13 Ingeborg Demand

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Der alte ungepflegte Sack, der da gegen halb vier Uhr aus Ingeborg´s Hinterhofkellerkneipe die Treppen hinauf stolperte, und oben angelangt erst einmal eine gewaltige Blähung frei ließ, hatte so gar nichts an sich, was nicht abstoßend, ekelerregend, verachtenswert war. Hätte sich jemand in diesem Moment auf dem Hinterhof oder hinter einer der Fensterscheiben ringsum befunden, er hätte sich zumindest gewundert, wie Ingeborg sowas in ihre schnuckelige Kneipe überhaupt hinein gelassen haben konnte. Mancher wäre versucht gewesen, diesen Kerl gleich wieder die Treppen hinab zu schubsen.

So aber passierte gar nichts und ausser dem schürfenden Schlurfen seiner abgelatschten Schuhe auf der feinen Schlacke, mit der der Hof bedeckt war, gab es nichts zu hören. Es stank wie Pesthauch. Die geborstene Leuchttafel mit einer Schnapswerbung und dem Hinweispfeil, neben dem „Ingeborg´s“ aufgemalt war, flackerte noch einmal auf und erlosch. Ingeborg räumte auf, leerte die Aschenbecher, dimmte den Abzug auf leisen Nachtbetrieb, spülte den Berg leerer Gläser in der Spüle, eine Maschine hatte sie nur in der Küche, wo sie das Geschirr nach dem groben Abspritzen zur Endreinigung einstellte. Gläser, das war ihr Gefühl, gehörten einfach nicht seelenlos automatisch gewaschen. Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis sie auch das letzte Glas rein glänzend wieder in die Vitrine eingestellt hatte. Sie gönnte sich nun selbst die erste Zigarette des Tages, ein weiteres Ritual, mit dem sie sich strukturiert hielt. Diese Zigarette genoss sie mit ganzem Herzen und aller Lust. Früher hatte sie wenigstens vierzig, meistens aber achzig Glimmstengel „gefressen“. Eines nachts war es ihr nach einer anstrengenden Hustenattacke in denKopf gekommen, genau das zu tun, was sie inzwischen seit gut zwanzigJahren immer wieder versucht hatte in die Tat umzusetzen. Das Eigenartige war nach dem Entschluss diesesmal, dass sie nicht einen Tag mit den Problemen zu kämpfen hatte, die jeder kennt, der mit dem Rauchen aufhört. Etwas über fünf Kilo hatte sie zugenommen, bald aber die und weitere fünf abgenommen. Es war so: nahm sie sich tatsächlich etwas vor, machte sie es einfach, und es gelang. Gab es Probleme, schaffte sie die beiseite und gut.

Sie duschte noch kurz, fasste das nasse Haar mit einem Handtuch zusammen, das sie zu einem Turban wickelte. Rechtschaffen müde schlief sie ein, kaum, daß sie in ihrem Bett lag, kurz von sanft dahin tänzelnden Bildern und Gedanken begleitet.

Gegen zwölf Uhr wachte sie auf, noch bevor der Wecker die Klingklangmelodie leise in den Raum eintönen ließ, die sie auf der Stelle in eine gute Stimmung versetzte. Sie stand auf, ging ins Bad und sah gerade noch, wie sich Elise, die dicke schwarze, haarige Spinne zwei Silberfischchen in der Badewanne einverleibte.

„Brav, Liseken!“, meinte sie. „Danke, daß Du Dich um das Krabbelzeugs kümmerst! Bitte sei doch so gut, Mutti ist ein bißchen in Eile heute. Muß in ´ner Stunde beim Arzt sein, dann zum Finanzamt was klären, dann noch Schnaps, Wein,Wasser kaufen, der Fritzen wird mir zu teuer mit seinem Lieferservice und Oma Hanke wird dann auch schon warten, daß ich die Buletten abhole. Heute wollte sie doch mit der Kleenen von Augusta in den Zoo.“

So, als ob das Tier Ingeborg verstanden habe, sprang es auf den Wannenrand, von dort auf die Badezimmermatte und verschwand huschend aus dem Bad. „Schönen Tag noch, Liseken!“, rief Ingeborg ihr hinterher. Der Anblick dieses insgesamt doch recht beeindruckenden Exemplars verursachte ihr immer noch ein unbehagliches Kribbeln in der Magengrube, aber bei weitem nicht mehr die Panik, die sie bei der ersten Begegnung mit ihr ergriffen hatte. Liseken räumte auf: Mücken, Fliegen, Käfer, andere Spinnen, Nachtfalter, eklige Tausendfüßler und Ohrenkneifer hatten keine Überlebenschancen in Liseken´s Territorium. Manchmal, wenn Ingeborg mal an einem freien Montagabend auf der Couch im Wohnzimmer vor der Glotze lag, und ihr Blick auf eine Veränderung im Muster des Teppichs gezogen wurde,dann war das Liseken, die irgendwo dort auf der Lauer gelegen hatte und sich nun entweder auf ein Opfer zuschlich oder zum Sprung ansetzte.

„Wie eine Katze, eigentlich!“, dachte sie. Vor Liseken hatte Ingeborg tatsächlich darüber nachgedacht, sich eine Katze zuzulegen. Es war immer daran gescheitert, dass sie überzeugt war, zu wenig Zeit für so ein Tier aufbringen zu können und sie es einfach nicht fertigbrächte, so ein Würschtl in ein Heim zu bringen, wenn sie sich einmal oder zweimal im Jahr einige freie Tage in Bayern oder an der See gönnte.

Sie nahm ein kurzes Sitzbad in der Wanne, brauste sich, genoß den Duft des Duschgels, das Gefühl des Naturschwamms auf ihrer Haut und die Frische des Luftzugs, der vom gekippten Fenster her in den Raum strömte, als sie sich aus dem warmen Wasser erhob und die Wanne verließ. Irgendwie breitete sich ein schönes Gefühl von Zufriedenheit in ihr aus. Ja, sie hatte sich ein manierliches Leben aufgebaut, hatte es geschafft, sich aus dem Schmutz, den Abhängigkeiten, der Gewalt und Ausnutzung zu befreien, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Sie hatte ihren Preis bezahlt, ihre Lektionen gelernt und im entscheidenden Augenblick instinktiv die, für sie einzig richtige, Konsequenz gezogen, getan, was sie hatte tun müssen! Einen bitteren Herzschlag lang spürte sie Trauer, den immer gleichen Schmerz, der, das war ihr gewiß, sie bis an ihr Ende nicht verlassen würde.

Als sie aufbrach, verließ sie das Haus über den Kneipeneingang und den Treppenaufgang zum Hof, wo ihr knallroter Mini mit schwarzem Dach stand. Die beiden Jungs der Mölder´s schraubten an ihren Mofas herum. Günni, der olle, schon seit Jahren pensionierte Polizist, der, nachdem seine Leber ihn um ein Haar hopps geschickt hätte, nur noch Apfelschorle und schwarzen Kaffee bei ihr trank, diskutierte mal wieder mit Ulli, dem schwulen Friseurmeister, der seinen Laden in der Stadtmitte an zwei junge Nachwuchs-Haarkünstler vermietet hatte, über Gott und die Welt. Das konnten die beiden den ganzen Tag lang tun, nur unterbrochen von Einkäufen, die Günni für seine Elli machte, die die Treppen mit ihren kaputten Hüften nicht mehr schaffte und sich das nur noch sonntags antat, wenn Günni mit ihr am See entlang oder durch eine Straße mit schönen Läden bummelte; an jedem Sonntag besuchten sie ein anderes Viertel. Wenn das Wetterschön war, gönnten sie sich vor dem Heimweg noch einen Kaffee und Kuchen in einem Straßencafé oder in einem Biergarten am Seeufer. War es uselig, gönnten Sie sich heiße Schokolade und Apfelkuchen mit Sahne in einem der alten Kaffeehausstuben.

Vor einem Jahr hatte Ulli seinen Mann verloren und damit auch das Interesse an dem Laden, den er mit ihm gemeinsam aufgebaut hatte. Hin und wieder, wenn Not am Mann war, half er den beiden Jungs aus, die, wie er fand, tatsächlich einen ganz hervorragenden Job machten. Ihr Angebot aber, wieder fest für zwei oder drei Tage in der Woche einzusteigen, hatte er kürzlich abgelehnt. Er arbeitete gern, aber, obschon die beiden den Laden neu eingerichtet hatten, erinnerte ihn der Ort schmerzlich an Sebastian. Die beiden hatten das kapiert und waren froh, daß er verläßlich einsprang, wenn sie ihn dringend brauchten. Einigen Rentnern in der Nachbarschaft sicherte Ulli kostenlos Haarschnitt und Frisuren, die sie sich sonst kaum hätten leisten können. Sie brachten ihm Kuchen, selbstgebackene Plätzchen und taten ihm manchen Gefallen. Geld anzunehmen hätte ihn nur in eine Bredouille bringen können. Wie in jedem Viertel lebten auch hier nicht nur nette Leute.

Als sie die Praxis ihres Hausarztes verließ, war die Welt für sie gleich doppelt so schön. Er hatte ihr die Untersuchungsergebnisse der Fachärzte in verständlicher Sprache vorgetragen und ihr mit jedem Satz einen weiteren Stein von der Seele genommen. Ihre Brüste waren clean, ebenso ihre Gebärmutter, Eierstöcke, Blase und auch der Darm. An all diesen Feinden waren ihre Mutter, Großmutter und andere Mitglieder ihrer Familie in ihrem Alter erlegen. Sie nahm jede Vorsorgeuntersuchung wahr und hatte wache Instinkte, ihren Körper betreffend, mit dem sie erst pfleglicher und verantwortungsbewusster umging, nachdem sie ihre frühere Tätigkeit hinter sich gelassen hatte.

DerAusstieg aus dem Milieu war hart und gefährlich gewesen. DieTätowierung ihres damaligen Zuhälters trug sie immer noch auf dem Rücken genau mittig über der Pokerbe. eine Rose. Paul Rose war sein Name gewesen und für ein paar Wochen hatte sie ihn tatsächlich geliebt. Dass auch andere Frauen für ihn liefen und anschafften, war normal und bis zu einem gewissen Grad war sie sogar stolz, die Nummer Eins dieses allseits respektierten, erfolgreichen Luden zu sein. Dann tauchte diese wasserstoffblonde Hexe Lucy auf, die Paul völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Er begann zu trinken und zu pokern, kurz alles zu tun, was er selbst mit rationalen Argumenten für sich ausgeschlossen hatte. Sie war stolz gewesen, daß er sich von den anderen Luden nie hatte provozieren lassen. In einer durchgezechten Nacht bei Alfred dem „Stutenflüsterer“ verzockte Paul innerhalb von nur drei Stunden eine glatte halbe Million. Alfred und die anderen wollten ein Pfand. Lucy, die anwesend war, wollte keiner akzeptieren, da jeder wußte, dass mit ihr kein Geld zu machen war. „Fallobst“, war ihr Spitzname, weil sie faul war und für niemanden außer Paul (und seinem „Wurm“) offenbar was zu bieten hatte.

Alfredgab ihm Kredit zum Weiterspielen gegen Ingeborg als Pfand. Paul schlug vor dem versammelten Zuhälteradel ein, und erhöhte seine Schulden um weitere Hunderttausend.

Die kleine Jutta saß in der Nacht erschöpft nach Durchfallkrämpfen mit leer laufender Darmperestaltik in einer Kabine auf dem Damenklo und belauschte mit angehaltenem Atem, wie sich Lucy mit Marita über Paul‘s Untergang lustig machte. Als die beiden sich wieder davon gemacht hatten, schlich Jutta sich über den Hintereingang davon und lief zu Ingeborg. Sie half ihr schnell das Nötigste zusammen zupacken und nach dem Geld zu suchen, das Paul gebunkert hatte für denFall der Fälle. Zehntausend war alles, was sie fanden, alles andere hatte er wohl zum Pokern eingesteckt. Jutta hatte einen Stammfreier,der ein eigenes Taxi besaß. Sie rief ihn an, er kam und brachte Ingeborg weit fort. Jutta blieb, denn sie kümmerte sich um ihre kranken Großeltern.

In der fremden Stadt begann Ingeborg sich in der Gastronomie eine neueExistenz als Kellnerin und dann am Tresen aufzubauen. Ihrem Gewerbe hatte sie abgeschworen. Eines Tages ließ ein Gast ein überaltetes Krawallblatt liegen, das in ihrer ehemaligen Heimat herausgebracht wurde. Dort las sie unter fetzigen Bildern vom Tod Paul Roses, der von einem Auftragsmörder in einer der bekannten Milieukneipen erschossen worden sei. Auf einem Foto waren Alfred und einige von Pauls Pferdchen zu sehen, die der offenbar übernommen hatte. Der Trauerzug bewegte sich am Strassenstrich vorbei. Ingeborg empfand gegen ihren Willen dennoch Genugtuung, als sie Lucy dort neben einem Haufen Abfall stehen sah und man deutlich erkennen konnte, dass ihr einige Zähne fehlten. Welche üble Rolle sie auch immer gespielt haben mochte, der Weg, der nun vor ihr lag war keiner, den Ingeborg tatsächlich jemandem wünschte. Sie hatte genug Frauen erlebt, die ihn hatten beschreiten müssen.

Die neue, für sie zuständige Sachbearbeiterin beim Finanzamt hatte ihreAkte vor sich liegen und die Erklärung, die Ingeborg per Einschreiben geschickt hatte.

„Sagen Sie, Ihre Einnahmen sind derart gering, dass ich mich schon frage, ob sich der Betrieb überhaupt lohnt. Der Verdacht liegt nahe, daß Sie sich möglicherweise mit anderen Einnahmequellen finanzieren, die sie nicht offenlegen!“

„Welche sollten das sein?“, lag es Ingeborg nahe zu reagieren. Sie beherrschte sich, schwieg freundlich und wartete. Sie wußte am besten, daß da nichts war und wenn das Amt einen Verdacht pflegte, lag der Ball in seinem Feld.

„Wir werden Ihrem Betrieb eine unangekündigte Prüfung nicht ersparen können.“, klopfte die Sachbearbeiterin auf den Busch.

„Das liegt in Ihrem Ermessen.“, entgegnete sie.

Vorbehaltlich des Ergebnisses einer möglichen Überprüfung bekam Ingeborg eine kleine Summe in Aussicht gestellt, wenigstens mußte sie nichts nachzahlen.

Beim Getränkemarkt Anastasiado besorgte sie das Mineralwasser aus demMittelgebirge, von dem ihre Gäste behaupteten, dass es das Beste sei. Sie hatte keine Unterschiede zu anderen Sorten feststellen können, aber der Köder muß dem Fisch und nicht dem Angler schmecken. Ouzo, Pernold, Jägermeister, DoppelKorn und Wacholder kamen in ihren Karton, den Wein kaufte sie wie üblich bei Aldi, einen besseren zu diesen Preisen gab es nirgendwo.

Oma Hanke stand schon zappelnd an der Tür mit dem  kleinen Emailleeimer voller Buletten.

„Hundertfuffzich, wie immer!“, sagte sie.

Ingeborg drückte ihr das Kuvert mit dem ausgemachten Geld in die Hand, nahm den, mit einem karierten Abtrockentuch abgedeckten Eimer, sagte„Tschüß“ und ging. Aus der Wohnung hörte sie eine Kinderstimmerufen:

„Oma, gehen wir jetzt los?“

Die Holzstufen knarrzten und einige riefen unüberhörbar bereits nach baldiger Reparatur, die aber, wie so oft in den Immobilien bestimmter Eigentümer in Oma Hanke‘s Viertel erst durchgeführt wurden, wenn etwas passiert war, für das sich ein Ersatzreporter interessierte, dem man vergessen hatte, den Baseballschläger oder ein dünnes Kuvert zu zeigen.

Zuhause brachte sie zunächst die Buletten in den kühlen, gekacheltenVorratsraum, der bislang immer noch jede Hygienekontrolle des Ordnungsamtes überstanden hatte, wie auch ihre überschaubare aber technisch gut ausgestattete Küche. Ulli schleppte die Kisten mit dem Wasser die Treppen hinab und Günni die Kartons mit dem Wein und dem hochprozentigem Stoff.

„Man darf seinen Feind nicht aus den Augen lassen!“, kommentierte er feixend und wusste nur zu genau, dass ein einziger Schluck ihn wieder zurück ins Elend rufen konnte. Auch wenn er abends und manchmal bis in die Nacht hinein unter den durchaus wackeren Zechern saß, hockte neben ihm stets die Versuchung. Er verstand seinen Aufenthalt in Inge´s Kneipe als eine Art Ranger-Überlebenstraining und von denStammgästen, die ihn und seine Geschichte kannten, machte sich niemand lustig über ihn. Neue, die der späte Durst noch in Ingeborg‘s Kneipe gelockt hatte und den Mann am Tresen mit Apfelschorle oder Kaffee vor sich mit, wie sie glaubten, humorigen Sprüchen anquatschen wollten, lernten schnell, daß ihnen das Bier und der Fusel hier doch nicht so richtig schmeckte. Bislang war keiner wiedergekommen und so blieben auch andere fern, deren Männlichkeit zu ihnen nur vom Boden des xten Bier- oder Schnapsglases sprach.

GegenMittag ging sie in den Vorratsraum, holte sich einen Schlag Kartoffelsalat und eine von Oma Hanke‘s Buletten. Dabei fiel ihr auf, dass ihr Schnitzel und Koteletts fehlten, Kartoffeln, Speckwürfel, Zwiebeln, Salat, Gurken und Tomaten. Sie hatte völlig aus dem Augen verloren, dem „Steinpöttchen“ am Markt letztlich ausgeholfen zu haben. Nach ihrem bescheidenen Mittagessen fuhr sie nochmals los, um das Fehlende einzuholen. Kaum dass sie den Einkauf im Vorratsraum an seinen Platz sortiert hatte, fiel ihr Blick auf den fast leeren, durchsichtigen Semmelbröselbehälter.

„Inge, Du wirst alt!“, schalt sie sich. Mußte sie also morgen früh noch einmal los, wenn sie mittags mit der Vorbereitung für den Abend beginnen wollte. Für heute hatte sie keine Lust mehr, sich auf die Beine zu machen. Als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufschloß, kam ihr der rettende Gedanke. Oben im dritten Geschoß wohnte doch Fräulein Dr. Theune, die ihr im letzten Jahr zum Heiligen Abend mit einer prallen Tüte Paniermehl unter die Arme gegriffen hatte. Auch diesmal war ihr Weg die Stufen zum dritten Stock hinauf erfolgreich.  Theune haßte es, Lebensmittel fort zu schmeißen, Sie aß für ihr Leben gern frische Brötchen. Da immer einige übrig blieben, weil sie frische holte, sammelte sich mit der Zeit ein hübscher Korb, steinharter Semmeln, wie sie  die Brötchen nannte, an. Von ihrer Mutter hatte sie eine alte, emaillierte Kurbel reibe mit abgegriffenem Holzgriffstück am Hebel. An einem Samstag im Monat verarbeitete sie damit die gesammelten Brötchen und Weißbrotreste zu Paniermehl. Eine kaum nennenswerte Menge benötigte sie für ihre eigene Küche, den Rest schenkte sie gern weg. Sie drückte Ingeborg zwei große braune Papiertüten in die Arme und meinte lächelnd:

„VielenDank! Ich bin so froh, dass meine Semmelbrösel so noch eine wunderbare Verwendung finden! Immer weniger Menschen machen sich ja heute noch die Mühe, sich selbst zu bekochen und sich ein Schnitzel oder Kotelett, eine Frikadelle oder Fisch selbst zu panieren. Viele haben in dieser hektischen Zeit ja allerdings auch gar keine Muße, sich mehr Sorgfalt für sich selbst zu gönnen! Ingeborg revengierte sich hin und wieder mit einer kleinen Schüssel ihres selbstgemachten Kartoffelsalats, den Fräulein Theune immer begeistert annahm.

Sie lebte im dritten Stock in ihrer 100 m²-Wohnung wie in einer Einsiedlerhöhle für sich, allein mit den zig tausend Büchern, diesich in den, an sämtlichen Wänden oder den frei in den Raum stehenden Regalen verteilten. Alle Bände waren peinlichst ihrem System entsprechend geordnet und in der Regel dauerte es kaum eine halbe Minute, bis sie einen benötigten oder gewünschten Band gefunden hatte. Sie besaß jede, für sie relevante, Publikation als Hardcover-Exemplar und häufig auch als Paperback, sofern sie die für ihre Arbeit in der Fakultät oder in Lehrveranstaltungen gebraucht hatte. Als Kunsthistorikerin von internationalem Ruf hatte sie keine Zeit für ein privates Leben geglaubt, erübrigen zu können oder gar haben zu dürfen. Kollegen fürchteten sie häufig wie der Teufel das Weihwasser und einige ernsthaft an ihr interessierte Männer streckten nach spätestens einem Jahr einer Bekanntschaft mit ihr die Waffen. Sie war immer eine sehr attraktive Frau mit Geist und Charme gewesen, aber ohne jene Wärme, die vom Herzen strahlt. Kinder, die Gründung einer Familie kamen in ihrer Welt nicht vor, obschon Ingeborg innerlich die feste Ansicht vertrat, daß Fräulein Theune eine ganz begeisterte, fürsorgliche Mutter geworden wäre, wäre„es“ einfach passiert. War es aber nicht.

Nun war Fräulein Theune keine verbitterte alte Frau, die frustriert und voller Selbstvorwürfe auf ihr Leben zurück schaute. Eher das Gegenteil schien der Fall zu sein. Sie lächelte gern und wechselte mit jedem in der Nachbarschaft freundlich einen Gruß und ein paar nette Worte, hielt sich aber fern von geselligen Treffen oder Veranstaltungen. Zuletzt hatte man sie auf der Beerdigung von Lothar Peterseim gesehen, ihrem Nachbarn in der dritten Etage. Es hieß, dass beide sich hin und wieder einen besonderen Film im Fernsehenoder als Video zusammen angeschaut oder klassischer Musik gemeinsam gelauscht hätten. Lothar hatte Kunst am städtischen Gymnasium unterrichtet und bis zu einem Herzinfarkt auch Latein und Französisch. Er war ein schrulliger alter Kerl gewesen, fahrig freundlich und dabei immer irgendwie nicht anwesend. Etwas, was man über Fräulein Theune nicht sagen konnte. Sie lebte für sich, zurückgezogen, was einige ja bereits für seltsam halten. Sie verstand Lothar auf einer niemand sonst zugängigen Ebene. Auch Lothar war nie Gast bei Ingeborg oder bei einem der Nachbarschaftsfeste auf dem Hof gewesen.

Am Abend hatte sie noch vor der Tagesschau einen großen Topf mit Kartoffeln für den nächsten Tag geschält. Das Fleisch bereitete sie am liebsten in den beiden großen Eisenpfannen frisch zum Verzehr mit Butter vor. Zum späten Nachmittag hin, waren die beiden Tellermit Eigelb und mit Paniermehl bereit. Die Nachrichten nahm sie bei einem Flaschenbier, einem weiteren Klacks Kartoffelsalats und einer von Oma Hanke‘s Bulletten wahr. Die folgende Sendung interessierte sie nicht. Neben dem Apparat lag eine Video-DVD, die sie im Supermarkt an der Kasse entdeckt und gekauft hatte. Es war ein Krimi, sie mochte Krimis, besonders mit Gerard Depardieu, ihrem Lieblingsschauspieler noch vor Clint Eastwood. So, als wolle sie ihr Gesellschaft leisten, fand sich auch Liseken auf dem Teppich vor dem Sofa ein. Aus irgend einem nicht erkennbaren Grund verhielt sie sich heute aber merkwürdig unruhig. Ingeborg konnte nichts erkennen, was vielleicht ihren Jagd- oder Territorialverteidigungsinstinkt geweckt haben konnte. Der Krimi hatte Ingeborg so sehr gefallen, daß sie einen anderen Film mit Depardieu aus ihrer Sammlung zog, eine Liebesgeschichte „Green Card“, die sie auch zum zwanzigsten Male wieder zu Tränen rührte, während sie zu „Pretty Woman“ schon damals, als er herauskam und ganze Puffs zu Tränen zerflossen, nur mit heftigem Würgreiz zu kämpfen gehabt hatte. Als sie beide Videos in ihre Hüllen und in die Sammlung einstellte, fiel ihr ein weiterer Film ins Auge: „French Job“. Plötzlich war ihr, als höre Sie ein Geräusch an der Stahltür, mit der sie den Eingang der Kneipe nachts sicherte.

„Wieder so ein Schluckspecht!“, dachte sie. Wenn die Tanke keinen Nachtdienst hatte und die anderen Kneipen Betrunkene abwiesen,verirrten sich manche zu ihr und es war schon passiert, dass jemand im Rausch die Treppen hinabgestürzt war und sie die Ambulanz hatte rufen müssen. Um sicher zu gehen, hatte sie einen Bewegungsmelder mit angeschlossenem Scheinwerfer und Kamera direkt oberhalb desEingangs installiert und einen weiteren oberhalb der Treppe. Sie startete ihren PC, rief zuerst die aktuellen Bilder beider Kameras aus dem internet ab, dann die vorausgegangenen der letzten halben Stunde. „Moritz“, wie sie die fette Ratte nannte, die verläßlich immer dann auftauchte, wenn sie frische Ware im Vorratsraum hatte, hatte insgesamt dreimal einen Film mit ihm als einzigem Darsteller ausgelöst. Sonst war da gar nichts zu sehen.

„Blödmann,geh heim!“, sagte sie in Richtung des Nagers, der eben possierlich mit leuchtenden Augen in die Kamera blinzelte, als wisse er genau,dass er von dort aus beobachtet wurde.

AmDienstag kamen die ersten Gäste gegen halb zwölf Uhr mittags, Rentner aus den umliegenden Mietshäusern. Dienstags war Ingeborg‘s „Restetag“, wie sie ihn nannte. Tatsächlich bot sie Mahlzeiten aus Konserven, Tüten und eingefrorene Restmahlzeiten zurückliegender Tage zu symbolischen Preisen von einem bis zwei Euro an. In einemTopf hatte sie eine Hühnersuppe aus Tüten mit immer noch frischem Gemüse: Sellerie, Lauch, Möhren und eingefrorenem Hühnerfleisch zubereitet. Davon nahmen alle ein Schüsselchen und einige hatten sogar alte Milchkannen aus Alu oder emailliertem Blech mitgebracht,um sich etwas für die kommenden Tage mit zu nehmen. Dem Kartoffelsalat mit Bullette und frischem Salat mit Tomaten und Gurke für vier Euro sprachen sie ebenfalls zu. Der ein oder andere gönnte sich ein Glas Bier, einen Saft, eine Limo oder kostenlosen Wassers dazu. Der Kaffee mit Milch und Zucker danach war ebenfalls frei. Gegen halb drei gingen die letzten Gäste heim. Der alten Anna Cordes steckte Ingeborg noch zwei Päckchen Pumpernickel, ein Päckchen Butter und einen in Folie gepackten Kanten Emmentaler zu. Ihre Rente war der reinste Witz und sollte heraus kommen, dass Ilona Trappers sie bei sich aufgenommen hatte, die beiden quasi eine Wohngemeinschaft bildeten, wäre noch weniger in ihrem Portemonnai. Ilona hatte den Altbau von ihrem Vater geerbt. Sie lebte im Erdgeschoss, neben ihrer war Anna‘s Wohnung. Beide waren früher eine Einheit gewesen. Zwischen beiden existierte eine Tür, die beiderseits von mächtigen Schränken verdeckt war. Beide Frauenwaren verwitwet, hatten sich eigentlich immer gut verstanden und waren sich schließlich freundschaftlich und dann weiter nähergekommen. Der Weg durch die Schränke war im Grunde lächerlich aber der praktischen Lage geschuldet. Die Miete, die Ilona einnahm, genügte gerade so, um Abgaben, Kredite für Reparaturen, gesetzliche Auflagen zu bedienen und für ein bescheidenstes Auskommen. Immer wieder wurde sie bedrängt, die Immobilie zu verkaufen und ein lebenswertes Alter in einem Heim zu verbringen. Genau davon hielt sie nun gar nichts. Es war Anna, die Ingeborg beim Fortgehen sagte, dass im Hof neben der Treppe der Kadaver einer Ratte läge, der wirkte, als habe jemand dasTier mit einem Stiefel zertreten. Ingeborg erinnerte sich sogleich an die Bilder von „Moritz“, die sie in der vergangenen Nacht auf dem Monitor gesehen hatte. Als der letzte Gast gegangen war, ging sie dieTreppe hinauf in den Hof und fand alles, wie von Anne beschrieben vor. Ob das getötete Tier nun „Moritz“ gewesen sein mochte, konnte sie nicht beurteilen, aber andererseits hatte sie ein solches Exemplar wie „Moritz“ bislang nicht oft hier gesehen. Welcher kranke Typ würde denn eine Ratte zertreten und es überhaupt wagen,ein solches Tier anzugreifen? Dieser Gedanke machte Ingeborg mehr zu schaffen, als die Tatsache, dass es hier Ratten gab. Während ihrer Zeit auf dem Strich war ein Serienmörder gefasst worden, der es bevorzugt auf Prostituierte abgesehen hatte. Ihr war der Kerl, eine unscheinbare “Wurst“, einige Male in diversen Kneipen über den Weg gelaufen. Sie erinnerte sich erst, als sein Foto in der Presse veröffentlicht wurde. Es wurde berichtet, daß er als Kind bereits Frösche aufgeblasen, Regenwürmer zerrissen, Katzen mit Benzin übergossen und angesteckt habe. Ihr lief erneut ein Schauer über den Rücken, als sie sich erinnerte.

Am Abend kamen mit ein paar anderen auch Günni und Ulli vorbei. Der eine, um „sein“ Jägerschnitzel mit Ingeborg‘s handgemachten Pommes zu verdrücken, der andere, um sich dem Holzfällerkotelett mit fingerdicker Zwiebelschicht zu Stampfkartoffeln hinzugeben.

Ingeborg erzählte den beiden von dem Vorfall. Günni stimmte ihren Bedenken zu.

Werweiß, was für Gesindel sich da herumtreibt! Ich werde die Augenoffen halten. Bislang habe ich keinen hier gesehen, der nicht hierher gehört, aber wer weiß! Gut ist, daß Du damals die Kameras nstalliert hast! Trotzdem, laß Dich nie, niemals nie dazu verführen, die Stahltür zu öffnen. Ruf sofort die Kollegen, egal, was Du da siehst! Wenn einer krank ist, dann ist er krank! Kann jemand durch die Haustür rein und über die Wohnungstür in Deine Wohnung eindringen?“

„Theoretisch: ja, praktisch nur mit erheblichem Aufwand. Die Tür ist schon vomVorgänger auf eine Stahltür aufgebracht worden, und mit Riegelngesichert. Er hatte ein Problem mit bestimmten Leuten.“

„Ich rede trotzdem mit den Kollegen, dass sie in der Gegend auf komische Leute achten sollen. Kann nichts schaden. Wäre zwar schon ein Zufall, sollte denen wer über den Weg laufen, aber wie heißt es so schön: „Wer nix guckt, der sieht auch nix!“

„Du bist doof, Günni, aber sowas von!“, lachte Ingeborg. Die beiden Kerle und die andern im Gastraum, die die Unterhaltung mitbekommen hatten, fielen mit ein. Die Stimmung war trotz des ernsten Themas gut, aber gegen Mitternacht machten sich die ersten auf den Heimweg, denn morgen war wieder ein Arbeitstag, manche nicht ohne, sich hin und wieder mit etwas Beklemmung umzuschauen. Ulli, der den beiden Jungs versprochen hatte auszuhelfen, da Randy, der ältere der beiden einen Vorsorgetermin in der Klinik zur Darmspiegelung hatte, verabschiedete sich ebenfalls und Günni blieb noch etwas und half Ingeborg Ordnung zu schaffen, den Boden mit gewachstem Sägemehl zufegen. Es roch streng, aber die Holzpaneelen schimmerten danach wie neu. Als er ging, umarmte er sie kurz, legte ihr nochmals die Karte mit der direkten Nummer der nächsten Polizeiwache auf den Tresen und ermahnte sie erneut, die Stahleingangstür zur Kneipe geschlossen zuhalten, drückte ihr einen Kuß auf die Wangen und stapfte dann die Treppen hoch.

Gegenhalb vier Uhr zwang sie Harndrang aufzustehen, Beim Rückweg in ihr Schlafzimmer fiel ihr das Blinken der Kamera- und Bewegungsmelderanzeige auf. Sie schaltete den Monitor an. Der PC hatte drei kleine Bildsequenzen gespeichert. Einmal hatte sich einefette Motte möglicherweise von der UV-Lichtfalle anlocken lassen, die Ingeborg vergessen hatte auszustellen. Sie taumelte durch den Aufnahmebereich und verschwand in der Dunkelheit. Die beiden anderen Sequenzen zeigten nichts, obschon, einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, im Infrarotbereich eine ruckartige Veränderung gesehen zu haben. Sie ging zur Tür, alles war gesichert, dann schaltete sie den Monitor ab und ging wieder zu Bett.

Am Morgen bereitete sie sich mit der Maschine eine Kanne Kaffee zu, kochte zwei Eier fürs Frühstück, legte Weißbrotscheiben in denToaster und stellte Butter, Käse und Marmelade auf den Tisch. Das Fenster, das zunächst mit Schmiedeeisernen Stäben vergittert gewesen war, hatte sie bald nach dem Pachten der Kneipe und Einmietung in die Wohnung zumauern lassen, denn es lag draußen nur wenige Handbreit über dem Niveau des Bodens. Von außen war die Wand bis über die Fensterhöhe verklinkert worden, sodaß nicht mehr zusehen war, daß es ein Fenster gegeben hatte. Versonnen blickte sie auf die Mamorplatte der Fensterbank, die sie als Ablage für Kochbücher und ein altes Transistorradio nutzte, das sie in ihrem Zimmer stehen gehabt hatte und mit dem sie beim Warten auf den nächsten Freier gern leise Musik gehört hatte, typische Barmusik, schnulzigeSchlager, Heimatmusik oder am späteren Abend auch Klassik oderDixijazz. Dunja, die für frische Frotteetücher sorgte, die Tüte mit den gebrauchten zur Waschküche im Keller brachte, die Eimer mit dem Wasser in dem die gebrauchten Präservative schwammen leerte,reinigte und mit sauberem Wasser auffüllte, versorgte alle Mädchenauch mit frischem, guten Kaffee oder brachte Getränke auf die Zimmer, wenn ein Gast sich zu einer spendablen Geste überreden ließ.Während also ihre Gedanken beim Biß in den Toast mit gesalzener Butter und einem Streifen Käse in die Vergangenheit abglitten, sah sie „Liseken“ hektisch auf der Ablage auf und ab wandern. Das Tier war aber ganz offensichtlich nicht auf der Jagd, es war unruhig, so wie zuletzt bereits. Als Ingeborg etwas näher an die Ablage herantrat, sah sie, dass die Beißzangen der Spinne arbeiteten und die immer wieder gegen das Mauerwerk mit dem das Fenster verschlossen war vorging, als erwarte sie von dort einen Angriff. Ingeborg unterbrach ihr Frühstück, trank noch einen Schluck Kaffee, warf sich ihren großgeblümten Frotteebademantel über, schlüpfte in die alten, ausgelatschten Sneakers und verließ durch den Kneipeneingang das Haus, stieg die Treppen hinauf, stellte fest, daß die Leuchttafelmit der Schnapswerbung wohl endgültig hinüber war. Scherben lagenversteut auf den Stufen und da auch die Neonröhre zerstört war,schien es offensichtlich, daß hier jemand mutwillig auf die Reklame eingeschlagen haben mußte. Sie ging über den Hof an die Stelle, wodas zugemauerte Fenster hinter den Klinkersteinen lag. Der schmale Erdstreifen zwischen der geschotterten Fläche und der Hauswand hatte mit Blumen bepflanzt werden sollen, war aber längst von Unkraut inBesitz genommen. Es schien zertreten worden zu sein an dieser Stelle und zwischen den geknickten Halmen und Blättern lagen Maden, zu Bröckchen geklumpt und bewegten sich zitternd ineinander verschlungen, ein Anblick, der Ingeborg heftigen Ekel verursachte. Zurück in der Küche brach sie ihre Morgenmahlzeit ab, warf Brot,Käse und Eier in den Abfall. Holte die Vodkaflasche aus dem Kühlschrank, nahm einen guten Schluck und erledigte den Abwasch.„Liseken“ war inzwischen fort, schlich unsichtbar einen Patrouillenweg entlang. Konnte es sein, daß sie die Maden draußen erspürt haben konnte? Woher kamen die? Sie hatte kein totes Tier dort gesehen.

Für den Samstag hatten alle geplant, im Hof wieder einmal ein Nachbarschaftsfest zu feiern. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, Tische, Bänke, Grills und Bierwagen sollten am Samstag Vormittag aufgebaut werden. Am Freitag hielt Ingeborg also Ruhetag, nützte den Vormittag, um nach langer Zeit wieder einmal die Kosmetikerin in der Einkaufsstraße zu besuchen und etwas für sich zu tun.

„Du mußt unbedingt mal auf Dein Tatoo achten!“, meinte die. „Es sieht fast so aus, als entzünde sich da was! Die Farben früher waren noch dreckiger, als es die heute sind. Wenn die anfangen von einer Hautschicht in eine andere zu wandern, kann´s ernst werden. Geh mal zu einem Arzt!“

Wo sie es sagte, war Ingeborg präsent, daß sie schon seit längerem immer wieder mal einen Juckreiz oder ein stechendes Kribbeln dort bemerkt hatte. Sie hatte auch schon mal drüber nachgedacht, es sich weglasern zu lassen, aber preiswert war das nicht. Sie mußte ja immer noch mit der Prüfung des Finanzamtes rechnen und, wie sie vonKollegen gehört hatte, gingen die nur ungern ohne Ergebnis zurück ins Amt. Nach der Kosmetikerin machte sie noch einen Schlenker zum Friseur und ließ ihre Haarpracht wieder nachhübschen, der Juwelier nebenan wechselte die Batterie ihrer Armbanduhr und im Buchladen entdeckte sie den neuen Roman ihrer Lieblingsautorin, deren Kriminalromane sie von der ersten bis zur letzten Seite gebannt hielten und noch tagelang zum Nachdenken animierten. Im Fischimbis wählte sie das Angebot: „Original Englisches Fish&Chips, nur auf den Essig verzichtete sie zugunsten eines Klacks Remoulade. Den Nachmittag verbrachte sie mit profaner Hausarbeit: eine Trommel Wäsche war angefallen und dann gab es ein halbes Duzend Blusen zu bügeln und die beiden Hosen ihres Hosenanzugs hatten auch mal wieder eine Glättung und Nachschärfung der Bügelfalten nötig.Nach dem Abendbrot warf sie noch einen Blick in die Glotze, um dieNachrichten zu sehen, danach machte sie es sich mit dem neuen Schmöker und einer Kanne Tee auf dem Sofa gemütlich. Anders als üblich war von „Liseken“ weder Bein, noch Huschen oder Schatten zu sehen. Sorgen um das Tier mußte sie sich gewiss nicht machen, aber Ingeborg fehlte einfach was. Gegen elf setzte draußen ein Gewitter mit heftigem Wind und Niederschlag ein. Ingeborg hoffte, dass es damit nicht aus und vorbei für das morgige Fest sei. Sie checkte die Fenster in der Wohnung und auch die Eingangstür derKneipe. Einmal hatte sie es erlebt, dass ein Sturm sich nicht durch den engen Treppenaufgang hatte bremsen lassen und die ganze Nachtüber an der Stahltür gerüttelt und sie keinen Schlaf gefunden hatte. Sie legte also die beiden zusätzlichen Riegel, einen im oberen und einen im unteren Dittel der Tür vor und arretierte sie. Egal, wie heftig der Sturm auch würde, die Tür war nun fest, wie gemauert. Kurz vor Mitternacht schaltete sie den Fernseher noch einmal für die 24 Uhr-Nachrichten an. Das Wetter für den Samstag war optimal vorhergesagt, irritiert war Ingeborg davon, daß mit keinemSatz auf das laufende Unwetter eingegangen worden war. Es mußte insgesamt wohl nicht annähernd so schlimm ausfallen, wie es lokal den Anschein hatte. Sie schaltete das Gerät ab und kippte dann den Schalter für die UV-Insektenfalle. Genau in diesem Augenblick schlug und trat jemand gegen die Stahltür. Irmgard blieb fast das Herz stehen vor Schreck, als dann zu dem Gepolter auch noch eine Stimme, heulend, quietschend und gießkannenhohl durch die Tür ins Innere drang, ihren Namen in einer Weise rief, wie sie ihn schon jahrzehnte nicht mehr gehört hatte. Ingeborg zog das Handy zu sich heran, um die Polizei zu rufen und schaltete den Monitor der Kameras an. Was sie sah, ließ ihre Beine versagen und ihr Herz stocken:

Paul Roses zerfledderte, faulige Fratze grinste ihr hassverzerrt entgegen, Maden krochen aus Nasenlöchern, Ohren und als diese Erscheinung schrie, warf es Maden gegen die Kamera, Lippen, Teile derWangen fielen herab und weiter erklangen Schläge und Tritte gegen die Stahltür.

„Ingborg, Du verdammte Fotze! Du hast mich verraten! Stinkendes, undankbaresDrecksweib! Komm raus! Du gehörst mir, Du Sau! Du bist mein Pfand! Sie werden mich töten, wenn ich Dich ihnen nicht übergeben kann!“

Der Gestank, der durch die Spalten hereindrang war elend, in Entsetzen und Panik, ließ sie unter sich, schrie hysterisch zurück: „Du bist längst tot, Arschloch! Verschwinde! Ich habe Dir nie gehört, ich gehöre Dir nicht und werde niemals weder Dir, noch irgendwem gehören!“

„Oh Ingeborgi, Du Nutte! Du hast mein Logo auf Deinem Arsch! Und Du gehörst längst einem anderen, der für Dich gezahlt hat!“, keifte die verfaulende Erscheinung zischend und weitere Brocken seiner Maske verlierend. Verzweifelt einer Eingebung folgend, nahm Ingeborg eines der herumliegenden Einmalfeuerzeuge, riß sich die nasse, stinkendeHose, den Schlüpfer und die Bluse vom Körper, stellte die Gasflamme auf höchste Stufe und hielt sich die Flamme genau an die Stelle, wo sich das Tatoo befand. Sie schrie vor Schmerz, ließ aber nicht nach. Draussen war nur satanisches Schreien, Kreischen und Heulen zu hören. Die Schläge und Tritte gegen die Stahltür steigerten sich, dann sah sie, wie der Fratze auf dem Monitor der Unterkiefer abfiel, die Haut wie schmieriges Gel vom Schädel rutschte. Sie warf das Feuerzeug von sich, suchte Halt, und versuchte, nicht in Ohnmacht zu fallen. Auf dem Monitor erschien eine Knochenfaust und wieder kreischte hohl eine Stimme auf. Maden fielen aus den Augenhöhlen… „Du wirst mit mir schmoren, Du falsches Luder!“, erklang es und dann schien etwas indie Fratze zu springen.

„Liseken!“,rief Ingeborg. „Nicht!“ Blitzschnell schlüpfte das Tier durcheine Augenhöhle ins Innere des Schädels. Das Schlagen und Tretenverstummte auf der Stelle und die Fratze glitt aus dem Aufnahmebereich der Kamera. Ätzend beissender Geruch verbreitete sich, und Ingeborg fiel in Ohnmacht.

Vor Kälte bibbernd erwachte Ingeborg in ihrem Schmutz auf den harten Paneelbrettern liegend. Die Wanduhr zeigte vier uhr dreiundzwanzig. Schmutzig, wie sie war begab sie sich ins Bad, stieg unter die Duscheund ließ das heiße Wasser reinigend über sich rinnen, wusch sich immer und immer wieder und fühlte sich, als erwache sie aus einem Vollrausch nach unglaubichen Mengen Schnaps. Nachdem sie sich sauberfühlte, desinfizierte sie zunächst einmal die heftige Brandverletzung, legte ein Pflaster mit beruhigendem, heilenden Gel auf, das sie sich für Brandverletzungen gekauft hatte, wie sie in der Küche vorkommen können, band mit elastischer Binde darüber ein Kühlakku aus der Kühltruhe. Als nächstes reinigte sie den Boden im Gastraum von ihren Ausscheidungen, desinfizierte den Boden, ihre Hände und Arme. Danach legte sie sich bäuchlings ins Bett, um noch etwas zu schlafen. Sie wagte es nicht, die Stahltür zu öffnen, in die erhebliche Beulen getreten und geschlagen waren.

„Wir haben nicht die geringste Spur von der Person gefunden, die hier gegen die Tür ihres Lokals vorgegangen ist!“, erklärte der freundliche alte Kriminalbeamte. Sie müßte sich erhebliche Verletzungen zugezogen haben bei der Gewalt, mit der sie vorgegangenist! Weder Hautfetzen, Blut, noch Haare, Fasern von Kleidung oder Lederfetzen von Stiefeln, rein gar nichts, geradeso, als habe jemand sorgfältigst alle Spuren beseitigt. Gefunden haben wir das hier.“, sagte er und zeigte ihr ein Plastiktütchen, in dem der angekokelt geschrumpelte Rest des Chitinskeletts einer etwas größeren Spinnezu sehen war.

„Ist für unsere Ermittlungen nicht interessant. Können Sie das bitte für mich entsorgen?“

Ingeborg nickte, nahm das Tütchen entgegen.

Ingeborgwar von Freu Theune eingeladen worden sich bei ihr im Gästezimmervon dem Schrecken der nächtlichen Belästigung und Bedrohung zuerholen. Sie fiel in einen tiefen Schlaf und wurde erst am Sonntag gegen Mittag wach.

Amfolgenden Sonntag fuhr Ingeborg hinaus zum Wald und beerdigte dieÜberreste „Lisekens“ an einem schattigen Plätzchen zwischen einer Rotbuche und einer Eiche. Die Heilung ihrer Brandverletzung dauerte fast ein Vierteljahr, aber mit der Heilung kam auch die innere Gewissheit und Sicherheit, endgültig mit einem dunklen Kapitel ihres Lebens abgeschlossen zu haben, auch wenn die Bilder derErscheinung dessen was Paul Rose dargestellt hatte, noch lange immer wieder aufstiegen. Sie gab die Kneipe und ihre Wohnung auf, bewarb sich auf eine Annonce als Thekenkraft in einer Gastronomie in den Alpen. Ihre nordeutsche Sprachfärbung kam gut an bei den Leuten und sie fühlte sich schon bald wie ausgewechselt. Ein Witwer aus demOrt, der oft kam, um sein Mittagsmahl einzunehmen und auch abends hin und wieder einkehrte, schien ein Auge auf sie geworfen zu haben.

„Schaun wir mal.“, dachte sie. Eilig hatte sie nichts. In ihrem Zimmer unter dem Dach des Gasthofes besuchte sie eines Nachmittags im ersten Herbst, den sie in ihrem neuen Zuhaus verbrachte eine Spinne, die sie an Liseken erinnerte, wenngleich sie viel kleiner war. Sie bewegte sich, wenn man so sagen kann, fast ebenso zutraulich in ihrer Gegenwart und ging von Anfang an ebenso gründlich gegen unliebsame Besucher in der Stube vor. Ingeborg nannte sie „Liseken“, und war sich sicher, es sich einzubilden, aber das Tier schien auf den Namen zu reagieren.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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