Martin packte den Irren, der tobte als stünde er auf glühenden Kohlen, legte ihm mit großer Mühe Handschellen an und zerrte ihn auf die vergitterte Rückbank seines Wagens. Er schrie weiter das perverseste Zeug, hatte übel stinkenden Schaum vor dem Mund, onanierte wild bis sich Blutfontainen ergossen.

„Das ist ekelhaft!“, brachte Martin hervor. Dann flog plötzlich die Tür des Fonds aus den Angeln, der Irre sprang ins Freie, sprang, wie eineSpiralfeder zum nächsten Baum krabbelte in unglaublicher Geschwindigkeit wie eine Spinne am Stamm hinauf. Martin zog  und schoß wirkungslos hinterher. Mit einem zirpenden Aufschrei sprang das, was unmöglich noch ein Mensch sein konnte hinab. Als es aufschlug, war eine Erschütterung zu spüren, dann öffnete sich ein Spalt. Das, was ein Mensch gewesen sein mochte, begann sich in eine Art blauen Nebel aufzulösen, der vom Spalt eingesogen wurde, spurlos verschwand. Wieder wurde mir schwindlig. Martin fing mich auf.

Ich bin eben in meinem Bett erwacht. Jemand rüttelt an mir. Über mir sehe ich Carens Gesicht.

„Hey, Schlafmütze, aufstehen, mach Dich fertig, sonst kannst Du sehen, wie Du zur Schule kommst! Und eines sag ich Dir zum letztenmal: Lass Deine Finger von meiner Wäsche, hörst Du? Ich hab Dir schon mal gesagt: besorg Dir endlich Tampons, und Slipeinlagen! Den Slip wäscht Du diesmal und wenn Du noch mal in meine Schubladen greifst, setzt es etwas, kleine Schwester, hin oder her!“


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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