15 Kommissarin Kalt

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Der Tatort war bereits weiträumig abgesperrt worden, Arzt und Kriminaltechniker hatten routiniert ihre Arbeit begonnen. Von einem heftigen Brechdurchfall überrascht, war HK Blankner ausgefallen. Kommissarin Hirth, seine Stellvertreterin, war nicht zu erreichen. Irgendein Idiot hatte das interne Netz zum Absturz gebracht, unmöglich, jemanden von der „Mord“ aufzutreiben, der am Tatort übernehmen konnte.

„Ichhab sie, ich hab sie!“, rief jemand von der Pforte in den Bereitschaftsraum.

„Gib ihr den Tatort durch, worum´s geht, und dass sie schnellstens hinfahren soll!“, rief jemand zur Pforte zurück. In dieser Nacht  war der Teufel los und, ob die, die noch da waren, bis zumSchichtwechsel durchhalten würden, war nicht sicher.

„Sie fährt hin!“, rief es von der Pforte zurück.

Die Schaulustigen, die sich bis zum Absperrband vordrängten und wahrscheinlich längst wichtige Spuren zusammengetrampelt und mit Zigarrettenstummeln, Speichel und anderem verunreinigt hatten, johlten und pfiffen anerkennend, als diese scharfe Blondine mit ultrakurzem Minirock sich durch sie hindurch arbeitete, sich mit ihren Ellbogen und Knien nicht nur Platz sondern auch Respekt verschaffte. „Ey, pass mal auf, Hure!“, schnauzte sie ein Macho an, der ganz offensichtlich aus einem arabischen Land stammte und sich in einem Pulk gleicher Männer mit atemberaubender, fliegentötender Parfümierung sicher fühlte. „Kalt, Mordkommission!“, rief sie und winkte zu einer Gruppe Beamter. „Bitte Fotos dieser Herren, Identitätsfeststellung und Überstellung in die Auslieferungshaft!“, wobei letzteres ironisch klang.

„Ey, Fotze, das kannste nicht machen, hörst Du!“, schnauzte das Prachtexemplar eines unterbelichteten Herrenmenschen und war im nächsten Augenblick damit beschäftigt, sich um seine gebrochene, heftig blutende Nase zu kümmern. Sein Kumpel ging mit gezogenem Messer und vor Hass unfähig ein verständliches Wort heraus zubringen auf die Beamtin los. Mit dem eigenen Messer in der Schulter und vor Schmerz heulend landete er auf dem Rasen. Die anderen stolzen Männer begriffen zurückweichend, dass hier etwas geschah, auf dass sie niemand vorbereitet hatte. Die bereits zur Unterstützung, der Menschenmenge wegen, herbei gerufene Bereitschaftspolizei erschien und es wurde ruhig. Die degenerierten Nachkommen stolzer Beduinen schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, lediglich die unerträgliche Wolke ihres Machoduftöls verharrte in der Luft und legte beinah sichtbare Spuren ihrer Fluchtwege. Die Fotos blieben auf den Speicherchips unfähig mit den Flüchtenden zu verschwinden. Trotz maximaler Verunreinigung am Tatort, war erstaunlicherweise einiges Brauchbare zu finden.

„Wer ist die „Alte“? “, fragte ein Kriminaltechniker einen Kollegen der „Bullerei“. Der zuckte mit den Schultern. „Ne Neue nehm ich mal an oder ne Ausgeliehene. Unsere Kripos sitzen und hängen fast alle krank auf und über den Schüsseln der Keramikabteilung.“

„Scharfes Weib! Die versteht ihr Geschäft!“, entgegnete der Techniker. Erstaunt hatte er beobachtet, wie sie auf ihren hohen Pömps, beinah wie ein Drogenhund von Spur zu Fund zu Spur zu Fund im Zick-Zack wie über ein Minenfeld gegangen war und Dinge ausfindig gemacht hatte, die alle übersehen oder falsch bewertet hatten. „Diese Schnecke brauchen wir immer!“, sagte er, und der Schreck fuhr ihm durch die Glieder, als er ihren Blick auf sich gerichtet sah und ihr Lächeln auch nicht von der Art war, die ihn zu beruhigen in der Lage gewesen wäre.

„Haben wir eine Beamtin, Kommissarin Kalt hier?“, wollte am übernächsten Tag Polizeirat Werksken wissen. „Einerseits höre ich von top-professioneller Arbeit, andererseits sind Anzeigen von einem prominenten Anwalt dem Staatsanwalt persönlich auf den Tisch gelegt worden, in denen willkürliche und unverhältnismäßige Polizeigewalt mit gefährlicher Körperverletzung gegenüber friedlichen Bürgern beschrieben und angeklagt wird, die seitens einer Kommissarin Kalt von unserer Mordkommission ausgeübt worden sein soll!“

Als er das breite Grinsen im Raum sah, wurde ihm der Kragen eng.

„Herr Polizeirat, bei allem Respekt, der Anwalt, den sie ansprechen ist Herr Dr. Münz, nicht wahr? Die friedlichen Bürger, die er vertritt, sind allesamt Mitglieder unseres durch und durch friedlichen, stets unschuldigen Al-Grab-Clans, nicht wahr?“

Werksken fühlte sich überrollt und den auf ihn gerichteten Blicken abzulesen mehr bemitleidet als beachtet.

„Bis Mittag will ich den Bericht der Kollegin von ihr persönlich in meinem Büro vorgelegt bekommen!“ Wütend stapfte er davon und schlug die Tür hinter sich krachend in den Rahmen.

„Woher diese „Kalt“ nehmen, stehlen und wo, von mir aus, auch ausgraben? Ich kenne keine Kollegin hier oder in den benachbarten Städten mit diesem Namen.“, brachte der Diensthabende vor.

„Das will was heißen!“, entgegnete jemand und alle lachten.

„Ich hab eine Kommissarin Hirth anrufen und zum Tatort bestellen sollen, und das hab ich getan!“, meldete sich PM Geert Davids zu Wort, der an der Pforte zum Publikumsbereich Dienst hatte.

„Sicher, dass Du die richtige Nummer gewählt hast?“

„Hier, sieh doch selbst!“, entgegnete Davids verärgert und rief das Protokoll auf den Schirm.

Gegen Mittag erschien Kommissarin Hirth, sichtlich angegriffen und mit verwaschener Stimme, meldete sich für die kommende Woche krank und legte dem Diensthabenden den Schein ihres Arztes vor.

„Sag mal Marion, Geert hat Dich vorgestern anrufen und zu einem Tatort bestellen sollen. Er sagt, dass er das getan habe und Du bestätigt hättest!“

„Hör mal, Werner, ich lag dick eingepackt, hustend, schnupfend im Gästezimmer, um Sebastian und unsere Lütte nicht wach zu halten. Keine Ahnung, mit wem Geert gesprochen hat, mit mir nicht.“

„Er hat definitiv die Nummer Deines Handys gewählt und eine Verbindung von etwa einer Minuten gehabt! Hast Du Dein Handy vielleicht jemandem aus Deinem Bekanntenkreis gegeben, der den Anruf angenommen haben könnte?“

„Nein, auf keinen Fall, sowas mach ich nicht! Ich hab es immer…“

„Ja?“, setzte der Diensthabende nach. Die Beamtin kramte in ihrer Manteltasche, dann in ihrer Umhängetasche und wurde zunehmend unruhig.

„So eine Scheiße!“, rief sie aus und zuckte mit den Schultern.

„Okay, such zuhause in aller Ruhe und gib mir nur durch, ob da ein Anruf von uns protokolliert ist. Nicht, dass wir wieder so einen Fehler in der Software haben, wie schon mal! Vor allem, werd erst mal wieder gesund, Marion, und viele Grüße auch an Deine Lieben!“

Das Handy war erst zwei Wochen alt und, nicht auszudenken, wenn einer an die Daten kommen sollte, die… ! Auf dem Heimweg zermarterte sie sich das Gehirn, wo und bei wem sie zuletzt vor zwei oder drei Tagen gewesen war, welche Wege sie gegangen war und bei welcher Gelegenheit sie das Gerät möglicherweise verloren oder vergessen haben könnte. Gottseidank war Sebastian zuhause, der sich seinerseits krank gemeldet hatte und mit Kopfschmerzen und laufenderNase im Bett lag, neben sich die Kleine, der auch zwei Rotzbahnen aus der Nase liefen, die sich aber zufrieden an Papi schmiegte, den sie mal ganz für sich allein hatte.

„Leg Dich hin, Marion, ich mach Dir eine heisse Zitrone, dann reib ich Dich ein und Du schläfst! Ich such die Wohnung nach dem Handy ab und lasse Dir später ein heisses Bad ein!“ Er wischte der Kleinen die Nase, stöpselte ihr den Nukki in den Mund, drückte ihr das Heinzelmännchen aus buntem Wollstoff in die Arme und sie schlief, bevor er das Bett verlassen und sie zugedeckt hatte.

Nach der Übermittlung der Fotos und Zeugenvernehmungsprotokolle an den Staatsanwalt war es dem ein Fest, dem „lieben Kollegen“ mitzuteilen, dass er die erhobenen Anschuldigungen gegen „diePolizei“, insbesondere die gegen eine Beamtin speziell gerichteten zurück weise, sich aber anhand der Beweislage, basierend auf Fotos und belastbaren Zeugenaussagen genötigt sähe, Anzeige unter anderem wegen Widerstand gegen ermittelnde Polizeikräfte und Vollzugsbeamte, Beleidigung und wegen versuchten Totschlags gegen seine Mandanten zu erheben, von denen zwei sich schon längst nicht mehr in Deutschland hätten aufhalten dürfen. Polizeirat Werksken war derart erleichtert über diese Wendung, dass er ganz und gar vergaß, die beschuldigte Beamtin zu sich bestellt zu haben.

Nach vier Tagen war Marion Hirth wieder soweit im Besitz ihrer Kräfte, dass sie das Bett tagsüber verlassen, sich warm eingepackt in der Wohnung aufhalten und sich auch um die Lütsche kümmern konnte. Weder hatte Sebastian ihr Handy gefunden, noch war es zu orten gewesen, worum sich die Technik bemüht hatte. „Zuletzt ist Dein Handy bei einem Masten in der Nähe des Tatorts eingeloggt gewesen. Wir haben da im weiten Umkreis gesucht, haben es aber nicht gefunden. Es war ein neues und aktuelles Gerät. Das lässt keiner liegen. Stand wird wohl sein, dass der, der es hat, es bislang irgendwo mit entferntem Akku liegen hat oder dass es bereits manipuliert wurde und mit einer Prepaidcard betrieben wird. Möglich ist auch, dass es zerstört ist. Eigenartig ist auch, dass es sich scheinbar erst in der Nähe des Tatortes eingeloggt zu haben scheint. Da ist zwar dasProtokoll des vorangegangenen Anrufes des Kollegen Davidsen, aber wo es zu diesem Zeitpunkt eingeloggt gewesen sein musste, ist nicht zu ermitteln. Persönlich bin ich schon seit langem überzeugt, dass die Technik uns längst im Griff hat, aber im Ernst, wir haben keine Erklärung!“

Sie war froh, dass Sebastian gegen ihren Willen das Gerät gegen Diebstahl, Verlust und Zerstörung versichert hatte. Blöd war dennoch der Gedanke, was mit den Daten geschehen konnte.

„Scheiße, verdammt, ob Sie diese Kommissarin nun finden oder nicht, fest steht:Wir haben sie gesehen, wie sie professionell und instinktsicher ihren Job tat! Das, was sie zusammengetragen hat, ist so gerichtssicher, dass unser verehrter Staatsanwalt vor lauter Begeisterung in seiner maßgeschneiderten Hose wohl gar nicht mehr das heimische Ehebett wird verlassen mögen! Ich wage nach allem, was unsere Analysekraft an Ergebnissen hervorgebracht hat, die klare Aussage zu treffen, daß der Ermordete mit dem Täter verwandt ist,und, obschon die Tatsache, dass diese Verwandtschaft in unserer Stadt allein etwa 3000 Personen umfasst, es soviel Spuren, am Toten, seinemKörper, seiner Kleidung und in der Umgebung des Fundortes selbst gegeben hat, dass sich der engere Kreis von Verdächtigen auf eine überschaubare Zahl wird verdichten lassen.“, legte sich Henner Kurtz, der Leiter der Kriminaltechnik mit dem Spitznamen, „derDruide“, fest.

„Lieber Polizeirat, ohne diese unauffindbare Meisterin der Tatortanalyse hätten wir nicht das, was wir haben! Ich bin sehr daran interessiert, dass die Kollegin gefunden wird, denn die hätte ich gern öfter dabei!“

Werksken war die respektlose Ansprache des Leiters der KTU gewohnt, die er ihm aber der unbestreitbaren Leistungen wegen durchgehen ließ.

„Das gibt es doch nicht, dass Sie und ihre Leute und einige von uns sie gesehen haben, niemand sie aber zu kennen scheint und alle Fotos auf denen sie zu sehen sein müsste, nur eine Schulter, ein Kopf von hinten, eine, durch Bewegung unkenntliche Hand zu erkennen ist. Der Anwalt der Angeklagten dieser Sippe könnte daraus eine Nummer bauen, die uns in eine peinliche Situation brächte.“

Zwei Wochen später wurde eine Schießerei in der Innenstadt vor einer Automatenspielhölle gemeldet. Wieder wurde Kommissarin Hirth angefordert und mit großer Unterstützung zum Tatort geschickt.Bevor sie und die Kräfte jedoch am Ort des Geschehens eintrafen, tauchte dort eine junge, blonde Frau auf hohen Pömps mit kurzem Minirock auf, die etwas, wie einen Ausweis hoch hielt und rief: „Kalt, Mordkommission! Auf der Stelle, legen sie alle ihre Waffen nieder und legen sich mit den ausgebreiteten Armen zu Boden!“

Auf den ersten Schreck folgte meckerndes Gelächter und einer rief: “Wieschräg ist das denn? Ey, Nazifotze, willst´e mal richtig von echte Männer gefickt werden? Leg Disch hin, mach Beine breit, wir kommen!“

Ein Schrei schrillte über den Platz, es waren mehrere Schüsse in schneller Folge zu hören und dann noch einmal drei in Abständen von jeweils einem Atemzug. Als die Streifenwagen und Kommissarin Hirth eintrafen, war Stille eingekehrt, nur drei Frauen, die in der Nähe der Spielhölle standen, weinten, schluchzten, jammerten. Ein Mann lag mit gebrochenem Genick, blutgetränkten Jogginghosen und abgerissenen Hoden in bizarrer Körperhaltung auf den Steinplatten. Acht weitere bärtige Männer mit gegelten Haaren lagen erschossen verteilt über den Platz, bei einigen knieten kreischende Frauen, die von Beamten unter heftigem Widerstand fortgeführt werden mussten. Ein Beamter kam mit einer Digitalkamera vor und fotografierte den Ort des Geschehens. Die Opfer, die Waffen und Hülsen. Kommissarin Hirth hörte plötzlich einen ihr vertrauten Klingelton. Als sie dem Geräusch folgte, entdeckte sie ihr vermisstes Handy neben dem geschändeten Toten mit dem gebrochenen Genick unbeschädigt unter seiner rechten Schulter liegen, als sei es dort platziert worden. Sie winkte den Beamten mit der Kamera zu sich und ließ ihn die Situation fotografieren.

Die vor Ort erhobenen Aussagen und die der geladenen Zeugen anderntags klangen verworren, widersprüchlich oder einfach nur unglaubhaft.

„Diese Leute haben entweder zuviel Fantasie oder ihre Sinne nicht unter Kontrolle!“, kommentierte HK Blankner, der wieder im Einsatz war. „Möglicherweise beides! – Marion, was ist das für eine Geschichte mit Deinem Handy? Das klingt genauso spooky, wie das Gelaber dieser Mitbürger mit Migrationshintergrund, tut mir leid, aber bitte hör Dir selber an, was Du zu Protokoll gegeben hast, lies Deinen Bericht und sag mir, wie es bei Dir selbst, professionell gesehen, ankommt!“

„Bist Du sicher Geert, dass es Marion´s Stimme war, die Dir geantwortet hat?“

„Manfred,ich hab Marion angewählt, die Anforderung durchgegeben, eindeutliches „Okay!“ gehört und hatte schon einen Anruf auf der nächsten Leitung. Was soll ich Dir sagen? Drei Leute draußen vor der Scheibe im Publikumsbereich, Geklingel hier drinnen…“

Blankner ließ Kommissarin Hirth ein Dutzendmal das Wort „OK“ ins Mikro sprechen. Die Software schloss eine Deckungsgleiche der „Ok s“ von Marion und dem des, über das Handy übermittelten aus.

„Ich weiß bis heute nicht, wie und wo ich es verloren oder vergessen haben könnte. Verliehen hab ich es auf keinen Fall! Wie sollte ich sagen, dass es mir gestohlen wurde? Muss es ja wohl, wie sonst kommt es sonst zu diesem Opfer? Dem Kerl bin ich nie im Leben zuvor begegnet!“

„Wir gehen eher davon aus, daß der Täter ihm Dein Handy untergeschoben hat!“, sagt Blankner.

„Dann müßte der Täter eine Frau sein, was ja auch von den Zeugen beschrieben wird, so verworren die Details ihrer Aussagen auch sein mögen! Das „OK“, hat die Software eindeutig als das einer mit weiblicher Stimme gesprochenes analysiert.“, legte Kommissarin Hirth dar.

„Diese ominöse Kommissarin Kalt, die es hier nicht gibt und auch nirgendwo in den Kommissariaten der Nachbarstädte? Komm, Marion, sei doch nicht so naiv! Die Leute binden uns ein Bären auf, die decken wen! Lag da beim letzten Auftritt dieser Person nicht auch ein Mord innerhalb einer Sippe vor?“ Lass uns lieber in dieser Richtung weitermachen, sonst handeln wir uns noch das Prädikat „Plem-Plem“ ein!“

Die Ermittlungen stockten und irgendwie geriet der Fall von einer Wiedervorlage in die Nächste und die Arbeit wurde nicht weniger.

Marion´s Lütsche hatte eben den ersten Tag im Kindergarten hinter sich unds ie hatte sich extra einen freien Tag genommen, um diesen großen Tag mit ihr und Sebastian zu feiern. Es gab richtiges Spaghetti beim Italiener in der Stadt, dann eine fette Portion von Klara´s Lieblingseis in der Eisdiele in der Fußgängerzone.

„Guck mal, Papa!“, sagte die Kleine und zerrte Sebastian zum Schaufenster eines Kramladens. Mit dem kleinen Fingerchen deutete sie begeistert auf einen mannsgroßen Plüschteddybären. Sebastian musste lachen, während es Marion die Sprache verschlug. „Nein Schatz!“,schüttelte sie den Kopf. „Büdde, Papa!“, suchte Klara Unterstützung.

„Um Himmels Willen, Klara! Da kriegt Papa ja jeden Tag einen Schrecken,wenn er den zuhause sieht!“, jammerte er und griff sich mit verzerrtem Gesicht ans Herz. Klara kicherte vergnügt. Sie liebte es, wenn ihr Papa so herumalberte. Während sich die beiden im Schaufenster andere Spielzeuge anschauten, fiel Marions Blick nach dem unvermittelten Schubser einer vorbeihuschenden Passatin auf das Schaufenster einer Blumenhandlung auf der gegenüberliegenden Seite. Wunderschön gestaltete Grabgestecke waren da in einer Ecke ausgestellt. Sie winkte den beiden zu und betrat den Laden. Ein Gesteck war wie geschaffen für das Grab ihrer Eltern. Sie kaufte ein weiteres, viel kleineres ohne eigentlich zu wissen warum. Es gefiel ihr einfach und da waren zwei große Öllichter abgepackt zum Preis von einem. Sie lächelte und zeigte der Verkäuferin an, die ebenfalls zu nehmen. Sebastian kam heran, als sie mit beiden Gestecken vor die Ladentür trat und nahm ihr das größere ab. Klara hielt eine bunte Kasperlefigur in ihren Armen und tanzte vergnügt zwischen Mama und Papa.

„Ich dachte, wir fahren noch zum Grab meiner Eltern. Ich war schon eine Weile nicht mehr da.“

„Wir fahren zu Oma und Opa, die Mama und den Papa von Deiner Mama besuchen!“, vermittelte Sebastian der Kleinen.

„Die sind doch schon tot!“, merkte Klara an.

„Ja, deshalb fahren wir ja auch zum Friedhof, Spätzchen!“

„Aber wenn Oma und Opa doch tot sind, dann wissen sie doch gar nicht, dass wir sie besuchen!“

„Das wissen wir nicht so genau. Wir glauben trotzdem, dass sie es tun!“

„Das versteh ich nicht! Meinst Du wirklich?“, setzte Klara nach.

„Ja, mein Herz, das meinen wir wirklich!“, antwortete Marion.

„Okay!“, schloss Klara das Thema ab.

DasGrab ihrer Eltern war mit einer großen Platte abgedeckt. Marion und Sebastian wischten mit Papiertaschentüchern den Staub fort, nahmen das heruntergebrannte Licht aus der Bronzelampe, stellten das neue hinein, nachdem sie es entzündet hatten und schlossen das gläserne Türchen. Das Gesteck setzte Sebastian unter dem Grabstein ab, als Marions Blick auf das nebenliegende, völlig mit einer Ranke überwucherte Grab fiel. Sie hatte es immer nur so gesehen und als letzte Ruhestätte einer ihr unbekannten Person betrachtet. Sie trat ans Fußende, blickte hinab und fühlte deutlich, dass das zweite Gesteck ein Gruß an die hier ruhende Person sein sollte. Es gab zwar keine Lampe hier, aber einen windgeschützten Winkel, in dem sie das zweite Licht plazierte und entzündete.

„Wer ist denn hier?“, fragte Klara.

„Ich weiß es nicht! Aber, wer es auch ist, er hat es verdient, dass er geehrt und geachtet wird. Sollten wir nicht für Oma, Opa und den,  der hier liegt noch ein Gebet sprechen?“

Klara nickte ernst und so standen sie vor den Gräbern, sprachen ein „Vater unser“ und dann noch ein „Gegrüßet seist Du, Maria“.

„Tschüß!“, sagte Klara und winkte, als sie gingen. Einem Erschauern folgend, wandte sich Marion noch einmal um. Vor dem unbekannten Grab stand eine junge, blonde Frau mit kurzem Minirock auf hohen Pömps und hielt etwas in ihre Richtung in die Höhe. Sie spürte bei allem Erschrecken ein freundliches, belustigtes Lächeln.

„Ich muß noch einmal zurück!“, sagte sie ihren beiden Liebsten und schritt zügig auf die Gräber zu. Vor dem überwucherten Grab lag ihr Handy. Sie hob es auf und hörte in sich: „Du solltest wirklich besser auf dieses wertvolle Gerät achten!“ Als sie ging kam Klara auf sie zugelaufen:

„Mami, wer war denn die Frau da, die mit Dir gesprochen hat?“


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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