09 Josef Spanger

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Josef Spanger hatte eine durchquälte Nacht hinter sich und war keineswegs bereit, das ihm sonst so erfrischend, belebende Knarzen des Weckers als Einladung in einen neuen Tag voller Konzepte und Entscheidungen, stundenlangen Diktaten zur Erledigung seiner Korrespondenz anzunehmen. Den Maßgaben seiner Gattin folgend hatte er Hedwig Körner zu seiner persönlichen Sekretärin bestimmt, ein hageres, schmalstlippiges Wesen mit weit vorgealtert faltiger Reptilienhaut, die auf streichholzartig knöchernen Beinen erschreckend flink durch die Büros lief und huschte, und ihn dabei nur deshalb nicht an eine Spinne erinnerte, da sie nur vier Extremitäten besaß und sich, soweit er es beobachtet hatte, stets auf die Fortbewegung mittels der zwei hageren Beine beschied. Fräulein Körner, wie sie mit Nachdruck wünschte, angesprochen zu werden, war, was niemanden im Unternehmen oder bei Lieferanten und Kunden Wunder nahm, eine, im höchsten Maße perfekt und effizient arbeitende Kraft, und es ging das, vom Fachmann eines beauftragten IT-Unternehmen gestreute Gerücht, dass sich neben ihr selbst die aktuellen, höchstgetakteten Prozessoren in Servern und Notebooks welk und frustriert fühlten, was immer wieder die Probleme verursachte, deretwegen er vor Ort in Erscheinung träte und schöne Rechnungen schreiben dürfe. Josef Spanger hatte seinerseits dieses Gerücht schmunzelnd zur Kenntnis genommen und es für sich behalten, denn über die Frauen seiner Freunde, würde es auch Fräulein Körner´s Schutzmacht, seiner Gattin, zu Ohren kommen, quälende Ermittlungen verursachen, Mutmaßungen und Personalfragen bis ins Bett zur Diskussion stellen, wo dies doch die einzige Zeitspanne im Tagesverlauf für ihn war, in der er etwas Privatsphäre und Zeit für sein Hobby genießen konnte, dem Stöbern in Modellflugzeugkatalogen. Die Sehnsucht, diesem Sport aber auch real nachzugehen, war verdammt, auf ewig, Sehnsucht zu bleiben, denn die Gewissheit, dann Tag um Tag nicht nur durch eine Wüste aus Eis mit fauchenden, schneidenden Winden zu wandern, sondern zugleich graue Meere uferloser Hoffnungslosigkeit stets aufs Neue zu durchschwimmen angehalten zu sein, hatte ihn zum immer freundlichen, weisen Menschen schon in seinen besten Jahren geformt. Aus dieser, ihm zueigen gewordenen Camouflage heraus gelangen ihm, ihn erheiternde Vorstöße auf einem ihm feindlichen Gelände.

FräuleinKörner´s militärische Disziplin war zu erschüttern, sobald er deren Bruchstellen in zwischenmenschlicher Kommunikation und Interaktion behutsam entdeckte und es ihrer Zwängigkeit überließ, eine Dystrophie zu erkennen, die sie als Diagnose einer anderen Person nur als Kriegserklärung  hätte verstehen und beantworten können. Mißtrauisch schmeckte sie seine subtilen Manipulationen auf Kontrollverlust oder planvolle Kontrollbeschneidung ab. Sie ahnte, stand sich aber immer wieder mit dem für sie unumstößlichen Paradoxon im Wege, nicht wirklich, nicht perfekt, zu sein. Da es die Abläufe seiner Unternehmensführung dann aber doch beeinflußte, wenn er Fräulein Körner zu lange in einer Endlosschleife sich dehnender Rückkopplungen hielt, beendete er sie, so sehr die Beobachtung ihn auch amüsierte. Ausserdem, wollte er seine temporäre Dominanz nicht dadurch gefährden, daß sie, wie alle Raubtiere in eine Optimierung ihrer Problemlösungskompetenz überginge. Gestern war er bewusst ein neues Risiko eingegangen, sie aus ihrer Blockadezu lösen.

„Körnchen, Sie sind ja doch mein bestes Pferd im Stall!“, hatte er einfach gesagt. Im gleichen Augenblick, als er es sich sagen hörte, ergriff ihn beinahe so etwas, wie Panik. Sie schien wie aus einer kurzen Unaufmerksamkeit aufzuwachen. Ihm kam sofort das Bild einer aufgerichtet, tänzelnden Kobra vor Augen, die den Flötenspieler und seine mesmerisierenden Bewegungen hochkonzentriert verfolgt, duldet und doch die Spannung für einen Angriff aufrecht erhält. Der sich ändernde Faltenverlauf ihrer Gesichtshaut wäre nur wohlwollend als Lächeln zu interpretieren gewesen, eher schon als eine Art vorweggenommenen Abschmeckens der fokussierten Beute. Ansonsten machte sie einfach mit dem Vorgang weiter, der vor ihr lag. Bildete er es sich ein, oder hatte sie dem nächsten Anrufer tatsächlich mit entfrosteter Stimme geantwortet?

In der Nacht hatte ihn Harndrang zweimal aus dem Schlaf geholt. Als er sich dann schließlich erschöpft in einen Schlaf gequält hatte, griffen die Bilder eines Albtraums nach ihm, die ihn endgültig in ein Zwischenreich aus aufschreckendem Erwachen und von Visionen getriebener Bewußtlosigkeit verbannten.

Schweißgebadet war er aus dem Bett ins Bad geflüchtet, um sich unter dem kalten Wasser der Dusche in die Realität zurück zu zwingen.

Fräulein Körner´s Gesicht hatte über ihm geschwebt, während sie ihn zur Paarung zwang und er in schillernden Fascettenaugen sein Schicksal als Proteinquelle zur Produktion zigtausender Eier lesen konnte.

Es gelang ihm das Haus verlassen zu haben, bevor das Licht im Treppenhaus aufleuchtete. Sie würde sein Handy erst entdecken, wenn sie versuchte, ihn anzurufen und das Klingeln sie zur Garderobe rief. Sie würde ihn im Büro anrufen wollen, um seine Rechtfertigung zu verlangen und von Fräulein Körner erfahren, daß auch die nicht im Bilde war, wieso er nicht im Büro sei, daß sie keine Termine notiert habe für ihn und sich auch nicht vorstellen könne, wo er sich aufhielte. Nun würde sie den Auftrag erhalten, dieFlugbereitschaft seiner Firmenmaschine zu kontaktieren, dieFahrbereitschaft, ob er möglicherweise mit einer der luxuriösen Limousinen unterwegs sei, ohne eine positive Rückmeldung geben zukönnen, also würde das Interview sich auf eine persönlichere Ebene erstrecken… ob es Probleme im Unternehmen gegeben habe, die ihn belasteten, ob er sich irgendwie anders in der letzten Zeit verhalten habe… Josef Spanger war sich sehr sicher, daß Fräulein Körner seiner Gattin nichts von jenem Satz sagen würde, den er ihr zur freien Verfügung überlassen hatte. Sollte sie es, wieso auch immer dennoch tun, würde seine Gattin weder spontan verstehen, noch zu einer Entscheidung gelangen. Schließlich hatte er selbst keinen Plan verfolgt, sondern spontan, experimentell gehandelt, etwas, das weder in ihr noch ihrem Schützling angelegt war.

Einen Atemzug lang spielte Josef mit dem Gedanken, seinen alten Schulfreund Gregorius aufzusuchen, um sich – für alle Fälle – einen Befund über Herz und Kreislauf erstellen zu lassen. Er würde sich zwar Vorhaltungen machen lassen müssen, daß er in unverantwortlicherWeise selbst mit dem Wagen gefahren sei, statt den Arzt kommen zulassen, oder wenigstens seinen Fahrer zu bestellen, oder als letzteMöglichkeit ein Taxi zu rufen, aber das wäre die erträglichste Variante. Josef blickte von der Brücke, am Geländer stehend überden Hafen aufs Meer bis zum Horizont hinaus und schüttelte, über sich selbst lachend, den Kopf. Nein, genau auf so etwas hatte er keine Lust. Alte Spiele und ausgetretene Wege sind sterbenslangweilig, so sehr sie sich auch bewährt haben mögen. Im Grunde lernt man bei den einen nur, was man doch längst schon gelernt hat ohne zu lernen. Bei den anderen stolpert man von einem Dejavu ins andere und stellt irgendwann desillusioniert fest, nicht einen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen zu sein. Überrascht stellte er plötzlich fest, wie das Stahlrohr des Brückengeländers, das er umgriffen hielt, sich in seiner Konsistenz zu verändern schien: weicher fühlte es sich an, nachgiebig beinah, wie Knetmasse.Es ängstigte ihn nicht, obwohl er diese Wahrnehmung als real empfand und keineswegs einem geistigen oder organischen Problem geschuldet. Es erheiterte ihn, als sich ihm von beiden Seiten her, delphinartige Verformungen des Stahlrohrs näherten, sich durch seine Fäuste hindurch kreuzten, er ihre schnatternden Stimmen hörte und sich ein feiner Wassernebel aus ihren Atemlöchern über ihn legte!

„Ja,nehmt mich mit, meine Freunde!“, flüsterte er ihnen zu, während warme Tränen feuchte Bahnen über seine lächelnden Wangen zogen und sich mit den kühlen Tropfen des Wassernebels vermischten.


08 Wer den Geist ruft

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Kellerwischte abschätzig mit der Hand durch die Luft, kippte den nächsten Schnaps, kaum, dass Kurt ihn vor ihm abgestellt hatte. Als er gleich darauf einen weiteren verlangte, winkte Kurt ab:

„Laß gut sein, Torsten! Schluß für heute, Klappe zu, Affe tot!“

Keller wusste es selbst, und er wusste, dass Schnaps nichts änderte oder rückgängig machen konnte. Er war frustriert, ohnmächtig und esnagte an ihm. Drei Wochen war es nun her und immer noch lief das Saupack auf freiem Fuß herum. Nichts passierte und sein Zorn und sein Hass änderten nichts und auch nichts am Zustand seiner Frau.

„Tutmir leid Kurt!“, entschuldigte er sich, denn er hatte laut Luft abgelassen in der letzten Stunde. Er legte einen Schein auf denTresen hob die Hand und wandte sich Richtung Ausgang. Kurt nahm denSchein, tat ihn in die Schublade neben die Geldkassette, nahm Keller´s Gläser, spülte sie und stellte sie auf dem Abtropfblech der Spüle ab. Er hatte Keller nicht das Gefühl von Mitleid geben wollen. Gift für einen Mann, der sich zu Unrecht den Vorwurf machte, seine Frau und seine Kinder nicht beschützt zu haben.

„Arme Sau!“, meinte Edith, die abends ihr Mittagessen nachholte und sich einen kleinen Absacker gönnte, um von der Schicht herunter zukommen. Kurt nickte, es gab nichts hinzuzufügen.

„BeiDir alles im Lot?“, fragte er. Er wußte, Edith hätte von sich auserzählt, aber irgendwie hing Bedrückung, und Niedergeschlagenheit im Raum, die auch nichts änderte.

„Komm, gib mir noch was.“, entgegnete sie, angelte sich eine Zigarette aus dem Päckchen vor sich und steckte sie sich mit dem abgegriffenen,goldenen Dupontfeuerzeug an, während Kurt ihr den Sekt in ein frisches Glas füllte und das gebrauchte mit dem fetten Lippenstiftabdruck in der Spüle reinigte. Der ruhige Gast, hinten am Ecktisch hob den Arm. Kurt nickte und zapfte vom Starkbier in ein großes Seidel. Er war kurz vor Keller gekommen, hatte Leber Berliner Art mit Kartoffelpüree, grünem Salat und Schokopudding zumNachtisch bestellt, einen Schnaps getrunken, bislang zwei große Seidel getrunken und die ganze Zeit über schweigend im Halbschatten gesessen, nachgedacht oder Keller zugehört, vielleicht beides, jedenfalls hatte er keine Regung von sich gegeben. Erst jetzt, alsKurt ihm das Bier brachte, stand er auf und ging die Stufen hinab zur Toilette. Das deutliche Klacken bei jedem Schritt zeigte an, dass die Knobelbecher, die er trug, eisenbeschlagene Spitzen und Hacken haben mußten.

Edith nickte in Richtung der Treppe und fragte Kurt:

„Ist das denn für einer?“

Kurt zuckte mit den Schultern.

„Ist zum erstenmal da. Hab den in der Gegend noch nie gesehen.“

Edithnahm einen Zug, inhalierte , blies den Rauch unter den Schirm der Lampe, die schräg über ihr hing und ein schummriges Licht von sich gab.

„Kein Kunde für mich.“, sagte sie. Kurt legte eine Kassette in den Player und leise floß ein alter deutscher Schlager aus den versteckten Boxen. Edith summte lächelnd die Melodie mit.

„War das schön damals, Kurti, weißt Du noch? Wenn Du Dich nur einmal ein bisschen mehr ins Zeug gelegt hättest! Ich hab doch gemerkt, dass ich Dir nicht egal war.“

Kurt entgegnete ihren Blick: „Aber Günther hatte schon ein Auto und verdiente Geld.“ Edith lächelte bitter, zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher, verließ den Hocker und stöckelte auf ihren hohen Pömps Richtung Toiletten, steuerte hart dem Fremden entgegen, der eben zurück kam. Geschickt machte er Edith den Weg frei. Im helleren Licht der Gaststube war sein markant geschnittenes Gesicht mit dem grau melierten Stoppelbart dem kurzen wuscheligen Haar zu sehen. Es wirkte ernst aber zugleich eher milde und freundlich, dennoch beschlich Kurt ein eigenartiges Gefühl. Möglich, dass die schwarzen Lederhosen, das schwarze Hemd, die schwarze Lederweste und dann dieseStiefel, den beunruhigenden Kontrast zum Gesichtsausdruck verursachten. Trotz der schweren Stiefel bewegte sich der Mann eher tänzerisch entspannt. Er nahm wieder am Ecktisch platz und hob das Seidel zum Mund.

„Ichwill nen Cowboy als Mann…“, trällerte der nächste Schlager von der Konserve.

„Das war die Musik meiner Jugend.“, erläuterte Kurt beinahe entschuldigend in Richtung des stillen Gastes am Ecktisch, der nicht reagierte, und schenkte sich ein Glas Cola ein. Kurz darauf kam Edith die Treppen herauf gestolpert, blickte kurz in Richtung des Ecktisches, nahm ihren Platz am Tresen wieder ein und steckte sich die nächste Zigarette zwischen die Lippen.

„Kommst Du mit, Geli besuchen, wenn sie wieder da ist?“, fragte sie. Kurt nickte. „Hoffentlich kommt sie zurück!“

Edith verschluckte erschrocken Rauch und hustete so heftig, daß es ihr die Tränen in die Augen trieb. Als sie sich und ihre Atmung wieder unter Kontrolle hatte, blickte sie Kurt ehrlich betroffen an,versuchte ihre Tränen mit einem Papiertaschentuch zu trocknen,verwischte ihre Wimperntusche dabei aber derart, dass Kurt sich zwingen mußte, trotz allem ernst zu bleiben, als zeitgleich „Poison“ von Alice Cooper die Serie deutscher Schlager abbrach. Edith verstand das kurze Zucken in seinem Gesicht dennoch.

„Idiot!“, zischte sie und fragte: „Ist es so schlimm?“

Kurt nickte und platzte nun heraus, unfähig sich angesichts des verschmierten Make-ups seines Gegenübers weiter zu beherrschen.

„Männer sind einfach nur Idioten, kaputt und unerträglich!“, brachte sie hervor und dabei flossen weitere Tränen und zogen Bahnen über die stark gepuderten, mit Rouge aufgehübschten Wangen.

„Torsten hat erzählt, dass diese Schweine ihr derart auf und gegen den Kopfgeschlagen und getreten hätten, dass die Ärzte, angesichts der Schädigungen am Gehirn mit ernsten Folgen rechnen. Morgen kommt sie bei einem Top-Hirnchirurgen, oder wie das heißt unter´s Messer, aber ein Jesus ist der auch nicht. Torsten ist fertig. Hier hat er sich mal abgeregt. Zuhause muß er ja für die Kleinen da sein. Geli´s Mutter kann nur zwei drei Stunden am Tag aushelfen. Muss sich um ihren Mann kümmern, der nach dem Schlaganfall auch nur noch halb in der Welt ist. Norbert hat Torsten beurlaubt und zahlt ihm sein Gehalt weiter. Respekt, das hätte keiner hier gedacht. Sandra ist erst zehn Jahre, aber ein kluges, waches Mädchen. Torsten hat erzählt, dass sie von Zeit zu Zeit nachts ins Bett macht und weint.Hat die Schweinerei direkt mitgekriegt, hat gesehen, wie diese Kerle ihre Mutter niedergeprügelt haben, hat selbst auch Schläge insGesicht bekommen, sich aber sofort um das Kleine im Kinderwagen gekümmert und sich schützend über es geworfen, als diese Bestien den Kinderwagen zur Seite getreten haben.“

„Ichkönnte kotzen!“, meinte Edith und verlangte was Härteres. „ich geh gleich in den Dom und steck ne Kerze an! Was bleibt einem denn da noch übrig?“

Kurt stellte ihr ein Whiskyglas mit einem fingerbreit eingeschenkten Fernet hin, überlegte kurz und machte auch für sich ein Glas fertig. Als Edith ihren Drink gekippt hatte und er sie fragend ansah,meinte sie: „Tut gut das Zeug jetzt, aber ich muss nachher um zehn nochmal an den Start!“

„Ruf mich an, wenn Du was Neues erfährst!“, sagte sie und dankte, alsKurt ihr signalisierte, daß die Getränke aufs Haus gingen. Er nahmden Zehner für die Hühnersuppe, die Kartoffelpuffer mit Apfelmus,tat ihn in die Kasse und winkte Edith hinterher. In diesem Augenblick trat der Gast vom Ecktisch an den Tresen und verlangte, seine Zeche zu bezahlen. Kurt fröstelte es beim Blick in diese eiskalten, leeren und abgrundtiefen Augen. Die Münzen, die der Fremde auf den Tresenlegte, waren so blank, als seien sie eben erst geprägt worden und der Schein so glatt und sauber, wie aus der Notenpresse. Es war der zigfache Betrag der Zeche, der vor ihm lag. „Kaufen Sie bitte der armen Frau Blumen davon, sobald sie wach ist und gesund wird und dem tapferen Mädchen schenken sie bitte eine große Schokolade!“ Während Kurt erstaunt und wie vom Donner gerührt auf das Geldstarrte, hörte er bereits die Tür seiner Gastwirtschaft zufallen. Er hatte noch fragen wollen, was er sagen solle von wem..“. DieGänsehaut klang nur langsam ab und auch am kommenden Morgen, als er seine Einkäufe tätigte und danach begann, die Mahlzeiten für den Tag vorzubereiten, hatte er immer noch das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu bewegen.

Gegen Mittag kamen wieder die drei Arbeiter von der Baustelle am Beekenkamp, wo sich auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwalzwerks die ersten kleinen Gewerbebetriebe ansiedelten; der Enkel der Michalske kam, und holte auf dem Heimweg von der Schule das Mittagessen für sie ab, wie jeden Tag.

„Ichsoll Ihnen sagen, dass Oma bis Dienstag mit dem Kirchenchor unterwegs ist.“, sagte er, steckte sich die Rolle Drops weg, die Kurt neben anderen Süßigkeiten immer für Kinder bereitliegen hatte, die füre eine Erledigung zu ihm kamen. „Dankeschön!“, sagte Klaudius und stürmte mit der Mahlzeit im Styroporbehälter davon. Kurt hatte Spaß an dem Knaben, dessen Eltern und Familie ihm ein gutes Vorbild gaben. Normal war das längst nicht mehr.

Mehrere gewaltige Explosionen erschütterten die mittägliche Ruhe, ließenden den Boden beben, Fensterscheiben und Gläser und Flaschen in den Regalen klirren. Kurt blickte sich entsetzt um, die drei Männer waren aufgesprungen, zwei Teller schlugen samt der Mahlzeiten auf den Dielenboden und draußen zerplatzten einige Dachpfannen auf demBürgersteig vor dem Haus. Wie durch einen Zufall hatte bislang noch niemand seinen Wagen hier geparkt und es war auch niemand am Haus entlang gelaufen. Vorsichtig traten Kurt und seine Gäste vor dieTür. Eine Straßenbahn war stehen geblieben und ein Kleinlaster, hinter dem die üblichen Idioten hupten, weil er ihre Weiterfahrt blockierte. Als weitere Dachpfannen herunterfielen, zogen sich die vier Männer wieder in die Gaststätte zurück. Kurt ersetzte dieGerichte und reinigte dann den Boden. Sie spekulierten, was diese Explosionen wohl verursacht haben könnte und wo sie stattgefundenhaben könnten.

„MeinKumpel Majid hatte vor zwei Wochen bei den Libanon-Kanaks drüben im Kranz-Viertel zu tun. Die wollten keinen Deutschen, also hat sein Chef ihn geschickt. Es gab da irgendein Problem mit der Heizung, die die Firma noch für die Vorbesitzer eingebaut hatte. Die wollten Garantieleistung und wurden sauwütend, als Majid ihnen erklärte,dass es die nur bei Einhaltung der Wartungsintervalle gäbe und auch nur,wenn Reparaturen oder Veränderungen von einem ausgewiesenen Fachbetrieb durchgeführt worden seien. Majid brachte ihnen den Puls wieder runter, nahm den Auftrag zur Reparatur aber nicht an, aus guten Gründen und dummen Erfahrungen mit solchen Leuten. Er hat erzählt, dass überall Bastler und Pfuscher am Werk gewesen seien. Irgendwann müsse was passieren und dann könne man froh sein, wenn man keine Finger im Spiel hatte. – Das eben kann der Beweis dafür gewesen sein!“

Jede Menge Alarmsirenen waren zu hören und Blaulicht flackerte.

Kurtschaltete das Radio an. Der lokale Sender berichtete nur von der Katastrophe im Kranz-Viertel. Drei Häuser waren in Schutt und Asche gelegt worden. Tote oder Schwerverletzte gab es, wie durch ein Wundernicht. Mit detaillierten Aussagen hielt sich der Sender zurück.

Kamal wurde blaß, als er die Ruinen seines Hauses und die seiner Kusins sah.Zugleich schossen blinder Haß und Wut durch ihn hindurch! Wer das getan hatte würde sterben, langsam und qualvoll krepieren – er und dessen ganze Familie, Freunde und alle! Feuerwehrleute und Spezialisten der Polizei liefen im Schutt hin und her, suchten, fotografierten, nahmen Proben, liefen einfach durch sein Haus! Kamal schrie und tobte und warf Steine gegen sie, bis ihn drei Polizisten packten, zu Boden brachten und fesselten. Es hatten sich wohl drei Duzend Männer zusammengerottet und rückten bedrohlich näher. In diesem Moment trafen drei Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei ein, bildeten eine Formation mit hochgezogenen Schilden und gefassten Knüppeln. Flüche und Beleidigungen brandeten auf, ein Mann stürmte mit einem Baseballschläger auf eine Streifenpolizistin los und wälzte sich nach dem Strahl Pfefferspray heulend, schreiend  unf jammernd am Boden. Ein älterer Mann hielt zwei andere Heißsporne zurück und deutete auf einen Beamten, der das Geschehen mit einer Videokamera filmte und auf die Bodycam, auf der Schulter der Beamtin.Es wurde etwas ruhiger. Unter dem Schutz der Bereitschaftspolizei, gingen Kriminaltechniker und Sprengstoffexperten ihren Aufgaben nach. Als der Ruf „Gas“, kam, drängten die Kräfte die Leute zurück, ein Beamter mit arabischer Herkunft erklärte auf Arabisch, was los war mit mäßigem Erfolg. Erst als drei Männer in Maßanzügen vor Orterschienen, die Anwälte des Clans, kehrte etwas Ruhe ein und die Leute zogen sich mißtrauisch zurück. Sie schafften es schließlich, dass Kamal verschwand. Er hatte schon genug dummes Zeug von sich gegeben und die Polizeikameras filmten weiter.

„Bernd,“sprach einer der Anwälte einen Kollegen an, „Glaubst Du, könnte es sein, daß…“

Der Angesprochene schüttelte den Kopf.

„Nein, auf keinen Fall, das ist nicht so einer!“, entgegnete er.

„Trotzdem,stell Dir vor, dieser meschuggene Kamal oder ein anderer des Clans käme auf die Idee und macht, was sie immer machen, wenn sie glauben, daß andere es genauso machen, wie sie! Dann hätten wir einProblem…“

„Sieht der Alte, der angerufen hat, auch so. Er wird Kamal mit den beiden anderen vorsichtshalber in den Libanon schicken, bis sich die Wogen gelegt haben.“

„Doofheit und Geiz an der falschen Stelle.“, sagte Kolacki von der KTU und schob den blauen Kunststoffhefter HK Paul und dem ermittelnden Staatsanwalt zur anderen Seite des Besprechungstisches zu. Die sahen ihn verwundert an, auch wenn sie seine laxe Ausdrucksweise kannten. Er zuckte mit den Schultern.

„Was soll ich sagen? Der „Sprengstoff“ hat nichts gefunden und wir können unsererseits nur hinzufügen, dass mit Gas nicht zu spaßen ist. Dazu gibt es eine Reihe von Stimmen ansässiger Fachbetriebe. Mitarbeiter hatten sich geweigert, ins Viertel zu fahren und die Chefs wiesen auf die Bedrohung hin und die Forderungen, die Wartungen kostenlos durchführen zu dürfen. Seitens des Amtes sei auch keine Reaktion erfolgt.“

„Dazu will ich klare Aussagen und unterschriebene Protokolle!“, fauchte der Staatsanwalt. „Wo sind wir denn hier?“

Eine Antwort bekam er nicht. Kolacki meldete sich zu Wort:

„Da gibt es zwölf weitere Immobilien, die dem einen oder anderen Clan gehören und Gas beziehen! Wenn ich die Fachunternehmen richtig verstanden habe, haben die im gesamten Viertel nicht eine Anlage gewartet.“

Der Staatsanwalt öffnete seine Krawatte und wandte sich an HK Paul:

„Wie kommt es eigentlich, daß es bei diesen Explosionen nur einigeVerletzte aber keine Toten gab?“

Dazu gab es ein Stimmengewirr. Einige behaupteten, es habe telefonische Warnungen gegeben von einem Mann, der Deutsch gesprochen habe, andere sagen, dass es Brüder gewesen seien, die sagten, dass Deutsche alle im Viertel umbringen wollten… Die Aussagen dazu waren so widersprüchlich, daß wir davon ausgehen, dass zwischen einzelnen Gruppen der beiden Clans Rivalitäten ausgebrochen sein müssen.

„Und was bliebe dann von der Hypothese, alles sei auf schlampige Wartung der Gasanlagen zurückzuführen?“

„Alles!“, mischte sich Kolacki wieder ein.

„Es muß doch geradezu eine Einladung gewesen sein, auf diese Weise eine Warnung zu setzen. Keiner weiß was genaues, aber jeder hat es verstanden.“

„Fakten, Beweise, Geständnisse!“ meinte der Staatsanwalt, dem anzusehen war, wie wenig ihm diese Angelegenheit gefiel.

Ahmad, der Chauffeur des Alten sollte Kamal und seine Kusins mit dem schwarzen Chevrolet Kleinbus zum Flughafen nach Frankfurt bringen. Er hatte das so entschieden und verfügt und gegen ihn gab es keinen Widerspruch. Mit im Bus saßen noch zwei Männer, die für den Alten Aufgaben erledigten, auf die sie hin lange Jahre trainiert worden waren. Weder Kamal noch seine Kusins empfanden deren Anwesenheit erleichtert, ganz im Gegenteil. Wollte der Alte sich ihrer vielleicht entledigen der einen blöden Sache wegen?

Gegen Mittag des Tages stand fest, daß die drei nicht an Bord der Maschine gegangen waren, der Wagen nicht am Flughafen angekommen war.

Am folgenden Tag meldete sich Omar aus Beirut und berichtete von dem Fund dreier Männerleichen in den Fahrwerkschächten der Maschine aus Frankfurt. Die Fotos der Toten, die Omar schickte, zeigten die beiden Killer des Alten und Ahmad.

Ibrahim war auf der Stelle klar, dass Kamal und die beiden anderen auch nicht mehr lebten. Drei Wochen später wurde sein Gefühl bestätigt. Wanderer hatten in einem Forst bei Olpe drei Leichen im Unterholz entdeckt. Ibrahim übernahm die Identifizierung und als er sah, was ihnen angetan worden war, verstand er, dass sich für sie ein Kreisgeschlossen hatte, den sie begonnen hatten.

„Wir werden gar nichts unternehmen!“, brachte er bei der Versammlung der Anführer der Familien des Clans aus und schlug mit seinem Gehstockauf den Tisch. Die meisten zuckten zusammen, hatten ihr Oberhaupt noch nie in dieser Art erlebt. Murat, einer der Jüngeren, der sich bereits einen Namen mit äußerst lukrativen Aktionen und Geschäftengemacht hatte, sah voreilig eine Gelegenheit gekommen, sich den Anwesenden zu empfehlen und begann „Bedenken“ zu formulieren.Viele der Anwesenden nickten, vermieden es aber, Ibrahim´s Blicken zu begegnen.

„IhrDummköpfe glaubt tatsächlich, daß dieser einfache Mann zu all dem in der Lage gewesen sein konnte? Habt Ihr ihn Euch nicht angeschaut? Was wisst Ihr von Menschen, was könnt Ihr von Menschen sehen, was über sie empfinden? Blind seid Ihr, ohne Empfinden und immer bereit Euren Lastern und Schwächen zu folgen und Ihnen zu gehorchen! Dieser Mann ist gebrochen, sein Herz schmerzt ihn des Dolches wegen, der es durchbohrt hat. Seine Seele sehnt sich jener seiner Frau und der Mutter seines Kindes zu folgen, sobald sie geht. Ich bin betrübt darüber, wie fern ihr dem Leben seid! Die Tat Kamal´s, der anderen beiden und dieses dummen kleinen Jungen hat etwas in die Welt gerufen, das, wie ich fürchte auf uns alle aufmerksam geworden ist und sein Auge auf uns richtet. Als ich mit den Leichen der drei, die ich identifizieren sollte allein in dem kalten Raum war, hörte ich sie wimmern und ihre Zähne klappern und ich schwöre, ihre Augen waren weit aufgerissen, und ich spürte den Schatten, der sich über sie legte, ihnen die Seelen aussaugte und leere Hüllen zurückließ.“

Mehmet feixte, aber Ibrahim reagierte nicht, sah ihn einfach nicht mehr.

„Danke, Kurt!“, meinte Keller nachdem er ihn und Edith begrüßt hatte.„Meine Kleine hat sich über die dicke Tafel Schokolade richtig gefreut! Lieb von Dir!“

Kurtund Edith verstanden sich blind. Beide unterdrückten den Reflex, ihm ehrlich zu sagen, wer der Spender war. Wieso Gedanken erzeugen, wo es dem Fremden doch ganz offensichtlich um die Sache gegangen war und nicht um seine Erwähnung. Gegen drei am nächsten Tag holte Kurt Edith von zuhause ab, sie fuhren zum Blumengeschäft, wo sie morgens schon einen wunderschönen Strauß bestellt hatte. Kurt zahlte mit dem Geld des Fremden und dann fuhren sie zum Krankenhaus, um Angelika zu besuchen. Sie war immer noch im Koma, aber ihr Gesicht schien nicht mehr so wächsern zu sein, wie Keller es beschrieben hatte. Die Schwester holte eine passende Vase aus dem Stationszimmer und stellte sie mit dem Bouquet auf ein Tischchen, das neben dem Bett stand.Edith kämpfte mit ihren Tränen und Kurt drückte ihr versichernd die Hand. Nach etwa 20 Minuten bat die Schwester sie zu gehen, da Angelika untersucht werden müsse.

„Ichhab keine Lust, nachhause zu gehen.“, meinte Edith und Kurt verstand, was sie meinte.

„MeinVertrag läuft erst in fünf Jahren aus. Bis dahin steh ich noch oft genug hinterm Tresen. Ich glaube, wenn ich heute schwänze, bringt es mich nicht um!“ Er sprang nur schnell in die Kneipe hinein,stellte ein Schild zur Info für die Stammgäste ins Fenster. Als er draußen das Gitter vor die Tür zog und abschloß sah er, welches Schild er gezogen hatte: „Einer Familienangelegenheit wegen heute geschlossen.“

„Darf ich Dich ins „Cousteau“ einladen?“, fragte er Edith. Sie lächelte, deutlich nah am Wasser, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Hast Du nicht einen schönen Film auf ner Konserve? Ich hätte einfach Lust drauf, gemütlich auf dem Sofa zu hocken, zu glotzen, mal nicht allein, einen Wein zu schlürfen und dabei Chips, Salzstangen und Erdnüsse zu knabbern!“

EinigeAbende später wollte Keller sein Glück teilen und war etwas enttäuscht, daß Kurt´s Kneipe geschlossen war. Angelika war zurück, hatte die Augen aufgeschlagen, als er sie besuchte und sogar ein paar Worte mit gebrochener Stimme gesagt. Der Arzt, der sie zuletzt operiert hatte, brachte die gute Nachricht, daß Geli außer Gefahr sei.

„Ihre Frau wird noch eine Weile Erinnerungslücken haben, sie wird vieles neu lernen müssen: das Sprechen, das Gehen und die Feinmotorik in ihrer rechten Hand wird lange gestört bleiben, aber es wird alles besser mit Geduld und Übung. Ich halte es in Hinblick auf die nüchterne Einschätzung meiner Kollegen und meiner ersten Diagnose für ein Wunder, was sich da mit ihrer Frau getan hat!“

Murat beschäftigte noch im gleichen Jahr das Team um HK Paul. Im Restaurant seines Bruders hatte er sich aggressiv einem Fremden gegenüber verhalten, der sich dennoch bemühte, kein Öl ins Feuer zu gießen. Als er seine Rechnung verlangte, bezahlte und das Lokal verlassen wollte, griff Mehmet ihn ohne erkennbaren Grund verbal beleidigend an, zog sein Messer und wollte zustechen. Das Nächste, das alle Zeugen gleichlautend aussagten war, daß er mit dem eigenenMesser, das aus seiner Schädeldecke ragte, einfach schlaff zu Boden fiel. An den Fremden konnte sich niemand wirklich konkret erinnern.

„Also,ich werde Clive Owen befragen, wer übernimmt Mark Wahlberg und werfühlt sich der Aufgabe gewachsen, Liam Neeson zu interviewen? – In dieser Bandbreite bewegt sich die Personenbeschreibung zu dem Fremden, der sich unmittelbar nach Mehmet´s Ende in Luft aufgelöst hat!“

„Der Schein, mit dem er bezahlt hat, ist so jungfräulich, als sei er gerade der Druckmaschine entnommen worden und selbstredend: kein Fingerabdruck, keine DNA, nichts! Der Schein ist so echt, dass nicht wenige andere in einer Kasse oder in einem Päckchen mit Banderole sich wie Blüten fühlten.“ Wenn Kolacki erläuterte, dann wurde immer deutlich, was Sache war.“

„Kein Problem, haben wir eben noch einen ungelösten Fall in unserer Quartalsstatistik!“, kam es aus einer Ecke des Raumes.

Ibrahim brachte sein Alter und zunehmende Beschwerden zur Geltung, als er der Versammlung seine Entscheidung darlegte, sich mit seiner Frau und anderen Mitgliedern der Familie auf sein Anwesen in Andalusien zurück zu ziehen. Darauf war der Clan nicht vorbereitet. Manche Männer jammerten gar und baten ihn fast auf Knien, sie nicht allein zu lassen. Nicht wenige sahen deutlich, was kommen musste, wenn Grünschnäbel und Unbelehrbare wie Murat einer gewesen war, dieFührung des Clans wollten, sich stritten und Unheil stifteten, aber niemand der Älteren hatte den Mut, gegen einen Jüngeren anzutreten.Nicht wenige von denen hatten von diesem Augenblick geträumt, endlich das Sagen zu bekommen.

„Was soll aus denen unserer Familie werden, die hier bleiben?, fragte Amira ihren Mann. Ibrahim entgegnete beinahe mit kalter Stimme: „Sie werden lernen müssen, zu überleben, Frau! Es ist nicht der Weg, den Kamal und zu viele glaubten und glauben gehen zu müssen und sich immer noch in dieser Position sehen. Ich habe den Schatten gespürt und ihn beinahe mit den Augen sehen können. Ich bin alt, aber nicht kindisch und ich sage Dir, Kamal´s Untat und das der anderen ist noch nicht gesühnt. In Hass, Zorn und Überheblichkeit hat er einem Dämon die Pforte geöffnet, der nun nach Nahrung seiner Art sucht. Morgen gegen Abend sollten wir, die wir reisen wollen, nicht mehr unter diesem grauen Himmel sein. Übermorgen früh sollten wir unter einem anderen Firmament erwachen, das Meer rauschen hören und in der frischen Brise den Duft von Salz, Blumen, Gewürzen undKräutern in uns aufnehmen.“

Amira schüttelte hinter seinem Rücken den Kopf, besuchte ihren Sohn, dessen Frau und deren Kinder. Sie drückte ihm ein Päckchen mit Geld in die Hand.

„Kommt bitte so schnell wie möglich zu uns, verkauft, was Ihr habt und wartet nicht lang. Ihr wisst, dass Ibrahim uns alle mit Gesichtern, die er hatte, oft vor Schwierigkeiten und Schlimmerem bewahrt hat!“

Ihr Sohn glaubte, sich vor seiner Frau als harter Mann zeigen zu müssen. In diesem Augenblick wusste Amira, dass sie einen Fehler gemacht hatte, ihn so erzogen zu haben. Es war wie ein Schnitt durch ihr Herz, als er grinsend sagte: „Vater ist alt geworden und wie stehe ich da? Alle halten mich schon für den Sohn eines dummen Greises, der dabei ist, den Verstand zu verlieren! Redet von Geistern und derartigem! Wenn ich auch nur den letzten Rest von Ehre behalten will, dann kann ich das nur hier und sicher nicht woanders!“

Amirahatte während des gesamten Fluges tags drauf das deutliche Gefühl, der Boden des Flugzeug müsse sich öffnen und sie in den Tod stürzen lassen. Erst nach einiger Zeit auf dem wundervollen Anwesen in Andalusien, umringt von den Familienmitgliedern, die sie begleitet hatten, fühlte sie sich ruhiger. Ibrahim verbrachte Stunden draußen auf einer Steinbank unter Palmen hoch über der Küste, blickte aufs Meer hinaus, verrichtete seine Gebete sich nach Mekka verneigend und kam erst zur Abendmahlzeit heim.

HK Paul trat frisch mit neuen Kräften und Optimismus ausstrahlend nach dem langen Urlaub mit der Familie wieder zur Arbeit an. Seine gute Laune, die nachklingenden Erlebnisse der letzten Wochen endeten abrupt, als die Nachricht reinkam und ihn mit den üblichen Leuten seiner Gruppe zum Einsatz rief.

EinKnabe war im Bahnhof unversehens auf das Gleis einer Intercitystrecke gestürzt, während der Zug auf Durchfahrt befindlich bereits heran und über ihn hinweggerauscht war, bevor irgendwer so richtig realisierte, was sich abspielte. Keiner hatte irgendetwas oder so richtig was gesehen. Alles sei so schnell passiert, oder ein Anruf war in genau diesem Augenblick angekommen, oder…oder. Es war die Aussage eines hysterisch kichernden Junkies, der mitbedeutungsvollen, abgehackten Gesten beschrieb, dass der Junge am Automaten gestanden habe, um ein Getränk zu ziehen, als „diese große Gestalt aufgetaucht sei, ihn gepackt, über sich gehoben und dann wie einen „Schlafsack“ auf das Gleis geworfen habe.

„Für so nen Kaputten war die Beschreibung 1A!“, meinte Schmiel, der Phantombildzeichner, legte seine Protokollskizze und eine Computerunterstützte Collage auf den Tisch.

„Und,was hälst Du  von der Beschreibung?“, fragte Paul nach. Schmiel entgegnete:

„Auf der Skala von „Bekloppt, vergiß es“ nach „gut beobachtet, brauchbar“ sage ich: „außergewöhnlich, absolut authentisch!“, diese Person gibt es und sieht ganz genauso aus!“

Kolacki trat in den Kreis.

„Das Opfer ist nicht auf die Gleise geplumpst, gestolpert und wurde auch nicht geschubbst! Der Knabe war schon tot, als der Zug den Körper zerfetzte. Ursache war eine Gewalteinwirkung auf den Schädel, wie er typisch ist für den Sturz aus großer Höhe auf harten Untergrund oder wie er bei Motorradfahrern gefunden wird, die ohne Helm Kopf voran gegen einen Brückenpfeiler oder eine Strassenlaterne geschleudert werden. Die Zertrümmerung des Schädels durch den Zug ist ausgeschlossen, denn er wurde, vom Rumpf getrennt mit Resteneiner Schulter neben dem Gleis liegend gefunden. Der Fleiß meiner Mitarbeiter brachte mir die deutliche Rekonstruktion der Aufnahme einer Überwachungskamera zu Augen, die ich Euch nun ebenfallspräsentieren möchte!“

Paul nickte nach der Vorführung auf dem großen Flachbildschirm.

„Ich gehe davon aus, daß das bereits das optimale Ergebnis ist?“

Kolacki nickte.

„In der Tat, aber…“

„Ist okay! Aber Fantasie und, ehrlich, ohne die geht es hierbei nicht wirklich, zählt nicht als Beweis.“

Wahrheit ist ein hartes Brot.

Am Freitag schob Schmiel Bereitschaft in der Abteilung, wie bei Personalmangel üblich. „Als Künstler kannst Du auch noch nach der Pensionierung berühmt werden!“, pflegte Krings, der Obermaxe, immer zu sagen, wenn ihm Alternativen fehlten und er „Reste kratzte“, allen voran bei Schmiel, den er mehr als nur nicht mochte.„Wer zuhause röhrende Hirsche und Waldnixen über dem Sofa hängen hat, kann das schon mal gar nicht beurteilen!“, hatte der ihm mal verärgert unter die Nase gerieben. „Aber ich kann Dir sagen, was Du am Wochenende für das Team und die öffentliche Sicherheit machen darfst!“ Krings besaß nicht den Ansatz von Humor nur das, wasMenschen wie ihn zum Lachen bringt, weil sich jemand wehrlos ärgern muß.

Das Wetter war so naß, so kalt, so knochentief ungesund, dass es bis Mitternacht an diesem Freitag kein besonderes Vorkommnis gegeben hatte, mit Ausnahme eines Streits zwischen Eheleuten, wobei dieEhefrau ihren Gatten mit dem Baseballschläger des Sohnes durch die Zimmer der Wohnung gehetzt und ihn schließlich im Bad mit dieserKeule, nach Zertrümmerung der Papptür niedergestreckt hatte. Schmiel schaltete den Grafik-PC an und begann aus Langweile sich noch einmal den Film der Überwachungskamera vom Bahnhof und seine Phantombilder aufzurufen. Er fand die Stelle im Film, über die er immer wieder gestolpert war, löste die Sequenz in Einzelbilder auf, skalierte seine Fantombilder runter und versuchte sie, wie Puzzelstücke in die entstandenen Einzelbilder einzufügen. Es führte zu nichts, es war erschöpfend, und er wollte eben das  , als die beiden Kollegen vom Publikumsbereich um seine Unterstützung baten. Ein randalierender Betrunkener, ein echter Fitnessclub-Albtraum mit kiloschweren anabolisch aufgeblähten Muskeln und einem durch gleiche Substanz geschrumpelten Verstand, der dem Wahn anhing, seinem Kumpel hier aus dem Verlies befreien zumüssen. In dem Augenblick, als dieser fleischgewordene Marvel-Cartoon den Schädel eines Kollegen in den Schwitzkasten nahm, griff Schmiel nach dessen Schlagstock und versetzte dem Berserker einen satten Schlag auf den Schädel, der sofortige Wirkung zeigte. Eine durchtrainierte Gruppe der JVA tanzte samt Notarzt an und übernahm es, den Albtraum in Verwahrung zu nehmen.

Der Kollege drückte Schmiel dankbar die Hand.

„Dieses Arschloch hätte es nicht einmal gemerkt, wenn es mir das Genick gebrochen hätte!“

Als Schmiel wieder an seinem Schreibtisch Platz nahm, sah es so aus, als habe jemand an dem PC herumgefummelt. Der Monitor war dunkel und der Rechner ließ sich nicht mehr hoch fahren.

AmMontag bat er den IT-Zampano Raghav, er möge sich doch des Gerätes annehmen. Noch im Büro schraubte der den Rechner auf.

„Wie oft hab ich darauf hingewiesen, dass wir hier einen Spannungsüberlastungsschutz brauchen! – Ich hoffe, dass diesmal wenigstens ganz viel, ganz wichtiges Datenmaterial kaputt gegangen ist! Vielleicht wäre von der Festplatte für ein paar tausend Euro im Labor noch was zu retten, aber, wer will das bewilligen! Das mittelalterliche Backupband jedenfalls ist unwiderbringlich verschmurgelt.

„Und wieso glaubst Du, dass das alles was mit Strom zu tun hat?“, hakte Schmiel nach.

„Sag mal, Süßer, willst Du mich verarschen? Wirf mal einen Blick auf die billige Dreifachdose, die ein ignoranter Erbsenzähler im Baumarkt gekauft hat für drei Euro, wenn überhaupt!“

In diesem Moment trat Krings durch die Tür.

„Die Produkte des Baumarkts sind durchaus qualitativ hervorragend! Ich setze diese Steckdosen selbst in meinem Haus ein!“

„Haben Sie diese Information Ihrer Brandschutzversicherung mitgeteilt, Chef?“, trat Raghav vor.

„Vorsichtig, Kollege! Ganz vorsichtig!“, warnte Krings.

„Kein Problem, Chef! Jetzt, wo ich weiß, daß wir uns einig sind, werde ich unverzüglich mit dem Austausch gefährlicher Ausstattung gegen genormte und vorgeschriebene Produkte beginnen!“

DieTür flog in die Angel und Raghev begann ungerührt mit der Dokumentation der Missstände.

„Und woher soll diese Überspannung gekommen sein?“, wollte Schmiel wissen.

„Wie lange hast Du Zeit, mir zuzuhören? Baukräne, Trafodefekt, Blitzeinschlag… Ich tippe für Freitag mal auf letzteres.“

HK Paul begrüßte Angelika und Torsten Keller im Kommissariat, führte sie in den Besprechungs- und Projektierungsraum, stellte beiden sein Team vor, alle, die letztlich an ihrem Fall beteiligt waren. Angelika hinkte deutlich, bewegte sich aber bereits sicher mit ihrenGehhilfen. Ihre Sprache klang noch etwas verwaschen, war aber kräftig, wort- und satzverständlich. Sie blickte etwas entschuldigend um sich, was HK Paul sofort zum Anlaß nahm, beide anzusprechen!

Sehr geehrtes Ehepaar Keller, wir begrüßen es voller Dankbarkeit, dass Sie zu uns gekommen sind und uns für unsere Fragen zur Verfügung stehen wollen! Ihnen gilt unser Dank in besonderer Weise, Frau Keller. Sie nehmen eine große Anstrengung auf sich!

Angelika lächelte schwach, war aber nun gefasst.

„Einige Zeugen haben sich inzwischen doch zu einer Aussage bereit gefunden, wobei die Beschreibung des Hergangs ihrer Tochter bislang die wertvollste ist. Wir würden Sie bitten, uns das Geschehen, so weit es Ihnen möglich ist, aus Ihrem Erleben heraus zu schildern. Glauben Sie, daß Sie dazu bereits in der Lage sind? Es wäre kein Problem, wenn es Ihnen momentan noch zu schwer fiele. Wir können Ihre Darstellung auch durchaus etwas später zu Protokoll nehmen.“

Angelika blickte Paul und jeden einzelnen an: „Später wird es auch nicht besser.“ Einige der Anwesenden, nickten ihr bewundernd zu.

„Ichwar auf dem Weg zum nächsten Discounter, um Einkäufe für die bevorstehenden Tage zu machen. Ich schob den Kinderwagen unserer Kleinen und Sandra begleitete mich. Sie war verschossen in ihre kleine Schwester und bat mich, den Wagen auch einmal für einige Schritte schieben zu dürfen. Als ich ihr ihren Schmusebär gab, dem ich ein rosa Bändchen am Kopf befestigt hatte und dem wir gemeinsam den Namen ihrer Schwester gegeben hatten, lief sie neben mir her und sprach mit dem Spielzeug, so wie sie mit ihrer Schwester sprach. Wir hatten etwa die Hälfte des Hinweges hinter uns, als aus der Stichstraße, die vom Prozessionsweg ins Libanesenviertel führt, ein Junge, so um die zehn Jahre herunter kam, freundlich lächelnd auf uns zu tänzelte, mit einem Tennisball spielte und sich um uns herum bewegte. Es kam mir seltsam vor, denn er kam Sandra immer näher. Er lobte ihren Teddy und fragte, ob er ihn auch einmal halten dürfe. Sandra zog ihr Spielzeug näher an sich und sagte:“Nein, das mag ich nicht!

„Nur mal, ganz kurz!“, sagte er, immer noch lächelnd, aber es klang schon fordernd und Sandra bekam Angst.

„Du hast doch gehört: sie mag nicht! Laß sie bitte in Ruhe!“, forderte ich ihn auf. Er brachte etwas in seiner Sprache hervor, das sich schon frech und sogar unverschämt anhörte. Er sprang erneut eine Runde um uns herum und dann sprang er gegen Sandra vor, stieß sie heftig zu Boden, entriß ihr den Teddy, lachte, hielt ihn triumphierend in die Höhe und lief los in Richtung der Stichstraße. Sandra war geschockt und weinte über den Verlust. Ich rief dem Burschen hinterher, er solle auf der Stelle den Teddy zurückbringen. Er lachte nur dreist, schwenkte das Spielzeug und rief: „Ist gut für meine Schwester! Kauf einen anderen!“

„Du bringst ihn auf der Stelle zurück, oder ich rufe die Polizei!“, entgegnete ich nun wütend. Er verschwand einfach, lief die Strasse hinauf und war weg. Sandra weinte bitterlich, ich versprach ihr, einen neuen Teddy zu kaufen, aber jeder, der Kinder hat, weiß, dass ein Ersatz kein guter Ersatz ist. Jedenfalls hielt sie mit mir Schritt, als ich versuchte das letzte Wegstück so schnell, wie möglich zurück zu legen, während ich mir schon Gedanken machte, welchen Rückweg ich einschlagen könnte, um eine weitere Begegnung zu vermeiden. Plötzlich hörte ich hinter mir jemanden laufen und laut rufen: „Hey, bleib stehen, Frau!“

Als ich mich umsah, kamen da drei erwachsene Männer und vorne weg eben jener Junge auf mich zu gelaufen. Mir war auf der Stelle klar, dass Ärger ins Haus stand. Weit und breit war da kein Mensch in der Nähe, der mir hätte zur Hilfe kommen können und ich fühlte, dass das auch niemand tun würde.

Der erste war nun direkt bei mir, war mit seinem Gesicht in meinem Distanzbereich, blickte mich hasserfüllt an und schrie:

„Was glaubst Du, Nazisau, wer Du bist? Kannst Du auf ehrliche, fremde Menschen runterschauen, Nazisau? Drohst liebem Jungen mit Polizei, wo Dein Mädchen ihm die Puppe für seine Schwester geschenkt hat? BistDu wahnsinnig im Kopf? Wieso spuckst Du auf unseren Stolz? Bist eine blöde Hure, läufst wie Nutte rum, kein bisschen anständig und ehrbar gekleidet!“

Sandra schrie vor Angst, und ich wollte sie schützend in die Arme nehmen. Du Sau wagst es, Dich abzuwenden, wenn ich mit Dir zu sprechen habe? Laß das kleine Weibstück! Ist schon genauso Nutte wie Du! Hure wirft Hure! Ich glaube, ich hab ihm wütend gesagt, er solle meine Tochter nicht so nennen. In diesem Augenblick schlug er mir zum erstenmal ins Gesicht, dann war der nächste da, schlug mich, boxte mich, trat mich, schlug Sandra so heftig ins Gesicht, daß sie durch die Luft flog und auf den Kinderwagen stürzte. „Dieses kleine Nuttenkind wagt es, sich gegen einen Mann zu wehren! Wir müssen es züchtigen und dem Schreihals im Wagen sollten wir auch gleich denKopf abschneiden!“

Ichglaubte den Verstand zu verlieren, schrie und einer der Kerle riss mich vom Boden hoch, zerrte an meinen Kleidern, fetzte sie mir vom Körper und brüllte lachend: „Alte Christenhure! Wir werden Deine Brut schlachten und Dir was besseres in den Bauch ficken!“ Dann prügelte wieder einer auf mich ein, trat mich in den Leib und als ich den ersten Tritt an den Kopf bekam wurde alles schwarz.

Torsten,der zum erstenmal gehört hatte, was Angelika widerfahren war, saß verzweifelt weinend am Tisch. Angelika setzte sich neben ihn und versuchte ihn zu trösten. Paul und das Team ließen dem Paar den Raum, zogen sich für zehn Minuten zurück. Als sie wieder eintraten, war Torsten wieder bei sich und Angelika deutlich gefasst.

Paul wollte sich entschuldigen, aber beide schüttelten mit dem Kopf. Schmiel legte Angelika ein Photoalbum vor und bat sie, sich dieBilder darin anzuschauen und zu sagen ob sie jemanden erkenne und wenn, ob er an dem Verbrechen beteiligt gewesen sei, und was er getan habe.

Schmiel, Kolacki und Paul erlebten etwas Seltenes: einen glatten Durchmarsch! Zielsicher identifizierte sie die drei Männer, die sie fast zu Tode geprügelt hatten und auch den Jungen, der, wie Kolacki perDNA-Nachweis klar hatte beweisen können, mit den drei anderen auf die bewußtlose, schwer verletzte Frau uriniert hatte. Dieses Detail sollte unter Verschluß gehalten werden, zumal es ja keine Anklage und Verhandlung mehr geben würde.

„Werden Sie diese Leute nun festnehmen können?“, fragte Torsten.

Lieber Herr, liebe Frau Keller,“begann Paul, „das wird nicht mehr möglich sein, denn all diese Personen stehen bereits vor einer anderen Instanz. Sie wurden allesamt in einer Weise abberufen, die mehr Strafe war, als alles was ein Gericht hier aussprechen dürfte. Der Junge, der sie dem Geschehen zugeführt hatte, fand seinerseits ein Ende, das er nicht hatte kommen sehen!“

Angelika lehnte sich bleich in den Besprechungsstuhl zurück und wischte sich mit einem Papiertaschentuch über die Augen.

„Wozuwar das alles nun nötig?“, fragte sie ruhig und gefaßt. Torsten setzte nach: „Wer hat diese „Tiere“ zur Strecke gebracht und warum?“

„Wir wissen es nicht!“, antwortete Paul wahrheitsgemäß und gab Schmiel einen Wink. Der schaltete den großen Flachbildschirm an.

Übergroß und gestochen scharf waren da seine Phantombilder zu sehen, die er zu dem Fremden angefertigt hatte, der vermutlich Mehmet getötet hatte.

„Wer ist das?“,riefen beide und sahen sich an.

„Kennen Sie diesen Mann?“, fragte Paul.

„Mir kommt er irgendwie bekannt vor.“, sagte Angelika Keller. Torsten zögerte einen Atemzug lang und schloß sich an: „Geht mir mir genauso. Ist mir so vertraut das Gesicht, aber woher könnte ich nicht sagen.“ Angelika sagte: „Bitte haltet mich nicht für verrückt, aber ich könnte schwören, dass dieser Mann bei mir amBett im Krankenhaus gesessen hat, meine Hand gehalten und etwas gesagt hat, woran ich mich nicht mehr erinnere.“

„Ichglaube, ich hab ihn schon mal in einem Film gesehen… ja, ich erinnere mich: es ging darum, daß ein Vater seine entführte Tochter wieder nachhause holte…“

Paul ließ es sich nicht nehmen, selbst ins Krankenhaus zu fahren und dem Personal dort das Phantombild zu zeigen.

„Aber ja!“ sagte eine Schwester der Komastation. „Der war nicht nur einmal da. Er kümmerte sich sehr um Frau Keller und entlastete uns. Er gab an, in einer Einrichtung für Wachkomapatienten gearbeitet zu haben und ein Jugendfreund Frau Keller´s zu sein, der von ihrem Unglück gehört habe. Nein, einen Namen habe er nicht genannt, aber jeder Handgriff, jede Frage, jeder Hinweis, jede Beobachtung, die er weitergab zeichnete ihn als kompetente Fachkraft aus.“

Etwas lief ihm derart gegen den Strich, wie ein Lastenschlepper, der sich auf dem Rhein quer stellt. Dennoch fühlte er sich ruhig und mußte schmunzeln, denn die Phantomzeichnung des Fremden konnte durchaus eine Skizze des Schauspielers sein. An diesem Tag verließ erpünktlich das Kommissariat im sicheren Wissen, dass dieser Fall zumindest entweder erledigt war oder sich nie würde völlig aufklären lassen – ohne dass dadurch aber Schaden entstünde. Gegen Tote  und den vagen Doppelgänger eines Hollywoodschauspielers würde auch der ambitionierteste Staatsanwalt keine Ermittlungen mehr leiten wollen.

07 Das Mädchen im Wald

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Der Weg zur Jagdhütte

Henri, Georg und ich hatten geplant, das Wochenende in der Jagdhütte von Henri´s Vater zu verbringen. Als wir uns auf den Weg machen wollten, bestellte mich Prof. Bischoff zu sich, um mit mir die Semesterarbeit zum Abschluß des Proseminars zu besprechen. Da war nichts zu machen. Sein Wunsch war Befehl und einen miesen Start ins Hauptseminar konnte und wollte ich mir nicht leisten. Henri zeichnete mir den Weg zur Hütte in eine Wanderkarte, beginnend am Parkplatz, der einen Kilometer vor dem Ortseingang von Schmartkalt lag und durch einen ausgeschilderten Weg von der Landstrasse aus erreicht werden konnte. Die Jungs fuhren mit Getränken und Proviant vor . Wie erwartet dauerte das Gespräch mit Bischoff endlos. Ich spürte, dass es ihm wichtig war, mich auf seine Erwartungen einzustellen und dass er offenbar große Stücke auf mich hielt. Es war schon gegen Mittag, als ich sein Büro verließ. Wie ich in meinen kleinen R4 einstieg, entdeckte ich, dass ich zwar meinen Rucksack mit den warmen Klamotten eingepackt, meinen Parka, die gefütterten Stiefel und den Schlafsack aber vergessen hatte. Natürlich waren die Strassen verstopft, es war Freitag und alle wollten nachhause. Es war nach eins, als ich mich endlich auf den Weg machen konnte. Heftiger Schneefall hatte eingesetzt und ich war froh, dass meine „Folienkartoffel“, wie die andern meinen R4 nannten, Frontantrieb hatte und Paps mir in der letzten Woche Winterreifen montiert und einen Satz Schneeketten in den Kofferraum gelegt hatte, von denen ich nicht hoffte, sie brauchen zu müssen.

Gegenfünfzehn Uhr hatte ich die Abfahrt von der Autobahn auf die Landstrasse erreicht und eine halbe Stunde später sah ich durch die beschlagene Frontscheibe und das Schneegestöber hindurch eher zufällig das Hinweisschild zum Parkplatz. Hinter der Reihe Fichten,die den Platz zur Wetterseite hin schützten fand ich neben Henri´s dickem Geländewagen einen guten Platz. Würde es weiter schneien, wie bisher, müssten wir am Sonntag die Wagen freischaufeln. Auf demDachträger des Landrovers sah ich erleichtert zwei Schüppen fixiert. Ich zog einen Schal, den dicken Parka, eine Wollmütze an, tauschte die Schuhe gegen die gefütterten Stiefel, legte denRucksack mit dem aufgebundenen Schlafsack über den Rücken, schloß den Wagen ab, zog mir gefütterte Fäustlinge über die Hände und stapfte auf den hoch verschneiten Weg, der zwischen verschneiten Bäumen mitten durch den Wald führte. Die Spuren meiner Freundewaren nicht mehr zu sehen, und es begann dunkel zu werden.

„Eine knappe halbe Stunde dauert´s vom Parklplatz zur Hütte.“, hatteHenri erläutert. Daraus konnte bei diesem Wetter nichts werden und nach den ersten hundert Metern war mir klar, dass ein anstrengender Fußmarsch vor mir lag. Ich sank bei jedem Schritt etwa zwanzigZentimeter und dann mehr ein. Als ich die dritte Biegung des Weges erreicht und das erste Drittel zurückgelegt hatte, war ich durchgeschwitzt und mit Schnee bedeckt, wie ein Kuchen mitPuderzucker. Stehen zu bleiben war keine gute Idee, denn schnell würde ich ausgekühlt sein. Die starke Stablampe leuchtete durch das heftige Treiben der Flocken und ich konnte die vierte Biegung erahnen, hinter der ein längerer Anstieg wartete. Entschlossen stapfte ich weiter vorwärts und motivierte mich mit der Aussicht auf ein leckeres Nudelgulasch, auf Bier und Schnaps. Seit meinem Aufbruch am Parkplatz war bereits eine dreiviertel Stunde vergangen und ich dachte, dass es eine gute Idee sei, mich bei den Jungs zu melden. Ich fand mein Handy aber weder in einer der Parkataschen, noch in einer Tasche meiner Jeans. Wahrscheinlich hatte ich es im Wagen auf dem Beifahrersitz liegen lassen. „Na toll!“, dachte ich. Für einenAugenblick fühlte ich mich beklommen. Allein im Nichts und ohne Möglichkeit Hilfe zu rufen, sollte etwas passieren! Ich beschleunigte meinen Schritt so gut es ging. Ich mußte die Hütte erreichen, bevor es stockdunkel wäre und ich gar nichts mehr sah. Das Einatmen der kalten Luft begann zu schmerzen und ich spürte bereits Erschöpfung. Als ich dabei war, die vierte Wegbiegung hinter mir zu lassen, sah ich eine Gestalt zwischen kleinen verschneiten Tannen und Gestrüpp auf den Weg treten. Ich erschrak und packte die Stablampe fester. Im Lichtkegel erkannte ich das Gesicht einer jungenFrau das zum Teil vom Pelzrand der Kapuze ihrer hellen Winterjacke bedeckt wurde. Außer ihr schien da jedoch niemand zu sein. „Hi!“,grüßte ich erleichtert. Keiner der Jungs hatte etwas davon gesagt, dass auch Mädels zu uns stoßen sollten. „Willst Du auch zurHütte?“, fragte ich sie. „Zusammen geht es sich leichter.“

„Ich bin fort.“, entgegnete sie mit schwacher Stimme.

„Wo willst Du denn hin?“, setzte ich nach.

„Ich weiß nicht, wo ich bin!“, gab sie zur Antwort.

„Ich weiß das auch nicht so genau, aber dieser Weg führt zu einer Jagdhütte, in der ein paar Freunde auf mich warten. Das beste ist, Du kommst mit mir. In der Hütte bist Du sicher.“

Sie sah mich seltsam fragend an und lächelte unsicher.

„Ich muß mich finden!“, sagte sie und es klang so hoffnungslos traurig.

„Ohje!“, dachte ich und stellte mir vor, eine geistig verwirrte Person vor mir zu haben. Möglicherweise gab es hier in der Gegend eine Klinik aus der sie fortgelaufen war.

„Wenn wir in der Hütte sind, können wir jemanden anrufen, der Dich abholen und nachhause bringen kann. Solange bist Du sicher bei uns und in der warmen Hütte geschützt vor diesem Wetter. Du mußt doch sicher auch hungrig sein und durstig.“

Sie sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. „Das Licht tut mir weh.“, mehr sagte sie nicht.

Ich hielt die Lampe auf den Weg und leuchtete die Schneise entlang zwischen den schneebedeckten Nadelbäumen, die den Weg säumten. Als ich weiterstapfte, folgte sie mir. Ihren Atem hörte ich kaum, sodass ich mich mehrmals umsah. Dann, ich war gerade im Begriff, den Anstieg zu nehmen, hörte ich gar nichts mehr. Ich sah mich um und sie war verschwunden. Ich leuchtete den Weg zurück, keine Spur von ihr. Siemusste sich wieder zur Seite in den Wald geschlagen haben. Ich konnte sie nicht in der Dunkelheit und in dieser Kälte sich selbst überlassen! Ich rief und ging zurück, suchte die Stelle, an der sie den Weg verlassen haben konnte, aber ich sah nichts. Der Wind trieb mir Schneekristalle in die Augen und der Kegel der Lampe ließ nur wirbelnde Flocken erkennen, die jede Sicht wie eine Wand beinah versperrte. Es war sinnlos. Ich rief noch einige Male. Als keine Reaktion kam, nahm ich den Weg wieder auf. Was hätte ich denn sonst tun können? Jetzt ging es um mich! Ich war hungrig, erschöpft und allmählich kriegte ich richtiggehend Schiss. Sollten die anderen versuchen sie zu finden. Mir flatterten die Knie und wollte nur nochschlafen. „Weiter!“, spornte ich mich an, „Weiter! Kann ja nicht mehr allzu weit sein!“ Mit verbissener Entschlossenheit setzte ich Fuß vor Fuß. Ich mußte ja nur zwischen den Bäumen links und rechts bleiben, deren verschneite Äste das Licht der Lampe reflektierten. Gerade glaubte ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Licht der Hütte zu erkennen, da pinkelte ich mir vor Schreck fast in die Hose! Unvermittelt stand das Mädchen von eben vor mir in der Dunkelheit! Durch die tanzenden Flocken hindurch sah ich im Licht der Lampe ihren traurigen Blick. „Komm!“, forderte sie mich auf. „Komm doch bitte und hilf mir!“

Ichwollte weiter zur Hütte, die doch so nah war, wollte sie auffordern, mit mir zu kommen, aber ich konnte ihr nur folgen und hatte sofort jede Orientierung verloren. Eigentlich war es, als ginge ich neben ihr, wie auf einem Laufband, das in einen dichten Nebel führte und wieder hinaus. Ich fühlte mich benommen, wie nach einer durchfeierten Nacht, und als ich die Augen aufschlug, stand ich in hellem Tageslicht auf einer Waldlichtung und beobachtete eineVielzahl von Leuten. Polizisten in Uniform, Kriminalbeamte und einige in hellen Kunststoffoveralls, die sich innerhalb eines mit breitem Kunststoffband abgegrenzten Bereiches zu schaffen machten. Als ich näher herantrat, machte sich ein beängstigendes Gefühl in mir breit. Dann sah ich auf einer Plastikplane ausgebreitet, etwas, das ich als Überreste einer Leiche erkannte, daneben etwas, das ich sofort als einen Rucksack identifizierte, einen der Art, wie meiner es war, etwas Anderes schien ein Schlafsack gewesen zu sein und die Leiche selbst war in etwas gekleidet, das mich an meine Kleidungsstücke erinnerte. Was war das? Was passierte hier? Jemand griff meine Hand, und da war sie wieder, das Mädchen vom Weg! Mir gaben die Knie nach, ich glaubte mich übergeben zu müssen.

„Ruhig,“sagte sie, „Das vergeht gleich wieder. Ja, das da, bist Du, das warst einmal Du!“ Sie legte ihre Arme um mich, gab mir einen Kuß auf die Wange.

„Danke!“,hörte ich sie sagen und dann nickte sie mit ihrem Kopf in Richtung einer anderen Plane, auf der Reste eines Skeletts, von Schuhen und anderen Bekleidungsstücken ausgebreitet lagen.

„Das da war ich einmal! Ohne Dich hätte ich nicht den Mut gehabt, mich zu finden!“ Ich sah sie verwirrt an. Zum erstenmal sah ich sie wirklich vor mir. Sie blickte ernst, aber sie hatte warme Augen, zwei Grübchen neben ihren fein geschwungenen Lippen. Sie gefiel mir auf Anhieb, ein Mensch, dem ich mich sofort verbunden fühlte.

„Komm, laß uns gehen!“, meinte sie und nahm mich bei der Hand.

„Ja aber…!“, entgegnete ich.

„Lassenwir sie ihre Arbeit machen. Die Dinge gehen ihren Weg. Mit uns hat das nun alles nichts mehr zu tun. Kümmern wir uns lieber um uns!“

Widerspenstigerst, aber dann mit immer beschwingteren Schritten folgte ich ihr an ihrer Hand. Ich fühlte, es würde schön sein!

Epilog:

Im „Anzeiger“ wurde berichtet, dass es sich bei den, von Pilzsuchern entdeckten, Überresten um die des seit zweieinhalb Jahren vermissten Studenten, Winfried Schöller handele, der sich damals im Winter im Wald verlaufen habe und entsprechend gerichtsmedizinischerErkenntnisse, erfroren sei. Die bei den Ermittlungen am Fundort zufällig entdeckten Überreste einer weiteren Person, konnten der seit nunmehr sechzehn Jahren vermißten Julia Pinter, Enkelin des ehemaligen Miteigentümers der Kronstaedt Privatbank zugeordnet werden. Das ausgedehnte Waldgebiet, in dem die traurigen Fundegemacht wurden, sowie die in der Nähe des Fundortes befindlicheJagdhütte sind Eigentum der Bank, die heute von Meinwart Kort, demStiefvater der Toten geleitet wird.

06 Die Stadt II

© hpkluge 2018


Ich kann mich genau an diesen Weg erinnern, nur nicht daran, wann ich hier gewesen bin, was der Ort mit mir zu tun hat. Möglich, dass ich ein Deja-vu habe. Ich trage High-Heels. Das ist Quatsch, es ist irre kompliziert auf diesem Weg mit solch einem Schuhwerk rumzustolpern! Was mach ich überhaupt hier? Ich versuche mich zu sortieren. Ich bin doch auf dem Weg zu Walter´s Appartement gewesen. Wir haben mit Freunden ins Dominoes fahren und feiern wollen. Ich fühle mich, als hätte ich mich von ihm zu irgendwas breit quatschen lassen… so ein Mist, verdammt! Wahrscheinlich war ich völlig geflashed und bin auf seinem Stoff besinnungslos durch die Gegend gelaufen und jetzt hier gelandet. Scheiße! Meine Tasche ist weg! Na toll: kein Handy, keinePapiere, kein Geld, keine Schlüssel. Bevor die Panik meinen Hals erreicht, kommt mir der klare Gedanke, dass es keine Bedeutung für mich hat… wie bitte? Walter muss was ganz Neues zusammengepanscht und mir verabreicht haben. Ich bin verwirrt. Er ist wirklich nicht der Typ für sowas und überhaupt kein Psycho. Aber wieso bin ich so drauf und wieso hab ich nicht die geringste Idee, was ich hier mache, wie ich hierher gekommen bin? Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Ich beginne automatisch, dem Weg vor mir zu folgen, überlege, dass es vielleicht besser wäre, in die andere Richtung, in die, aus der ich mutmaßlich gekommen bin zu gehen. Ich bin mir jedoch gar nicht sicher, aus welcher Richtung ich überhaupt gekommen bin.

Denganzen Vormittag kreist er schon planlos hin und her. Ahmed und Jussef haben sich seit ein paar Tagen nicht mehr sehen lassen. ImWohnheim weiß auch niemand, was mit ihnen ist, wo sie sind. Sie sind mit ihm zusammen nach so ner Befragung entlassen worden. Jetzt suchen die bekloppten Bullen nach Zeugen. Sollen sie suchen. Keiner wird den Mund aufmachen. Man verrät seine Brüder nicht. Die beiden kleinen Christenfotzen, die sich von Ahmed und Jussef haben ficken lassen, glauben an so´n Liebesscheiss und wollen sogar zum wahren Glauben wechseln – keine Gefahr. Die sind so blöd, die merken doch erst was, wenn die beiden sich in Luft aufgelöst haben. Er muß heftig lachen: die Weiber hier sind so voll naiv, gucken immer so blöd mit dicken Augen, wenn du sie satt hast und ihnen sagst, daß du mit so Stinkefotzen wie ihnen nix zu tun haben willst, weil gebrauchtes Zeug in die Gelbe Tonne gehört! Ey, geil, ey!

Der Schlampe im Amt vorhin hätte er gern sein Messer in den Bauch gesteckt! Statt ihm den Schein für das Geld zu geben, will sie dies noch wissen und das… was glaubt die Fotze eigentlich, was sie ist! Sie ist ein Weib und Weiber haben zu gehorchen! Als er ihr deutlich sagt, was sie für ihn ist, in seiner Sprache, kommt einer dieser kastrierten Typen aus dem Nebenraum und durch die offene Tür kann er den muskelbepackten Kerl der Security sehen, der irgendwas in sein Sprechgerät sagt. Okay, dann eben morgen in der nächsten Stadt, wo er unter einem anderen Namen gemeldet ist. Diese Leute hier haben im Grunde nichts drauf, die einen haben immer ein schlechtes Gewissen, die anderen sind träge im Kopf, weil sie glauben, alle wollen nur das, was sie selbst für richtig halten. Denen zeigst du ein Messer und schon pissen sie sich in die Höschen oder Unterhosen. Er läuft draußen die Treppen zum U-Bahnhof hinab, springt in eine Bahn, fährt zwei Stationen und mischt sich unter die Leute. Im Gedränge reißt er einer Alten die Handtasche vom Arm und ist weg, bevor irgendwer kapiert, was passiert ist. Im Portemonnaie sind vierhundert Euro, na, das hat sich gelohnt! Gegen Mittag geht er in das Restaurant eines Libanesen. Der Kellner kennt ihn, aber als er ihm  aber einen Hunderter zeigt, nimmt der seine Bestellung auf. Die Mahlzeit ist gut und erinnert ihn an die, die seine Großmutter immer zubereitet hat. Grade hat er gezahlt, da betritt ein Bruder das Lokal mit einer ungläubigen Hure. Der Bruder trägt teure Klamotten und die Hure trippelt hochnäsig in unzüchtigen Kleidern hinter ihm her. IhreBrüste schaukeln und ihr Hintern wackelt und er ist auf der Stelle geil! Der Blick des Bruders macht ihm klar, dass er besser schnell verschwindet. Er hat das Geld und könnte sich im Puff erleichtern, aber wieso es verschwenden, es gibt genug Weiber hier, überall! Ahmed und Jussuf treiben es wahrscheinlich grad wieder mit ihren Huren und haben darüber ihren Bruder wohl vergessen. Wenn er sie sieht, werden sie ihm den Ritt mit ihren Stuten erlauben müssen! Er steigert sich immer weiter in seine geilen Fantasien und kann sich grade noch beherrschen und seine Hand vom strammen Arsch einer Ungläubigen zurückziehen, die im Gedränge der Einkaufsstrasse vor ihm einen Kinderwagen schiebt. Nur wenige Schritte entfernt stehen zwei Bullen und sprechen mit einer aufgebrachten Person. Der eine Bulle ist ne Schlampe, der der pralle Arsch fast aus der Hose platzt.„Einmal, ich schwöre, fick ich so ne Bullenfotze!“

Esist ein schöner Tag. Er fährt mit einem Bus aus der Stadt zum Fluß. Ahmed, Jussuf und er haben da eine ruhige, von Büschen geschützte Stelle entdeckt, wo man baden und im Gras schlafen kann und wo es seine Brüder früher auch gern mit ihren Huren hinzog. Es gibt da ein Plätzchen, das eine besondere Bedeutung für ihn hat. Als die Erinnerung aufsteigt, wird er noch erregter, als er es schon ist. Er legt sich ins Gras, befreit sein hartes Glied aus der Hose und beginnt es mit seiner zur Vagina geformten Faust zu reiben… wie sie geschrien hat diese Schlampe! Gebettelt, gestöhnt und gekreischt hat sie, als es ihr kam und er sich in ihr entleerte. Die Bilder sind so lebendig, dass er auf der Stelle erschauernd abspritzt. Dann fing sie an, zu jammern und zu heulen, sie übergab sich und nannte ihn ein Schwein und ihm wurde klar, dass dieses Weibstück ihm das Leben schwer machen wollte, statt dem Glück zu danken, das ihr durch ihn widerfahren war. Er hört wieder den trockenen Knack, mit dem ihr Genick brach. Sie war noch warm, als er sie erneut nahm und das war beinah noch besser als vorher. Wie ein Verrückter reibt er seinGlied, bis der Saft aus ihm in das hohe Gras schießt.

Erhat sie, so wie sie war, in den Fluß geworfen, einige Atemzüge lang dem davontreibenden leblosen Körper nachgeschaut, ausgespuckt und sich auf den Weg zurück ins Wohnheim gemacht.

Der Sonne nach ist es Nachmittag, als ich mich an einer Weggabelung ankommend erinnere, dass ich mich dort stets entschied, welcheStrecke ich nehmen sollte: die steile, aber kürzere zur S-Bahnhaltestelle hinauf, oder die längere, schönere und flache amFluß entlang zur Endstation des Busses. Ich wende mich nach rechts, zum einen zieht es mich dorthin, zum anderen beginnt da nach wenigenMetern Asphalt, was mir das Gehen mit meinem hohen Schuhwerk sehr erleichtern wird. Ja, ich kenne die Strecke und dann sehe ich, dass ich statt der High-Heels Laufschuhe trage und einen pinkfarbenen Trainingsanzug, statt der engen Designer-Jeans, dem knappen Shirt undder stylishen Lederjacke. Ich laufe, trainiere für den Halbmarathonder Uni… und da ist plötzlich dieser Kerl, der vor mir aus den Büschen springt und…

„Leute,es muss da noch jemand gewesen sein!“, schnauzt Hauptkommissar Gelber. „Es wird mir doch niemand erzählen wollen, dass unser Kunde sich einfach, wie das Männlein im Walde auf die Wiese gestellt, einen runtergeholt hat, oder auch zwei und sich danach selbst in einem Anfall von Hirnerweichung oder Wahnsinn so zugerichtet hat, wie er aufgefunden wurde.

Kolacki von der KTU wiederholte: „Die Leute, die ihn fanden, sind blöderweise rumgelaufen und haben Spuren zertrampelt, aber es müsste dennoch mehr zu sehen und zu finden sein, wenn es weitere Personen am Tatort gegeben hätte, ist es aber nicht. Das Messer, mit dem dem Opfer Penis und Hoden abgetrennt wurden, gehört unzweifelhaft dem Opfer! Wir konnten keine fremden Fingerabdrücke finden.“

„Er hat sich also nach seiner Selbstentmannung selbst brutal gefistet und sich dann noch selbst seine Juwelen in den Hintern gestopft? Bitte, was ist das denn für eine Story? Ich hör schon das Gelächter, wenn ich das dem Staatsanwalt vorgetragen habe.“

Kolacki zuckte mit den Schultern: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“

„Chef,“ meinte Konny, winkte Gelber und die Kollegen zu sich, deutete auf ihren Bildschirm. „Wir haben einen Treffer! Die DNA unseres Kunden ist identisch mit jener, die bei der Obduktion eines Vergewaltigungs- und Mordopfers vor zwei Jahren sichergestellt werden konnte! Und, haltet Euch fest: als Tatort wurde von den Kollegen seinerzeit genau die Stelle ermittelt, an der unser aktuelles Opfer gefunden wurde.“

„Ja, Konny, das ist  sehr spannend, aber bitte sei mir nicht böse: derStaatsanwalt wird das sicher gern in seinen Kreisen als Anekdote vortragen, und dennoch die Aufklärung dieses Falles erwarten.“

05 Prag

© hpkluge  2018

Spätestens nach dem Eklat im Ballett, wo meine Kommilitonen sich bereits im Foyer unmöglich verhalten hatten um dann als Gipfel während derVorführung Chips zu knabbern und mit den Tüten zu rascheln, wollte ich mit diesen Proleten nichts mehr zu tun haben. Wir waren mit dem kunsthistorischen Seminar nach Prag gefahren, um den Prager Jugendstil an Beispielen vor Ort anzuschauen. Die Vorbereitung der Exkursion war an unserem Dozenten und mir kleben geblieben, da sich sonst niemand bereit gefunden hatte, sich zu beteiligen. Die Spezialität von Nichtsnutzen und Faulpelzen ist  es schließlich, eine unbegrenzte Erwartungshaltung und die unerträgliche Maulerei und Besserwisserei, wenn die Arbeit erst einmal von anderen getan ist. Am dritten Tag bat ich den Dozenten um Dispenz.

„Ich verstehe Sie! Eine Bedingung nur: zum neuen Semester erwarte ich Ihr Referat zum Thema, Materialien und Nachweise zu Ihrer Recherche! Machen Sie es gut. Bis Freitag 9 Uhr am Bus zur Rückfahrt.“

Als die Prolls erfuhren, dass ich mich absetzte, mußte ich mir noch das ein oder andere anhören, bis ich den Bus an der Karlsbrücke verließ und meiner Wege ging. „Hält sich für was Besseres, das Arschloch!“ kam es aus der Ecke der möchtegern-genialischen Kritzler und Latzhosenträger. In der Tat, da hatten sie recht. Marlies tat mir leid. Sie war mit einem der Asis zusammen und fand nicht den Mut, sich ebenfalls abzusetzen, obschon sie es am liebstengetan hätte, wie ich ihr ansah. Sie war in Ordnung und die einzige unter den Mädels, die hart an ihren zeichnerischen und malerischen Talenten arbeitete, statt die Kurse mit fanatischem Murks zur Diktatur des Proletariats über die Herrschaft des Zwangskapitalismus und westlichem Imperialismus zu boykottieren.

„Schaut, was er sich mal wieder fein gemacht hat!“, lästerte ein abgerissener Kommilitone. In der Tat hatte ich ein fast schon geschäftsmäßiges Outfit gewählt, um mich so deutlich wie möglich, von dem Haufen abzusetzen. Marlies winkte mir lächelnd zum Abschied zu.

„Stehst Du auf diesen bourgeoisen Freier, den Oberspießer?“, kriegte sie prompt von ihrem „Mann“ auf den Hut.

Ichverbrachte den Tag damit, Kirchen, Galerien und Museen zu besuchen und spürte diese wesentlich dichtere, erdverbundenere Ausrichtung des Jugendstils, der in Böhmen und Mähren mit dem kreativen Zentrum Prag entstanden und zur Blüte gebracht worden war. Paris, das war Sonne und Licht und Luft, in dieser Stadt hingegen berührte die Sonne die Erde. Am Abend spazierte ich vom Hotel zum Wenzelsplatz und setzte mich ins Restaurant Jalta. Der damalige schwarze Umtauschkurs erlaubte mir einen 5 Gänge-Genuß mit anschließendem Ausklingen bei Kuba-Zigarre, himmlischem Kaffee und feinstem Cognac.

Ichließ den Tag Revue passieren auf dem Fußweg in Richtung des Hotels, ließ mir Zeit, denn ich hatte nicht die geringste Lust, mir den Abend durch eine Begegnung mit auch nur einem dieser Prolls zu verderben.

Als ich das Hotel Ambassador am unteren Ende des Platzes passiert hatte, und mir gerade ein Taxi für die Fahrt zu dem Hotel heranwinken wollte, in dem der Kurs eingebucht war, hörte ich neben mir dieStimme einer jungen Frau sagen: „Die Nacht ist doch noch so jung „schöner Mann!“ Als ich mich ihr zuwenden wollte, rempelte mich einBetrunkener so stark an, dass ich stolperte und meinen Sturz gerade noch auffangen konnte. Ich sah mich um, aber da war niemand außer einem ebenfalls schon angetrunkenen älteren „Pagen“, der Taxis für die herausströmenden Gäste einer beendeten Veranstaltung im Hotel herbei winkte.

„Oben ist Diskothäk, mit dekadentär Musik aus däm Westen.“ versuchte er mich zu locken und wies mit seiner weiß behandschuhten Hand zur hohen, beleuchteten Fensterfront über dem Portal. „Ist so cheiss…und so beliept bei die Leiten!“, sagte er und ließ dazu seine buschigen Augenbrauen tanzen. „Die scheensten Mäddchen sind da und, no, sähr erfahräne Frauen.“. Ich nickte ihm zu, dankte ihm und drückte ihm einen Kronenschein in die Hand, der sich in meine Hosentasche verirrt hatte. Er bedankte sich ebenso erfreut, wie überschwenglich. „Glick versuchen, junger Härr! Diskothäk ist sich noch bis zwei Uhr geeffnet, Sondergenähmmigung wegen so viel ausländische Gäste heite.“

Ich dachte:“Wieso nicht?“, ABBA dröhnte im Treppenaufgang aus dem Saal  von oben herab. Eine Partykugel schickte irrisierende Lichtblitze durch die geöffnete, zweiflügelige, deckenhohe Tür hinaus und wohl gleich mehrere Stroboskopstrahler waren dabei, Verstand und Aufmerksamkeit der Gäste zu zerschreddern. Gerade hatte ich die letzten Stufen vor der Ebene erreicht und  im Begriff meinen Mantel zu öffnen, da eine heiße Luftwelle, ein tropisches Ambiente erwarten ließ, als eine junge schwarzhaarige Frau in hautengem, schwarzen Etuikleid und gewagten schwarzen Highheels auf den Treppenaufgang zu stolperte, und ich hätte schwören können, sie vor dem Hotel erst gesehen zu haben! Ich wußte, dass sie stürzen mußte. Ich fing sie also im richtigen Moment auf, sie blickte mich aus großen braunen und sehr müden, geröteten Augen an, legte beide Arme um meinen Nacken, ohne die Clutch zu verlieren, die sie trug. Ihr Mund war großzügig blutrot geschminkt, und ich hatte Angst um meinen neuen Trench, aber ihr Kopf blieb auf Abstand. Ich nahm deutlich Alkoholgeruch wahr, wunderte mich nur, Whisky zu riechen. Ich hätte sie eher zurFraktion der Weißschnapsfreunde, Vodka, Akquavit, Tequila oder Gin sortiert. Sie konnte sich anscheinend nicht mehr auf den Beinen halten und das war kein Spiel. Ich nahm sie also auf meine Arme, trug sie die Treppen hinunter und brachte sie an die frische Luft. Der alte „Page“war auf der Stelle bei mir und half mir, sie stützend auf den Beinen zu halten. „Ein echter Dschäntelmän der alten Schule!“, sagte er. „Sieht man in meiner Position eigäntlich nimmer!“

„Kennen Sie diese junge Frau?“, fragte ich ihn. Er sah mich direkt an und antwortete: „Jo, ist heifig do. Ist ihr Geschäft, heer ich, mit Herren oder Damen zu gehen, für, no, der junge Herr mecht schon wissen, wos ich sog´n mecht.“ Er winkte einen der wartenden Taxifahrer zu sich: „Mechtest, bitte Manfred sog´n, dass er sein Ängel mecht holen, wann Du ihn siehst oder mit Radio rufen kennst.“

Fünf Minuten später hielt ein brandneues Mercedes-Taxi vor dem Ambassador und ein muskelbepackter Kerl mit Schlägermütze, schwarzem Schnauzbart, schwarzer Lederweste, brauner Breitcordhose, John-Lennon- Brille, silberberingten Fäusten stieg aus und kam auf uns zu. „Junger Herr hat Ängelchen auf der Treppen aufg´fangn, sonst bees ausgehn kennan, ist leider Ängel ohne Fliegel!“,moderierte der Alte. „Danke, mein Lieber!“, sagte der Taxifahrer, drückte mir die Hand und gab mir eine Visitenkarte. „Hast freie Fahrt bei mir, solange Du da bist!“ Er nahm nun seinerseits die junge Frau auf seine Arme, legte sie auf die Rückbank und deckte sie mit einer karierten Wolldecke zu. Als er die Tür schließen wollte,drehte er sich nochmal zu mir: „Sie will Dir was sagen!“

„Morgen hier im Hotel, an der Bar, Zeit, so wie jetzt? Ich möcht´ mich revengieren! Hast was für mich getan!“

Sie war nicht nüchtern gewesen und ich war gespannt, ob sie tatsächlich kommen würde. Als ich gegen halb elf gerade den Eingang zur Bar erreichte, trat sie in Begleitung eines ebenso attraktiven blonden, langhaarigen Mädchens heraus in die Rezeption. „Elena, das ist mein Ritter, von dem ich Dir erzählt hab.“, erklärte sie und dann zu mir gewandt:“Das ist Elena, meine beste Freundin! Es macht Dir doch hoffentlich nichts aus, daß sie mich begleitet?“

„Ich heiße Michael und ich fände es schön, auch Deinen Namen zu kennen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Eindruck, als sähe ich etwas wie Verärgerung durch Elena´s Augen huschen.

„Oh,entschuldige bitte, Michael!- wie unhöflich von mir! Ich heiße Malinka.“, entgegnete die schöne Unbekannte lächelnd und reichte mir ihre Hand. „Dein Name und mein Name beginnen beide mit einem„M“!“

Elena wich meinem Blick aus, senkte ihren abwesend lächelnd zu Boden.

Mein Vater hatte mir oft von seinen Erlebnissen im Krieg erzählt, und daß er sehr oft „gespürt“ hatte, wenn es brenzlig wurde. Ein Jucken der Kopfhaut, knapp oberhalb des Nackens oder ein Kribbeln an der Nasenwurzel, ein stechendes Jucken in der Nasenspitze hatten ihn immer wieder alarmiert. Einmal war er auf einem Streifengang instinktiv in Deckung gegangen und der entfernte Scharfschütze hatte ihm nur ein Loch in die Schirmmütze und eine Schramme über dieSchädeldecke schießen können. Ein anderes Mal, konnte er rechtzeitig seinen auf eine Lichtung vorrückenden Zug aufhalten, die von eingegrabenen Partisanen als Hinterhalt vorbereitet worden war.

Der Nieser war heftig und überraschte mich selbst. „Prosit!“, sagteMalinka und reichte mir ein Papiertaschentuch. „War windig und feucht die letzten Tage hier.“, erklärte sie und drückte mir ihr Päckchen mit den Tüchern zwinkernd in die Hand. „Ich hab noch ein anderes. Kommt, jetzt aber los, die Show im „Kabaret“ beginnt in einer halben Stunde und es wäre schön, wenn wir noch eine Loge bekämen!“ Ich sah sie fragend an.

„Nunwir haben vor, Dir Orte in Prag zu zeigen, die ein Tourist nur mit Führern, wie uns zu sehen bekommt, und das sind nicht sehr viele!“

„Gut, das klingt sehr vielversprechend!“, entgegnete ich.

„Das soll es auch! – Ich meine, gut soll es ja auch sein!“, meinte sie und hüstelte kurz. Dann fuhr sie fort: „Der Haken ist: wir zeigen und Du zahlst – alles: Eintritt, Getränke einfach alles! Ist das ein Problem für Dich?“ „Wenn das Geld, das ich bei mir hab, ausgegeben ist, ist auch die Führung vorbei! Das ist okay.“

„Na, schaun wir mal!“, lachte Malinka.

„Wieviel hast Du denn – dabei ?“, setzte Elena kichernd nach. „Ich mein ja nur!“, fügte sie schnell an. Auch ich hatte Malinka´szurechtweisenden Blick gesehen.

„Elena braucht immer etwas Zeit, um warm zu werden und was zu trinken. Ein guter Schluck wäre ja nun wirklich nicht zu verachten, was meinst Du, Michael?“ Ich nickte zustimmend. „Ja, könnte auch dem Schnupfen vorbeugen!“

Irgendwie kriegte ich nicht so richtig mit, was Elena plötzlich derart erheiterte, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Malinka machte eine Handbewegung, die weltweit signalisiert, daß eine Person nicht ganz sauber tickt. Vom Wenzelsplatz schritten wir zügig einer Strasse mit Tramgeleisen entlang, zweigten in eine Nebenstrasse und in eine weitere Nebenstraße ab und standen bald auf einem offenen unbeleuchteten Platz, der von etwas, wie alten Industriebauten, Werkshallen eingerahmt war. Ein eigenartiger Ort. Irgendwoher kam Musik ans Ohr. Malinka und Elena schritten bis zu einer breiten Stahltreppe vor , stiegen hoch und dann standen wir vor einem imposanten Stahltor. Malinka klopfte mit der Faust gegen sie.Jemand öffnete, obschon ich kaum ein Geräusch gehört hatte, das ihre Bemühung erzeugt hätte. Der Typ, der in der Tür stand, erinnerte mich in Gestalt und Erscheinung an Malika´s Freund Manfred. Wahrscheinlich sehen sich Türsteher und Leibwächter auf der ganzen Welt immer ähnlich. Er kassierte von mir den Eintritt. Im Inneren dann ging die Luzy ab: „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin wurde gerade durch das Intro von Iron Butterfly´s „In-a-gadda-da-vida“ abgelöst. Das war für mich gefühlt ein echter Wirklichkeitsriß, ein Spalt im Raum-Zeit-Gefüge der sozialistisch-kommunistischen Republik! Der Klon von Manfred führte uns zu einer weiteren Stahltür, hinter der sich unter uns ein nostalgischer Theatersaal mit Bühne, Tischen und plüschbespannten Sesseln im Parkett eröffnete, wo es einst die üblichen Sitzreihen gegeben haben musste. An den Tischen saßen Leute in ausgesuchter Abendgarderobe und dinierten. Wir stiegen drei Stufen hinab und nahmen in einer Loge an einem Tisch Platz. Malinka flüsterte dem Mann etwas ins Ohr, er nickte ging und brachte eine große Flasche Vodka mit einem Glas und zwei große, dekorierte Cocktailgläser fürMalinka und Elena. Malinka nippte, daran, nahm einen Schluck, als ich mein Glas gefüllt und angesetzt hatte und dann einen weiteren. Sie leckte sich genüßlich die Lippen, während Elena ihren Drink ex kippte und sich reckte und streckte. „Lecker!“, sagte sie, als sie meinen Blick sah. Der Kellner oder was er auch immer sein mochte, nahm die leeren Gläser der beiden mit. Malinka´s Kopfschütteln entnahm ich, dass er keine weiteren Drinks bringen sollte. Elena begleitete ihn. „Kleine Mädchen!“, erklärte Malinka, nahm mein Vodkaglas, nippte daran, da, wo ich mit meinen Lippen angesetzt hatte und sah mir offen in die Augen. Einen Atemzug lang schossen mir Bilder durch den Kopf, erregende Fantasien, wie es sein könnte, wenn… in diesem Moment begann die Show auf der Bühne im Saal, und ich mußte mich am Kopf kratzen. Malinka sah mich fragend an und meinte: „Ich hoffe es gibt in Deinem Hotel keine Läuse! Von Zeit zu Zeit haben wir hier leider dieses Problem.“

Ichverneinte. „Wir sind nun schon ein paar Tage hier und da hätte ich das sicher bereits gemerkt.“ Sie nickte und blickte dennoch forschend.

Ein Einradfahrer zeigte seine beeindruckenden Jonglierkünste, ihm folgten Athleten, die in vielerlei Variationen menschliche Pyramiden und faszinierende Strukturen in unglaublicher Schnelligkeit und Folge zeigten. Ein Clown ließ Seifenblasen tanzen, lieferte wechselnd mit Klarinette und Akkordeon die Begleitmusik. Jede Darbietung wurde mit kundigem, begeisterten Applaus des Publikums begleitet und auch Malinka schien sehr beeindruckt, klatschte zumTeil stehend und irgendwann sah ich, wie sie sich flüchtig mit dem Handrücken eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen schien. Helena kam mit dem Kellner, der uns eröffnete, dass der Tisch im Restaurant(der Name, den er nannte, war mir schon im gleichen Moment entfallen) frei sei und die Küche auf unsere Bestellung warte. Das war schön, aber mir ging nicht die Eile auf, zu der er uns deutlich drängte. Ich beglich die Rechnung, legte ein angemessenes Trinkgeld drauf, das er aber nicht zu beachten schien. Er steckte das Geld ohne mehr als ein sehr sparsames „Danke“ in die Börse, stieg die Treppen zur Tür hinauf und öffnete sie. In diesem Moment erhaschte ich den Beginn des nächsten Programmteils. NackteMenschen, so schien es, betraten die Bühne und begannen mit einem erotischen Vorspiel… Ich wandte mich an Malinka: „Wieso gehen wir denn gerade jetzt?“ Sie seufzte, lächelte dann und erklärte: „Michael, das sind Balletttänzer in hauchfeinen Trikots! Da passiert nichts, was original, Haut auf Haut nicht sehr viel aufregender wäre, meinst Du nicht auch?“

Siehatte ja recht, aber dennoch…? Ihre Bemerkung hinsichtlich des Erlebens „Haut auf Haut“, war kaum misszuverstehen, aber in ihrer Stimme hatte ich keinen Hauch sinnlichen Anrührens wahrgenommen. In Eile schritten wir, wieder auf dem Platz angekommen, an der Front einer Halle entlang, bis wir einen versteckten Kellerabgang erreichten. Wieder eine Tür, wieder jemand der Eintritt verlangte. Ich zahlte, hegte nach dem bisherigen Verlauf eines weitgehend vergeudeten Abends keine Erwartung mehr. Meine Skepsis wurde widerlegt. Hinter der Tür erwartete uns ein Stehgeiger in einer Tracht, die ich mal in einem alten Schinken mit Liselotte Pulver gesehen hatte, den sich meine Eltern eines Sonntagsnachmittags schwarzweiß angeschaut hatten: „Ich denke oft an Piroschka“, hieß der oder so. Der Mann fidelte uns zu einem Tisch in einer ruhigen Ecke, an dem wir Platz nahmen. Ich wartete auf dieKarten, aber Malinka legte mir ihre  Hand auf die meine: „Die Karten hier sind alle nur in tschechisch, bulgarisch und ungarisch geschrieben. Ich habe also für Dich eines der besten Gerichte bestellt, für die die Küche in diesem Restaurant berühmt ist! Wenn es Dir nicht schmeckt, bezahle ich es! Was sagst Du?“

„Ichvertraue Dir!“, kam es mir über die Lippen, aber nicht wirklich von Herzen.

„Du willst mir vertrauen.“, sagte Malinka und es klang melancholisch, auch wenn sie lächelte und ihre Augen freundlich strahlten. „Ich werde Dich nicht enttäuschen, mein Freund! Du wirst sehen.“

Der Tokayer war ein Gedicht, und er durchwärmte Körper, Geist und Seele. Schweinebraten, wie ich ihn auch bei meiner Mutter oder Oma nie genossen hatte, mit gezauberten Beilagen, Gemüse, Bohnen Reis,Paprika, Zwiebeln, Pfeffer, Gewürzen, Kümmel und vielem mehr, was ich noch nie gekostet hatte. Das Restaurant war gut besucht, allen schien es zu schmecken und doch, kam es mir ruhig vor, auch wenn der Geiger seine Violine zwitschern ließ und einige Gäste den Rhythmus seiner Melodien mitklatschten, sie mitsummten, einige sogar mit denFüßen stampften. Es waren wohl eher vornehmere Personen, die einer Kontenance verpflichtet schienen.

„Eßt ihr denn nichts?“, fragte ich Malinka, Helena einschließend, die gedankenverloren über ihren Teller hinweg und durch mich hindurch schaute.

„Möglicherweise brühte ich etwas aus.“, meinte Malinka. „Du hast ja auch schon genießt. Dieses feuchte Wetter schleppt gern was mit sich. Helena war vorhin solange im Kabaret auf der Toilette, weil sie an Durchfall leidet. – Es tut mir so leid, daß wir Dir den Abend so verderben, den wir Dir doch wirklich schön haben gestalten wollen!“

„Ihr habt es versucht, und ich hab es genossen, ihn mit Euch verbracht zuhaben. Sicher ist es nun besser, wir brechen auf!“

„Ich rufe Manfred an, daß er uns abholt!“, sagte Malinka und gab unserem Kellner einen Wink. Der wirkte überrascht, hatte sich womöglich noch ein besseres Geschäft erhofft. Es schienen nun auch einige der anderen Gäste unruhig zu werden, blickten zum Teil auffällig in unsere Richtung, und wie es mir vorkam insbesondere in meine.

„Wahrscheinlichfragen sie sich, was ich jetzt wohl mit zwei so hübschen Mädchen unternehmen werde.“, bot mir meine Fantasie als Erklärung an. Die Rechnung hatte es in sich, war gepfeffert wie der Schweinebraten. Ich zahlte, gab Trinkgeld und drückte auch dem Geiger ein ordentliches Geld in die Hand, der es nicht vornehm höflich sondern mit seltsam gestelzter Begeisterung quittierte.

Manfredsetzte mich an meinem Hotel ab. „Bitte schau doch mal, ob Michael Läuse auf seinem Zimmer hat. Dieser Laden hatte in diesem Jahr schon einmal so ein Problem, nachdem die Delegation der rumänischen Kommunisten hier untergebracht war. Manfred nickte und Elena trug für ihn eine Tasche. In diesem Moment kam ein anderes Taxi an, aus dem Marlies mit ihrem „Mann“ stieg. Sie winkte mir lächelnd zu und schürzte anerkennend ihre Lippen angesichts meiner Begleitung. Ihr Mann setzte grade wieder an, mir mit giftigem Blick einen Kommentar zu geben, Malinka maß mich mit einem kurzen Seitenblick, holte eine Zigarette, wer weiß woher vor, ging auf Marlies´ Begleiter zu und bat ihn um Feuer. Ich konnte den Triumph in seinen Augen sehen, als er in meine Richtung blickte.

Manfred trat mit Elena und zwei der unangenehmen Teilnehmer der Exkursion aus dem Hoteleingang. Tippte in meine Richtung mit dem Finger an die Krempe seiner Mütze und meinte: „Keine Läuse mehr auf Deiner Etage. Diese beiden hier wollen noch was erleben. Tschüß, behalte meine Karte! War fein, was Du gemacht hast!“

„Derhier will auch noch richtig heiss einen drauf machen!“, meinte Malinka und zog Marlies „Mann“ mit sich zum Taxi. Verwirrt blickte Marlies in meine Richtung, erwartete offenbar eine Reaktion von mir. Ich schüttelte den Kopf und winkte ab. Manfred hupte kurz,winkte und gab mit quietschenden Reifen Gas.

Ichging hinüber zu Marlies, die aufgelöst da stand und gegen dieTränen ankämpfte. Ich nahm sie bei der Hand, zog sie mit ins Hotel und überredete den alten Mann an der Rezeption mit einem Kronenschein, uns die Hotelbar aufzuschließen und ein paar Getränkeheraus zu geben. Heute waren fast alle Gäste abgereist und wir würden um neun als letzte das Hotel verlassen. Ich setzte mich mit Marlies an den hintersten Tisch und schenkte uns ein.

„Hab ich Dir nicht gesagt, daß ich Dich nicht enttäuschen werde?“

Erschrocken blickte ich Marlies an! Ich hatte doch ohne jeden Zweifel Malinkas prechen hören.

„Jetzt stell Dich bloß nicht an, Junge! Ich kann sowas eben, was soll ich lange erklären? Laß uns die knappe Zeit, die wir haben, nicht vertrödeln! Keine Angst, die Kleine hier behält nicht den kleinsten Kratzer, keinen Hauch von Erinnerung an mich in ihr und wie ich fühle, soviel kann ich verraten, steht sie auf Dich!“

„In aller Kürze: Weder heisse ich Malinka, noch bin ich irgend etwas, wie eine Frau, obschon, ich könnte mich daran gewöhnen. Das Konzept gefällt mir. Ich war nur unterwegs, um was Leckeres zu essen. Das Jalta hat bis auf das ein oder andere Kellnerchen oder Köchlein aber nichts zu bieten, was für mich geeignet ist und genauso ist das mit den anderen Restaurants. Du hast wirklich vielversprechend geduftet und hattest dank der wundervollen Köche und Deiner konservativen Speisenauswahl nicht eine üble Gewürznote an Dir, die das Leckerste einfach unumkehrbar verderben kann!“ Ich sah das, was ich alsMalinka kannte durch Marlies Augen an: „Und was wäre das für einGewürz?“

„Knoblauch,mein Lieber, aber zieh keine voreiligen Schlüsse!“ Diese Pflanze ist und hat nichts, was uns erschrecken, abschrecken oder bannen könnte! Es ist nicht mehr, nicht weniger entscheidend als eine kulinarische Frage und eine digestive dazu! Blähungen sind für jede Lebensform unangenehm.

Nun, ich war so voller Hoffnung, endlich noch zu einer Mahlzeit zu kommen, aber schon so schwach, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, als ich gegen jemanden stolperte, der ein paar Schnäpse jonglierte, die mich bekleckerten, der mich verärgert zur Seite stieß und mich in Richtung der Treppe taumeln ließ. Nun, Du hast mich aufgefangen,und hinunter getragen. Selbstverständlich wäre mir nichts passiert, wäre ich gestürzt, außer, dass alle meinen  hätten. Durch Deinen Einsatz hatte ich dann aber ein anderes, viel heftigeres Problem am, wie sagt ihr Menschen, „Arsch“.

Du hast mir geholfen, aus freien Stücken, aus – noch so ein Wort,„Nächstenliebe“, Mitmenschlichkeit – einfach aus einer ehrlichen Regung heraus, ohne Zwang, ohne Druck, von mir aus auch deshalb, weil Du mich für eine Frau gehalten hast, eine, Dich anziehende, mögliche Paarungspartnerin… der Punkt ist: vorbehaltlos, freiwillig! Ein solcher Akt ist für uns bindend und verpflichtend. Du warst somit für mich kein Lebensmittel mehr, sondern ein Gegenüber, jemand sogar, der über mich hätte bestimmen können.

An dem Abend wäre ich ohne Manfred draufgegangen. Manfred ist für mich soetwas, wie ein Proviantbeutel. In der Not kann ich von ihm essen, wofür ich ihm gebe, was er benötigt. Sex gehört nicht dazu, denn das ist unmöglich, weil es nicht zu dem Konzept gehört, was uns ausmacht. Mein Problem war, wieder aus der, unserem Kodex geschuldeten Verpflichtung, Dir gegenüber raus zu kommen. Manfred und ich sind Geschäftspartner das ist ok und stört niemanden unserer Art, einem Menschen gegenüber aber durch den Kodex verpflichtet zu sein, ist von Übel, zeugt von Schwäche, Dekadenz, von Gefahr für alle. In meiner Lage gab es nur die Möglichkeit, dass Dich ein anderer ißt und trinkt. Ich hab mich bemüht, ausschließlich bemüht, Dich anderen meiner Art unter die Nase zureiben. Ich entschuldige mich nicht und es tut mir auch nicht leid, denn dazu müsste ich Mensch sein, was ich nicht bin und auch nicht sein oder werden kann. Elena ist mein Schatten, eine Manifestation der Spiegelung meinerselbst. Sie hätte Dich daher weder töten, noch aufnehmen, verzehren können, denn sie war und ist nichts als ich selbst, gespiegelt, aber ich. Ähnlich wie es bei schizophrenen Menschen der Fall ist, können auch Subjekt und Spiegelung in einen Diskurs miteinander geraten. Der „Kellner“ im Kabaret hatte meine Absicht verstanden und war bereit. Elena hat ihn aber umkonditioniert, und ich war paralysiert.

ImRestaurant waren alle bereit, und voller Hunger, aber meine Präsenz in beiden Aspekten hat sie verunsichert und zu keiner Aktion kommen lassen. Du hast Glück gehabt! Sieh es so, denn verstehen kannst Du es nicht, dazu müßtest Du ich sein.

Ich ließ es dabei bewenden. Du kannst nicht sein und leben, was völlig anders ist und in ihm aufgehen, denn das ist Wahnsinn, die ewige Ambivalenz, der Fluch auf ewig von Pol zu Pol und zugleich wieder zurück zu springen.

Als Malinka ging, gab ich Marlies einen Kuss auf die warmen, weichen Lippen und glaubte von weit her ein Lachen zu hören und ein Zwinkern zu sehen.

Wir fuhren erst Stunden später zurück, wurden von der Polizei ausgiebig der vermissten Teilnehmer unserer Exkursion wegen verhört. Sie blieben verschwunden ohne jede Spur, bis heute. Marlies und ich kamen uns näher, wurden nach gut einem Jahr ein Paar, heirateten, bekamen Kinder. Marlies ist heute Dozentin an der Kunstschule, die wir besuchten, während ich immer noch in einem Raum unseres Hauses Farbe auf Leinwände auftrage, einfach so, und mit – dankbarem -Staunen registriere, daß Leute für den Murks tatsächlich Geld ausgeben wollen. Es hätte alles schlimmer kommen können.


04 Für die Blöden

© hpkluge 2017

„Ich werd´ d´rüber nachdenkna!“, versprach Krainer, stand auf, winkte die Kellnerin zu sich und bezahlte seine Zeche. Sie dankte für das Trinkgeld und konnte das tun, ohne für die Gabe einen Klaps auf den Po hinnehmen zu müssen. Es gab nicht viele im Ort, die den Krainer mochten. Die meisten waren froh, wenn sie ihm nicht begegneten, denn er hatte etwas an sich, dass Abstand schuf. Unfreundlich war er nicht und in den Geschäften wurde er als jemand geschätzt, der sofort oder termingerecht auf den Tag seine Rechnungen bezahlte, nie mit ungerechtfertigten Reklamationen daher kam, fordernd oder gar anmaßend auftrat. Da war halt etwas, das sich nicht einfach in Worte fassenließ.

„Wir verlassen uns drauf, Krainer!“, riefen ihm die beiden Männer, mit denen er zusammengesessen hatte, hinterher. Er hob den Arm und verließ den „Ochsen“. Die Männer rückten ihre Köpfe zusammen und redeten noch eine Weile nachdrücklich aufeinander ein. Worum es ging, blieb den anderen Gästen verschlossen, doch die beiden waren bekannt. Wenn die zusammen gesehen wurden, konnte es in erster Linie nur um Geschäfte gehen. Alois Grantl, Seniorchef der Gruber-Bau KG. und Hubert Lechner, Bürgermeister der Gemeinde waren ein politisch, wie geschäftlich eingespieltes Team, was sich immer noch vorteilhaftfür den Ort ausgewirkt und der Opposition selbst das kleinste Wasser abgegraben hatte.

„Wos die heit wui wieda ausheckna.“, meinte Angelika zu ihrem Schwiegervater, der sich hinter der Theke Enzian in einAchterl-Weinglas einschenkte.

„EinenSchmarrn! Kaschperltheater fir die Bleden is des. Waun dej wos vonWert z´beredna houm, daun tan sie´s an am Urt, woar es neamand iabareißna kaun.“

„Obada Krainer is gwiß net, wegna goanix vom Berg kimma!“, wandte sie ein.

„Der ist gekommen, weil er sowieso grad was im Ort zu erledigen hat. Jetzt machen sich alle wieder einen Kopf: „Der Lechner, der Grantl, derKrainer…“ Wahrscheinlich ist es genau das, was sie erreichen wollen. Wirklich interessant ist doch nur: wieso ein Kaschperltheater grad jetzt?“

Daswar Angelika zu hoch. Verstanden hatte sie: „Kaschperltheater für die Bleden.“

DieWochen waren ins Land gegangen, ohne dass in der Gemeinde oder der Umgebung etwas Spektakuläres geschehen wäre. Dass Lechner, Grantl und Krainer im Ochsen zusammengehockt hatten, schien keine Bedeutung gehabt zu haben und war vergessen, bis Angelika im Lokalteil der Tageszeitung las, dass die Gruber-Bau KG den Auftrag für den Neubau des vieldiskutierten Sporthotels oberhalb der Kremm erhalten habe.Sie schüttelte nur den Kopf. Irgendwie kam der Grantl immer wieder an die richtigen Leute. Das war keine Neuigkeit. Überraschend war ein unscheinbarer Beitrag im überregionalen Teil: „Für den, aus Altersgründen ausscheidenden Abgeordneten des Landtages, Herrn Dr.Valentin Burger, wurde Hubert Lechner, Bürgermeister der Gemeinde Hofarting seitens der Landesregierung und des Vorstands der sie tragenden Mehrheitspartei bestimmt.“

„Waas scho´!“, kam Schorsch ihr zuvor, als sie mit der Zeitung zu ihm stürmte. In aller Ruhe tunkte er ein Butterkipferl in denMilchkaffee und aß es schmatzend mit sichtlichem Genuss. “Ja, und, sagst dazu? Mir wird der Lechner langsam unheimlich.“ Ihr Schwiegervater nickte nachdenklich. „Ka´ scho´ sei, doß´t recht host.“, war alles was er sich entlocken ließ. Er leerte die Tasse, griff seinen Janker und verließ den Ochsen. „Sog´da Muatta, doss i vorm Ob´nd net ham kim. I hob wos in Gerberding z´tua.“

Auf der außerordentlichen Sitzung des Gemeinderats ging es bis weit in den Abend hoch her. Die Ratsmitglieder kochten, hatten sie die Neuigkeit aus der Presse und nicht von ihrem Bürgermeister persönlich erfahren. Lechner saß auch diesen Sturm aus, der ihn eigentlich kaum noch berührte, und konnte sicher sein, dass seine lieben Parteifreunde und die Oppositionsspitze allein mit der Frage seiner Nachfolge im Amt des Bürgermeisters beschäftigt sein und denKopf voll haben würden. Währenddessen hockte Alois Grantl im großen Konferenzraum des Firmengebäudes über einem Satz Plänen, die ihm erst am Nachmittag per Kurier zugestellt worden waren. Was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht, und das verschlüsselte Protokoll auf dem beigefügten Datenstick schien Wort für Wort der Versuch zu sein, ihn in die Knie zu zwingen. Das gesamte großartige Projekt war mit rotem Marker auf einen lächerlichen Rest zusammengestrichen, den zu realisieren nicht den geringsten Wert hatte. Die bereitsgetätigten Investitionen waren damit in den Wind geschrieben, verloren und absehbar der Auftakt für eine Prozesslawine, die ihn nackt, arm, mittellos und ohne Perspektive ausspucken würde.

„… stellen wir fest, dass die, Ihrerseits vertraglich zugesicherten, unabdingbaren Grundvoraussetzungen zur erfolgreichen vollständigen Umsetzung dieses Projektes, wie erläutert, gegenstandslos sind, wie wir bedauernd von dritter Seite unstrittig dargelegt bekamen. Investitionen in ein Restprojekt lassen keine, auch nur annähernd unseren Erwartungen entsprechende Prosperität erkennen.“

„Bist Du irre?“ Hubert Lechner hatte zuerst angenommen, dass Grantl ihn auf ein Eis führen wolle, um sich wieder einmal einen Weg zu eröffnen oder ihm einen Vorteil, hart am Rande der Legalität abzuluchsen. Was er jetzt aber erfuhr und mit Dokumenten belegtbekam, legte sich ihm wie ein Strick um den Hals. Grantl, daran zweifelte er keine Sekunde, würde ihn mit in den Abgrund reißen, sollte er – und auch daran konnte kein Zweifel bestehen – mitsamt seinem Unternehmen untergehen. Die Investoren gehörten nicht zu der Kategorie, die mit sich handeln läßt, wenn sie es nicht unausweichlich tun muß. Grantl´s Vorschlag er solle eidlich eine mit Krainer getroffene Vereinbarung bezeugen, hatte ihn einen ersten Blick in den Abgrund werfen lassen.

„Glaubst Du wirklich, dass die etwas drauf geben? Die haben Geld verloren, jetzt schon, und wir wissen nicht einmal, um wieviel es tatsächlich für sie geht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sie längst Anteile verkauft haben, für die sie einstehen müssen und, denk an die Reputation, die sie verlieren und damit Geschäfte, die somit nicht zustande kommen! Selbst, wenn die uns ausziehen bis auf dieKnochen, werden sie Verlust machen und mir fällt nicht ein, was wir anbieten könnten, um danach nicht einem Unglück zu erliegen.“

„MeinLieber, wenn ich mir den erfolgreichen Verlauf Deiner Karriere so anschaue, sehe ich durchaus harte Möglichkeiten Kompensation anzubieten!“

Grantlwollte ihn nicht auf ein Eis führen, er begann hemmungslos ihm das existenzielle Grab auszuheben.

„Krainer hat uns da reingeritten!“, brachte Grantl auf den Tisch. „Ich denke, dass wir ihm das klar machen müssen! Er allein kann alles geraderücken und am Ende wäre es doch gelacht, wenn nach Abzug aller Forderungen nicht auch für uns noch ein Schnitt zu machen wäre!“

„Du bist tatsächlich irre!“ Lechner wischte sich den kalten Schweiß aus dem Gesicht. „Das ist für Dich ja alles wohl nur ein Klacks, was?“

„Ja, und? Wieso nicht? Ich bin Optimist! Wenn wir schon das große Arschflattern haben, glaubst Du Krainer sei immun? Der ist auch nur ein Mensch und darum wird er eine vernünftige Alternative erkennen und ihr zustimmen.“ Grantl wirkte tatsächlich überzeugt von seinen eigenen Überlegungen.

„Ja, und wie bitte glaubst Du, den Krainer überzeugen zu können?“

„Na, damit vielleicht!“

Lechnerwollte das Herz stehen bleiben, als er plötzlich in den Lauf einer Pistole blickte, die Grantl, wer weiß woher, hervorgezaubert hatte.Der grinste und fuhr ernst fort: “Dieses Ding ist nur dafür, ihn davon zu überzeugen, uns zuzuhören und nachzudenken. Ich möchte eine vernünftige Regelung, zum Beispiel seine Unterschrift unter denVertrag, den ich schon mal für ihn vorbereitet hatte und eine unter eine Erklärung, die ich ihm vorlegen werde. Will er nicht vernünftig sein, mein Lieber, dann habe ich kein Problem damit, ihn unmittelbarer zu überzeugen!“ Lechner fühlte aufsteigende Übelkeit.

„Was meinst Du mit „unmittelbarer“ überzeugen?“, fasste Lechner nach. Grantl steckte die Pistole weg und entgegnete: „Wieso willst Du das wissen, mein Lieber? Du schläfst doch eh schon schlecht!“

„Ich will´s wissen, weil Du ja bereits verfügt hast, dass ich dabei sein soll, wenn Du ihn überzeugen möchtest.“

„Tja,mein lieber Hubert, Partnerschaft heißt eben nicht, dass der Partner schafft! Kannst Du mir folgen? Aber okay: ich hatte die Gelegenheit, erfolgreiche Überzeugungsarbeit vor Jahren in Mexico erleben zu dürfen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie nachhaltig überzeugend es selbst für wahre Helden und Sturköpfe ist, Beine oder Arme mit Benzin in Fackeln verwandelt zu bekommen… – um Himmels Willen, Hubert, kotz mir nicht den Teppich voll! – Glaub mir,bevor ich abserviert werde, serviere ich selber ab! Er hat uns zugesagt, nachzudenken, nicht, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen und uns zu verarschen! Wieso ist er nicht einfach gekommen um offen zu sagen, was Sache ist?“

„Wiewar es in Gerberding?“, wollte Angelika anderntags von ihrem Schwiegervater wissen.

„Wieso bist´n Du so neigrig?“, entgegnete der.

„Vielleicht, weil i´s immer bin?“, kam es heraus.

Erlachte auf, als habe sie einen guten Witz gemacht und schlug sich lachend aufs Bein. „Des war amal a rechte Antwort!“, lobte er und sie blickte ihn fragend an. „Guat wors, recht hab i g´habt und agut´s Göld verdient, weil i dem Orsch von Berater bei der Bank vora Zeit net g´laubt hob, sondern meiner Nos´n, wira i´s immer tua!“

Angelikahätte gern mehr erfahren, zumal es sich sehr spannend anhörte, doch die Mitteilungsfreudigkeit des Schwiegerpapa´s war schon wieder erschöpft.

Amspäten Samstagnachmittag fuhr ein alter, zerbeulter Landrover mititalienischen Nummernschildern die schmale Gebirgsstrasse hinauf und erreichte schließlich die vernachlässigte Holzhütte aus grauen, teilweise schon morschen Balken, in der der Krainer laut Gemeindeunterlagen  wohnte. Das Dach konnte unmöglich noch dicht sein, die Fenster waren stumpf und an einem waren die Laden bereits von den verrosteten Angeln gebrochen,lagen auf dem festgestampften Boden und den mit Moos bewachsenen Steinen.

„Herrallmächtiger!“,brachte Lechner heraus. „Wie haust der denn? Ich war zuletzt als Bub hier oben. Der hat ja alles verkommen lassen.“

Grantl beschlich ein mulmiges Gefühl. Als sie den Wagen verließen und auf die Tür der Hütte zugingen, entdeckten sie einen alten japanischen Kleinwagen mit Rosenheimer Nummernschild und blickten sich an. Sie hatten nicht erwartet, dass Krainer Besuch haben könnte. Wer war das und was hatte das zu bedeuten? Es war nicht mehr zu ändern, dass jemand von ihrem Besuch hier erfuhr. Direkt umzukehren, müsste eigenartig wirken. Ein junger Mann öffnete auf ihr Klopfen und Rufen die Tür und fragte, was er tun könne.

Sie stellten sich als Hubert und Alois vor und sagten, dass sie den Xaver Krainer zu sprechen beabsichtigten. Der junge Mann sah sie offen an, fragte, worum es denn ging und schien nicht die Absicht zu haben, sie hinein zu bitten. Grantl entgegnete verbindlich, dass sie beabsichtigten, dies nur mit Herrn Krainer persönlich besprechen zu wollen, und ob er ihn bitte verständigen könne. Der junge Mann blickte ihnen erneut direkt in die Augen und schien aus unerfindlichem Grund belustigt zu sein. Schließlich sagte er: „Würde ich gern, nur wird mir das nicht möglich sein.“ Es klang amüsiert, aber ehrlich. „Sie sind nicht von hier?“, stellte er mit Blickauf das Nummernschild des Rovers fest. „Nun, der letzte Krainer, der hier lebte, ist vor etwa fünfundzwanzig Jahren verstorben. Keine Ahnung, ob es der ist, den Sie meinen. Hört sich eher an, als ob sich hier jemand aufgehalten hat, der sich als mein Urgroßvater ausgegeben hat. Ich bin auch nur hier, weil da Leute wie Sie bei meiner Großmutter aufgetaucht sind und sich für ihren Vater und seinen Grundbesitz hier interessierten, sich in einer geschäftlichen Angelegenheit auf ihn bezogen. Meine Familie ist neugierig zu erfahren, was eigentlich los ist. Wer auch immer hier gewesen sein mag, er war nicht da, als ich ankam, und er scheint auch nicht im Haus gewohnt zu haben, was dessen Zustand, wie unschwer zu sehen, schon seit einiger Zeit nicht zugelassen haben dürfte. Wenn es Ihnen auch um den Grundbesitz geht: Uropa hat in seinem Testament, notariell und gerichtlich beglaubigt festgelegt und zur Bedingung gemacht, dass alles unveräußerlich im Besitz der Familie in gerader Linie zu verbleiben hat. Die Erbschaftssteuer ist ein Problem, aber solang dieFamilie über die Runden kommt, wird auch der Staat seine Finger nicht drauf legen.“

„Wirhaben aber doch vor gar nicht so langer Zeit noch mit Herrn Xaver Krainer gesprochen und…“, gab Lechner völlig verwirrt von sich. Der junge Mann sah ihn verständnisvoll an.

„Nun, ich empfehle Ihnen, die Polizei zu verständigen, sollte Ihnen dieser „Krainer“ irgendwelche geschäftlich verbindlichen Zusagen gemacht haben, wie nach den Äußerungen der Leute zu befürchten ist, die Großmutter aufgesucht haben. Die einzig logische Erklärung kann nur sein, dass da ein Hochstapler unterwegs ist.“

Am ersten November des folgenden Jahres wurde Alois Grantl erhängt in seinem schönen Bauernhaus am See aufgefunden. Es hieß er habe sich hoffnungslos verspekuliert und ruiniert. Nur einen Tag später lag Hubert Lechner, der im Strudel der Enthüllungen um die Insolvenz und Verstrickungen der Gruber-Bau KG und deren Seniorchefs ebenfalls ins Zwilicht geraten war, erschossen in seiner Wohnung nahe des Landesparlaments. Offensichtlich hatte er mit einer Pistole, die auf Alois Grantl zugelassen war, seinem Leben ein Ende gemacht, wohl, um sich dem, sich abzeichnenden Skandal um seine Person, dem Verlust seiner Ämter und weiterer Demütigungen zu entziehen. Seine Sekretärin hatte bei ihrer Befragung im Zuge der Ermittlungen zu seinen Tod einen ominösen vorangegangenen Anruf zu Protokollgebracht, über dessen Inhalt sie nur berichten konnte, dass Lechner ihn mit den Worten:“Ich lasse mich nicht erpressen!“abrupt beendet hatte und sich nicht dazu geäussert habe. Ihre Aussage wurde dahingehend bewertet, dass die loyale Kraft, der ein Verhältnis mit ihrem Chef nachgesagt wurde, ihn postmortem habe entlasten wollen. Unberücksichtigt blieb die Tatsache, dass es zu dem von ihr angegebenen Zeitraum einen Anruf aus dem Ausland auf sein Handy gegeben hatte, der sich aber nicht zuordnen ließ.

„Grüßgott, Krainer!“ begrüßte der Wirt des Ochsen den Eintretenden, der sich sogleich zu seinem Stammplatz begab und mit Heben des Arms und einem erschöpften Lächeln, den freundlichen Empfang beantwortete.

„Geht´s da net guat?“, fragte der Wirt besorgt, des abgespannten Aussehens des Gastes wegen. Der hatte ja nie wie das strahlende Leben ausgeschaut, aber heute schien es schon schlecht um ihn zu stehen.

„Meijo, Schorsch,´s geht scho´. I werd nur d´ Hitt´n aufge´m und mi´z Ruah setz´na.“, kam die Antwort, kaum verstehbar, seltsam hohl und kraftlos schleppend.

Der Wirt war nun ernst besorgt. „Woa geht’s´n hie, Xaver?“

Derzuckte mit den Schultern, antwortete nach einer Pause mit müdem Lächeln: „Mei Kloane hot mi gruf´na. Woast jo wira des is, waun a Kloans di braucht.“

Erseufzte und fuhr fort: „Kumma bin i, um di z´froaga, wos i Dir schuidig bin. I mecht´s heit gern zoi´n.“

„Geh, he´ar auf, Xaver! Nix host z´an zo´in´a. Ho´st do imma glei zoi´lt!“

Das war der Krainer! Schorsch fühlte sich beklommen. Xaver war da und dabei doch schon irgendwie weit fort.

„Vergelt´s Gott, Schorsch! Bist a gu´ada Mensch! Pf´ia´ti, ´si´s Zeit.“

Als das Telefon schellte, nahm er ab. Es war niemand dran. Als er sich wieder Xaver zuwandte, war der bereits fort, verschwunden. Weder hatte Schorsch die Tür gehört, noch bewegte die sich. Einen Moment lang wollte er Xaver nachlaufen, um sich richtig von ihm zuverabschieden, aber er tat es nicht, weiss der Schinder warum.

„Komischer Kerl!“, dachte er. „Wirst mir fehlen!“

03 Biker

© hpkluge 2017

„Ich komm schon mit Frauen nicht klar, Junge! Lass mich in Ruh!“

Der kantige Kerl in den schwarzen Biker-Klamotten kippte seinen Schnaps und das Pint der Brühe, die hier „Bier“ genannt wurde hinterher, zog einen Zwanziger aus der Tasche, legte ihn auf den Tresen und sagte zum Wirt: „Meins und seins. Reicht das?“ Stew nickte. Er hätte auch genickt, wenn es nicht so gewesen wäre. Dieser Typ da brauchte keine martialischen Aufnäher oder Abzeichen. Burschen, wie den, hatte er schon lang nicht mehr in seiner Kneipe gesehen. Daniela-Dan hängte sich an den Arm des Fremden, wie eine Katze im Tierheim die Beine eines Menschen umschmeichelt.

„Lass es!“, sagte der. “Bitte, ich mag´s nicht, okay?“ Seine Stimme ließ keine Auslegung zu, aber Dani konnte nicht aufgeben und schlang seine Arme noch enger um den des Mannes.

„Ich will Dir nicht weh tun, Junge!“

Es klang fürsorglich, warm und endgültig. Dani ließ ab, stolperte eilig auf seinen roten Lackpömps mit nassen Augen in Richtung der Frauentoilette.

„Sie hat doch niemanden.“, meinte der Wirt, griff nach dem Zwanziger und blickte dem Mann hinterher, der bereits im Begriff war, die Kneipe zu verlassen. Einen Moment später hörte Stew das tiefe Gurgeln und Blubbern eines schweren Motorradmotors und das Geräusch knackender Kiesel, als der Fremde seine Maschine die Auffahrt hinab auf die Strasse zurollen ließ. Er blickte zur Wanduhr, die auf kuchenplattengroßer Fläche völlig überflüssig für die hier gängige Biermarke warb. Niemand in dieser Gegend gab auch nur zehn Cent mehr pro Pint für eine andere Sorte aus, ob sie nun besser war oder nicht. Was heisst schon „besser“!

Es war Donnerstag und gerade halb sieben abends. Morgen um die selbe Zeit würde die Kneipe den ersten Ansturm erwarten. Am Samstag dann lockte eine Countryband und versprach gute Kasse. Stew hätte sich die Tage zwischen Montag bis einschließlich Donnerstag sparen können, aber solange er nicht drauflegte, würde er die Kneipe geöffnet lassen. War besser, als trüben Gedanken nachzuhängen. Das bisschen Arbeit im Haus oder im kleinen Garten, den Gretchen noch angelegt hatte, war schnell erledigt, auch wenn er es langsam angehen ließ. Seit sie gestorben war, schien sich etwas wie Blei in ihm auszubreiten, jedes Jahr ein bisschen mehr. Sie hatten gemeinsam der großen Stadt im Norden den Rücken gekehrt, waren hier angekommen, hatten sich über viele, manche harten Jahre eine bescheidene Existenz aufgebaut und ein zufriedenes Leben geführt. Kinder waren ihnen verwehrt geblieben. Gretchen´s Ex hatte sie mit einem Andenken von einem seiner heimlichen Ausflüge zu den billigen Junkie-Nutten infiziert. Sie hatte es Stew gesagt, als er sie um ihre Hand bat und darauf bestanden, dass er eine Bedenkzeit nehmen solle. „Okay.“, hatte er geantwortet, einen Moment geschwiegen, den Verlobungsring aus der Tasche gezogen und ihn ihr angesteckt. Sie fehlte ihm so sehr, mehr, als er es hätte in Worte fassen können.

Gerade hatte er ein frisches Fass angeschlossen, als die Eingangstür aufgestoßen wurde und fünf Kutten in schwarzem Leder lärmend in die Kneipe gestapft kamen. Sie bauten sich am Tresen auf und prollten herum. Während er ihnen Pints zapfte und sie bediente taten sie ihm einfach nur leid. Kopien werden mit jeder Kopie blasser und schmuddeliger. Er hatte noch Jungs erlebt, die in den 70igern mit ihren Harleys über die Strassen gekreuzt waren, ihre eigenen Ideen von Freiheit gelebt, Feindschaften auf eigene Weise ausgetragen, krumme Dinger gedreht, den Preis gezahlt hatten, und irgendwann auf die eine oder andere Weise dabei draufgegangen waren. Das hier war einfach nur ein Pack Angestellter einer Organisation, die sich „Club“ nannte. Das hier waren Ratten, die sich unter einem nostalgischen Fell versteckten, einem Fetisch, der ersetzen sollte, was ihnen abhanden gekommen war. Wie Ratten konnten sie eine Seuche herumtragen, und wie Ratten konnten sie, einmal in die Ecke gedrängt gefährlich werden. Er zapfte zügig, schenkte großzügig ein und wusste mit ihnen umzugehen. Er wäre sicher nie aus Vietnam zurückgekehrt, hätte er auf jedes Rascheln im Dschungel sofort reagiert oder es überhört.

Dani trat in den Gastraum, überrascht von der Anwesenheit der Kerle, die er erkannte und schnell auf ihre Stimmung hin taxierte. Reflexartig stieg er in seine Rolle, machte ein paar Tanzschritte auf den Tresen zu, steckte sich dort eine der länglichen, weißen und süßlich parfümierten Filterzigaretten an, wandte sich verhaltend lächelnd spielerisch den Männern zu. Eine Kutte, der, mit zerschlagener Nase und eingedrücktem Wangenknochen, gröhlte los: „Wie heiß ist das denn? Unser arschgeiles Schwanznüttchen ist heute da! Lust auf ein Stößchen, Prinzessin?“

„Mit Dir doch immer, wenn Du es Dir leisten kannst und die kleine blaue Pille hält, was Du versprichst!“, kam es keck zurück. Die Kerle lachten rauh. Die kaputte Nase packte sein Pint, leerte es auf ex und knurrte entgegnend:

„Geh Dir schon mal das Ärschlein waschen, und mit dem duftigen, leckeren Pfirsich-Gleitgel rutschig machen, oder magst Du es natürlich rauh und hart? Ich bin gleich bei Dir und werd´ Dich mit meiner Vanillesauce wie ´nen Doughnut füllen!“

Dani rieb Daumen und Zeigefinger aneinander: „ Du böser, böser Junge! Du weißt doch, nur Bares im Voraus ist Wahres und macht mich richtig feucht!“. Die Kutte zog steif grinsend mit leerem Blick zwei Scheine aus der Brusttasche und schob sie dem Wirt zu, der sie für Dani in Empfang nahm. Dann packte der Kerl Dani am Handgelenk und schleifte ihn hinter sich her in die Damentoilette. Der Wirt stöpselte den Stecker der Jukebox ein. Sofort ging der Dolly Parton-Song kratzend knackend da weiter, wo er tags zuvor stecken geblieben war: „…don´t take my man, just because you can…!“

„Mann, stell das Ding ab!“, verlangte einer der Lederjungs lautstark. „Wir wollen lieber die süße Schwanzpussy singen hören, wie sie auf Zack´s Pussybratspieß tanzt…hehehe.“ Die Bande gröhlte lüstern und orderte Schnaps. Sparks, der Metzger mit den Keulenfäusten, den schweißigen, knallroten Pausbacken, dem roten Tuch, das seine Glatze verdeckte und der dicken Kreole im rechten Ohr schnippte nun ebenfalls zwei Scheine auf den Tresen und kommentierte: „Die nächste Fahrt nehm ich! Dann ist die Nutte gut geschmiert und lässt sich schmatzig über´n Horizont reiten!“ Die Typen schlugen begeistert krächzend mit den Händen auf den Balken. Im Knast war Sparky auf den Geschmack gekommen und hatte sich die Spitznamen „Nähmaschinen-Pavian“ und „King-Fister“ verdient.

„Mach keinen Höllenritt draus!“, wagte der Wirt ruhig an Sparky zu adressieren. Der Metzger hörte genau das „sonst“ und verstand, was der Satz daran anschließend sagen wollte. Von allen im Raum war er der einzige, der den alten Sack hinter dem Tresen instinktiv ernst nahm. „Ne Flasche vom Hochprozentigen!“, orderte er. „Nach Zack muss die Jungsfotze desinfiziert werden, sonst hol ich mir was und ein bisschen was für die Stimmung kann auch nicht schaden.

Als Zack schließlich breit grinsend aus der Toilette kam, wie ein Kater, der in der Speisekammer ein Fläschchen Sahne umgekippt und die genüßlich weggeschleckt hatte, setzte sich Sparks mit dem Schnaps in Bewegung. „Lass der Torte ein bisschen Pause. Die ist fertig!“, protzte die gebrochene Nase.

„Kann nicht sein,“ ließ Sparks abschätzig heraus,“ich war ja noch gar nicht in ihm drin!“

Der Schrei des Unglücklichen, sein heftiges Klagen und Jammern kurz darauf ließ ahnen, was Zack angerichtet haben mußte, wenn Spark´s „Hygienemaßnahme“ derart heftig wirkte. Dani´s schmerzvolles Keuchen und Stöhnen mischte sich unter Sparks viehisches Grunzen und das Stakkato übelsten verbalen Drecks. Überraschend schnell brüllte er triumphierend seinen Höhepunkt hinaus, der sich anhörte, als sei ein Saurier dabei, eine Beute zu zerreissen. In der Gaststube empfing Sparks anerkennendes Gejohle und Schulterklopfen der Kumpane. Stew blickte sorgenvoll zur Toilette. Schließlich stellte er eine Flasche Schnaps auf den Tresen und ging hinüber. Sparks sah ihm gelassen hinterher. Die anderen ließen die Schnapsflasche kreisen, er lehnte ab. „Nix los in diesem Puff! Nur ein Arsch, das sind ein paar zu wenig.“, gab er heiser krächzend von sich. „Ich hab keinen Bock, an Langweile einzugehen.“

Zwei Dinge geschahen gleichzeitig: Stew kam mit Blut an den Händen und der Schürze aus der Damentoilette, und jemand packte Sparks und Zack am Nacken, schlug deren Schädel mit aller Wucht gegeneinander und warf sie zu Boden, wie Müllsäcke. Den anderen dreien, erging es ebenso, bevor sie begriffen, wie ihnen geschah. Stew nickte dem kantigen Mann in den Bikerklamotten erschrocken und zugleich dankbar zu. Im schummrigen Licht der Kneipe, in die sich das helle Zucken einer defekten Neonröhre der Jukebox mischte, war es ihm für einen Moment so erschienen, als blickte er in das bleiche Gesicht eines Toten. Dani konnte sich kaum auf den Beinen halten, wie er die Toilette verließ. Als er den Fremden im Raum zwischen den am Boden liegenden Kutten stehen sah, schwankte er wimmernd mit verlaufener Wimperntusche, verschmiertem Lippenstift und ausgestreckten Armen auf ihn zu, wobei ihm Blut an den nackten Schenkeln hinab rann.

„Du bist zu mir zurückgekommen!“, hauchte er, bevor er zu Boden sank. Der Fremde fing ihn auf, hielt ihn in den Armen und bettete ihn auf eine Bank, während der Wirt eine Ambulanz rief und die Polizei verständigte.

„Du hast mich gerufen!“, raunte der Fremde Dani ins Ohr, bevor sie in Bewußtlosigkeit fiel. Er strich ihr über den Kopf und die Wange, dann erhob er sich und wandte sich zum Gehen. Stew versuchte nicht, ihn zurück zu halten. Er fragte nur:“Wer bist Du?“

„Judas.“, antwortete der Fremde, ging und war fort, bevor Ambulanz und Polizei eintrafen. Der Wirt begleitete Dani ins Krankenhaus, regelte die Formalitäten, blieb bei ihr am Bett und machte am nächsten Vormittag seine Aussage auf dem Revier.

„Gretchen, da ist jemand, ein junger, verletzter Mensch. Ich würde ihr gern für eine Weile Obdach geben, einen sicheren Ort, bis sie weiß wohin sie gehen will. Was meinst Du? Wärst Du einverstanden, dass ich sie bei uns aufnehme?“ Nachdem Stew das Grab vom Unkraut befreit und die Pflanzen gegossen hatte, stellte er eine neue Grabkerze in die Bronzelampe, die er kürzlich im Laden von Konrad, dem Deutschen, gekauft hatte, erhob sich, Harke und Gießkanne in der einen, das Blumenpapier mit dem Unkraut in der anderen und schritt erleichtert zum Ausgang des Friedhofes, wo er es in den Abfallkübel warf.

„Ein schönes Medaillon hast Du!“, sagte die Schwester, die Dani am Dienstag zur Entlassung aus der Klinik die Wertsachen und Papiere aushändigte. „Wen stellt die Figur da?“, wollte sie wissen und blickte fasziniert auf das Relief. Dani nahm das Schmuckstück dankbar entgegen und legte es sich um, nachdem sie das Bild mit ihren Lippen berührt hatte.

„Das ist Judas,“ entgegnete sie, „der Schutzpatron für die hoffnungslosen Fälle.“

02 Frau mit Schirm

© hpkluge . 2017

Die Frau mit dem bunten Regenschirm blieb unter einer der nostalgischen Strassenlaternen am Platz der Königlichen Kavallerie stehen. Ein kräftiger Novemberwind pfiff von Westen her an den Häuserzeilen des Übersee-Boulevards entlang, der vom Hafenviertel her sanft zum Stadtkern anstieg. Sie hatte Mühe, den Schirm mit der einen und den Kragen ihres langen, schwarzen Lackmantels schützend mit der anderen geschlossen zu halten. Im oberen Stockwerk des massigen, schmucklosen Gebäudes auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes schimmerte hinter einem einzelnen Fenster Licht, wohl das einer einsamen Schreibtischlampe. Sie blickte kurz hinauf, zog dann, als ihr der feine Regen stechend ins Gesicht schlug aber schnell den Schirm wieder tiefer. Sie fröstelte. Eine zerknüllte Zigarettenpackung tanzte im Rhythmus des Windes über den nassgrauen Asphalt, schien immer wieder, einer dramatischen Choreographie folgend, kurz zu verharren, um nur einen Wimpernschlag später, zu neuen Sprüngen ansetzend, ihre Bühne in Besitz zu nehmen. Die Glocke der Turmuhr der Kathedrale kündete mit vollem Klang das Viertel zur vollen Stunde an. Ausschauend blickte sich die Frau mit dem bunten Schirm um, den sie dabei nun mit beiden Händen gefasst hielt, gegen ein Überschlagen der Bespannung ankämpfend. Schließlich zog sie sich zur Hauswand zurück, um dem freien Zugriff des Windes zu entgehen. Kein Mensch war zu dieser Zeit und bei diesem Wetter hier zu Fuß unterwegs. Nur von Zeit zu Zeit schien sich ein Fahrzeug in dieses Viertel zu verirren, stockend, wie nach Orientierung suchend bewegt, oder würdevoll mit gewissem Ziel daher rollend.

Minuten später wurde die Stille und Unberührtheit der nächtlichen Stunde durch das Kreischen von Reifen, dem dumpfen Dröhnen und Hämmern aggressiv übersteuerter Bässe zerrissen und angegriffen. Ein schwarzer Sportwagen sprang geradezu auf den Platz, nachdem er durch eine Unebenheit in der Strasse die Bodenhaftung verloren hatte. Das ultrahelle Scheinwerferlicht des aufschlagenden Fahrzeugs erfasste kurz die, eng gegen die Hauswand geschmiegte Frau, die in einem Reflex den Schirm wie zum Schutz hochriss, bevor das schwarze Fahrzeug in die Fassade einschlug. Das einsame Licht hinter dem Fenster im obersten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes erlosch. Die Zigarettenpackung wurde vom nächsten Windstoß erfasst und unter ein parkendes Auto getrieben, wo ihr Auftritt endete. Ein Wachmann im Postenhäuschen an der mehrfach gesicherten Einfahrt zur Tiefgarage der lokalen Nebenstelle einer Regierungsorganisation, der den Crash des Wagens beobachtet hatte, bemühte sich den Vorfall der Polizei zu melden, doch sämtliche Leitungen und Netze waren „tot“, auch die beiden „roten“ Telefone. Auf keinen Fall durfte er seinen Posten verlassen, egal, was draussen geschah. Sie hatten ihn auf die perversen Szenarien terroristischer Attentäter mit Videomaterial vorbereitet, das ihm sein Innerstes umgekrempelt hatte. Die Vorstellung, soeben eine taktische Finte solcher Mörder beobachtet zu haben und nun möglicherweise einem realen Angriff ausgeliefert zu sein, überforderte seinen Magen massiv. Er schaffte es gerade noch, sich den Abfallkorb unterzuhalten, dann versagte sein Kreislauf. Er schlug mit dem Schädel heftig auf den harten Steinboden des Postenhäuschens und verlor sein Bewußtsein. Das Viertel lag wieder in tiefer Stille bis die Glocke der Turmuhr der Kathedrale Mitternacht schlug. Ihrem letzten Schlag und dem Abklingen des metallischen Schwingens schien ein leises atmosphärisches Beben, die Luft aufzuladen, nur um sich gleich darauf ins Nichts zu verlieren. Wäre jemand in diesen Sekunden auf dem Platz gewesen, hätte er beobachten können, wie sich der gothische Giebel der aufgegebenen, säkularisierten und zum Café umgenutzten Seitenkapelle flirrend in etwas wie schwarze Rauchfetzen auflöste, die sich zu Krähenvögeln zu wandeln schienen, die sich über dem Platz sammelten, um schließlich auf das Wrack des schwarzen Sportwagens nieder zu stoßen.

Die massive Beschädigung in der Wand des Clubhauses der Marine- Veteranen, die am kommenden Morgen entdeckt wurde, gab der Polizei, den Behörden, und einfach jedermann Rätsel auf, zumal keine der etwa vier Duzend Kameras am Platz etwas aufgezeichnet hatte, das eine Erklärung geboten hätte. Die peinliche Wahrheit war, dass sie gar nichts aufgenommen hatten. Im Rinnstein wurde ein achtlos fortgeschmissener, umgeschlagener Regenschirm mit auffällig regenbogenfarbiger Plastikbespannung gefunden und entsorgt. Der Wachmann im Postenhäuschen der Behörde war von seiner Ablösung dort tot aufgefunden worden. Offenbar war er der schweren Kopfverletzung nach einem Sturz auf den Steinboden erlegen.

Heli schlug verschlafen knatschig auf den Wecker neben sich. In zwei Stunden musste sie fit am Set stehen, um ihre letzten Szenen fürs Finale der endgültig letzten Staffel der hirnrissigen Serie abzuliefern, die sie nicht reich aber wohlhabend und recht bekannt gemacht hatte. Erin´s Betthälfte war verlassen, wieder einmal. Wie es aussah, musste sie bereits unterwegs sein. Sie hatte im Bett gelegen, ihr Pyjama lag achtlos über das zurückgeschlagene Oberbett und das zerknüllte Kopfkissen geworfen. Heli hatte am Abend zuvor ein Medikament eingenommen, um Schlaf zu finden. Bislang hatte sie noch kein seriöses Angebot für ein neues Engagement und es gab Rechnungen zu bezahlen, die in den letzten Jahren deutlich umfangreicher geworden waren. Erin leistete kaum einen Beitrag, konnte sich im Grunde nicht einmal selbst finanzieren. Das spielte zwar keine Rolle, doch irrte sie nur ziellos durch eine kaum zu beschreibende Existenz. Da war keine Entwicklung, keine Perspektive in ihrem Leben. Jetzt, wo sie selbst deutlich festen Boden unter den Füssen zu verlieren begann, empfand sie es als weiteres Gewicht am Bein, das an ihr zerrte. Seit einigen Wochen streunte Erin mit einer Kamera durch die Stadt – einfach nur so, wie sie sagte – ohne Plan, Spur, ohne ein Projekt zu verfolgen. Da Erin ihre fotographische Ausbeute vor ihr geradezu schamhaft verbarg, hatte Heli sich heimlich durch die Dateien geblättert. Am Ende war sie zum Schluß gelangt, dass es immerhin gut sei, dass Erin sich beschäftigte.

Heli ging unter die Dusche und stellte fest, dass Erin sie nicht benutzt und auch keinen ihrer Toilettenartikel angefasst hatte. „Seltsam.“, dachte Heli, denn Erin war eine gepflegte, sehr auf ihr Äusseres bedachte Person. In der Küche bereitete sie sich eine Tasse Tee mit Milch zu, nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck zwischen tiefen Zügen an der Zigarette und geübter Arbeit an ihrem Makeup. Nachdem sie sich im Schlafzimmer angekleidet hatte, brachte sie das große Doppelbett in Ordnung. Als sie den Bezug auf Erin´s Seite glattstrich, entdeckte sie mineralischen Staub, feine Splitter und Körner. Sie schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr, seufzte und brach auf. Während sie den Wagen in Richtung des Studios lenkte, schoss ihr nochmal das letzte flüchtige Gespräch mit dem Produzenten der Serie durch den Kopf. Sein obszönes Angebot hatte sie schon länger erwartet, unterbreitete er es doch beinah jeder Kollegin und auch einigen Kollegen. Schockiert aber hatte sie ihr eigener Gedanke: „Wieso nicht?“

01 DieStadt

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Sie hatte nicht einschlafen können, sich wohl ein halbes dutzendmal schon unter die Dusche gestellt, aber dennoch keine Erfrischung, keine Ruhe gefunden. Eine drückende Schwüle hatte den ganzen Tag über der Stadt gelegen. In dichten Wolken schwärmten Mücken um die Straßenlaterne vor dem Haus. Sie hielt die Fenster geschlossen. Gegen halb eins nahm sie einen erneuten Versuch, doch noch etwas Schlaf zu finden. Der Ventilator ließ die Illusion einer frischen Brise auf ihrer Haut entstehen und aus der quälenden Erschöpfung wurde sanfte Mattigkeit. Abrupt wurde sie aber durch laute Stimmen draußen aus dem seichten Schlaf gerissen. Gereizt erhob sie sich vom Sofa und trat ans Fenster. Auf der Straße lungerte ein Traube Halbstarker herum, die miteinander stritten und in der fremden Sprache aufeinander einschrien, pöbelten, sich schubsten, lachten, mit Fäusten einander drohten. Sie seufzte. Zwecklos, die Polizei zu rufen, das erhöhte nur den Krawall und änderte gar nichts. Vor zwei Wochen war in dieser Strasse nachts eine Polizeistreife massiv angegangen, der Beamte mit einem Baseballschläger bewußtlos geschlagen, der Beamtin Uniform und Wäsche vom Körper gerissen und mit Autosprühlack „Nazi-Fotze“ auf Po, Rücken, Brust, Bauch und Schenkel geschrieben, die Waffen der Beamten entwendet worden. Sie fühlte die Ohnmacht, sich wie die Klaue eines Greifvogels um ihren Hals klammern, als sie das dreiste Treiben der Halbstarken sah, das wichtigtuerische, anmaßende Gestikulieren und Gestammel, die Drohgebärden zu den Fenstern hinauf. Sie zog sich wieder auf das Sofa zurück und presste ihr Gesicht in das große Kissen. Es hatte eine Razzia in den Häusern der Clans gegeben, die sich hier breit machten. Es hatte gar nichts gebracht, nur, dass sich die Typen noch unantastbarer fühlten. Immer wieder nahm sie sich vor, eine andere Wohnung in einem zivilisierten Stadtteil zu suchen. Es gab ein Problem: diese fünf Tage auf Höhe 741. Als Ärztin war sie in den Einsatz gegangen. Als am Morgen des sechsten Tages die Hubschrauber kamen, nahmen die sie als Kämpferin zurück zum Stützpunkt.

Der Lärm draussen hielt an, eine Scheibe klirrte und plötzlich zuckte blaues Licht zum Fenster herein. Drei Streifenwagen hatten sich diesmal ins Viertel gewagt. Vier Beamte versuchten Ruhe zu schaffen, während zwei sicherten und den Funkkontakt hielten. Plötzlich kamen von überall her immer mehr Halbstarke und junge Männer. Als ein Beamter deutlich Verstärkung anforderte, zogen sich die Randalierer aufreizend langsam mit beleidigenden Gesten und Beschimpfungen zurück. An deren Stelle tauchten kleine Jungen auf, die die Beamten verspotteten und auslachten. Gegen Viertel vor eins zogen die Streifenwagen unter dem Gejohle einer Gruppe Halbstarker ab, die ebenso schnell wieder aufgetaucht war, wie sie sich vorher verzogen hatte. Sie ging in die Küche, ihr war danach, sich einen Tee aufzugießen, als es plötzlich Lärm im Treppenhaus gab. Zwischen zwei schnauzenden männlichen Stimmen hörte sie deutlich die angstvollen Schreie einer Frau, die sie als die ihrer Nachbarin erkannte. In dieser Sekunde handelte sie und es war ihr, als sähe sie sich selbst dabei zu. Die beiden Kerle, die die junge Frau vor sich her schubsten, sie zerrten, übel beleidigten, Messer hämisch gezückt in ihre Richtung hielten, begriffen nicht mehr, was ihnen geschah, als sie durch das brechende Treppengeländer schreiend vier Stockwerke tief fielen und auf den gekachelten Boden des Erdgeschosses klatschten.

Die Turmuhr der nahen Kirche schlug gerade eins, als die ersten Blitze zuckten, mit dem brachialen Donner der Regen fiel, der die Luft reinigte und die ersehnte Erfrischung brachte. Sie spürte die Müdigkeit, streckte sich aus und überließ sich wohlig dem Schlaf, der sie endlich erlöste und mit sich nahm.

Die junge Frau beschrieb den Hergang des Vorfalls den Beamten. Die Burschen hatten sie an der Bushaltestelle abgepasst, sie belästigt, bedrängt und ins Treppenhaus verfolgt. „Als ich meine Wohnungstür erreichte, drängten sie sich gegen mich, wollten in meine Wohnung, um es mir dort „richtig schön“ zu machen, „so wie es Christenhuren gern haben“. Ich kriegte die Panik, weiß gar nicht, was ich getan hab, um mich zu wehren. Sie schlugen mich und auf einmal krachten sie gegen das Geländer und waren weg. Ich bin in meine Wohnung, hab abgeschlossen und Sie angerufen.“ Die Angaben der anderen Mieter im Haus brachten keine brauchbaren Erkenntnisse. Sie waren selbst alle bereits belästigt, beleidigt und bedroht worden, hatten Angst. Vor dem Haus hatte sich eine wütende Menge versammelt, darunter kreischend klagende Frauen, Mütter und Verwandte der Toten. Erst als ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei auftauchte, sicherte und Festnahmen durchsetzte, zog sich die Meute etwas zurück.

01:40 Uhr

„Todesursache war eindeutig der Aufprall auf dem Steinboden mit allem, was sowas mit sich bringt.“, meinte der Rechtsmediziner. „Die junge Dame muss in ihrer Panik geradezu unmenschliche Kräfte entwickelt haben, denn die Angreifer sind nicht einfach gegen das Geländer getaumelt, sie haben Tritte kassiert, die es in sich hatten. Schau sie Dir an, dieses Persönchen hat gar nicht die Physis. Yoga ist wohl eher ihr Sport. Aber, wie gesagt, Todesangst setzt manches frei. Gene vergessen nichts. Und, da war niemand sonst?“

Hauptkommissar Gelber zuckte mit den Schultern. „Sie lebt allein, keine Freunde, keine Männerbesuche, wie die anderen im Haus erzählen.“

„Was ist mit der Wohnung neben der ihren?“, fasste der Dok nach. Gelber schüttelte den Kopf. „Steht seit drei oder vier Jahren leer. War von einer Stabsärztin angemietet, die in Afghanistan gefallen ist.“