19 Koss – Sex and Drugs and Rock´n Roll

© hpkluge 2018

Unser Auftritt als Vorgruppe in Paris war ein Erfolg! Schon in der Garderobe wollte uns ein Agent unter Vertrag nehmen für ein Folgekonzert in Nimes. Er war ungehalten, als wir ihn baten, Kontakt mit unserem Manager aufzunehmen.

Rutger war am nächsten Morgen in unserem Hotel, wer sich weder meldete noch erschien, war besagter Agent. „Die Hauptgruppe war sauer, dass Ihr besser angekommen seid! Es wird keine  gemeinsamen Konzerte mit Euch Jungs mehr geben!“ Rutger hatte das von einem Roadie der Band geflüstert bekommen. „Macht nichts, Jungs,“ erklärte Rutger. „Veranstalter aus Nizza und Bordeaux haben angefragt. Sie wollen Euch jeweils drei Tage vor den anderen mit einer lokalen Truppe als Vorband bringen. Es hat sich herumgesprochen, was hier los war!“ Wir nahmen noch drei Autogrammstunden zur Promo unseres neuen Albums wahr, dann saßen wir im Flieger nach Nizza. Das Konzert sollte vorgezogen werden, da alle Karten verkauft waren und die Nachfrage ein zweites ermöglichte. Bei Soundcheck und Probe war mir eine äußerst attraktive junge Frau aufgefallen, die mich nicht aus den Augen ließ. Sie hieß Dolores, und ich nahm sie mit ins Hotel.

Helga unsere Toningenieurin fing mich später auf dem Weg von der Hotelbar zu den Toiletten ab. „Koss, laß die Finger von der Braut! Mit der stimmt was nicht!“, sagte sie mir ungewohnt eindringlich.Als sie meinen Blick sah, zuckte sie mit den Schultern.

„Ist Dir noch nicht aufgefallen, dass Du immer dann, wenn es gerade mal anfängt, gut zu laufen, irgendeinen Scheiß machst?“

Ich dachte mir mein Teil. Sie schüttelte den Kopf und ging die Treppen hoch. Wir hatten mal was miteinander gehabt, bis ich es wegen eines Ficks mit ihrer Freundin versaute. Ich war schon so angeschärft auf diese Dolores, dass ich zu keinem anderen Gedanken mehr fähig war.

Auf dem Zimmer gab sie mir erst einmal einen Blowjob, der mir meinen Restverstand wegfegte. Sie saugte und schluckte und dann, wollte ich sie nehmen. Als ich sah, dass da, wo ich eine schwarz behaarte Muschi erwartete, ein ziemlicher Schwanz ragte und ein Sack mit beachtlichen Hoden baumelte, war ich einen Moment lang geschockt, aber dann geil wie ein Kater, der ein rolliges Kätzchen wittert. Es war mein erster schwuler Sex und es war höllisch!. Nachdem ich Dolores bestiegen hatte, nahm sie-er mich vor und als ich dann erlebte, wie es ist, sich hinzugeben und der empfangende Teil zu sein, war ich mir sicher, das wieder erleben zu wollen.

Ich kam zu spät zum Frühstück, die anderen waren schon gegangen, um sich die Stadt anzuschauen. Helga saß in einer Ecke, trank Kaffee und las eine Zeitung. Ich ging mit meinem Tablett zu ihr und sie nickte. Ich setzte mich, begann zu essen, sie las weiter, blieb aber stumm.

„Was liest Du denn da, unterbrach ich die seltsame Stille.

Hier ist eine Kritik über das Pariser Konzert. Etwas hart für die anderen, sehr gut für Euch!“

Ich nahm einen Schluck Kaffee.

„Ist doch gut für uns alle!“, sagte ich. Helga sah mich direkt und offen mit einem milden Lächeln an.

„Koss, ich hab es Rutger schon gesagt: Ich steige aus. Um eins geht mein Flug und mein Ersatz trifft eben ein. Billboy, kennst ihn ja! Er ist gut und wird den Job bestens erledigen.“

Das haute mich um!

„Wieso?“, wollte ich wissen.

„Koss, glaub, was Du willst, aber erinnere Dich, was ich Dir gestern versucht habe klar zu machen! Es fängt an, gut zu laufen, alles stimmt und da schleppst Du diese Dolores an!“ Sie gab mir wieder diesen eigenartigen Blick.

„Wie ich sehe, hast Du gelernt, wie es in etwa ist, als Frau genommen zu werden. Freddy Mercury, Bowie und Jagger haben das auch genossen.“

Irgendwie hing ein „Aber“ in der Luft und, wie zum Teufel, konnte sie das wissen?

„Entschuldige bitte, aber ich werde Billboy in Empfang nehmen und mit ihm den aktuellen Stand am Equipment durchgehen. Wir werden uns nicht mehr sehen Koss! Ich wünsche Dir wirklich alles erdenklich Gute!“

Jetzt schmeckte mir das Essen nicht mehr! Ich fühlte mich beklommen, stand auf und rannte zum Zimmer. Ich brauchte Dolores, jetzt. Das Zimmer war leer, Ihre Kleider, ihre Reisetasche, alles war weg. Da war kein Zettel, keine Botschaft, nichts!

Ich traf die anderen in der Garderobe backstage.

„Hast Du eine Ahnung, was mit Helga passiert ist, dass sie die Biege macht? Hattet Ihr Euch vielleicht mal wieder in den Haaren?“

„Es hat mich beim Frühstück genauso kalt erwischt!“, entgegnete ich.

„Was hast Du denn mit dem Transenluder, das Du da angeschleppt hast? Sammelst Du Erfahrungen für neue Songs oder so?“, wollte „Leggins“ unser Drummer wissen.

Wieso hatten die anderen anscheinend sofort erkannt, was ich erst auf meinem Zimmer lernte?

Die beiden Konzerte waren super und Bordeaux wurde ein weiterer Erfolg.

Rutger hatte gute Nachrichten:

„Sony will mit uns über einen Vertrag reden. Sie übernehmen zunächst den Vertrieb unseres letzten Albums, haben die Rechte schon gekauft und planen eine Tour durch England für uns!“

Ich hatte gehofft, irgend ein Lebenszeichen von Dolores zu bekommen, dem war nicht so. Es zog mich runter aber es war, wie „Leggins“ es schon vermutet hatte: Da war Stoff für ein halbes Duzend neuer Songs, darunter eine Ballade, die unmittelbar nach dem Erscheinen durch die Decke ging.

In der Nacht nach der Verleihung der Goldenen Schallplatte, wurde ich plötzlich schweißgebadet wach und erschrak, denn ich hätte schwören können, Dolores vor meinem Bett auf und ab gehen zu sehen…Sie sah eigenartig aus, ihre Haut schien von feuchten, braunen Flecken übersät zu sein, Zähne fehlten in ihrem Mund, wie bei einer Greisin, die schwarzen Haare waren grau und dünn und fielen in Strähnen von ihrem Kopf, während sie auf und ab ging. Ich schrie der Erscheinung zu, sie solle verschwinden, statt dessen griff die sich zwischen die Beine, riss sich Penis und Hodensack ab und warf mir beides ins Gesicht! Der Gestank von Verwesung, der fürchterliche Ekel und die schleimige Feuchtigkeit, die mir über Wangen und Mund rann, ließ mich mit aller Heftigkeit in den Raum hinein übergeben.

„Dolores“ kehrte mir keifig lachend ihr Hinterteil zu, riß die Backen auseinander und aus dem Hintern kroch eine fette Made, deren Kopf sich zum Konterfeit meines Gesichts morphte. Ich brach zusammen, vor Ekel und Entsetzen bewußtlos.

Als die Nacht endete, ich Helligkeit um mich herum fühlte und meine Augen öffnete sah ich das lächelnde Gesicht einer Krankenschwester über mir schweben.

„Er ist wach!“, hörte ich, dann sah ich ein anderes Gesicht.

„Willkommen zurück im Leben, Monsieur! Wir dachten schon, dass Sie es nicht schaffen!“, sagte die Frauenstimme. Neben dem Bett, in dem ich lag, stand eine Ärztin. Ich erinnerte mich nicht in ein Krankenhaus eingeliefert worden zu sein. Bevor ich aber eine Frage stellen konnte, wurde es wieder Nacht.

„Hallo, Koss!“, hörte ich irgendwann Helga´s Stimme. Ich schlug die Augen auf und sah ihr Gesicht über mir.

„Wann, um alles in der Welt wirst Du endlich erwachsen? Wieder einmal Schwein gehabt! Du arbeitest wirklich mit aller Kraft daran, Deine Leben aufzubrauchen! Nach allem können es nicht mehr viele sein.“

„Was war denn? Ich erinnere mich an gar nichts. Wieso bin ich hier?“

„Genau das ist Dein Problem! Eigentlich meint das Schicksal es gut mit Dir, aber genau das erträgst Du nicht! Statt im Flugzeug nach England zu sitzen, um heute Abend in London Eure Tour anzufangen, liegst Du im Krankenhaus und Rutger verhandelt sich die Seele aus dem Leib, um Sony die Anullierung Eures Vertrags auszureden.“

Mir wurde schwindlig, ich begriff genau, was das nicht nur für mich be-deutete. Aber, was war denn passiert?

„Vodka, Crystal Meth, Extasy, Cannabis, das ist passiert, und dann hat Dir so ein Arschloch noch einen Trip untergejubelt. Sobald Du einigermaßen bei Sinnen bist, hat die Polizei noch ein paar Fragen an Dich! Zugedröhnt, wie Du warst, hast Du zwei minderjährige Mädels ins Hotelbett geschleppt! Das hat der Nacht-Manager den Flics gesteckt. Er habe es erst auf derAufnahme der Überwachungskameras entdeckt. Rutger hat einen Top-Anwalt für Dich verpflichtet. Wenn diese Sache durchsickert, Koss, dann seid Ihr nicht nur für Sony gestorben!“

„Hab ich… ?“

„Nein, wenigstens das hat nicht bei Deinem Selbstzerstörungsamoklauf geklappt! Die tödliche Mischung, die Du Dir eingeworfen hast, hat es verhindert. Alles, was funktionierte war, daß Du das Bett eingenässt hast! Die Mädchen sind echt liebe Landeier und deren Eltern ist selbst daran gelegen, dass alles unter Verschluß bleibt. Die Mädchen und ihre Familien wären in der Gegend, aus der sie kommen unten durch! Vom Hotelpersonal könnte durchaus jemand das Bedürfnis haben, Kapital aus seinen Beobachtungen zu schlagen. Das ist noch nicht geklärt, zumal Du ja für Deine liebenswürdige Art im Umgang mit Menschen bekannt bist.“

„Was ist mit Dolores?“, kam es mir über die Lippen, obschon ich wußte, dass ich damit das nächste Faß aufmachen würde.

Zu meiner Überraschung blieb Helga ruhig, brachte nur gelassen hervor: „Nichts, außer Dir, den Jungs und mir scheint sie keiner gesehen zu haben, geschweige zu kennen in Nizza, auch nicht im einschlägigen Milieu. Leggins hatte ein verwackeltes Foto von ihr mit dem Smartphone gemacht, hat es aber gelöscht, weil er meinte, dass sie da so einen komischen Blick drauf habe.

Die Befragung durch die Polizei lenkte der Anwalt ab und sagte den Beamten eine schriftliche Erklärung zu. Mit zwei Tagen Verspätung begann unsere Tour im UK. Der Erfolg besänftigte Sony, doch die entstandenen Kosten blieben auf uns lasten und fraßen unser aller Geld auf. Ich beteiligte die Jungs an meinem Anteil der Urheber-Tantiemen, die allmählich zu sprudeln begannen.

„Wir haben Familien und können es uns nicht leisten, für Deinen Scheiß unsere Rechnungen nicht bezahlen zu können!“, argumentierte Leggins. Ich verkniff mir zu sagen, dass sie ohne mich gar keinen Job hätten, bei dem mehr als in ihren Berufen reinkam. Nach der Tour kam ein
Live-Album raus, aber schon war da der Druck, ein neues Studioalbum zu machen. Ich war leer, ich schrieb nur bullshit, peinliche Texte und die anderen traten auch auf der Stelle. Mir wurde klar, dass wir eine talentierte Schulband, eine passable Amateurband gewesen waren, Kumpel, aber keine wirklichen Künstler, die sich gegenseitig inspirierten. Wenn ich nicht funktionierte, wie im Augenblick, welkte alles mehr oder weniger vor sich hin. In dieser Situation, war es ein Geniestreich unseres Trommlers, der den Knoten mit einem wirklich tollen Song durchschlug! Zum Text, den er geschrieben hatte, hatte er auf seiner alten Klampfe einen Riff gefunden, der uns augenblicklich mitriss. Der Song handelte von einem Freund, der sich vom magischen Blick einer Frau hatte verhexen lassen, die eigentlich ein Mann war! Im ersten Moment war ich sauer, aber „The evil look“ war ein Hammersong, besser und größer als ich es war. Die Jungs von Sony flippten aus, als die Verkaufszahlen der ersten Woche über ihre Displays huschten und dann locker noch einmal von den Downloads getoppt wurden. Das Album entstand dann wie von selbst und diesmal war ich es, der lediglich einen Song beisteuerte, eine Ballade, in der ich von einer Frau erzählte, die von einem Mann immer und immer wieder enttäuscht und betrogen worden war, ihn aber, als er am Abgrund stand nicht fallen ließ. „A woman, her Name is love“, nannte ich das Stück. Die Jungs nahmen die Melodie auf und zauberten auf ihre Art musikalisch ihre Zuneigung zu Helga hinein. Wenn wir mit „The evil look“, kämpferische Entschlossenheit, gegen üble Magie und herzlose Leidenschaft mit härtestem Rock peitschten, war die Ballade, ein Gänsehautappell für wahre, tiefe und warme Liebe. Für die Firma und auch für uns klingelte die Kasse und schon kam die Forderung auf Welttournee zugehen. In diesem Augenblick war es wieder einmal gut, Rutger als Manager zu haben, der den Managern klar machte, dass ein Strohfeuerhoch auflodert und heiß ist, aber nur Asche hinterläßt aus der sich kein Feuer mehr machen lässt. Jemand der über ihnen stand, kapierte, und brachte sie zur Raison. Dieser Jemand ordnete an, uns dosiert in Länder mit wichtigen Märkten zu schicken mit jeweils einem Monat Pause zwischen einem Block von maximal vier Konzerten. Ein weiteres Album solle erst in einem Jahr produziert werden. Angeregt durch eine LP mit irischer Musik, die ich auf einem Flohmarkt entdeckte, entschloß ich mich, das Land für ein paar Tage zu besuchen. Ich rief Helga an, wollte ihr vorschlagen, mich auf dieser Reise zu begleiten. Ich verband damit die Hoffnung, einen Anfang für eine neue Annäherung zu schaffen. Ich erreichte sie nicht und niemand schien zu wissen, wo sie sich gerade aufhielt oder wollte es mir nicht sagen.

„Ein Lied ist ein Lied und keine Liebe, nur eine Idee, eine schöne vielleicht tröstliche Vorstellung!“, hörte ich mich murmeln, als ich den Song von meinem Smartphone abspielen ließ. War es wirklich Helga, die ich meinte, oder war es Dolores? Ich wusste es nicht und da war diese Leere und mit ihr stieg diese Vision wieder hoch, die mich im Drogenrausch heimgesucht hatte. Die Bilder waren immer noch erschreckend, entsetzlich, und der Gestank hatte sich mir in die Nase eingebrannt. Wie kann man sich nach einem Menschen sehnen, an den derartige Bilder geknüpft sind, egal ob real oder eingebildet oder durch chemische Substanzen hervorgerufen? Mit dem Leihwagen war ich durch den Süden des grünen Landes gefahren, mit blinden Augen ohne den Zauber und die Schönheit dieses Stücks Erde wahrzunehmen. Ich hielt in gewisser Weise Ausschau nach etwas, das zu benennen ich nicht in der Lage war und dann rollte der der alte Citroen Dauphine, für den ich mich beim Verleih entschieden hatte auch schon wieder nach Dublin hinein. Als ich das Auto übergab war mir klar, dass da keine Erinnerung an die zurückliegenden Tage in mir war. Der Verleiher schien mich lesen zu können, stellte mir keine Frage, begann keinen freundlichem Smalltalk. Aus seinen Augen heraus legte sich etwas wie warmes Mitleid über mich, drang wie feiner Sommerregen durch meine Kleidung zur Haut und beinahe körperlich spürbar durch sie hindurch in mein Inneres. Er drückte mir den Flyer eines Pubs in die Hand, der für jeden Abend der Woche Livemusik einer traditionellen Band oder eines Musikers ankündigte. „Der Eintritt ist frei,die Veranstaltungen werden von einerWhisky-Destillerie aus dem Norden gesponsort.“ Er hatte eine Flasche Malt aus dem Portfolio der Brennerei unter der Ladentheke, die er hervor zauberte zusammen mit zwei geschliffenen, schweren Gläsern. Ronan, wie sich der freundliche Verleiher nannte, schenkte mir und sich großzügig zwei Finger breit von dem honigfarbenen und mild duftenden uisge beatha, Lebenswasser, ein. „Don´t wonder, this stuff is pure and holy magic, destilled by the fire of this countys soul!“ Nach dem dritten Glas konnte an dieser Aussage überhaupt kein Zweifel mehr bestehen. Er schloß sein Geschäft ab und wir ließen uns von der Magie zu eben jenem Pub tragen. Was da abging, läßt sich nur schwerlich in andere Worte fassen als: „Pack Dich zusammen, fahr hin und hinein ins Leben!“ Ronan stellte mich ein paar Leuten vor, aber Musik, Gesang, Tanz, Pints voll des braunen, cremigen Biers schufen eine eigene Wirklichkeit. Auf dem Weg von der Toilette rannte ich förmlich in eine sehr beleibte, bunt gekleidete und mit Goldmünzen dekorierte ältere Frau hinein, unzweifelhaft eine Zigeunerin. Bevor ich mich entschuldigen konnte, hatte sie mein linkes Handgelenk gegriffen und zog mich hinter sich her in einen kleinen Raum hinter der Gaststube. Ich hatte inzwischen einen Zustand der Seligkeit erreicht, der mich bereit sein ließ, zu sehen,wohin das führte. Mein Geld und meine Papiere waren sicher vor Zugriff in einem Leibgürtel.

Als erstes verlangte sie, daß ich uns Whisky und Guinness bestellen sollte. Während der gesamten Wartezeit musterte sie mich aufmerksam. Kaum, dass sie ihren Schnaps getrunken hatte, nahm sie den meinen, trank ihn aber nicht, sondern zerstäubte ihn zu einer Wolke, die sich wie ein Nebel auf mich senkte. Keine Ahnung, was sie daherbrabbelte zu Gesten, die ich als Abwehr interpretierte.

„Du wirst verfolgt, Junge, von etwas, dessen Namen ich nicht aussprechen mag. Es ist böse und es hat sich Dir bereits in unterschiedlicher Weise und Gestalt gezeigt. Es sucht Dich, denn Du bist ein schwacher Mann, Du bist schwach, weil Du Angst davor hast, stark zu sein und dann vielleicht erkennen zu müssen, dass Du es doch nicht bist – Du hast den Geschmack, die Verlockung erfahren, die Weichheit und Lust, Frau zu sein! Du bist aber ein Mann und dem Irrtum anzuhängen, es nicht zu sein, kann Dich nur ins Unglück stürzen, damit Du die Wahrheit erkennst. Etwas will Dich verderben, verhindern, daß Du die Wahrheit siehst. Du kennst die Wahrheit längst, und daher wird das, was Dich verfolgt, Dich nur um so heftiger angreifen! Etwas Gutes wacht über Dich, aber auch wenn Du nicht blind bist, Deine Augen sehen nicht das, was sichtbar ist, wie die Sonne und wenn, dann sind sie angestrengt damit, den Schatten der Sonne zu finden!“

Ihre Stimme klang, wie eine Stimme klingt, die sowohl von der Seele als auch vom Geist starker Getränke gelenkt wird. Ich legte einen Schein vor sie hin, zahlte die Getränke, denn ganz sicher wollte ich diesmal in dieser wundervollen Kneipe nicht untergehen. Sie ergriff meine Hand, langte mit der anderen in ihr üppiges Dekoletait, griff zwischen ihre Brüste, zog etwas hervor und drückte es mir in die Hand, die sie gegriffen hielt, stand auf, nachdem mein Schein zwischen ihren Brüsten versunken war und bahnte sich ihren Weg aus dem Pub. Als ich kurz darauf auf der Straße vor der Kneipe stand, war sie nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich in einer der kleinen Seitengassen verschwunden. Ich steckte das, was sie mir gegeben hatte unbesehen in meine Hosentasche. Im Hotel zog ich es hervor. Es war ein Fetzen Papier in dem ein matt schimmernder, dunkler Stein an einer feinen Silberkette eingewickelt war. Auf dem Zettel war eine Botschaft notiert: „Lies die Zeitung!“ Das war alles sehr mysteriös, aber ich legte mir die Kette mit dem Stein um und steckte den Zettel ins Geldfach meiner Brieftasche. Um dreizehn Uhr betrat ich die Maschine der Ryanair Richtung Heimat. Nur etwa 20 Minuten später hob die Douglas ab. Es war ein turbulenter Flug angekündigt,was mich eher neugierig machte. Die Makrele zum Frühstück hätte ich nicht essen sollen, sie bereitete mir Schwierigkeit und ich hoffte, mich bald auf der Toilette von ihr lossagen zu können. Am Fenster glaubte ich eine Bewegung wahrzunehmen, aber für einen Vogel hatten wir bereits eine zu große Flughöhe erreicht. In dieser Sekunde sah ich mit aller Deutlichkeit Dolore´s lachendes Gesicht da draußen, wie sie ihre vollen Lippen zum Kußmund gegen die Scheibe presste und einen deutlichen Lippenstiftabdruck hinterließ. Ich war völlig durch den Wind, wie man so sagt, beängstigt, verwirrt und immer wieder wurde mein Blick von dem Abdruck auf der Aussenseite des Kabinenfensters angezogen. Nun wurden Turbulenzen spürbar. Das Klapptischchen vor mir klapperte sehr, also klappte ich es hoch und arretierte es. Mein Blick wurde so frei auf das Netz zu meinen Knien,in dem eine Tageszeitung offenbar von einem anderen Passagier hinterlassen worden war. Ich zog sie hervor, blätterte sie durch in der Hoffnung, einen interessanten Bericht zu finden. Das Foto, das auf Seite drei etwa ein Viertel des Blattes beanspruchte, ließ mir den Atem stocken: Da lächelte mir eine junge „Dolores“ entgegen, mit einem feinen Schnauzbart, aber kein Zweifel, das war Dolores undauch die drei kleinen Muttermale am linken oberen Wangenknochen sprachen dafür. Die zweite Abbildung, die die gleiche Person in einem mondänen Abendkleid zeigte, war klein und undeutlich, aber brauchbar. Es wurde berichtet:

„Proben einer vor zwanzig Jahren in einem unwegsamen Gelände der Provence entdeckten, vergrabenen Leiche, seien nun mittels modernster forensischer Untersuchungsmethoden zweifelsfrei als die des verschwundenen und vor etwa dreißig Jahren als vermisst gemeldeten Sebastien Rudolph identifiziert worden, der als Travestiekünstler nd Schauspielerin „Dolores Degalle“ zu beeindruckendem Ruhm gelangt war.“

Die Makrele war nun mein geringstes Problem.




Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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