18 Die Brücke

© hpkluge 2018


Der Pförtner war informiert worden. Er ließ den, mit deutlichem Bierbauch korpulent wirkenden, unscheinbaren Mann mit schmächtigem Gesicht, mit brauner, ausgebeulter und abgewetzter Breitcordhose, einer in die Jahre gekommenen Tweedjacke, dem weiten, beigen Rollkragenpullover und den ausgetretenen, aber intensiv polierten Halbschuhen, der mit einem Pilotenkoffer am Eingang stand, ein. Zwei Personenschützer nahmen ihn in Empfang, tasteten und scannten ihn mit ihren Handsuchern ab, schickten ihn zusätzlich noch durch die Detektorenschleuse. Als es piepte, zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche, legte den und einen Schlüsselbund mit Hasenpfotenanhänger sowie sein Portmonai in eine Wanne, die die Detektoren ebenfalls frei gaben. Dann zeigte er den beiden Beamten noch die metallenen Halteklammern seiner Hosenträger und endlich nickten sie sich zu und gaben ein „Sauber!“ in ihr Funkgerät. Sie wunderten sich über den leeren Pilotenkoffer.

„Ich nehm später darin etwas mit, ich bringe nichts.“, lächelte er auch in die Kameras. Sie begleiteten ihn zum Aufzug und übergaben ihn dort zwei weiteren Personenschützern.

„Sauber!“, sagten sie, doch die beiden Kollegen prüften erneut. Schließlich führten sie ihn zum kleinen Konferenzraum, in dem sich, der Ministerpräsident und die Crème wichtiger Leute, der Parteien, der Stadt, des Landes versammelt hatte. Auf dem Konferenztisch lagen Bündel mit Geldscheinen gestapelt, auf deren Bandarolen jeweils„10.000 Euro“ zu lesen war.

Oberstaatsanwalt Dr. Kurth trat auf den Mann zu.

„Hier ist, was sie forderten!“

„Falsch!“,entgegnete der. „Das ist lediglich der verhandelte Geldbetrag. Wo ist die Bestätigung zur Umsetzung meiner Hauptforderung?“

Kurth trat mißmutig auf ihn zu, hätte ihn am liebsten zusammenschlagen und abführen lassen, aber alles zu seiner Zeit. Er zog ein Dokument aus der Brusttasche seiner Anzugjacke und überreichte es. Der Mann blickte darauf und nickte. Dann sagte er in Richtung  : „Ich werde jetzt in meine rechte Jackentasche greifen und einen kleinen Gegenstand hervorziehen, okay?“ Sie hoben ihre Faustwaffen, zielten auf ihn, nickten ihm zu. Den anderen Personen im Raum war es mulmig geworden. Einige wischten sich mit Tüchern übers Gesicht, andere fächelten sich Luft zu. Nachdem er also in die Tasche gegriffen hatte, zog er einen messingfarbenen Schlüssel hervor, hielt ihn hoch. „Dieser Schlüssel gehört zu einem Bankschließfach bei der SAL Oppenheim. Dort sind alleDokumente komplett gelagert.“

„Wie sollen wir das wissen?“ brachte der Ministerpräsident heiser, etwas hüstelnd hervor.

„Vertrauen gegen Vertrauen, Herr Ministerpräsident! Ich vertraue, dass der Betrag dort korrekt ist, dass mir Herr Dr.Kurth keine Fälschung gezeigt hat, ich dieses Haus unbehelligt verlassen, mein Flugzeug besteigen kann und unbehelligt mein Ziel erreiche. – Geben Sie es zu, Sie hier sind eindeutig in der stärkeren Position!“

Einige der Anwesenden grinsten breit.

„Ich musste als Realist allerdings auch von der Möglichkeit ausgehen, dass dem ein oder anderen  der bewaffneten Herren dort ein Angebot gemacht wurde, daß er nicht ablehnen kann. Wie schnell lösen sich Schüsse in einer angespannten Situation! Nun, der Gedanke könnte mich überzeugt haben, alles Material einem Notar hier oder im Ausland zur Verwahrung zu geben, der es im Falle meines gewaltsamen Todes oder Verschwindens einer handverlesenen Liste von Behörden und internationaler Medien zur Verfügung stellt. Ich weiß, Sie alle verstehen, dass jeder, auch ich, wenigstens ein klein wenig an die eigene Sicherheit denken muß!“

„Schluß mit dem Unsinn, Sie spießiger Erbsenzähler! Her mit dem Schlüssel und sollten Sie uns verarschen wollen, Hering: wir kriegen Sie überall…“

„Meine Herren, bitte!“, schritt der Ministerpräsident mit dicken Schweißperlen auf der Stirn ein. Er lockerte seine Krawatte und hatte ein Gefühl, als ginge er unaufhaltsam auf eine Riesenwahlschlappe zu.

„Nun gut,“ sagte Hartmut, „dann werde ich mich nun also von Ihnen allen verabschieden!“ Statt aber zum Tisch zu gehen, um das Geld in den Pilotenkoffer zu packen, warf er Kurth den Schlüssel zu, sprang kräftig in die Luft und kam hart auf.

Es war gegen 19:00 Uhr, als der kleine Konferenzraum im Landesparlament von einer unglaublich heftigen Explosion erschüttert wurde, nach der es diesen Gebäudetrakt nicht mehr gab.

Hartmut Hering kontrollierte nun schon zum drittenmal innerhalb nur eines halben Jahres die alte, historische Eisenbahnbrücke, die sich, an ein römisches Viadukt erinnernd, mit dem Versprechen auf Ewigkeit über die, an dieser Stelle sich allmählich beruhigende Enna schwang. Diesmal hatte er die kleine Digitalkamera seiner Praktikantin mitgenommen, mit der er, im Gegensatz zu diesen Smartphones umgehen konnte. Die funktionierte in etwa wie seine alte schwarze Kleinbild-Knipsbüchse, es getan hatte, die er zur Konfirmation von Opa Konny geschenkt bekommen hatte. Hunderte Schwarzweiß-Fotos hatte er mit der geschossen und selbst in Opa´s Keller entwickelt… Dann war die Mechanik kaputt gegangen und niemand konnte das Plastikgerät reparieren. Eine Zeit lang hatte er noch mit Opa´s „Privileg“ Fotos gemacht, aber irgendwie, es war nicht das Gleiche, wie mit seiner Knipsbüchse. Die Privileg, das war Opa´s Kamera gewesen  war mit ihm gestorben, so blöd das auch klingen mochte. Ebenso war Opa´s Fotolabor und Dunkelkammer im Keller nur noch dunkel, staubig und leer und so roch es bald auch. Hartmut ging die Freude am Fotographieren verloren.

Die Risse und sich permanent lockernden Steine, die er all die vorangegangenen Male dokumentiert und zudem mit recht ansehnlichen Skizzen und detaillierten Zeichnungen festgehalten hatte, waren immer noch da, ein Stein war inzwischen herausgebrochen und es war abzusehen, dass dem einen in Bälde weitere folgen würden. Nichts war geschehen, niemand hatte sich an eine Reparatur oder wenigstens behelfsmäßige Fixierung gemacht. An schönen Tagen hielten sich immer viele Menschen unter der Brücke auf, plantschten am Ufer oder schwammen bis nah an die Strömung im ufernahen Bereich des Flußes.Jeder noch so kleine Stein, der ausbrach und hinab fiel mußte tödlichsein für den, dessen Kopf er traf.

Hartmut wischte sich mit dem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Der Aufstieg über die schmale Eisentreppe im Brückenpfeiler hatte ihn erschöpft. Seiner Umhängetasche entnahm er die Fahrradwasserflasche, die er sich gestern gekauft hatte, um nicht wieder dürstend seiner Aufgabe nachkommen zu müssen. Als junger Mann hatte er kaum Durst verspürt und einen halben Tag gut ohne einen Schluck auskommen können. Er lächelte bei dem Gedanken, heute war er Mitte fünfzig und in gleichem Maße, wie der Durst zunahm, ließ die Stärke des Strahls beim Wasserlassen nach.

„Es ist eben, wie es ist!“, konstatierte er innerlich, stellte dieKamera an, wartete bis das Objektiv herausgefahren war, richtete dieLinse auf das Loch, das der heraus gebrochene Stein hinterlassen hatte, stellte scharf und löste aus. Auf dem kleinen Kontrollmonitor sah der Schaden noch schlimmer aus als mit blankem Auge. Er notierte das Datum und die Uhrzeit der Aufnahme in sein abgegriffenes Notizbuch. Die Datumsfunktion der Kamera war ihm fremd. Er vertraute dieser Technik nicht, das war etwas Komisches, so eine Art unangenehmer Kollege von der Marke „Besserwisser“. Dass beim Überspielen der Bilddateien von der Karte auf den PC, das ihm Elke, seine Praktikantin beigebracht hatte, zugleich mit einem Dateinamen auch das Aufnahmedatum und die Zeit zur Bilddatei gehörte, überzeugte ihn nicht, denn er hatte bemerkt, dass sich diese Angabenauf den Zeitpunkt der Speicherung bezogen. Seine handschriftliche Notiz war eindeutig und durch sein Tun beurkundet!

Desweiteren fügte er eine Notiz an, die die Veränderung seit seiner letzten Kontrolle beschrieb und die exakte Beschreibung der zu erfolgenden Maßnahmen.

Nachdem er den oberen Kauerweg unterhalb der die Schienen tragenden Stahlkonstruktion erreicht hatte, durch den er sich inzwischen mit ein paar Kilos weniger leicht bewegen konnte, durchfuhr ihn nacktes Entsetzen. Ein gutes Duzend Stahlnieten, die die Streben stabil miteinander verbunden halten sollten, waren verschwunden, offenbar vom Rost zerfressen, durch die Erschütterungen und Schwingungen gelockert, bis sie gebrochen und aus den Ösen gerutscht waren. Hartmut fotografierte nun fast ununterbrochen und stellte fest, dass etwa weitere drei Duzend Nieten verrottet waren, was des grünenSchutzanstriches wegen seiner Aufmerksamkeit bei den letzten Kontrollgängen entgangen sein musste. Ihm wurde heiß vor Schreck. Hier war auf der Stelle zu handeln! Als er Brückenmeter neunundachzig erreichte, glaubte er, ihm müssten die Sinne schwinden. Der Riss im Mauerwerk, den er zuletzt dokumentiert und mit Nachdruck an seine Vorgesetzten weitergeleitet hatte, klaffte um weitere sechs Zentimeter auseinander, so daß er ohne Schwierigkeit beide Arme nebeneinander hineinstecken konnte! Als er gegen Abend hinabstieg und sich auf den Heimweg machte, war er in gleicher Weise erschüttert, wie frustriert. Wieso all die Kontrollen, seine gewissenhaften, umfassenden, detaillierten Dokumentationen und Berichte?

„Bewerten Sie das alles nicht ein wenig über, Herr Kollege?“ Wie oft hatte er diesen Satz schon gehört? Seine Berichte schienen nach deren Übergabe in einem schwarzen Loch zu verschwinden, das sich auf der Chefetage gebildet haben mußte! Hartmut war dazu übergegangen, jede Notiz, jede Skizze, jede Analyse, jedes Foto daheim zu scannen, zu ordnen zu speichern. Das Material verschickte er zusammengefasst als Datei an übergeordnete Dienststellen. Das gesammelte Material, seit Beginn seiner Beobachtungen, einschließlich der, ihm gegebenen Reaktionen (Name, Datum, Gelegenheit) hatte er zuletzt auf einen Speicherstick kopiert und der Staatsanwaltschaft per Einschreiben mit Rückantwort übersandt. Er wartete noch auf eine Reaktion, obschon bereits drei Wochen nach Erhalt des unterzeichneten Rückantwortscheins vergangen waren.

Am dritten Tag nach der Übergabe des letzten Reports lief er seinem direkten Chef auf dem Treppenaufgang über den Weg. Der nahm ihn nicht zur Kenntnis, eilte an ihm die Stufen hinab und rief einer Mitarbeiterin auf der anderen Seite ein heiter klingendes „GutenMorgen!“ zu. Hartmut´s Morgengruß beantwortete er mit einem genuschelten „Jaja.“

Hartmut konnte körperlich das Zusammenballen bleigrauer Wolken spüren und den Schwefel riechen. Sein Magen begann zu rebellieren und die Säurestieg ihm ätzend in die Kehle. In seinem Büro kam er, neben sich sitzend, grübelnd seinen Arbeiten nach. Zuerst hielt er es für eine Überreizung seiner Sinne, als er Berechnungen und Tabellen in seinen, ihm vorgelegten Akten entdeckte, die nicht nur grundlegende Fehler enthielten, sondern die ihm völlig unbekannt waren, die er nie zuvor gesehen, geschweige, erstellt hatte, auch wenn seine Paraffe auf den wesentlichen Blättern prangte. Er kopierte die Unterlagen, ersetzte sie mit den Originalen, die er im Archiv in einem Karton zu unterst deponierte, dessen Inhalt schon seit Jahrennicht mehr aufgerufen worden war. So befolgte er die Vorschrift, dass kein Dokument das Haus verlassen durfte, es sei aus amtlichem Interesse. Er versah jede Kopie der untergeschobenen Dokumente mit einer handschriftlichen Notiz und beschloss, anwaltlichen Schutz in Anspruch zu nehmen.

Die Mittagspause verbrachte Hartmut gewöhnlich allein, aß am Brunnen bei der Kathedrale sein belegtes Brot mit Hartkäse oder rohem Schinken mit Ei, trank dazu Kaffee aus dem Becher seiner rotlackierten mit grafischen Ornamenten verzierten Thermoskanne, die ihm Lea, seine, bereits vor nunmehr 20 Jahren verstorbene Ehefrau zum letzten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hatte. Es tat immer noch weh, morgens beim Aufstehen das leere Bett neben sich zu sehen, bis, wie an jedem Morgen, ihr Lächeln aus ihrem Kopfkissen aufstieg und ihm sanft die Lider küßte. Er lebte allein, aber einsam fühlte er sich nicht, denn sie begleitete ihn durch den Tag, durch seineTräume. Er erinnerte sich lebendig an ihre Berührungen, den Duft, die Samtigkeit und die Wärme ihrer Haut, an Umarmungen mit ihr und die stille, gegenseitig vorwurfslose Traurigkeit, dass ihm und ihr ein Kind versagt blieb und bleiben würde. Sie hatten sich nur noch inniger geliebt. Als dann die bittere Diagnose kam, die ihren Bund, ihr gemeinsames Leben auf eine verbleibend geringe Zahl von Wochen schrumpfte, nahmen sie ihre gemeinsamen Tage noch lebendiger und freudvoller wahr. Er war bei ihr, als sie ihren Körper  verlassen mußte, und er sah sie gehen, sah ihr mildes Lächeln, als sie sich ihm im Gehen zuwandte und einen Kuß zuwarf.

An diesem Tag, ließ die Erinnerung ihm Tränen über die Wangen hinabrinnen und sich mit dem Wasser des Brunnens vereinen. Nachdem er sich das Gesicht mit einem Taschentuch getrocknet hatte, das sie inst mit seinen Initialen bestickt hatte, faltete er das Butterbrotpapier sorgfältig zusammen, steckte es in seine schwarze, kunstlederne Aktentasche, drehte den Becher auf die Kanne und tat sie ebenfalls hinein. Gerade erhob er sich vom gelben Sandstein des Brunnenrandes, da stolperte ein spielendes Mädchen vor seinen Füßen und verletzte sich am Knie. Er half ihm auf, seine Mutter eilte herbei, doch statt zu weinen, blickte ihm die Kleine direkt in die Augen und sagte: „Du mußt nicht traurig sein!“ Ihm war, als dringe ihm ein Strahl aus purem Licht ins Herz.

„Dem Herrn geht es nicht gut, Lissi,“ sagte die Mutter und zog das Kind zu sich, “ärgere ihn doch nicht!“

Bevor Hartmut noch versichern konnte, dass Lissi ihn keineswegs geärgert habe, war die Frau mit ihrer Kleinen, die sie fest am Handgelenk haltend hinter sich her zerrte, in der Menschenmenge verschwunden. Ihm kam es vor, als sei er mit neuer Kraft und Zuversicht „aufgetankt“ worden. Leider konnte er sich schon wenige Augenblicke später nicht mehr an das Gesicht der Kleinen erinnern.

Als er den Gang erreichte, in dem auch sein Büro lag, wunderte er sich über das gute Dutzend Männer, uniformierte und zivil gekleidete Polizisten, die dabei waren, Plastikwannen mit Akten, PC´s, Notebooks, externe Festplatten und mehr fort zu schaffen. Ein Beamter trat auf ihn zu und verlangte von ihm, sich zu identifizieren. Als er seinen Namen genannt hatte, bat ihn ein anderer, ihm zu folgen. Der führte ihn über das hintere Treppenhaus hinab in die Tiefgarage, wo er ihm die Tür eines schwarzen Wagens mit verdunkelten Scheiben öffnete. Hartmut stieg ein, jemand schloss die Tür und der Wagenfuhr los. Die beiden Beamten, Fahrer und Beifahrer schwiegen und er hatte das deutliche Gefühl, daß er ohnehin keine Antwort von ihnen bekäme, zugleich war ihm klar, dass es nicht um ihn gehen konnte, aber dennoch…“

„Der gepflegte Mann mit der kostspieligen Designerbrille, in maßgeschneidertem Anzug und ebensolchem Hemd, den handgenähten schwarzen Schuhen, stellte sich ihm als Oberstaatsanwalt Dr.Kurth vor und bat ihn, am Schreibtisch aus Glas und poliertem Aluminium Platz zu nehmen Auf dem Tisch stand ein 20 Zoll-Flachbildschirm, der einsehbar sein, Hartmut´s, Profil darstellte. Als er Platz genommen hatte, reichte er, über den Tisch hinweg, Hartmut die Hand.

„Ich muß es einfach sagen, Sie haben eine außerordentliche Arbeit geleistet! Dafür mein und unser Dank, den der gesamten Staatsanwaltschaft!“

 Hartmut hörte deutlich das „Aber“ im Raum.

„Nach Durchsicht aller uns, Ihrerseits übermittelten Unterlagen, scheint ein erheblicher Umfang originaler Dokumente zu fehlen, nach denen wir selbstverständlich in dem beschlagnahmten Material suchen werden, nur für den Fall, dass Sie uns etwas zum Verbleib dieser Urkunden sagen können, meine Bitte, uns hier und jetzt Aufklärung zu geben, was uns unsere Arbeit erheblich vereinfachte!“ Kurth´s bohrend lauernder Blick, die Art, wie sich seine Lippen zu einer echsenartigen Linie verdichteten, machten Hartmut klar, daß sein Gegenüber und die, die er „wir“ nannte ein Problem hatten, und er ahnte, welches das war! Er entgegnete Kurth´s Blick in aller Offenheit und sagte:

„Alle Unterlagen, die durch meine Hände gegangen sind und die ich digitalisierte, um Sie Verantwortlichen, übergeordneten Behörden und Ihrem Kollegen, Herrn Staatsanwalt Krömer zur Kenntnisnahme zu übermitteln, sind entsprechend unseres Systems korrekt abgelegt, zweifelsfrei auffindbar oder über die Sekretariate den zuständigen Vorgesetzten übergeben worden. Entsprechende Bestätigungen wurden in den Übersichten hinterlegt.“

„Schaun Sie, und genau da haben wir ein Riesenproblem! Wenn es so ist, wie Sie es, für mich völlig glaubhaft beschreiben, dann sind ordnerweise Dokumente wie durch ein schwarzes Loch verschwunden! Können Sie mir dazu eine Erklärung anbieten?“

Kurth und das „Wir“ hatte ein massives Problem, und er spürte, dass sie ihn kreuzigen wollten – so oder so. Als es ihm nun derart deutlich bewusst wurde, fühlte er Widerstand und Entschlossenheit! Es war kein Mut aus Verzweiflung, er begriff, längst Kombatant zu sein. Soldaten können sterben, aber es ist ihre vornehmste Aufgabe, zu überleben, und in diesem Bestreben nicht aufzugeben! Ohne je Poker gespielt zu haben, stieg er, seinem Instinkt folgend, mit einem Bluff ein:

„Herr Doktor Kurth, meine Arbeit, meine Aufgabe verbietet Spekulationen! Beobachtung, exakte Vermessung, Berechnung und darauf basierend fundierte Lösungsempfehlung, das ist mein Geschäft. Alles, was ich in Bezug auf den Umgang, den Flow und die Archivierung der dokumentierten Fakten sagen konnte und kann, habe ich Ihnen mitgeteilt!“

Kurth wischte sich enttäuscht über die Stirn, rückte geziert seine Brille zurecht, ließ spitze Blicke auf ihn los und formulierte mit scharf zusammen gepressten Lippen:

„Nun gut, ich nehme Ihre Aussage natürlich aufmerksam zur Kenntnis. Ich möchte Ihnen dennoch die Möglichkeit einräumen, mich jederzeit zu kontaktieren und mir denkbar abweichende Erinnerungen mitzuteilen!“

Hartmut nickte und blickte auf seine Uhr.

„Entschuldigen Sie bitte, aber in etwa 45 Minuten habe ich an der Brücke über die Enna einen Termin mit dem Statiker und einem Vermessungsingenieur. Es war so schwierig, sie zu einem gemeinsamen Termin zu bekommen…“

Kurth gab auf und machte eine wischende Handbewegung.

„Ja, schon gut, gehen Sie! Hier meine Karte!“

Irgendwie juckte es Hartmut, er täuschte im Aufstehen, ein Abrutschen der Hand von der Lehne vor, entschuldigt sich und verließ das Büro, ohne die Karte aufgenommen zu haben.

Sowohl Statiker als auch Vermessungsingenieur bestätigten die Fakten und Schlußfolgerungen seiner Begehungen.

„Die Brücke hätte bereits vor wenigstens zwei Jahren gesperrt werden und umfassende Sanierungsarbeiten begonnen werden müssen, genau so, wie es aus Ihren Berichten hervorgeht und wie sie es gefordert haben!“

„Können Sie mir bitte, Ihre Einschätzung und Stellungnahme als PDF-Datei zuschicken?“

„Sie bekommen das Paket doch per Einschreiben kompakt zugeschickt!“, entgegnete der eine.

„Bei uns ist gerade eine Art Chaos ausgebrochen, möglich, dass es erst mit erheblicher Verspätung auf meinem Tisch landet!“

„Ok, Kollege, kriegen Sie! Gilt die Email-Adresse auf Ihrer Karte oder sollen wir die Daten BCC auch an eine andere Adresse schicken?“

Hartmut nickte:“Besser wär das!“ und notierte seinen privaten account auf der Rückseite der Karte. Dass der Sprecher ihm BCC vorgeschlagen hatte, zeigte, dass er genau verstand. Niemand würde erfahren, dass er eine Kopie erhalten hatte.

Sein Büro war ebenso verschlossen, wie beinahe alle anderen auch. Über seinen PC daheim hatte er einen gesicherten Zugang zum Intranet, und hätte dieserart seinen Bericht im System erfassen und hinterlegen können. Er tat es grundsätzlich nicht, denn ihn beschäftigte die Vorstellung, dass er damit Türen öffnete, die er nicht kannte. Er schrieb seinen Bericht, speicherte ihn auf einen Stick und war imBegriff, sich eine Mahlzeit zuzubereiten, als er durchs Küchenfenster einen Radler auf sein Haus zufahren sah. Hartmut ging zur Haustürund ihm gegenüber stand in Shirt, Radlerhosen und mit verschwitzten Haaren unter dem Helm, Staatsanwalt Krömer, der ihn bat, das Fahrrad mit ins Haus nehmen zu dürfen. Hartmut nickte, bot Krömer an, sich im Bad zu erfrischen und begab sich in die Küche. „Wie eigenartig ist das denn?“, dachte er und setzte Teewasser auf, da er wußte, dass Krömer Tee liebte.

Als Krömer schließlich ihm gegenüber am Küchentisch Platz nahm, fühlte sich Hartmut auf der Stelle beklommen.

„Entschuldigen Sie, Herr Hering, wenn ich Sie unangekündigt aufsuche!“, begann Krömer mit seltsam gehetztem Gesichtsausdruck.

„Nun sind Sie hier!“, antwortete Hartmut und schob ihm ein Tellerchen mit Butterkeksen zu, die Sorte, die Lea, seine Frau so gern geknabbert hatte, ein Rand mit heller, der andere mit schwarzer Schokolade  überzogen. Er hatte sie erst kürzlich wieder bei einem Discounter entdeckt, nachdem sie jahrelang nirgendwo angeboten worden waren.

„Was kann ich für sie tun?“ Krömer griff fahrig nach einem Keks und Hartmut schenkte ihm den frischen Tee ein.

Nachdem er zwei Bissen mit einem Schluck Darjeeling zu sich genommen hatte, suchte er Hartmuts Blick und begann:

„Haben Sie eine Ahnung, in was für einem Mist wir stecken?“

Hartmut blickte ihn aufmerksam an. „N..nein!“, entgegnete er mit einem Klos im Hals.

„Ihre Berichte sind schieres Nitroglyzerin für eine Reihe höchst einflussreicher Leute, die, seit Sie die Dokumente verteilten, und ich dahingehend Fragen stellte, kein Auge mehr zugetan haben! Die erste Maßnahme, mich betreffend, haben Sie inzwischen kennengelernt: Herrn Doktor Heinrich Kurth. Keine Ahnung, aus welchem Hut er gezogen wurde, aber nun ist er da und als Oberstaatsanwalt Herr aller Angelegenheiten. Meine Aufgabe soll es sein, ihn in jeder Weise zu unterstützen, als dienstbereiter Sklave sozusagen, ohne eigene Befugnisse.

Durch ihre Berichte kamen Fragen auf den Tisch, zuviel wurde an die falschen Leute durchgestochen und plötzlich liegt ein Korruptionsfilz offen, der gestern noch unvorstellbar war. Erhebliche Gelder nicht nur zur Brückensanierung sind ohne Leistungserbringung an Unternehmen geflossen, die Ihren Chef immer mit kleinen„Zuwendungen“ zu den großen Feiertagen bedenken: Pralinenschachteln für die Gemahlin, deren Deckel und Boden interessante Beträge enthalten. Über Ihren Chef und seine parteipolitische Stellung erfolgte zudem der Zugang zur Staatskanzlei und, wie wir wissen, gilt der Ministerpräsident als designierter Nachfolger für den Vorsitz seiner Partei auf Bundesebene… und damit auch als Anwärter auf den Sessel des Regierungschefs. Das alles ist zu einem Ei geworden, das der haltenden Hand zu entgleiten und sich in freien Fall Richtung Betonboden zu begeben droht. Ihre Berichte waren und sind vielen Personen bekannt, die hätten einschreiten müssen, es aber aus strategischen Erwägungen zur eigenen Karriere nicht taten. Gut, es gab sie, aber auch wiederum nicht, da sie in „Giftschränkchen“ abgelegt worden waren. Jede behielt sich vor, sie, sollte es sich ergeben, zum eigenen Vorteil einzusetzen. Dann aber beginnen Sie mit der Verteilung, und ich mit unbequemen Nachfragen – einfach so, ohne ein anderes Ziel als der Veröffentlichung, ohne Ansatz für Absprache, Verhandlung, Kompromis oder die Möglichkeit eine Regelung über Kompensation zu finden. Das wunderschöne Kartenhaus beginnt zu zittern. Wenn derartiges geschieht, wird der Korken von der Flasche gezogen und der böseGeist befreit!“

Hartmut saß da mit offenem Mund, begriff und auch nicht.

„Es geht doch nur um die Brücke, die muss doch…!“, stammelte er.

„Herr Hering, ich weiß! Wir haben beide nichts getan, als unsere Arbeit und unsere Sorge zum Ausdruck gebracht. Für alle aber, die ich meine, sind wir beide dabei, die Regierung und wichtigste Kreise der Wirtschaft in Misskredit zu bringen, das Machtgefüge der Parteien untereinander durcheinander zuwirbeln.“

Hartmut saß mit hängendem Kopf am Tisch und blickte Krömer mit leeren Augen an. Auf der spiegelnden Chromoberfläche des Wasserkessels am Herd entstand das Lächeln, seiner Lea.

„Hör ihm zu, es ist wichtig!“, sagte ihre Stimme in seinem Kopf.

„Es ist ein Leichtes, alle Dateien, Kopien und Fallordner verschwinden zulassen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Asservatenkammer, in der Ordner, Speichermedien, Computer, die konfisziert wurden, durch ein Feuer, eine heiße Explosion zerstört würde. Momentan liegt dort eine erhebliche Menge beschlagnahmtes Rauschgift einer Bande, die für einen Überfall gut wäre. Die wären leicht für einen Anschlag zum Sündenbock zu machen. Damit wäre das Problem für die Herrschaften aber nur oberflächlich gelöst, denn was, tauchten urplötzlich die Originaldokumente all jener Reports und Untersuchungen auf, die sich in Ihren Händen befunden haben mussten, als Sie sie digitalisierten und die unauffindbar sind!“

Im Wasserkessel zwinkerte Lea ihm zu.

„Ich verstehe!“, sagte er. Was ich nicht verstehe ist, dass sie nicht gefunden werden. Ich habe ein jedes Blatt nach dem Einscannen wieder an seinen Ort in seinen Ordner, in seine Mappe abgeheftet oder abgelegt, bis auf einige Dokumente, die ich meinem Chef persönlich aushändigte oder Mappen, die ich dem Sekretariat gegen Bestätigung zur Weiterleitung an den Chef übergab.“

Krömer blickte ihn fragend an und äußerte sich dann: „Das war es dann, wenn es so ist!“

Hartmut sah ihn überfordert an.

„Mensch, Hering, wir sind als Amateure in das Finale der Championsleague geraten, verstehen Sie was ich Ihnen sagen will?“

Hartmut nickte:

„Herr Staatsanwalt, wieso unterstellen alle einem Elefanten, dass er lügt und widerborstig ist, wenn er sagt, dass er den Baum zu dem er geführt wird, nicht hinauf klettern kann?“

Krömer sah ihn zweifelnd an, schien zu versuchen, Hartmuts Gedanken hinter dessen Stirn zu erlauschen, schmunzelte, nickte und erhob sich.

Danke für Ihre Gastfreundlichkeit und dass Sie mir zugehört haben, Herr Hering. Meine Familie wartet auf mich!

Sie gaben sich die Hand und Krömer war im Begriff sich auf das Rad zu schwingen, als er abbrach, Hartmut hilfesuchend anblickte und es aus ihm unter Tränen herausbrach:

„Hering, man hat mir gedroht, dass meiner Familie etwas passiert, sollte ich das Problem nicht lösen und die Dokumente heranschaffen!“

Hartmut zog ihn ins Haus hinein, brachte ihn dazu, sich aufs Sofa zu setzen und sich wieder zu fassen.

Krömer hatte ihn nicht mit seinem Problem, der ihn betreffenden Erpressung unter Druck setzen wollen, aber die Verzweiflung, seine Familie einer Gefahr auszusetzen, sie womöglich zu verlieren, hatte obsiegt.

„So schlimm?“,fragte Hartmut.

„Herr Hering, ich bin kein mutiger Mann, gewiß nicht. Ich bin, wie man so sagt, ein Papiertiger. Ich war immer schon die Besetzung für den zweiten oder dritten Platz, erpressbar und aus Angst verschwiegen. Ich war immer der, der für andere macht, womit die nicht inVerbindung gebracht werden wollen. Wer im Schmutz arbeitet, wird schmutzig, aber er kennt jeden stinkenden Krümel, der an ihm klebt. Ihr Anliegen war derart frei von Eigennutz, allein ihrer Aufgabe und fachmännischen Sorge geschuldet. Als ich mich der Angelegenheit annahm, naiv überzeugt, dem öffentlichen Interesse zu dienen, verhielt ich mich in den Augen derer, die ich meine, nicht mehr regelkonform, nicht kooperativ! Loyalität ist allein der Wolke zu erbringen, die einen umgibt, deren Interessen und Zielen gegenüber, die nie klar definiert und benannt werden, die man durch jeden Vorgang hindurch aber schnell zu erahnen versteht, anhand subtiler Reaktionen, die einen begleiten. Nie wird man sagen können: „Ich habe dieses lediglich auf Anweisung von Herrn X, jenes auf ausdrückliche Maßgabe von Frau Y durchgeführt, in die Wege geleitet…“!

Er verstand den Mann nur zu gut, aber gerade nach Krömer´s Ausführung war ihm klar, dass er dessen Hoffnung, jene Unterlagen in die Hände zu bekommen, um seine Familie zu schützen, nicht erfüllen durfte!

„Sie erpressen einen immer mit der Liebe!“, ging es ihm durch den Kopfund er fragte sich, wo er diesen Satz gehört oder gelesen hatte.

„Herr Krömer,“ begann er, „Ich werde gern im Archiv das Unterste zu oberst kehren und prüfen, ob mir bei der Ablage Fehler unterlaufen sind, oder ob Aktenkartons und Ordnern Material entnommen wurde. Ich habe ein recht ausgeprägtes Erinnerungsvermögen und weiß, wie ich einen Vorgang in welcher Folge abgelegt oder geheftet habe. Etwas Zeit brauche ich schon.“

Krömer nickte, dankte ihm und umarmte ihn zum Abschied. Als er wieder in der Küche am Tisch Platz nahm, sich etwas frischen Tee nachgoß und eines der Plätzchen knabberte, sah er Lea ganz klar und deutlich ihm gegenüber sitzen und ebenfalls nach einem Plätzchen greifen. Das Bild war so überzeugend, dass es ihm die Tränen über die Wangen laufen ließ. Sie streckte ihm ihre Hände entgegen und bedeckte die seinen. Er fühlte ihre Wärme.

„Du wirst ihm helfen müssen, Liebling!“, hörte er ihre Stimme.

„Ich weiß es doch, Lea, Schatz, aber wenn ich tue, was der arme Kerl sich erhofft, werden er, wird seine Familie, die ja etwas wissen könnte, und werde ich trotzdem nicht heil aus der Geschichte kommen und dann wird die Brücke einstürzen und es werden vielleicht sehr viele Menschen sterben.“

„Ich weiß.“, entgegnete ihm ihr Bild. „Du mußt einen anderen Weg finden! Du kannst das, Hartmut Hering! Du kannst das! Ich weiß es!“,hörte er noch, als ihr Bild mit einem zärtlichen Lächeln verschwand.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.