17 Anjelica

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Soweit sie sich erinnerte, war sie immer gern zurSchule gegangen. Bei Frau Berndt hatte sie das Schreiben und das Lesen gelernt und die Freude an beidem. Herr Kornellis war ein strenger, aber freundlicher älterer Mann gewesen, der ihr die Zahlen und die vier Grundrechenarten vermittelte und die Notwendigkeit in steter Disziplin, ausdauernd und beharrlich mit ihnen umzugehen. Keine Ahnung, wie er das machte, aber er ließ die Zahlen in ihrer Fantasie vor sich auf dem Schreibtisch tanzen, wie lebendige Wesen, die einander zu fangen versuchten, übermütig auf den immer nach Reinigungsmitteln riechenden Kunststoffboden sprangen, zur Tafel vorauseilten, noch bevor er sich erhoben, die Brille zurechtgerückt, ein Stück Kreide ergriffen und sich räuspernd vor der schwarzgrünen Fläche bereit gemacht hatte, um wieder eines seiner berühmten Beispiele für die Lösung einer Rätselfrage, wie er Rechenaufgaben nannte, aufzumalen und mit witzigen Kommentaren und überraschenden Erklärungen zu begleiten. Anjelika hatte gesehen, mit welchem Spaß die Zahlen, die er brauchte und zum Einsatz brachte bei der Sache waren, wie sie sich mit Plus- oder Minuszeichen, dem einfachen Punkt fürs Malnehmen, dem Doppelpunkt fürs Teilen und dem Gleichzeichen neckische Tänzchen leisteten, um schließlich kichernd genau dort aufgemalt zu stehen, wo Herr Kornellis sie in sauberer Schrift mit sicherer Hand plaziert hatte.

Als das Rechnen plötzlich Mathematik hieß, schienen Zahlen und Zeichen ihre Magie zu verlieren. Herr Studiendirektor Kesser, der stets mit dem Lineal vor sich auf der Schreibtischplatte oder über geöffnete Seiten des Mathematikbuches wischte, wie, um imaginäre Partikel zu entfernen, der mit der flachen Seite der transparenten Mess- und Zeichenleiste klatschend auf den Tisch schlug und damit die Lider der Schüler zucken ließ,wenn auf eine gestellte Frage keine Antwort aus dem Klassenraum kam, kein Freiwilliger sichmit seinem Versuch aus der Deckung aufs freie, ungeschützte Schlachtfeld meldete, um sich dem ungleichen Gegner zu stellen, oder, wenn Kesser das Lineal wie ein Schwert haltend, stechend in den Raum deutete, um gezielt einen Schüler zur Antwort oder zur Tafel zu fordern, spürte Anjelika, dass er einer anderen Magie diente, als Herr Kornellis es getan hatte.

Sie fühlte sich zumeist,wie in einem Einmachglas hockend, wenn er draußen im Klassenraum seinen Unterricht hielt, mit bleicher Haut, leeren, grauen Fischaugen, mit mal, höhnisch, mal ärgerlich, mal abschätzig verzogenem, fest zusammengepresstem Mund, dem die Worte gewiss scharf entwichen, denn im Glas selbst hörte sie kaum einen Ton. Wenn er sich dann dramatisch mit der rechten Hand, mit nikotingelbem Zeige- und Mittelfinger die dünnen, nass gekämmten Haare nach hinten strich, war die Zeit gekommen, einen der Unwissenden der Bestie Mathematik alsFrassopfer vorzuwerfen. Sein Blick glitt immer wieder in ihre Richtung, aber gerade, wenn er sie fokussiert zu haben schien, war es, als sei sie unsichtbar geworden. Während um sie herum das Drama seinen Lauf nahm, schlummerte sie in sich gekehrt und träumte die Zahlen, die ihr trotz allem treu geblieben waren.

Wieder einmal war plötzlich und unerwartet der „Tag der Wahrheit“ gekommen, wie Studiendirektor Kesser die Doppelstunde Mathe nannte, in der eine unangekündigteKlassenarbeit wieaus bleigrauen Wolken auf die Schüler niederging mit Kesser am Pult als Blitze schmeissender Zeus, dem nichts entging, auch wenn die Tricks mancher Teenager hart an der Grenze zur Genialität angesiedelt waren. Gegen dreissig Jahre Erfahrung in diesem Geschäft kamen sie nicht an. Dirk „derRechenmensch“, wie er respektvoll von allen genannt wurde, schien bereits nach 35 Minuten die anspruchsvolle Aufgabenliste erledigt zu haben, als er den dringlichenWunsch anmeldete, zur Toilette gehen zu dürfen. Kesser war auf der Stelle alarmiert, aber musste Dirk gehen lassen, nachdem der ihm sein mittig gefaltetes, A3-Blatt Rechenpapier zur Aufbewahrung überreicht hatte. Kesser überflog anerkennend Dirk´s Zahlenkolonnen und Formeln, und schien dennoch irgendwie nachdenklich zu sein, nicht wirklich zufrieden. Zufriedenheit strahlte sein Gesicht erst aus, als Dirk sein Blatt wieder in Empfang genommen hatte und achselzuckend an seinen Platz zurückgekehrt war. Die Schulglocke kündete das Ende der Stunde und eine kleine Pause an. Matz, Gregor und Stjepan, die schwächsten „Mathematiker“ standen trotz des eindeutigen Signals von Dirk auf, übergaben ihre Blätter Kesser, der jeden von ihnen aufs strengste fixierte und machten sich auf den Weg zur Toilette. Zeitgleich mit dem Klingeln zum Beginn der nächsten Stunde traten sie in den Klassenraum, nahmen ihre Blätter von Kesser entgegen, der sie nur kurz überflogen hatte und gingen niedergeschlagen wirkend an ihre Plätze. Anjelika schmunzelte, als sie erkannte, dass der „Toilettengang“ der drei keineswegs so erfolglos gewesen zu sein schien, wie sie sich bemüht hatten, ihn erscheinen zu lassen. Andererseits blieb ihr nicht verborgen, wie Kesser´s Mundwinkel fast unscheinbar zuckten.Was ihn auch immer amüsierte, es bedeutete nichts Gutes.

Sie hatte die Aufgabenstellungen überflogen, bis da dieses Kribbeln an ihrer Nasenwurzel einsetzte, es ihr kurz dunkel wurde vor Augen und dann plötzlich Zahlen, Symbole, Zeichen, kichernd und singend aus ihrem Kopf durch die Augen in den Raum vor ihr „sprangen“, sich formierten und sie in gehobener Stimmung mit dem Füllfederhalter einfach sauber aufs Blatt übertrug, was sie vor sich sah. Kesser hatte einige Momente lang versucht, sie zu fixieren, zu verstehen, wie sie, nach vorangegangener dauerhafter Untätigkeit, plötzlich geradezu wie im Rausch das Blatt mit Berechnungen füllte. Was er sah, war ihm fremd und er witterte förmlich, dass da etwas geschah,das sich ihm vollständig entzog. Das eifrige Schreiben der drei, Matz, Gregor und Stjepan, irritierte ihn gleichermaßen und lenkte ihn von Anjelika ab. Mehrere Male bewegte er sich mal flink, mal schleichend zu den Plätzen der drei, ohne aber Aufschluß über ihren, ihn überraschenden Arbeitseifer zu gewinnen. Als die Klingel das Ende der zweiten Stunde, den Beginn der großen Pause signalisierte, er die Arbeitsblätter eingesammelt hatte und alle hinaus gestürmt waren, setzte er sich an den Schreibtisch überflog die Arbeiten der drei und die von Dirk, legte sie beiseite und begann deren Arbeitsplätze akribisch zu untersuchen. Als er auch nach zehn Minuten nichts gefunden hatte, nahm er die Arbeitsblätter der gesamten Klasse, ging in sein Büro und rief die beiden Knaben zu sich, die bereits am Eingang vom Seitenflur her gewartet hatten, durch den er überraschend sowohl auf den Hof treten konnte aber auch in das breite Treppenhaus, wenn es sein mußte und Besucher, ohne durchs Sekretariat oder das Lehrerzimmer gehen zu müssen, ungesehen sein Büro betreten konnten.

Die beiden jungen Quartaner standen in ängstlicher Erwartung vor seinem Schreibtisch. Er blickte ihnen stechend durch den Qualm seiner filterlosen Zigarette in die Augen und nahm zur Kenntnis, dass sie ihm die Wahrheit sagten. Missmutig lehnte er sich im schweren Bürosessel zurück, erlaubte ihnen mit einem Wisch seiner Hand zu gehen, drückte den Knopf der Gegensprechanlage und teilte seiner Sekretärin seinenWunsch mit. Kurz darauf trat sie ein, setzte ein Tablett mit einer Warmhaltekanne Kaffee, einer Tasse mit Untersetzteller, einem Löffel, einem Becher mit Würfelzucker, einem Kännchen mit heißer Milch und einem Glas Wasser, neben dem auf einer Papierserviette zwei Brausetabletten lagen, auf seinem Schreibtischab. Nachdem sie etwas, des starken, handgebrühten Kaffees in die Tasse eingeschenkt hatte, bat er sie, niemanden zu ihm vor zu lassen und alle Anrufe entgegen zu nehmen. Sie nickte und verließ das Büro. Er warf zwei Stück Zucker in die Tasse, rührte um und goss vorsichtig etwas Milch hinzu, die sich in der rotierenden Flüssigkeit spiralig verteilte. Er zerdrückte die Zigarette im geschliffenen Kristallaschenbecher, nahm wohlig einen Schluck aus der Tasse, steckte sich eine frische Zigarette an, genoß kauend die Mischung aus Tabak- und Kaffeegeschmack, schob die Tasse beiseite und zog die Arbeitsblätter der heutigen Klassenarbeit zu sich. Zuunterst hatte er die der vier Schüler: Dirk, Matz, Gregor und Stjepan gelegt und zum Schluß die Arbeit Anjelika´s.

Mit Kopfschütteln, heftigen oder gnädigen Notizen, Korrekturen, die sein teurer Kugelschreiber mit der roten Mine auf dem Papier hinterließ, hatte er in weniger als einer Stunde die Arbeiten aller anderen Schüler durchgesehen und die Noten in seine Tabelle eingetragen. Das Ergebnis war mit einer Abweichung genau, seinen Erwartungen entsprechend, ausgefallen. Sechzig Prozent der Schüler hatte es gerade so eben geschafft, zehn Prozent eine manierliche Leistung gezeigt, der Rest: purer Schrott, vollkommenhoffnungslos! Den Eltern dieser Versager würde er bei nächster Gelegenheit dringendst ans Herz legen, ihrem Nachwuchs auf der Hauptschule die letzte Chance für einen Schulabschluß zu eröffnen! Nachdem er sich frischen heißen Kaffee nachgeschenkt und eine weitere Zigarette angezündet hatte, bereitete er sich auf sein „Fest“ vor: die Entlarvung des frechenBetruges!

Dirk war die mathematische Hoffnung und der überzeugende Beweis, dass sein Unterricht eine Spitzenkraft hervorgebracht hatte! Er würde ihn väterlich verständnisvoll ermahnen, seine Hilfsbereitschaft würdigen, aber ihm unmissverständlich verdeutlichen, dass Betrug unter welchem Vorzeichen auch immer, Betrug war und blieb. Den drei anderen aber würde das Stündlein geschlagen haben! Matz, der es schaffte, durch ihn hindurch zu schauen, ihn zu überhören, und ihm dreist ins Gesicht zu grinsen, würde die Anmaßung schon recht bald vergehen. Gregor würdeder Schulverweis wie ein Fettfleck auf einem Hemd die nächsten Jahre begleiten, denn es war üblich, dass die Kollegen einander über solche „Kadetten“ informierten. Stjepan´s Mutter, nun,sie würdealles versuchen, um ihren Sohn zum Abschluß kommen zu lassen und er war sich sicher, dass die tapfere und äußerst attraktive Witwe sein Ansinnen nicht abweisen würde, angesichts der Schwere des Vergehens ihres Sprosses und der ihm drohenden Konsequenzen. Was für eine wundervolle, sinnlich warmePerson!

Dirk war wie immer, wie ein heisses Messer durch Butter durch die Aufgaben gegangen. Kesser´s Hoffnung aber, klar kopierte Spuren seiner Lösungswege bei Matz zu finden, erfüllte sich nicht. Ungläubig nahm Kesser zur Kenntnis, dass der Bursche mit jeweils eigenen Wegen zum Ziel gelangt war. So oft er auch den Blick über die eher gekrakelten Zeichenfolgen gleiten ließ: Matze´s Arbeit war keine Kopie der von Dirks.Es enttäuschte ihn, und zugleich war es für ihn einfach unvorstellbar, dass gerade Matz zu solch einer Leistung fähig sei.Gleich in der nächsten Mathestunde würde er ihn an der Tafel entlarven und bald herausgefunden haben, woher er die Lösungen gezogen hatte. Als aber schließlich auch Gregor´s und Stjepan´s Arbeitsblätter sich als vollständig unergiebig für den Nachweis eines Betruges erwiesen, empfand Kesser eine, wie schon einmal erfahrene, persönliche Demütigung,einen aufkeimenden Hass, der sich erneut, wie seinerzeit mit dem Wurf des Kristallaschenbechers entlud. Diesmal zerbrach das Glas des Rahmens, das seine Urkunde zur Ernennung zum Studiendirektor präsentierte, die ebenfalls Schaden nahm.Damals hatte er nur knapp den Kopf seiner ehemaligen Ehefrauverfehlt und derenVitrine mit einer Sammlung wertvoller Glasarbeiten zu Bruch gehen lassen. Gottseidank war seine Sekretärin bereits fort, so dass es keinen Zeugen für seinen Ausbruch gab.

„Das ist nicht möglich!“, jammerte er beinah fluchend und machte sich auf, um im Klassenraum erneut und auch auf der Toilette nach Hinweisen oder Beweisen für den ganz unzweifelhaft durchgeführten Betrug zu suchen. Frustriert gab er sein Forschen auf, als der Hausmeister und dessen Frau begannen, Flur, Räume, Waschraum und Toiletten zu reinigen und verwundert waren, ihn noch im Haus zu sehen. Der Kaffee in der Kanne war inzwischen nur noch lauwarm. Er goß etwas in seine Tasse und füllte die aus der Flasche Branntwein, aus einer der Schreibtischschubladen, auf. Nach einem wärmenden Schluck und mit einer frischen Zigarette machte er sich nun in angestrengter Anspannung an Anjelika´s Arbeit.

Am nächsten Morgen fand ihn seine Sekretärin mitzerwühlten Haaren, geröteten, mit Schatten unterlegten Augen, unrasiert, in verschwitzter Kleidung und nach Schnaps riechend, am Fenster stehend vor, mit Händen in der Luft vor seinem Gesicht um sich greifend, als wolle er da Insekten fangen, unverständliche Worte artikulierend, während ihm riechender Speichel aus den Mundwinkeln aufs Hemd und auf die aufgerissene Kravatte tropfte. Sie rief den Notarzt, und die Ambulanz brachte ihn fort.

Anjelika, die kurz darauf in Hast auf den Eingang zugelaufen kam, da es soeben zur zweiten Stunde läutete, in der ein Physiktest angesagt war, erschien es einen Augenblick so, als liefe sie an sich selbst vorbei, wie sie hastig die Schule verließ, um zu ihrem Bus zu gelangen.


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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