12 Mandala VI

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EinenTag nach Auslaufen der Mandala IV tauchten drei Piratenboote auf und näherten sich stetig von achtern. Auf keinen Fall würden es sich die Anführer entgehen lassen, eine so hochwertige Motoryacht in die Finger zu bekommen. Die See war unruhig, aber Hand brachte sein Boot auf Dreiviertel Kraft. Es sprang wie ein Rodeopferd auf den Wellen und die Distanz zu den Piraten begann sich leicht zu vergrößern. Er aktivierte den Autopiloten und stieg in die Kabine hinab, um sich zu bewaffnen, denn eins war klar, leben lassen würden Sie ihn nicht. Die alte Kalashnikov, die ihm ein Beduine mal als Bezahlung für die Passage seiner Frau und seiner beiden Kindern nach Norden samt einer Tasche mit gefüllten Magazinen überlassen hatte, machte nicht den vertrauenswürdigsten Eindruck, aber diese Waffen waren robust, nicht immer zielgenau aber im Nahkampf absolut tödlich. Oben im Führerstand stellte er fest, daß die Boote wieder näher herangekommen waren. Sie mussten das allerletzte aus den Motoren herausholen. Es war riskant, auch wenn die Mandala solide konstruiertund gefertigt war, aber er ging nun auf volle Kraft. Wütend begannen die Piraten zu schießen und tatsächlich konnte er einige Treffer hören, wahrscheinlich ließen die einfach nur Magazin um Magazin aus einem Duzend Waffen rotzen, denn das bewegte Meer ließ keine gezielten Schüsse zu. Jetzt musste er das Boot selber führen, und er schaltete den Autopiloten ab. In diesem Moment gab es steuerbord eine Explosion. Sie begannen mit Panzerfäusten zu feuern, und er hatte keinen Zweifel, dass sie damit bestens bestückt waren. Es hieß die Nerven zu bewahren und so hielt er Kurs, machte hin und wieder in unregelmäßigen Abständen kleine Schlenker nach links oder rechts, was sich auszahlte, ein halbes Duzend Granaten explodierten in deutlichem Abstand. Kurz darauf hörte er eine erhebliche Detonation, der Heckmonitor zeigte einen Feuerpilz und auf dem Radar verschwanden zwei Punkte. Er ging davon aus, dass sich zwei der Boote beim wilden Manövrieren gerammt hatten. Das dritte Boot blieb hinter ihm und dann zeigte das Radar ein weiteres Boot, das mit erheblicher Geschwindigkeit von der Küste her auf ihn zuhielt. Er schaltete alle Lichtquellen aus, dimmte die Displays herunter, denn dass dieses Fahrzeug, mutmaßlich ein Speedboat über Radar verfügte, konnte er sicher ausschließen. Die Sicht war katastrophal, der Himmel mit dichten schwarzen Wolken bedeckt, nur die Lichter und Suchscheinwerfer an der steuerbordseitigen Küste waren erkennbar vor denen die Mandala jedoch als Silhouette sichtbar werden konnte. Er stoppte, um sie nicht durch Bewegung vor den Lichtern einer Entdeckung auszusetzen. Das ihn verfolgende Boot fuhr kurz darauf in verhaltendem Tempo und klarem Abstand an der Mandala vorbei. Er war froh, dass er bislang zu faul gewesen war, die Folien mit der Tarnmusterung zu entfernen, die auf Rumpf und Aufbauten einschließlich der Fenster für das Fotoshooting einer Modeagentur aufgebracht worden waren; die weiße glänzende Bootslackierung, die reflektierenden Scheiben wären auch in dieser Dunkelheit mit dem geringsten Licht aufgefallen. Es mußte ein verhängnisvollesMißverständnis zwischen beiden Booten gegeben haben, denn plötzlich explodierte jenes, das ihn eben passiert hatte. Im grellen Licht der Explosion mußte auch die Mandala für die Piraten im Speedboat sichtbar geworden sein, denn es nahm Fahrt auf und steuerte auf ihn zu. Er schmiss die Motoren an und trieb sie auf volle Fahrt. Eine Chance dem Speedboat durch Geschwindigkeit zu entkommen hatte er nicht, aber in den letzten Stunden hatte er schon manche nicht vorhandene Chance mit Glück wahrgenommen. Nun steuerte er die Mandala genau auf das Speedboat zu, dass bereits so nahe gekommen war, daß es nur mit einem riskanten Manöver ausweichen konnte, bei dem es hart gegen eine anrollende Welle schoss, die es zum Kentern brachte. Noch im Wasser treibend schossen einige Piraten der Mandala hinterher.

Hand schaltete erneut den Autopiloten auf Zielkurs und behielt das Radar im Auge. Fünfzehn Minuten später hatte er eine Ortung vor sich. Er richtete den Suchscheinwerfer aus und entdeckte ein Schlauchboot mit Aussenbordmotor. Jemand hielt eine an einem Paddel befestigte Metallplatte hoch auf der „Help!“ geschrieben stand. Hand stoppte, leuchtete die Umgebung ab, aber da war kein anderes Boot und auch keine Männer mit Schwimmwesten und Waffen zu sehen. Mit der Kalashnikov schußbereit in Vorhalt und einer Stablampe in der anderen Hand, blickte er vom Bug der Mandala hinunter ins Schlauchboot. Ausser einer verschleierten Frau, die das Schild beiseite gelegt hatte und nun ein weinendes Baby in ihren Armen hielt, war niemand auf dem Boot. Er nahm das Baby entgegen und half dann der Frau an Bord, die sich überschwänglich bedankte, übergab ihr das Kind und forderte sie auf, entlang der Reling zum Abgang inden Kabinentrakt zu gehen. Er schaltete auf Autopilot und brachte die Mandala wieder auf halbe Kraft. Bis zur nächsten Kontrolle hatte er gut und gerne zehn Minuten. Er zeigte der Frau die Dusche, schloss sicherheitshalber die Küche mit der Vielzahl an Messern ab, denn irgendwo im Netzwerk seiner Synapsen blinkte etwas wie ein rotesWarn-LED.

Erforderte die Frau auf, sich ihrer Verschleierung und des langen vomHals zu den Füßen reichenden Gewandes zu entledigen, worauf sie erst tat, als verstünde sie nicht und dann auf arabisch auf ihn einjammerte und schrie.

„Okay!“,entgegnete er auf Englisch, „Nimm Dein Baby, geh zurück auf Dein Boot! Ich reiche Dir gleich noch etwas Brot und Wasser. Du kannst nicht auf meinem Schiff bleiben!“ Daraufhin jammerte sie noch lauter, warf ihm vor, sie vergewaltigen zu wollen, ihre Ehre zu schänden. Er winkte ihr mit der Waffe, seinem Befehl nachzukommen.Plötzlich war der Schleier weg und auch das Gewand unter dem sich weitere Kleidungsstücke, Bluse, Rock und Hose befanden. Das kleinerote Warn-LED blinkte weiter.

„Ich traue Dir nicht!“, sagte er und verlangte, sie solle sich auch derBluse und der Hose entledigen. Erneutes Geschrei, Fluchen und Jammern folgte.

„Nimm Deine Sachen, das Baby und geh auf Dein Boot!“, wiederholte er. Nun, dass er herzlos, ein Schwein und vieles andere sei, hatte er schon gehört. Das Baby begann zu schreien, sie nahm es und legte es sich an die Brust. Er nutzte die Gelegenheit, um die nächsteKontrolle des Radars und des Kurses durchzuführen. Gerade beugte ersich über den Radarschirm, da glaubte er eine Bewegung hinter sich wahrzunehmen, dann waren seine Kehle und die Halsschlagadern schon durchtrennt. Er nahm noch sehr deutlich wahr, wie sie lachend triumphierte und ihn vom Schiffsführerstand ins Meer stieß.

„DuIdiot!“, dachte er, und dann glitten Bilder in schneller Folge an ihm vorbei, es blieb die Sorge um seine Julie.

EinigeTage später wurde seine aufgedunsene und angefressene Leiche von einem iranischen Küstengrenzschutzboot treibend im Meer entdeckt. Aufgrund seiner auffälligen Oberarmtättoowierung, die das Wappen und die Bezeichnung einer britischen Einheit zeigte, konnte er schnell identifiziert werden.

Als sie ihn von Bord gestoßen hatte, versuchte sie das Boot unter Kontrolle zu bekommen, was ihr nicht gelang. Die Steuerung des Bootes war durch einen fünfstelligen Code geschützt, der über denZahlenblock der Tastatur eingegeben werden musste. Sie zog ein Handy aus ihrem Schlüpfer, wählte hektisch eine Nummer und sprach eindringlich und abgehackt. Eine halbe

Stunde später ging ein Boot längsseits, von dem aus sie aufgefordert wurde zu stoppen. Als die Piraten begriffen, daß ihr das nicht möglich sei, brachten sie ihr Boot so nahe wie möglich an die Bordwand der Mandala und versuchten springend nach der Reling zu greifen und sich an Bord zu ziehen. Einer scheiterte und trieb ab in die Dunkelheit. Die Männer, die an Bord gelangt waren, vertäuten ihr Boot mit der Mandala, die stetig weiter auf dem vorgegebenen Kurs blieb. Einer der Piraten schien sich mit der Technik an Bord auszukennen, zerschlug aber zuletzt frustriert die Displays, als er sich keinen Zugriff verschaffen konnte. Kurz darauf wurden die Mandala und das im Schlepptau befindliche Piratenboot von den taghellen Suchscheinwerfern zweier iranischer Patrouillenboote erfaßt, von denen über Lautsprecher auf Arabisch und Englisch mehrfach die Aufforderung ausging, sofort zu stoppen. Zwei oder drei Piraten begannen auf die Scheinwerfer zu feuern. Die Antwort kam prompt. ZweiGranaten der Bordgeschütze schlugen in die Mandala ein, die Explosionen rissen ein gewaltiges Loch in die Bordwand und besiegelten das Ende der Motoryacht. Zwei weitere Granaten brachten das Piratenboot zur Explosion und gaben der Mandala den Fangschuß.

DerKommandant der beiden Patrouillenboote salutierte vor seinem Vorgesetzten und gab seinen Bericht.

 „Dasgrößere Boot hatte eine militärische Tarnbemalung, Sir! Ich mußte davon ausgehen, es mit einem Kriegsfahrzeug zu tun zu haben, das versuchte, in unsere Hoheitsgewässer einzudringen. Als wir beschossen wurden, gab ich Feuerbefehl.“

„Die jungen Leute!“, dachte der Oberst. „Welcher Soldat wird ein Kriegsschiff offen in feindliches Hoheitsgewässer steuern?“

Nach seiner Beisetzung daheim in Hartlepool, besuchte er noch einmal das Denkmal des gehängten Affen, bei dem er und seine Freunde sich immer getroffen hatten, und die HMS Trincomalee, auf der ihm sein Großvater von der großartigen Geschichte der britischen Seemacht erzählt hatte und sein Interesse an der Seefahrt geweckt hatte. Julie, seine Verlobte, die er mit der Mandala von Kreta zur Heimreise und Hochzeit hatte abholen wollen, stand, von seinen Eltern gestützt am Grab und es war ihm möglich einen kurzen Blick in ihre Zukunft zu tun. Beruhigt ließ er los und machte sich auf den Weg zum Wrack seiner Mandala, wo er sich in der Kapitänskajüte zum Schlafen legte und durch den Traum seines Lebens schwebte.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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