20 Bär

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Mir war, als streunte ich auf Tatzen über die, den herannahenden Winter ahnenden Hügel, durch die dichten Wälder, die sich harzduftend hinter ihnen erhoben. Ich mied die Spuren der Mütter, die ihre Jungen in den Schutz eines ihnen bekannten Verstecks führten, das Ihnen sicheres Quartier für die bevorstehenden Monate bot. So einem alten Graupelz wie mir trauten sie nicht über den Weg und für ihren Nachwuchs würden sie zur Not jeden Kampf wagen, wichen dem aber immer zunächst aus, denn sollte sie, die Mutter, sterben, waren die Jungen im Winter dem Tode geweiht. Ein Biss aber oder ein heftiger Hieb mit der krallenbewehrten Tatze einer, ihre Jungen schützenden, wütenden Bärin konnte mir ernste Probleme bereiten, so trollte ich mich weg von ihnen meiner Wege und wurde zudem mit einem Strauch voller, überreifer Beeren belohnt. Es hat etwas Eigenartiges auf sich mit diesen fauligen, süßen Früchten: zuerst steigt ein Gefühl auf, als sei der Frühling eingetroffen, dann, bald darauf schon, kommt die Müdigkeit mit aller Gewalt und man schläft dort ein, wo man gerade liegt oder schwankend hockt. Ich schaffte es noch zwischen ein paar hohe Felsbrocken, wo sich mir ein Bett aus Latschen bot, bevor ich in wohliges Dämmern verfiel, begleitet von Bildern der Schnellen, an denen ich über Tage die fetten, so wohlschmeckenden Lachse fing, die meinen Wanst hatten anschwellen lassen für die kommende eisige Zeit.

Wie durch einen dichten Nebel hindurch nahm ich benommen, ohne Gefühl für die vergangene Zeit das wütende Brüllen einer Bärin wahr und dann ein ohrenbetäubendes Gebrüll, das mir schon einmal begegnet war! Ich drängte die Müdigkeit und die Schwäche beiseite, bewegte mich zwischen den Felsbrocken hindurch aus dem Lager hinaus. Unterhalb meiner Position hatte sich der wahnsinnige „Goliath“ auf die Hinterbeine gestellt und ging gegen eine Bärin vor, die deutlich ihre Tatzen in Position gebracht hatte, bereit, ebenfalls auf den Hinterbeinen stehend, den Angreifer zu empfangen. Sie hatte keine Chance. Dieser Koloss war fast doppelt so hoch und sicher dreimal so schwer wie sie. Sein Gebiß und seine Krallen waren absolut tödlich und sein Wahnsinn machte ihn für seinesgleichen unbezwingbar. In diesem Augenblick entdeckte er die beiden Jungen der Bärin, ein für ihn mehr als nur annehmbarer Fraß. Die Bärin war bereit in den Tod zu gehen und ging zum Angriff über, der damit endete, daß sie ein so harter, so gewaltiger Schlag am Schädel traf und ihr klaffende Striemen durch die Maske riß.

„Komm, Enkel!“, hörte ich die tiefe, rollende Stimme meines Großvaters neben mir, der zu Lebzeiten vielleicht so gewachsen wie Goliath gewesen sein mochte, nun aber, in seiner Erscheinung, schien er  noch weit größer und mächtiger zu sein, und war dennoch nur wie ein Nebelbild.

„Halte ihn auf, mein Sohn!“, grollte er. „Wenn es geht, töte ihn! Er ist für alle von uns eine Gefahr und eine Schande für unser Volk!“

„Wie er so sprach, ließ ich aus Angst und Entsetzen Wasser und Kot gehen.

Großvaterlachte nur: „Das ist in Ordnung! Das macht Dich leichter und schneller!“ Sein Lachen war es wohl, das mir Verstand und Panik ausblendete, und ich trabte los mit meinem ärgerlichsten und bösartigsten Gebrüll zu dem ich fähig war. Goliath ließ auf der Stelle davon ab, der Bärin zuzusetzen, und wandte sich verwundert mir zu. Seiner Überraschung verdankte ich wohl den ersten Prankenhieb, mit dem ich ihm seine Schulter bis zum Knochen aufriß.Mein Biß ließ ein Gelenk am Hinterbein knacken. Dann aber war er oben irrsinnig brüllend und als mich sein Biß verfehlte, schlugen seine Kiefer mit einer derartigen Heftigkeit aufeinander, daß einige seiner Zähne splitterten.

„Gut gemacht!“, hörte ich Großvater. „Verschwinde, Junge. Es gibt eine bessere Art, ihn zu töten, ohne selbst schwer verwundet zuwerden. Schau!“

Ich folgte der Bewegung dessen, was wie sein Schädel erschien, verstand und hetzte los, den Hügel hinab auf eine Baumgruppe zu, aus der seitlich zwei Menschen mit langen und schweren Stöcken getreten waren, die, wie ich schon gesehen hatte Blitz, Donner und Tod von sich werfen konnten gegen Wesen wie sie selbst oder unsereinen! Goliath hatte mich in Reichweite und sein irrer Hass machte ihn blind für alles. Ich gab alles in meinen Lauf und warf mich auf Großvaters Ruf hin unvermittelt zur Seite. Goliath schoß an mir vorbei und direkt hinein in den Blitz, den Donner, den Tod. Ich trollte mich davon und sah, wie die beiden Menschen, die Stöcke sinken ließen und einer winkte mir mit seiner Mütze in der Hand zu. Als ich wieder auf der Anhöhe war, konnte ich noch sehen, wie sie begannen, den Pelz von „Goliaths´“ leblosem Körper zu schälen.

„Komm, Junge, ich zeig Dir meine alte Höhle und dann legen wir uns hin und schlafen, bis der Frühling uns weckt!“, meinte Großvater. Während wir höher kletterten, sahen wir unter uns die Bärin mit ihren Jungen, die ihr zärtlich die Wunden am Schädel leckten.

Großvater hatte tatsächlich eine geräumige Höhle, in der nur das einschläfernde Fauchen des Windes draußen zu hören war, ohne, dass er vordringen konnte. Seite an Seite schliefen wir ein, so war mir.

….

Wie jeden Sommer luden unsere Eltern meine Schwester, ihren Mann, die Enkel und mich zu ihrer Hütte oberhalb des Sees ein, die einmal ihr Alterssitz werden sollte. Einen schöneren Ort konnte es für dieKinder, aber auch für uns Erwachsene nicht geben. Ich war in Vater´s Fußstapfen getreten und arbeitete als Ranger hier draußen. Meine Schwester war Ärztin an einer Klinik in der Hauptstadt und meinSchwager Leiter eines Elektronikfachmarktes. Meine Nichte und die beiden Neffen besuchten dort die Schule. Für Lucille war klar, dass sie einmal Kinderärztin an der Klinik sein würde, wie ihre Mutter, während die beiden Jungs ihre Ziel weit entfernt von der Erde gesteckt hatten, der eine als Architekt beim Bau einer Mondstadt, der andere als Pionier bei der Eroberung des Mars. Mutter schmunzelte immer, wenn die beiden versuchten, ihr ihre Pläne darzulegen, Vater ermutigte sie, stundenlang mit ihnen diskutierend. Meine Schwester zuckte mit den Schultern und kam immer schnell auf ihr Lieblingsthema zu sprechen: die Frage, ob ich denn noch nicht eine Freundin hätte, und wann ich denn endlich einmal daran dächte, eine eigene Familie zu gründen. Sie war lästig aber genau das schien ihr große Freude zu bereiten, und wenn dann auch meine Mutter in ihre Neugier und Vorträge, wie schön doch eine eigene Familie sei, einstimmte, dann war der Punkt erreicht, an dem Vater, mein Schwager und ich uns zum kleinen Bootshaus davon machten, wo Paps seine kleine Produktion an Kiefern-, Ahorn-, und Wildbeerenschnaps sicher versteckt und kühl gelagert hielt.

„Sean hat oben bei der alten Hütte am Pass, nach inzwischen fast vier Jahren, wieder Spuren entdeckt, die befürchten lassen, dass sich die Sorte Wilderer erneut in diese Gegend bewegt, die sich einen der herunter gekommenen Trapper kauft, der bereit ist, für viel Geld, ihnen die Reviere der Grizzleys zu zeigen und die zu Trophäen geeignetsten Exemplare. Er hat Patronenhülsen einer Munition gefunden, wie sie nur für Karabiner mit extremer Reichweite benutzt wird, wie einem Bushmaster zum Beispiel.“, begann Vater, nachdem wir alle, Mann für Mann, ein gutes Glas seines hochprozentigen Kiefernschnapses geleert hatten.

„Ja, ich fand auch einen Platz unmittelbar bei der Hütte, wo ich im Moos die Eindrücke zweier rohrförmiger Kufen entdeckte. Dort war ein Hubschrauber gelandet und wieder gestartet. Die Untersuchung der Hütte erbrachte rein gar nichts, aber ich hab eine Wildkamera mit Ausrichtung auf den Landeplatz und die Hütte angebracht. Ich bin gespannt, was der Chip speichern wird.“, ergänzte ich.

„Du wirst nichts darauf finden, Sean!“, meldete sich Schwager Conrad zu Wort. Wenn das Geldleute sind, die sich hier was schießen wollen, das ausgestopft in ihren Büros Angestellte und Besucher erschrecken soll, dann sei nicht so naiv zu glauben, Du könntest die erwischen! Ich gehe mit Dir eine Wette darauf ein, dass sie die Kamera längst entdeckt und den Chip ausgetauscht haben. Entweder sie haben so einen Scanner, der Elektronik aufspürt, oder sie haben einen wirklich guten Trapper, der jeden Zweig dort kennt. Sei vorsichtig, Kumpel! Ein Tipp vom Angestellten eines Elektronikbauteilemarktes: nimm erst einmal nie dasselbe GPS-Modul mit, über das Dich Deine Dienststelle orten kann, wenn Du Dich am Pass oder bei den Grizzlyrevieren rumtreiben willst. Vielleicht bist Du damit auch bei denen auf demSchirm! Mag sein, dass ich zu viele schlechte Filme gucke, aber immer find ich in denen was, was ich locker in unseren Katalogen bestellen oder aus Teilen unseres Katalog zügig bauen kann.“

„Conny hat recht!“, pflichtete Vater ihm bei. Mach Deinen Job im Territorium! Es gibt tausend Dinge zu tun. Derweil werde ich mitSnoopy und Tyron mal die Touristennummer durchziehen und typischerweise etwas abseits der ausgewiesenen Wanderpfade mit Megaobjektiv-bewehrten Kameras die Gegend unsicher machen, wenn Du verstehst… und kein Wort darüber zu wem auch immer!“

Nach dem zweiten Glas seines „Spirit of strong Pine´s“, wurde es Zeit, wieder unseren grimmig dreinblickenden Damen unter die Augen zu treten.

„Schau sie Dir an, Mom! Ich wette mit Dir, um was Du magst: irgendwo da unten hat Dad ein Schnapsdepot! Von wegen, er tut nur den Nachbarn einen Gefallen! Conrad! Gestehe auf der Stelle alles!“

Mein Schwager würde in den nächsten Tagen den schwersten Job von allen haben, dessen war ich mir, innerlich schmunzelnd, sicher.

Ich hätte June Hathaway, die stellvertretende Leitung des Rangerpostens küssen mögen, als sie anrief und sich kleinlaut entschuldigend, mich über ein Verbrechen an den Fällen informierte, wo eine junge Frau von zwei Kerlen vergewaltigt worden sei, die sich in die Gegend davon gemacht hätten. Der Hubschrauber mit der Wärmebildkamera war unterwegs auf der Suche nach den Tätern, aber in den Wäldern ist nichts so effektiv, wie ein Ranger, der die Gegend kennt.

„Mom, schau es Dir an, wie er sich freut, uns sitzen lassen zu können!“

Meine Schwester fühlte sich zurecht, um einen weiteren Auftritt und eine tief bewegende Predigt gebracht. Gegen Vaters milde, aber nicht in Zweifel zu ziehende Authorität hatte sie kein Mittel.

Ich packte meine Tasche mit frischer Wäsche und einer gebügelten Ersatzkombination, schnallte meinen Gürtel um, küsste alle und war fort.

Auch, wenn mir Conrads Rat in den Ohren klang, nahm ich mein gewohntes GPSmit, da ich nicht damit rechnete, irgendwie in die Nähe des Passes oder der Grizzlyreviere zu kommen. Schon anderthalb Tage später beorderte ich den Hubschrauber unseres Rangerpostens, um die Verdächtigen abzuholen. Der eine war in eine uralte, rostzerfressene, vergessene Bärenfalle getappt und es war klar, dass ihn sein „Abenteuer“ mit Glück nur den Fuß, wahrscheinlicher aber das linke Bein bis oberhalb des Knies kosten würde. Sein Kumpan hatte ihn sich selbst überlassen, angeblich, um Hilfe zu holen und hatte in blanker Unkenntnis und blinder Hast, in irrigem Vertrauen in sein Glück, sich trotz großer Warnschilder einer Hängebrücke aus morschen Tauen anvertraut und verloren. Nach 80 Metern Sturz blieb von ihm nur das, was wir von den Felsen kratzend in einem Plastiksack zum Posten schafften.

Der jungen Frau hatten sie das Leben gelassen, aber die Fähigkeit zerstört, je eigene Kinder zu bekommen und dieser Welt zu schenken, wie ich aus dem Bericht des Krankenhauses erfuhr, der uns zugeschickt wurde.

Nach diesem Fall blieb ich im Ort und mietete mich in der kleinen Pension von Amelia Simons ein, die schräg gegenüber des Rangerpostens und neben der einzigen Bar mit annehmbarer Küche weit und breit lag. Da Amelia sich nicht mit alkoholisierten Gästen herumärgern wollte, und nicht vollständig auf die Einnahmen der Pension angewiesen war, beherbergte sie nur Leute, die sie kannte. Für alle anderen gab es Andrej´s Boarding House, gute zehn Schritt hinter der Bar gelegen, hinter dem widerum „Anabell´s Heaven“, einsame Durchreisende und ausgehungerte Trapper, Goldsucher und Abenteurer um zuviel Dollars für zuwenig Zuwendung brachte. Nicht selten war früher schon die ein oder andere der Frauen mit der Schürfarbeit mehrerer Wochen verschwunden, wenn der Unvorsichtige aus seinem Vollrausch oder einer Betäubung tags drauf erwachte. Einige dieser Frauen wurden nur wenig später ohne das Gold und entsorgt wie Abfall irgendwo in der Gegend oder im Fluß nach den Stromschnellen treibend gefunden.

Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte ich in Privatklamotten, schloß meine Dienstsachen weg, schrieb meinen Bericht und suchte die Bar auf, bestellte den „Standard“, ein 10oz-Steak mit Spiegelei, fingerdick geröstete Zwiebeln darüber und gebratenen Chips in einer Extraschüssel. Dazu gehörte ein Wasserglas mit dem, was dort„Scotch“ genannt wurde und ein Pint Lager, unbekannter Herkunft und Marke. Das Gute war: es sättigte, schmeckte einigermaßen, war preiswert, hob die Stimmung und schuf die Bettschwere, die einen auch nach einem üblen Tag mit Gottvertrauen auf einen besseren hoffend in Amelias Daunenkissen einschlummern ließ. In dieser Nacht aber wachte ich zweimal voll innerer Unruhe auf. Ich schrieb es dem schweren Abendessen zu, nahm einige Schlucke aus dem Flachmann, den Vater mir stets nach Gefühl mit einem seiner Schnäpse füllte. Keine Ahnung, was ihn getrieben hatte, aber diesmal enthielt das Gefäß den Schnaps den er aus einer Bitterwurzel destillierte. Amelias Zimmer waren allesamt mit Wassertoiletten ausgestattet. Ich schaffte es rechtzeitig, mich vor das Porzellan hin zu knien, bevor mein Magen sich vollständig entleerte. Nach einem weiteren Schluck beruhigte sich mein Inneres, es verschwanden Übelkeit und innere Aufruhr. Ich wusch mich, ging zu Bett, wurde aber erneut von einer Nervosität ergriffen, die in ihrer Art anders war, als jene zuvor. Schließlich glitt ich vor meinem inneren Auge in Szenarien zwischen gereizter Fantasie, Gegrübel und Wirklichkeit.

Oben in den Bergen hatte es bereits zu stürmen und zu schneien begonnen. Das Fenster meines Zimmers flog auf und ein eisiger Wind kam herein.Ich stand eilig auf, schloß es, zog aber die schweren Übergardinen nicht vor, setzte mich in den Sessel, schlang die Daunendecke des Bettes um mich und starrte hinaus in die Dunkelheit. Im Kegel derStraßenlaterne sah ich kleine Schneekristalle wirbeln, wie es sommers dort die Mücken taten. Bald obsiegte die Müdigkeit und zog mich in wohlige Hingabe, in einen langen dunklen Tunnel, bis ich bereit war und, als sei ich wach spürte, wie ich in die farb- und formlose Welt des Schlafes glitt. Im Augenblick des Vergessens hörte ich etwas wie einen entfernten Ruf durch die Schluchten zwischen den Bergen echoen: „Du hast mich verraten…“. Dann war es nur noch warm, ruhig und dunkel.

Am nächsten Vormittag kam Harris Deveraux, ein Pelz- und Fellhändler in den Rangerposten und erklärte mir, daß ihm ein „durchgeknallter“, ihm bislang unbekannter Trapper, den Pelz eines riesigen weißen Grizzlys zum Kauf angeboten habe, und er das Gefühl habe, daß da etwas nicht in Ordnung sei.

„Ich weiß nicht, Sean, halte mich für verrückt, aber als Fachmann sage ich Dir, das Fell ist gut erhalten, imposant, aber uralt. Schau ich es mir intensiver an, um Verfallsspuren zu entdecken, kommt es mir vor, dass es kaum älter als ein paar Jahre sein kann. Ich werde noch irre!“

„Was sagt der Typ, woher er es hat?“, fragte ich. Harris zuckte mit den Schultern:

„Der Typ quatscht nur komisches Zeugs, lacht irre, fuchtelt mit den Armen rum, als kämpfe er ums Gleichgewicht und wird auf einmal fuchsteufelswild. Nein, er greift mich nicht an, aber er führt sich sehr eigenartig auf. Er will so gegen Zwölf kommen, um zu hören, ob ich kaufe oder nicht. Bist Du so gut, und begleitest mich? Mir ist der nicht geheuer!“

„Ich geh mit ihm!“, rief ich June zu, die gerade dabei war, den Hubschrauber zu einem Camp von Landvermessern zu schicken. Sie hob den Daumen und ich schnallte mir den Gürtel um, nicht ohne die Sicherungslasche der Waffe festzuzurren. Ich folgte Harris´Toyota mit dem Rover und parkte am Eingang zu seinem Lagerschuppen. Auf einem großen Tisch inmitten des Raums lag, im hellen Licht einer Deckenlampe das hellgraue, beinahe weiß erscheinende Fell eines einstmals etwa Zweimeterfünfzig bis drei Meter großen Bären. Ich fühlte mich auf der Stelle seltsam beunruhigt, als ich es sah, so, als könne das Tier, dem es gehört hatte, sich erheben und mich angreifen! Ich war kein ängstlicher Mensch, um so unverständlicher war mir diese Unruhe. Als es an der Tür klopfte, ging Harris und öffnete sie. Es entstand ein Zug und ich fröstelte durch den eisigen Wind, der in den Schuppen drang.

„Hast Du Dir Hilfe geholt, Deveraux?“, hörte ich eine tiefe, grollende Stimme und war erstaunt, eine eher kleine Gestalt, hinkend neben Deveraux auf mich zutreten zu sehen. Ein außergewöhnlich dichter, grauer Schnauzbart, mächtige graue Brauen über gelblich braunen Augen, ein ausladender, fast weißer Vollbart, schulterlanges, dichtes Haupthaar untermalten noch die lauernde Boshaftigkeit in seinem Blick, der Widerwillen und gespannte Vorsicht in mir weckte und nach einem Bild in meiner Erinnerung suchte, das ich glaubte, in mir zu tragen.

„Ah,und dazu gleich einen tapferen Ranger!“, fügte der Kerl provozierend hinzu, ließ ein keuchend zischendes Kichern folgen, das für einen Augenblick die braunen Stummel gebrochener Zähne entblöste.

 will ich doch hoffen, Sir!“, entgegnete ich und streckte ihm offen meine Hand entgegen, die er geflissentlich übersah. „Mein Name ist Cavenaugh und wie heißen Sie, Sir, wenn ich fragen darf?“

„Geht Dich nichts an, Ranger, oder hab ich was verbrochen?“, kam es kalt und drohend zurück. Ich nahm mir vor, diesen Burschen im Auge zu behalten, hatte aber keine Lust, auf der Stelle in eine Auseinandersetzung mit ihm zu gehen. Der wandte sich Harris zu.

„Also, Deveraux, nimmst Du den Pelz oder nicht?“, knurrte er und fuhr fort, als Harris stumm blieb: „Also nicht! Hat es Dir die Sprache verschlagen, Arschloch?“

„Was ist, Ranger? Willst Du dieses hübsche Fell nicht für Deine Freundin? Kannst ihr ja sagen, dass Du den Burschen in den Tod geschickt hast, um ihr den Pelz zu verehren… nein?“ Was er sagte und die Art, in der er es tat, klang bitterböse und gemein.

„Behalten Sie Ihren Pelz!“, antwortete ich.

„Oh, Jungchen, Du glaubst nicht, wie gern ich das getan hätte!“, gab er zurück und etwas echote in mir, erschloss sich aber noch nicht.

Er trat zum Tisch, begann das Fell zusammen zu rollen und mit einer Schnur zu binden, dabei schien er erhebliche Schwierigkeiten mit der linken Schulter zu haben, die oft kraftlos einsackte. Schließlich schmiß er sich das geschnürte Bündel mit der Rechten über dieSchulter und schlurfte hinkend zum Ausgang, den Harris ihm öffnete und offen hielt. Eine Sekunde schien es, als würde der kräftige Wind den eigenartigen Kerl wieder ins Innere zurück drücken, dann aber war er fort und Harris schloß fröstelnd die Tür hinter ihm.

„Was für ein Mensch!“, sagte er und rieb sich wärmend die Arme. „Das war´s wohl, der Sommer geht zuende und der Herbst fängt gar nicht erst an!“, orakelte er.

„Woher kommt der Kerl? Kennst Du seinen Namen?“, fragte ich Harris noch, nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte.

„Keine Ahnung, Sean! Einer meiner Lieferanten, ich glaube Devlin Murray, erzählte mir, ihm hin und wieder in der Nähe des Grizzly-Gebiets begegnet zu sein. Aber einen Namen kannte der auch nicht.“

„Geht Murray auf Bären?“, fasste ich nach. „Sean…“, entgegnete Harris schmunzelnd. „Sagen wir mal so: Weder hat er mir je ein Grizzlyfell angeboten, noch hab ich je eins von ihm gekauft und wie Du mitbekommen hast, hab ich ja auch diesen prächtigen Pelz abgelehnt…“

Ich saß gerade vor dem Bildschirm meines Arbeitsplatzes und blätterte mich durch die Datenbank der registrierten Trapper und auffällig gewordener Wilderer, in der Hoffnung, einen Hinweis auf diesen Kerl, der Harris aufgesucht hatte zu finden, fand aber rein gar nichts, nur, daß Devlin Murray, den er erwähnt hatte, vor einigen Wochen Opfer eines Bärenangriffs geworden war. Ich beschloß den zuständigen Kollegen, der die Information eingestellt hatte bei nächster Gelegenheit zu befragen.

„Sean, „Zorniger Donner“ aus dem Huronendorf hat in aller Frühe angerufen und verlangt, daß Du und nur Du heute bei ihm vorbeikommen sollst.“, trug mir June vor. Worum es geht, hat er nicht gesagt.“

„Zorniger Donner“ war der Medizinmann des Stammes und in seiner Art ein ebenso seltsamer Mensch wie der Kerl, dem ich bei Harris begegnet war, seltsam zwar, aber nicht bösartig. Ruf ihn an, ich komme!“,bat ich June.

„Hab ich Trommeln, kann ich Rauchsignale oder beherrsche ich Telepathie?“,entgegnete sie schulterzuckend. Sie hatte recht. Wenn der Medizinmann jemanden erreichen wollte, nutzte er die „böse Zauberei“, entweder über ein öffentliches Festnetztelefon oder mit dem Prepaidhandy eines Stammesmitglieds, über das er auch nie zurückgerufen werden konnte. „Haben wir noch etwas von dem Fusel für besondere Gelegenheiten?“, fragte ich. „Zorniger Donner“ war zwar gut sortiert, was Rauschmittel anging, mit denen er zu Verstorbenen, Geistern aller Art in Verbindung trat, aber ein Seagrams oder Canadian Club schien, wenn ich ihn seinerzeit einmal richtig verstanden hatte, besonders geeignet zu sein, mit Geistern und Dämonen der Bleichgesichter Kontakt zu schaffen. „Leider nein. Ist alles bei der letzten Neujahrsparty hier drauf gegangen!“

In diesem Moment rief mich Vater an.

„Junge, ich hab Dir ein paar Fotos auf Deinen Quasselknochen geschickt. Ruf bitte am Abend zurück! Snoopy und Tyron streifen im Umkreis unseres Lagers herum, um zu sehen woher und wohin ein paar dieser Spuren kamen, über die wir gestolpert sind, und wohin sie führen.“

„Paps, macht keinen Scheiß! Das ist mein Job!“, entgegnete ich.

„Den ich und die Jungs hier über dreissig Jahre gemacht haben!“

June lachte, ich zog mir den warmen Parka, die Wollmütze mit dem Rangeremblem über, steckte Handschuhe in die Taschen, nahm die Pumpgun, zwei Schachteln Munition mit und winkte June zu.

„Gehst Du auf Kriegspfad?“, wollte sie besorgt wissen.

„Ich nicht, Schatz, aber erinnerst Du Dich, wann und warum unser roter Bruder zuletzt seine Hemmung vor dem „bösen Zauber“ überwandt?“

„Pass auf Dich auf!“, entgegnete sie. Ich lenkte den Rover zur Bar und kaufte eine dicke Flasche Whisky zum Ranger-Vorzugspreis. Vor der Weiterfahrt setzte ich mich auf ein Pint hin und schaute mir die Fotos an, die Paps mir geschickt hatte. Markante Abdrücke von Militärstiefel-Profilsohlen, Geleerte Konserven- und Bierdosen, Zigarrettenkippen, ein Schnapsflachmann und schließlich eine verlorene Patrone Karabinermunition. „Alles eingetütet und dokumentiert, bringen wir Dir mit!“, stand dabei neben den Koordinaten der Fundstellen. „Seid vorsichtig, Ihr alten Knaben!“, schrieb ich.

Es war offensichtlich, was vor sich ging. Als ich schließlich losfuhr, rief ich June an und bat sie den Hubschrauber los zu schicken, um Vater und seine Kumpels von deren augenblicklichen Koordinaten abzuholen.

„Ich hab ein Scheißgefühl, June!“

Am Dorfrand war ein befiederter, mit Perlen und einem  , mit frischen Farben bemalter Speer in den Boden gerammt. Ein Knabe, der einen, mit Kriegsfarben bedeckten Lederschild hielt und mir entgegenstreckte, trat auf meinen Wagen zu und bedeutete mir ihm zu folgen. Speer und Schild waren gedacht, um Böses fern zu halten. Wenn der Junge mir den Schild entgegenhielt, galt die Drohung nicht mir, sondern dem Bösen, was sich mir eventuell angeheftet hatte, um ins Dorf zu gelangen.

„Zorniger Donner“ hatte sein Zuhause in einem großen, heruntergekommenen und mit allerlei Zeichen bemalten Wohnwagen genommen, einem „Wigwam der Weißen“, wie er ihn zu nennen pflegte. Von festen Häusern aus Holz oder Stein hielt er gar nichts und auf Lederzelte, Tradition hin und her, verzichtete er schon lange der oft heftigen und eisigen Winde wegen.

Er begrüßte mich, indem er mich bat, auf einem Stein vor seinem Heim Platz zu nehmen, wo er den Rauch seiner Pfeife auf mich blies und ihn mit seinen Händen wie einen Stoff über mich verteilend strich. Nach dieser „Reinigung“ und der somit gleichzeitigen Übertragung einer „schützenden Haut“, bedeutete er mir, aufzustehen, wonach er mich umarmte und in sein „Wigwam“ bat. Sein Gesicht hellte sich auf, als ich ihm den Whisky überreichte, blieb aber ernst und mit freundlich ernster Dankbarkeit überreichte er mir als Gegengeschenk ein Amulett mit einem unscheinbaren Lederbeutelchen daran, das zwischen zwei Eulenfedern befestigt war.

„Das ist eine starke Medizin, die Dir einen großen Feind enthüllen wird, sobald er sich Dir nähert!“

„Danke Dir, „Zorniger Donner“!“, sagte ich. Er nahm zwei Gläser aus einem Hängeschränkchen, in dem zugleich eine Reihe kleiner verkorkter Tongefässe und gefüllte Schnaps-Probefläschchen standen, die inzwischen irgendwelche anderen Stoffe enthielten. Er stellte eines der Gläser vor mich, eines vor sich hin und dann füllte er sie bis zum Rand mit dem Whisky, den ich ihm gebracht hatte. Er hob das seine und prostete mir zu.

„Das ist Euer Zauber, um Eure Seele zu der eines Freundes sprechen zulassen, nicht wahr?“, gab er mit schelmischem Lächeln von sich.

„Und Du bist ein zu weiser und zu erleuchteter Mann, um nicht zu wissen, was es ist!“, gab ich grinsend zurück, woraufhin er kichernd sein Glas hob und anerkennend daran nippte.

„Ich habe Dich gerufen, Ranger, Hüter des Waldes, weil Du bist, der Du bist!“, brachte er in seltsamer Betonung hervor. Ich beschloß, ihm schweigend zu zuhören. Er würde mir sagen, was ich nie von ihm würde erfragen können. Er hob erneut lächelnd sein Glas und leerte es in einem Zug. Ich tat ihm gleich und aus einer Tasche seines uralten, speckigen Jagdhemdes zog er ein Päckchen Zigaretten hervor, bot mir eine an, steckte sich selbst eine zwischen seine faltigen Lippen und nahm mein Feuerzeug, um sie sich anzustecken, danach reichte er mir Feuer und das Feuerzeug verschwand mit dem Päckchen in der Tasche seines Jagdhemdes. Dabei beobachtete er mich freundlich und aufmerksam.

„Der Große Geist gab einst seinen Atem in das schwarze Nichts, weil es ihm gefiel, von Leben, Licht und Wärme umgeben zu werden. Alles Leben, das von ihm ausgegangen war, erfreute sich seines Geschenkes, ihn und sein Werk betrachten und verstehen zu dürfen und den Großen Geist wärmte seine Bewunderung und Dankbarkeit. Das Nichts jedoch fühlte sich betrogen, weil der Atem des Großen Geistes, etwas in es hinein hatte werden lassen, das nun das Nichts um sich selbst verringerte. „Du zerstörst unser Gleichgewicht!“, klagte das Nichts. „Lass alles im Fluß!“, schlug es listig vor. „Lass, was Du hast werden lassen, vergehen! So wird mir wieder zuteil, was Du mir nahmst und es wird wieder Ausgleich sein!“

Der Große Geist erkannte den Plan, der ein berechtigtes Anliegen des Nichts zu seinem Nachteil drehen sollte, um ihm am Ende Atem zu nehmen.

„So soll es sein!“, stimmte er dem Nichts freundlich zu. „Wenn aber alles im Fluß bleiben soll, dann bedarf es des Unterschieds, wie Du verstehst! Machen wir es also so, dass alles, was vergeht, nach einer Zeit neu entsteht, so ist auch mir Rechnung getragen und Dir kein Schaden entstanden, weil es nach einer weiteren Zeit erneut vergeht!“

So wurde es, auch wenn das Nichts sich bis heute als übervorteilt versteht, aber nicht zu sagen wüßte, inwiefern – weil es nichts von Dankbarkeit, Bewunderung, Liebe, vom immerwährenden Werden versteht!“

Seine Worte, ihr Klang, der Geist der sie trug, nahm mich gefangen und mein Respekt vor dem Alten wuchs.

Jemand klopfte an der Tür des Caravans. „Zorniger Donner“ erhob sich und bat mich, ihm zu folgen. Draußen kamen wirbelnd zwei Kinder auf ihn zugelaufen, die er, alle Würde aufgebend, mit offenen Armen empfing, herzte, aufhob, drückte und wieder hinab ließ. Etwas abseits stand eine junge Frau, offensichtlich die Mutter der Rangen. Sie trug ein buntes, gewebtes Tuch um Schultern und leicht über ihr Haupt gelegt. Der Alte winkte sie zu sich. Mit den beiden, die ihre Arme um ihre Beine schlangen, kam sie der Aufforderung nach.

„Das ist der Sohn des alten Rangers, der dem Weg seines Vaters folgt und von dem ich Dir erzählte!“, stellte er mich ihr vor. „Das ist meine Enkeltochter, deren Name „Das Herz, das dem Tod widerstand“, ist. Vor der Geburt ihrer beiden Kinder blieb für Minuten ihr Herz stehen, bis es von allein wieder zu schlagen begann. Das war einZeichen und ihr Mädchenname „Scheues Reh“, traf nicht mehr zu.“

Die junge Frau schlug nun das Tuch zur Seite und enthüllte ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht, über das sich quer, beinah unsichtbar vier feine, helle Linien zogen. Ihr Blick traf den meinen mit einer Wärme und Intensität, als sei er unmittelbar in mein Herz gedrungen! Ihr schien es ähnlich zu gehen.

„Ich habe noch mit dem Ranger zu sprechen, mein Kind! Deine Mutter wartet auf Euch! Sag ihr, ich werde kommen, sobald mich mein Freund wieder verläßt!“, unterbrach der Alte den Augenblick.

„Soll er denn nicht unser Gast sein und mit uns speisen?“, fragte die junge Frau und wich meinem Blick dabei aus.

„Ihm wird dazu keine Zeit bleiben, wenn er gehört hat, was ich ihm zusagen habe!“, entgegnete er ihr und zog mich wieder in seinen Caravan hinein. Bedauernd löste ich meinen Blick von ihr.

„Ich wanderte zu der Höhe der „kleinen Hasen“, die Ihr Weißen „Schönen Ausblick“ nennt, weil sich zwei Krähen und ein Habicht in der Luft über mir stritten und heftig gegeneinander vorgingen. Ich wurde sofort von großer Unruhe ergriffen, das Band meiner Pfeife riß, sie fiel zu Boden und ich trat unbedacht auf sie. Als ich aufblickte, war der Habicht bereits in eine Höhe gestiegen, in die ihm die Krähen nicht zu folgen vermochten. Über der Höhe der„kleinen Hasen“, verschwand er im Licht der Mittagssonne.

Dort angekommen berührten mich Worte, die meine Ankunft erwartet hatten. Ich kann sie Dir nicht wiederholen, denn ich habe nicht den Mund, sie zu sprechen, aber ihre Botschaft war deutlich und klar!

Ranger, wir müssen uns auf das Böse, den Tod vorbereiten! Er ist bereits da und diesmal will er das Leben, das er hatte, zurück holen und Rache nehmen!“

„Von wem redest Du?“, fragte ich den Alten, der uns in aller Ruhe die Gläser erneut füllte. Er erwiderte meinen Blick fest, ohne mir eine Antwort zu geben. Nach einer Weile begann er:

„Der Große Geist läßt vergehen und das Vergangene neu entstehen. So begleitet es ihn von einem Ende dessen, was ist, zum anderen Ende seiner Schöpfung vom Morgen zum Mittag zum Abend und wieder zum Morgen der Zeit und immer schließt sich dabei ein Kreis und alles,was mit offenen Enden auf dem Weg bleibt, sucht nach dem Weg, sich zu schließen oft unzählige Male bis das Ende den Anfang und der sein Ende trifft. Es ist wieder einmal soweit!“

„Der zornige Donner verstummte, schien im Sitzen erschöpft oder vom Whisky berauscht eingeschlafen zu sein.

Als ich den Wohnwagen verließ, stand „Das Herz, das dem Tod widerstand“ dort und lächelte mir schüchtern fast zu, so daß mir ihr Mädchenname sehr viel zutreffender zu sein schien.

„Mein Großvater geht wieder an der Hand eines Geistes durch einen Traum spazieren“, lächelte sie. „Ranger, ich möchte meinen Kindern gern einmal die Wanderung der Bären zeigen, wenn sie auf dem Weg zu ihren Höhlen sind. Allein ist es mir zu gefährlich und niemals würde Großvater zustimmen! Darf ich Dich bitten die Kinder und mich zu begleiten?“

„Was ist mit Deinem Mann, ihrem Vater?“

Sie sah mich offen an. Ich habe keinen Mann, Ranger, und der Vater der beiden konnte sie zwar zeugen, war aber leider zu schwach, sie zu begleiten, weil er selbst nicht aufhören konnte, ein Kind zu sein.“

Ich nickte.

„Das ist kein Spaziergang, und ich werde Euch nur begleiten, wenn Ihr mir absolut und unbedingt folgt!“

Sie nickte begeistert! „Wird es Dir übermorgen möglich sein?“ Ich stimmte zu.

ImPosten warteten bereits mein Vater, seine Kumpels, Snoopy und Tyron auf mich. Die Beweisstücke, die sie mitgebracht hatten, weitere Fotos und Notizen ließen keinen Zweifel daran, was im Gange war. Die Mounties hatten bereits ein halbes Duzend Beamte zur Unterstützung losgeschickt, die sich ums Grizzlyrevier herum verteilten. Dazu stand ein Armeehubschrauber in Bereitschaft.

Es ist besser, Du redest Deiner Indianerfreundin den Ausflug, zudem mit ihren Kindern, aus!“, meinte Vater. „Wir wissen nicht genau, wer da auf Jagd gehen will, aber wir wissen, um was für eine Sorte Leute es sich handelt!“

„Okay, aber ich muß hin, denn, wenn ich nicht auftauche, wird sie dennoch aufbrechen!“

„Das ist die Geschichte meines Lebens mit Deiner Mutter, Sohn! Hier, nimm das!“, sagte er und drückte mir seinen Gürtel mit dem 9mm-Magnum-Colt in die Hand. Ich sah in der Trommel Patronen mit eingekerbter Spitze.“

„Absolut illegal!“, sagte Vater, „aber absolut notwendig, wenn Du ein Monster vor Dir hast und keine Zeit mehr, den Karabiner in Anschlag zu bringen. Mit Deiner Dienstpistole würdest Du nur Dein Ende einläuten!“

„Zorniger Donner“ sprang singend um ein Feuer herum, in das er Pulver, Steine, Knochen und bunte Erde warf. Er schmierte mir, seiner Enkeltochter und den Kindern mit Zeige- und Mittelfinger, Farbe auf die Stirn vom Haaransatz zur Nasenwurzel. Er war nicht ansprechbar, verharrte in einer Art Trance.

„Das Herz, das dem Tod widerstand“, trug einen Karabiner am Nackenriemen in Vorhalt, darüber eine bunte Decke, die die Waffe verbarg. Die Kinder trugen Proviant in den Rucksäcken und drängten aufgeregt zum Aufbruch. Mir war flau im Magen, denn die Wanderung, das wurde mir sekündlich klarer, war Irrsinn. Da waren Leute unterwegs, die stumpf waren für alles, nur fokussiert darauf, sich Trophäen zu schießen.

Gegen Nachmittag hatten wir die „Höhe der kleinen Hasen“ erreicht und sahen den ersten Koloss, der sich aufwärts ins Gebirge bewegte, wo er seine Höhle aufsuchen wollte. Die Kinder waren aufgeregt und kaum ruhig zu halten, als der Riese sich witternd aufrichtete und um sich schaute. Eine Bärin mit einem Jungen trottete etwas abseits und verschwand mit ihrem Nachwuchs im dichten Tann weit unter der Baumgrenze. Nach dieser Bärin geschah nichts mehr und die Spannung der Kinder nahm ab. Plötzlich entdeckten Sie einige Beerensträucher, deren Zweige schwer mit reifen Früchten hingen. Wir begleiteten sie und hielten die Augen wachsam auf. Das Treiben der Kleinen lenkte meine Wachsamkeit ab, bis ich deutlich ein Zucken im Nacken verspürte, ausgehend von dem Lederband, an dem das Amulett und der Lederbeutel hingen, den mir „Zorniger Donner“ geschenkt hatte. Plötzlich sprangen drei Gestalten zwischen den Beerensträuchern hervor mit vorgehaltenen Waffen, einer von ihnen, der eigenartige Trapper, dem ich bei Harris begegnet war. Mit erhobener Waffe zielte er auf die Kinder und lachte: „Endlich!“ Im gleichen Augenblick krachte der Karabiner der Squaw und warf den Kerl mit aller Gewalt den Abhang hinab. Meine Pumpgun streckte die beiden anderen Kerle zu Boden, bevor sie einen Schuß abgeben konnten. „Das Herz, das demTod widerstand“, war bei ihren Kindern und zerrte sie mit sich in den Schutz einiger hoher Felsbrocken. Brüllend und von unnatürlicher Energie getrieben brach der wahnsinnige Trapper erneut zwischen den Sträuchern hervor und schoß aus zwei Waffen ziellos um sich. Vater´s Magnum riß ihm fast die linke Schulter weg, aber wie ein Zombie drang er weiter vor. Der zweite Schuß zerquirrlte ihm ein Fußgelenk, worauf er erneut eine Waffe hob und gegen mich richtete. Ich drückte noch einmal ab und sein Schädel verwandelte sich in einen rötlichen Nebel.

„Zorniger Donner“ stand in meiner Wahrnehmung wie ein Geist neben mir und sagte: Du mußt es zuende bringen, Ranger!“ Ich verstand, trat auf den zuckenden Körper des Trappers zu, zielte und drückte ein letztesmal ab. Als die Leiche vom Gerichtsmediziner untersucht wurde, fehlte sein Herz ebenso wie der Schädel.

Die beiden andern Toten waren altbekannte Trophäenwilderer und ihrer Skrupellosigkeit wegen bekannt und mit Belohnung zur Suche ausgeschrieben. Ihnen die Magnum mit der DumDum-Munition zuzuordnen ergab sich von allein. Daß ich die Waffe zur Notwehr ergriffen hatte, war offensichtlich.

Als „Das Herz, das dem Tod widerstand“ und ich, entsprechend der Zeremonie der Huronen und dem Ritus meiner Kirche, nach dem offiziellen Akt beim Standesamt vermählt wurden, hatten meine Schwester und meineMutter endlich „erreicht“, was ihnen so lange am Herzen gelegen hatte, insbesondere, als sich weiterer Nachwuchs ankündigte. Vater, Conrad, hin und wieder „Zorniger Donner“ und ich waren im Bootshaus fortan vor weiterer weiblicher Investigation sicher, wobei keine Gelegenheit ausgelassen würde, darzulegen, dass frau genau wisse, was da los sei…

Insbesondere Vater´s Kiefernschnaps fand die Anerkennung von „Zorniger Donner“,der den Zauber wie folgt beschrieb: „Howgh!“


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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