14 Der Kassierer

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Der Kassierer der Bankfiliale am Hauptplatz der kleinen Stadt hatte in der laufenden Woche die Aufgabe, mittags die Glastüren aus Sicherheitsglas zu schließen, die schweren, dunkelgrünen Vorhänge vor Türen und Fenster zu ziehen, um den Einblick für eine besondere Spezies von Kunden zu verwehren, die wie selbstverständlich davon ausging, dass die Bankangestellten ihre Mittagspause hinter ihr Verlangen zu stellen hätten, mal eben so in deren Pause Geschäfte für sie zu tätigen. Als es die Vorhänge noch nicht gab und man Angestellte im Inneren der Filiale hatte sehen können, wurde in unverschämtester Weise Sturm geläutet, an die Fenster geklopft undgegen die Eingangstür getreten. Der Vorhang vor der Tür schwang noch etwas nach, da hämmerte jemand gegen das Glas, trat dagegen und brüllte: „Ey Arschloch! Ich weiß daß Ihr da drinnen Nüsse schaukelt! Mach auf, oder ihr werdet Euer blaues Wunder erleben! Abzocken und Leute verarschen, da seid Ihr ja ganz groß!“ Der Kassierer arbeitete nun schon ein ganzes Leben in dieser Filiale und er war froh, bald in die Rente entlassen zu werden. Sein Beruf, seine Tätigkeit hier, machte ihm keine Freude mehr. Drei Überfälle hatte er miterleben müssen und bei dem vor vier Jahren war er mit einem Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das hatte ihm sogar das Leben gerettet, denn so wurde erkannt, dass der Zustand seiner Kranzgefäße so kritisch war, daß es ihn Wochen später auf jeden Fall zur Strecke gebracht hätte. Psychisch belastet hatten ihn die Überfälle nicht weiter. Er hatte sie erlebt, überlebt und sich dann immer weniger an sie erinnert, bis sie eigentlich verblasst waren und nur noch dann auftauchten, wenn er von Bekannten auf sie angesprochen wurde. Er erzählte immer knapper und geraffter, denn die Überfälle waren ja nichts, mit dem er sich, wie mit einer persönlichen Leistung, hätte schmücken können. Er konnte dankbar sein dafür, daß ihm nichts geschehen war, aber stolz? Bitte, worauf denn? Das war bei einigen Kollegen anders, besonders bei jenen, die zu den Überfällen gar nicht im Dienst gewesen waren. Es widerte ihn an, aber er schwieg dazu. Er wollte einfach die Zeit bis zur Rente in aller Ruhe zuende bringen. Diese zunehmend beißende Aggressivität von Leuten, die die Leistungen der Bank in Anspruch nehmen wollten, ob sie nun hier ihr Konto hatten oder nicht, wurde allen zunehmend zuLast. Gerade die Laufkundschaft wurde immer fordernder bis an die Grenze zur Beleidigung, oft darüber hinaus. Der Mensch draußen trat nochmals heftig vor die Tür, schrie etwas, und dann war endlich Ruhe. Der Kassierer zog, wie immer zum freundlichen Schmunzeln derKollegen, ein in gewachstes Papier eingepacktes, doppellagiges und sorgfältig geteiltes Butterbrot aus der ledernen, schon etwas schäbigen Aktentasche, breitete eine mitgebrachte Serviette auf seinem Schreibtisch aus, entnahm der Tasche eine uralte Thermoskanne, deren grünlich schimmernde äußere Hülle gerillt war für eine bessere Griffigkeit und deren beigefarbener, zur Abdeckung der mit einem breiten Korken gestöpselten Öffnung dienende Becher zeigte bereits eine deutliche Materialverfärbung. Wie aber am dampfenden Getränk deutlich wurde, tat dieses antike Prachtstück noch immer den ihm bestimmten Dienst.

Andere wärmten eine Mahlzeit in der Mikrowelle der kleinen, hinter dem Publikumsbereich befindlichen Teeküche auf und nahmen sie an dem dort plazierten Küchentisch auf den beiden Kunststoffstühlen sitzend ein. Cordula Kars, die eigentlich die Aufgaben des Kassierers nach dessen Renteneintritt hatte übernehmen sollen, erwartete ihr drittes Kind und hatte offen erklärt, sich nach der Entbindung nur noch um ihre Familie zu kümmern. Ihr Ehemann hatte es inzwischen zum Oberbaggerführer in der Firma, für die er arbeitete gebracht, und ihm war der gesamte Baumaschinenpark unterstellt worden.

Es war durchgesickert, dass die Bank keinen Nachfolger für ihn mehr einstellen oder auf seinen Platz setzen würde. Innerlich bedauerte er das, da er sein Wissen und seine Erfahrung nun keinem Nachfolger würde weitergeben können. Seiner Frau und ihm waren keine Kinder geschenkt worden und seit sie im vergangenen Jahr verstorben war, war in seinem Leben ein Vacuum entstanden, das sich weder mit dem ein oder anderen Kneipenbesuch, den zufälligen Begegnungen mit Altersgenossen bei Spaziergängen im Park oder am Flußufer an der historischen Burgruine vorbei füllen ließ. Gesine war sein Leben, sein Hobby, seine Partnerin und Geliebte gewesen! Unmöglich sie zu ersetzen! Die Kreuzworträtsel bargen keine Herausforderungen mehr für ihn, im Gegenteil, es schien ihm eher so, als seien sie darauf ausgelegt, besonders den ungebildetsten Käufern Erfolgserlebnisse zu vermitteln und sie zum Blättern in den, mit Werbeanzeigen überquellenden Heftchen anzuregen. Das Fahrrad, das ihm Gesine zum 60igsten geschenkt hatte, um ihn zu sportlicher Tätigkeit zur Kräftigung seines Herzens anzuregen, hatte ihm, wer auch immer, aus dem kleinen Geräteschuppen hinter der Garage, die er an einen Nachbarn vermietet hatte, gestohlen.

Das kleine Häuschen, das er und Gesine sich zum Teil vom Munde abgespart hatten, war zunehmend zu seinem Lebensinhalt geworden, immer gab es neue kleine Baustellen, denn auch Häuser werden älter! Inzwischen hatte er sich einige handwerklichen Fähigkeiten angeeignet, so daß er teure Fachbetriebe nur benötigte, wenn es rational oder gesetzlich keine Alternative gab. Da er täglich Hausarbeiten machte, wie Fensterputzen, Staubwischen, Staubsaugen, Wischen oder im Aussenbereich zu fegen, gab es nie an einem Tag zuviel zu tun. Fern zu sehen hatte er aufgegeben. Es langweilte ihn nur noch. So war es in gewisser Weise eine Fügung, dass er Gesine´s alte Kleinbildkamera beim Staubwischen auf dem Dachboden fand und die längst vergessene Dunkelkammer wiederentdeckte, die sie sich dort irgendwann nach dem Einzug eingerichtet hatte. In einem Kunststoffbehälter gab es noch Entwicklerflüssigkeit und festverpackte Stabel von Fotopapier hatten die Zeit in einer Kommode überdauert, auf der der Belichtungsapparat unter einer spröde gewordenen zugestaubten Kunststoffhülle stand. Auf einem kleinenStapel entwickelter Fotographien lag ein verstaubtes und arg vergilbtes Portrait von ihm. Auf dem er den Abdruck ihrer Lippen mit nun farblosem und hartem Lippenstift entdeckte. Er stand da, suchte Halt an der Kommode und begann bitterlich zu weinen, zu schluchzen und verspürte heftige Sehnsucht, ihr auf der Stelle zu folgen. Als er sich wieder zu sortieren begann, nahm er die Kamera und stieg hinab. Am Küchentisch untersuchte er den Apparat, entstaubte ihn und stellte fest, daß er noch vollkommen funktionstüchtig war. Gleich am nächsten Tag wollte er zu dem letzten, ebenfalls am Hauptplatz befindlichen Fotofachgeschäft der Stadt gehen und sich nach Filmen für die Kamera erkundigen. Möglich dass er auf dem Dachboden Kleinbildfilme finden würde, was Gesine ähnlich sähe, die stets für alles Vorräte angelegt hatte, aber ob die nach all den Jahren noch brauchbar waren, bezweifelte er. Das Gerät verband ihn mit einer Zeit, die er noch fühlen, sehen, ertasten und riechen konnte. Dies alles schien sich im Jetzt verloren zu haben. Leute liefen mit ihren mobilen Telefonen herum, schienen mit Geistern zu sprechen, den Blick immer nur auf den kleinen Bildschirm gesenkt, Stöpsel in denOhren taub für die Gegenwart und das Leben umher. Sie knipsten vor allem sich selber mit ihren Telefonen, Bilder ohne Materie und Inhalt, vergleichbar mit dem in Pappe verpackten „Fastfood“, das sie zu sich nahmen oder dem Ruckzuck-Kaffee, den sie mit sich trugen und schon vergessen hatten, wenn sie die Becher auf Bürgersteige oder Strassen warfen, in unverständlicher Weise die vielen verteilten Abfalleimer und -Körbe ignorierend.

Die Mittagspause für die Mitarbeiter dauerte genau eine Stunde, die Filiale selbst blieb drei Stunden geschlossen. Als er seine Thermoskanne, die Serviette und das Wachstuch wieder in der Aktentasche verstaut hatte, verließ er die Filiale durch den Personaleingang im Hof und machte sich, wie er es tags zuvor beschlossen hatte, auf den Weg zum Fotoladen, bei dem er sich telefonisch angekündigt hatte, dieweil zwei Kollegen die Stellung hielten, angelaufene Arbeiten verrichteten oder einfach nur ihren Quätschchen frönten. Lennard Brem, der Inhaber des Fotoladens, Kunstfotograf und auch tätig bei Festen und feierlichen Anlässen jeder Art, nicht zuletzt Anbieter für die Erstellung von Passfotografien, erwartete ihn bereits und ließ ihn zur Ladentür ein.

„Schaun Sie, ich kann Ihnen eine ganze Schachtel mit fabrikabgepackten Schwarzweißfilmen verkaufen, aber ich denke nehmen Sie erst einmal zwei mit. Fänden Sie noch verpackte Filme daheim, probieren sie die aus! Das Fotopapier, wenn es so dicht verpackt war, wie sie es beschreiben, sollte noch recht brauchbar sein. Zur Entwicklerflüssigkeit kann ich nichts sagen. Bringen Sie den Behälter mit, dann sehe ich, was damit ist. Ist sie nicht mehr in Ordnung, kann ich sie für Sie entsorgen, denn so einfach in den Abfluß sollte sie nicht gekippt werden!“

Er stimmte zu, kaufte die beiden Filme und ging zurück zu seiner Filiale.

Fünf Minuten vor Öffnung ging er im Raum herum, zog die Vorhänge vor den Fenstern beiseite, ging dann zur Tür, tat das gleiche und schloß sie auf. Er hatte kaum seinen Arbeitsplatz erreicht, da strömten die ersten Kunden herein. Von dem Schreihals war vorerst nichts zu sehen. Der tauchte auch bis zum Ende der Öffnungszeit nicht mehr auf.

Daheim angekommen, freute er sich bereits auf die Reste des Sonntagessens von vor zwei Wochen, die er eingefroren und heute früh zum sanften Auftauen in den Kühlschrank gestellt hatte. Rolladen mit Semmelknödeln und Rotkraut! Während das Gericht in der Mikrowelleerhitzt wurde, wusch er die Thermoskanne aus, und goß die Blumen am Küchenfenster und auf der Fensterbank im Wohnzimmer. In der oberen Etage gab es keine Blumen mehr. Die standen nun zwischen denen im Erdgeschoß.

Er nahm seine Mahlzeit mit Genuß zu sich, trank ein Bier dazu, spülte im Anschluß den Teller, Messer und Gabel sowie die Plastikdose ab, in der er die Mahlzeit eingefroren hatte. Da das Wetter schön war, verzichtete er auf sein Nickerchen, legte einen Film in die Kamera und machte sich beinahe abenteuerlustig auf einen Spaziergang hinaus in Richtung der Burgruine, da ihm zunächst kein besseres Motiv einfiel.

Er hatte Gesine so oft beim Fotographieren zugeschaut, sie hin und wieder auf ihren Streifzügen begleitet und dabei, wie er nun feststellte, sich viele nützlichen Grundlagen eingeprägt. Das Fotographieren war für ihn allerdings ein durch und durch nüchterner, technischer Vorgang. Gesine´s Ideen und Betrachtung vonMotiven, hatten sich ihm nie erschlossen. Er hatte es geliebt, wie Gesine darüber sprach, mit einer Stimme, die dann beinahe zu singen schien, es hatte so beruhigend, so versichernd auf ihn gewirkt, ihn in die Zeit entführt, wenn seine Mutter oder die Omas ihm vor dem Einschlafen oder an grauen, kalten, nassen Nachmittagen aus dem großen Märchenbuch vorlasen, er an duftendem Kakao mit Sahne obenauf nippte, selbstgebackene Butterplätzchen knabberte, schließlich in die Kissen sank und einschlafend Teil der Märchen und Erzählungen wurde, während draussen der Wind durch die Bäume fuhr, der Regen gegen die Scheiben prasselte und vom Kohleofen in der guten Stube wohlige Wärme in den Raum strahlte, flackernd gelbes oder ruhiges rotes Licht durch die Ritzen in der Platte in die dämmrige Atmosphäre zuckte oder schimmerte. Dazu das Knistern des Wassers im Kessel, mit dem sich besonders Oma Hille immer ihren Friesentee aufgebrüht hatte und dann Kandisklumpen in die gläsernen Tasse gab, die knackend zu kleinen Stückchen aufrissen, die zum Rühren mit dem Glasstab herumwirbelten uns sich langsam auflösend zu Boden senkten.

Die Burg war tatsächlich ein, für ihn optimal, geeignetes Motiv! Licht und Schatten spielten am zerfallenden Gemäuer, schufen stets neue Eindrücke oder geometrisch erscheinende Strukturen. Als die Dämmerung heraufzog, saß er sinnierend auf der Bank, von der aus es einen wundervollen Blick über Fluß, Auenlandschaft und Burgruine gab. Erstaunt stellte er fest, daß er den ersten Film beinahe vollständig verbraucht hatte. Er fragte sich, ob er da nicht etwas zu voreilig und zu unüberlegt vorgegangen war! Einen Film zu verschwenden, konnte nicht Sinn der Sache sein. Was das Licht auf demFilm, bzw. in seinen Schichten chemisch erzeugte, war schließlich, wenn nicht für die Ewigkeit, dann doch von langer Dauer und Gültigkeit! Zu fotographieren, das hatte nichts mit diesem wilden Herumgeknipse zu tun, dieses Entstehens von Eintagsbildern auf Monitoren, zu dem diese neuartige digitale Technik verführte, die Masse produzierte und ein gelungenes Ergebnis dem unbewußten Zufall anheim stellte. Der Film blieb, der Chip verlor nach dem Löschen seinen Inhalt, war wieder nur Silikon, Goldhauch und Plastik, nichts was einen Augenblick der Gegenwart, einen Gedanken, einen flüchtigenMoment etwas von Bedeutung in eine weitere Zukunft trug. – Er nahm sich vor, am Samstag nach dem Einkauf, dem Fegen des Außenbereichs und der Entfernung von Unkraut und Moos in den Fugen zwischen den Kunststeinplatten, dem Waschen der angefallenen Schmutzwäsche, einem Nickerchen nach dem Mittagessen, die Entwicklung des Filmes und den Übertrag der Negative auf das Photopapier mit dem Belichtungsapparat zu versuchen. In den Tagen bis dahin tastete er sich gedanklich Schritt um Schritt an diese Herausforderung heran. Er besuchte noch zwei dreimal Lennard Brem, und holte sich von ihm Tipps und Anleitung, einen neuen Kanister mit Entwicklerflüssigkeit, sowie eine Schale für das Wasser, in dem die Bilder aus dem Entwicklerbad von der Chemikalie gereinigt werden mußten. Er erinnerte sich, die alte Schale einmal als Untersetzer für zwei Blumentöpfe imWintergarten benutzt, zweckentfremdet und schließlich dem Abfallübergeben zu haben, nachdem sie ihm aus der Hand gefallen und auf dem Steinboden in zwei Hälften gebrochen war.

Lennard, der im Grunde nur noch mit Kunden zu tun hatte, die sein Wissen über Digitalkameras und Bearbeitungssoftware abgriffen, um die Käufe dann im Internet zu tätigen, spürte in dem neugierig interessierten Angestellten der Bankfiliale eine Art Seelenverwandten und was der ihm über seinen ersten Ausflug zur Ruine erzählt hatte, inspirierte Lennard seinerseits, sich mal wieder dieses für ihn bis dahin gefühlt „abgegriffenen“ Motivs neu zu nähern.

Während der Film sich im Entwicklerbad in der schwarzen Dose entwickelte, saß er im alten Ohrensessel seines Schwiegervaters, dessen Bezug schon arg morsch war, über dessen Sitz und Rückenfläche er deshalb eine Wolldecke gelegt hatte und las in einem Schmöker seiner Kinderzeit: „20000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne, den er mit anderen Abenteuerbüchern in einer, mit bedruckten, beschichteten Papierbögen ausgeschlagenen Lade der weiß lackierten, mit Messingbeschlägen und Griffen aus Messing versehenen Anrichte seiner Großmutter Resi wiederentdeckt hatte. Er war derart wieder in die Geschichte eingesunken, daß er geradezu erschrak, als ihn der alte, rotlackierte mechanische Wecker mit den verchromten Schellen, dem Messinghämmerchen, den leuchtenden Ziffern und Zeigern daran erinnerte, dass der Film entwickelt sei. Er hängte ihn zum Trocknen auf und beschloß, den Roman auf dem Sofa im Wohnzimmer weiter zu lesen, sich dann eben am kommenden Nachmittag an die Fotos zu machen. Nach Ned Land´s Kampf mit dem Kraken glitt ihm das Buch aus der Hand, und er schlief ein.

Er erwachte durch das Schlagen von Fenstern im oberen Geschoß, die er zur Lüftung gekippt hatte. Ein heftiger Wind war aufgezogen und es klopften plötzlich große Regentropfen gegen die Fensterscheiben und trommelten auf das Glasdach des Wintergartens. Schnell erhob er sich und ging durchs ganze Haus, um nach den Fenstern zu sehen, schloss sie, auch die Luke auf dem Dachboden. Der Wind presste Regenwasser durch die Tür des Wintergartens, und er holte schnell ein paar alte Handtücher, um sie vorzulegen. Er hatte diesen Mangel immer wieder hinausgeschoben, aber nun sah er ein, dass es mit einer Bastelei zur Dichtung nicht mehr getan sei, denn der Herbst stand bevor.  war nur ein erster kleiner Vorgeschmack. Gleich morgenVormittag würde er den Fenster- und Profilbauer anrufen und ihn bitten, sich der Tür und der Kontrolle der Profile der Wintergartenkonstruktion anzunehmen. Gesine und er hatten stets sparsam leben müssen, aber er hatte nun ausreichend Geld und auch,wenn er in die Rente ginge, war da mehr als genug, zusammen mit der ersparten Betriebsrente. Überhaupt, wohin mit dem Geld, wenn er stürbe? Da gab es niemanden, der sein Geld oder das Haus erben könnte, also würde die Stadt es sich für weiß was greifen! Nun, Pastor Weißkirch hatte nach Gesine´s Beerdigung vorsichtig angeklopft, über die armen Familien in der Gemeinde gesprochen, aber es war durchgeklungen, dass nicht er eine Familie seiner Wahl für eine Unterstützung bestimmen könne, sondern er, der Pastor, gemeinsam mit dem Presbyterium darüber entschiede. Das hätte weder Gesine gefallen, noch paßte ihm das in den Kram. Diese heiligen Krähen und Wachteln, die stets und ständig durchblicken ließen, in direkter Verbindung mit dem lieben oder auch dem strafenden Gott zu stehen, manchmal sogar auch mehr, als der Pastor, waren ihm keineswegs vertrauenswürdige Sachwalter und Vermittler. Er verließ sich darauf, dass, wenn es an der Zeit sei, er entweder die geeignete Lösung fände oder alles eben den Weg ginge, der „ihm da oben“ bestens in den Kram passte. Jedenfalls sollte er sich nicht der Knauserei hingeben! Wenn er schon an den Wintergarten ginge, wieso nicht endlich auch mal den Dachboden gescheit isolieren, etwas ausbauen und an die Zentralheizung anschließen? Von einem Kunden hatte er vor einiger Zeit gehört, dass der statt in ein Heim zugehen, zuhause leben wolle, bis zum Schluß und dafür einer Pflegekraft in seinem Haus ein eigenes Appartement eingerichtet hatte, das ihr, neben der Entlohnung völlig kostenfrei zur Verfügung stand. „Wieso nicht?“, dachte er, störte sich jedoch an dem Gefühl, sein Zuhause, das erfüllt war mit Erinnerungen an das Leben mit Gesine, mit einer unbekannten, fremden Person zu teilen. Okay, der Wintergarten aber mußte in Angriff genommen werden!

Als er am Sonntag Abend zu Bett ging, war er zur Überzeugung gelangt, technisch die Fotographie und die Entwicklung von Fotos im Griff zu haben, aber was er da nun gesehen hatte, war doch sehr ernüchternd gewesen. Nicht eine Aufnahme reichte auch nur annähernd an ein Ergebnis heran, das Gesine zustande gebracht hatte. Den Gedanken, die Fotos Lennard Brem vorzulegen, verwarf er gleich wieder.

„Dummkopf!“, hörte er im Halbschlaf eine Stimme in seinem Kopf oder nahe neben sich. Genauso pflegte Gesine mit ihm nachsichtig, aber durchaus korrigierend zu sprechen.

„Ich kann es nicht!“, dachte er in den Schlaf hinein.

Am nächsten Morgen packte er trotzdem seine Fotos in einen großen Umschlag und den widerum in ein Zwischenfach seiner Aktentasche, getrennt von Butterbrot und Thermoskanne. Als er in der Mittagspause, Lennard aufsuchen wollte, erfuhr er durch ein Schild an der Ladentür, daß der zu Fotoaufnahmen unterwegs sei und erst gegen 17Uhr zurück käme. Er wußte, daß er nicht den Mut aufbringen würde, ein weiteres Mal mit dieser Absicht zum Laden zu gehen. Er nahm also den Umschlag, schrieb mit seinem Kugelschreiber: „Meine erstenFotos“ sowie seinen Namen drauf, und schob ihn durch den Briefschlitz der Tür ins Innere. Mit leichtem Schwindelgefühl und unsicheren Schritten ging er zu seinem Arbeitsplatz zurück.

Die Vorhänge waren zur Seite gezogen und er öffnete gerade die Tür, da warf sich auch schon ein Mann in Begleitung zweier maskierter und bewaffneter Kerle in den Raum, sie brüllten, schrien und als der Kassierer sich mit erhobenen Armen umwandte, drückte der erste ab und es wirkte eher wie eine Hinrichtung, auf keinen Fall aber so, als habe sich zufällig ein Schuß aus der Waffe gelöst. Alle schrien und die Kumpane des Schützen, überrascht und erschrocken über die unerwartete Erschießung des Mannes rannten panisch hinaus durch  , flohen über den Platz. Der Schütze fluchte, wandte sich seinerseits zur Flucht, fuchtelte mit der Waffe über dem Toten und schrie grell: „Hab ich es Dir nicht gesagt, Arschloch?“ Dann stürmte auch er hinaus und verschwand irgendwo auf der anderen Seite des Platzes.

„Er hat sich schützend vor mich geworfen!“, erzählte Cordula dem Reporter des Boulevardblattes, warf sich in Pose und brachte ihr Schwangerschaftsbäuchlein zu Geltung. „Ich bin nämlich mit meinem dritten Kind schwanger, müssen sie wissen! Der Gute war ein echter Held!“

Lennard Brem stellte die Fotos des Kassierers in seinem Geschäft aus und auch den gerahmten Umschlag, mit dem ihm sein „lieber Freund“ seine Kunstwerke zur fachlichen Begutachtung und als Andenken und Dank für seine Beratung und Anleitung überlassen habe. Lennard schämte sich dennoch ein wenig über den geschäftlichen Erfolg des Verkaufs der Original-Fotos, der von ihm angefertigten Abzüge und des Umschlages. Zusammen mit einem Schreiber des Boulevardblattes brachte er dennoch die „Geschichte des Kassierers, der ein Held war“ heraus, deren Auflage mit dickem Logo der Bank auf dem Buchcover von selbiger gesponsort wurde und sich für einige Wochen gut verkaufte , dann  jedoch als Giveaway in der Filiale und bei Lennard auslag. Pastor Weißkirch, das Presbyterium seiner Gemeinde und die Stadt stritten sich eine Weile um den Nachlass des „heldenhaften Sohnes der Stadt“ und des heldenhaften und vorbildlichen Christen der Melanchton-Gemeinde. Unter vernünftigen Menschen, die verstandenhaben, daß Rechtsanwälte und Gerichte satt mitessen wollen, ist der Kompromis eine weise Lebenshaltung und was ist gegen ein gut gerundetes „fifty-fifty“ zu sagen?

Sie trafen sich auf der Bank mit dem Blick über Fluß, Auenlandschaft und Ruine.

„Dubist wirklich talentiert, weißt Du das? Deine Fotos haben mir sehr gefallen. Die hatten was! Stur beguckt, wie Du bist, aber eben, genau, wie Du bist!“

„Ach, Gesine! Was Du unter dem kleinen Finger hattest, würde ich in einem Duzend Leben nicht auf die Reihe kriegen!“

„Du bist so süß, weißt Du das?“


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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