20 Bär

© hpkluge 2018

Mir war, als streunte ich auf Tatzen über die, den herannahenden Winter ahnenden Hügel, durch die dichten Wälder, die sich harzduftend hinter ihnen erhoben. Ich mied die Spuren der Mütter, die ihre Jungen in den Schutz eines ihnen bekannten Verstecks führten, das Ihnen sicheres Quartier für die bevorstehenden Monate bot. So einem alten Graupelz wie mir trauten sie nicht über den Weg und für ihren Nachwuchs würden sie zur Not jeden Kampf wagen, wichen dem aber immer zunächst aus, denn sollte sie, die Mutter, sterben, waren die Jungen im Winter dem Tode geweiht. Ein Biss aber oder ein heftiger Hieb mit der krallenbewehrten Tatze einer, ihre Jungen schützenden, wütenden Bärin konnte mir ernste Probleme bereiten, so trollte ich mich weg von ihnen meiner Wege und wurde zudem mit einem Strauch voller, überreifer Beeren belohnt. Es hat etwas Eigenartiges auf sich mit diesen fauligen, süßen Früchten: zuerst steigt ein Gefühl auf, als sei der Frühling eingetroffen, dann, bald darauf schon, kommt die Müdigkeit mit aller Gewalt und man schläft dort ein, wo man gerade liegt oder schwankend hockt. Ich schaffte es noch zwischen ein paar hohe Felsbrocken, wo sich mir ein Bett aus Latschen bot, bevor ich in wohliges Dämmern verfiel, begleitet von Bildern der Schnellen, an denen ich über Tage die fetten, so wohlschmeckenden Lachse fing, die meinen Wanst hatten anschwellen lassen für die kommende eisige Zeit.

Wie durch einen dichten Nebel hindurch nahm ich benommen, ohne Gefühl für die vergangene Zeit das wütende Brüllen einer Bärin wahr und dann ein ohrenbetäubendes Gebrüll, das mir schon einmal begegnet war! Ich drängte die Müdigkeit und die Schwäche beiseite, bewegte mich zwischen den Felsbrocken hindurch aus dem Lager hinaus. Unterhalb meiner Position hatte sich der wahnsinnige „Goliath“ auf die Hinterbeine gestellt und ging gegen eine Bärin vor, die deutlich ihre Tatzen in Position gebracht hatte, bereit, ebenfalls auf den Hinterbeinen stehend, den Angreifer zu empfangen. Sie hatte keine Chance. Dieser Koloss war fast doppelt so hoch und sicher dreimal so schwer wie sie. Sein Gebiß und seine Krallen waren absolut tödlich und sein Wahnsinn machte ihn für seinesgleichen unbezwingbar. In diesem Augenblick entdeckte er die beiden Jungen der Bärin, ein für ihn mehr als nur annehmbarer Fraß. Die Bärin war bereit in den Tod zu gehen und ging zum Angriff über, der damit endete, daß sie ein so harter, so gewaltiger Schlag am Schädel traf und ihr klaffende Striemen durch die Maske riß.

„Komm, Enkel!“, hörte ich die tiefe, rollende Stimme meines Großvaters neben mir, der zu Lebzeiten vielleicht so gewachsen wie Goliath gewesen sein mochte, nun aber, in seiner Erscheinung, schien er  noch weit größer und mächtiger zu sein, und war dennoch nur wie ein Nebelbild.

„Halte ihn auf, mein Sohn!“, grollte er. „Wenn es geht, töte ihn! Er ist für alle von uns eine Gefahr und eine Schande für unser Volk!“

„Wie er so sprach, ließ ich aus Angst und Entsetzen Wasser und Kot gehen.

Großvaterlachte nur: „Das ist in Ordnung! Das macht Dich leichter und schneller!“ Sein Lachen war es wohl, das mir Verstand und Panik ausblendete, und ich trabte los mit meinem ärgerlichsten und bösartigsten Gebrüll zu dem ich fähig war. Goliath ließ auf der Stelle davon ab, der Bärin zuzusetzen, und wandte sich verwundert mir zu. Seiner Überraschung verdankte ich wohl den ersten Prankenhieb, mit dem ich ihm seine Schulter bis zum Knochen aufriß.Mein Biß ließ ein Gelenk am Hinterbein knacken. Dann aber war er oben irrsinnig brüllend und als mich sein Biß verfehlte, schlugen seine Kiefer mit einer derartigen Heftigkeit aufeinander, daß einige seiner Zähne splitterten.

„Gut gemacht!“, hörte ich Großvater. „Verschwinde, Junge. Es gibt eine bessere Art, ihn zu töten, ohne selbst schwer verwundet zuwerden. Schau!“

Ich folgte der Bewegung dessen, was wie sein Schädel erschien, verstand und hetzte los, den Hügel hinab auf eine Baumgruppe zu, aus der seitlich zwei Menschen mit langen und schweren Stöcken getreten waren, die, wie ich schon gesehen hatte Blitz, Donner und Tod von sich werfen konnten gegen Wesen wie sie selbst oder unsereinen! Goliath hatte mich in Reichweite und sein irrer Hass machte ihn blind für alles. Ich gab alles in meinen Lauf und warf mich auf Großvaters Ruf hin unvermittelt zur Seite. Goliath schoß an mir vorbei und direkt hinein in den Blitz, den Donner, den Tod. Ich trollte mich davon und sah, wie die beiden Menschen, die Stöcke sinken ließen und einer winkte mir mit seiner Mütze in der Hand zu. Als ich wieder auf der Anhöhe war, konnte ich noch sehen, wie sie begannen, den Pelz von „Goliaths´“ leblosem Körper zu schälen.

„Komm, Junge, ich zeig Dir meine alte Höhle und dann legen wir uns hin und schlafen, bis der Frühling uns weckt!“, meinte Großvater. Während wir höher kletterten, sahen wir unter uns die Bärin mit ihren Jungen, die ihr zärtlich die Wunden am Schädel leckten.

Großvater hatte tatsächlich eine geräumige Höhle, in der nur das einschläfernde Fauchen des Windes draußen zu hören war, ohne, dass er vordringen konnte. Seite an Seite schliefen wir ein, so war mir.

….

Wie jeden Sommer luden unsere Eltern meine Schwester, ihren Mann, die Enkel und mich zu ihrer Hütte oberhalb des Sees ein, die einmal ihr Alterssitz werden sollte. Einen schöneren Ort konnte es für dieKinder, aber auch für uns Erwachsene nicht geben. Ich war in Vater´s Fußstapfen getreten und arbeitete als Ranger hier draußen. Meine Schwester war Ärztin an einer Klinik in der Hauptstadt und meinSchwager Leiter eines Elektronikfachmarktes. Meine Nichte und die beiden Neffen besuchten dort die Schule. Für Lucille war klar, dass sie einmal Kinderärztin an der Klinik sein würde, wie ihre Mutter, während die beiden Jungs ihre Ziel weit entfernt von der Erde gesteckt hatten, der eine als Architekt beim Bau einer Mondstadt, der andere als Pionier bei der Eroberung des Mars. Mutter schmunzelte immer, wenn die beiden versuchten, ihr ihre Pläne darzulegen, Vater ermutigte sie, stundenlang mit ihnen diskutierend. Meine Schwester zuckte mit den Schultern und kam immer schnell auf ihr Lieblingsthema zu sprechen: die Frage, ob ich denn noch nicht eine Freundin hätte, und wann ich denn endlich einmal daran dächte, eine eigene Familie zu gründen. Sie war lästig aber genau das schien ihr große Freude zu bereiten, und wenn dann auch meine Mutter in ihre Neugier und Vorträge, wie schön doch eine eigene Familie sei, einstimmte, dann war der Punkt erreicht, an dem Vater, mein Schwager und ich uns zum kleinen Bootshaus davon machten, wo Paps seine kleine Produktion an Kiefern-, Ahorn-, und Wildbeerenschnaps sicher versteckt und kühl gelagert hielt.

„Sean hat oben bei der alten Hütte am Pass, nach inzwischen fast vier Jahren, wieder Spuren entdeckt, die befürchten lassen, dass sich die Sorte Wilderer erneut in diese Gegend bewegt, die sich einen der herunter gekommenen Trapper kauft, der bereit ist, für viel Geld, ihnen die Reviere der Grizzleys zu zeigen und die zu Trophäen geeignetsten Exemplare. Er hat Patronenhülsen einer Munition gefunden, wie sie nur für Karabiner mit extremer Reichweite benutzt wird, wie einem Bushmaster zum Beispiel.“, begann Vater, nachdem wir alle, Mann für Mann, ein gutes Glas seines hochprozentigen Kiefernschnapses geleert hatten.

„Ja, ich fand auch einen Platz unmittelbar bei der Hütte, wo ich im Moos die Eindrücke zweier rohrförmiger Kufen entdeckte. Dort war ein Hubschrauber gelandet und wieder gestartet. Die Untersuchung der Hütte erbrachte rein gar nichts, aber ich hab eine Wildkamera mit Ausrichtung auf den Landeplatz und die Hütte angebracht. Ich bin gespannt, was der Chip speichern wird.“, ergänzte ich.

„Du wirst nichts darauf finden, Sean!“, meldete sich Schwager Conrad zu Wort. Wenn das Geldleute sind, die sich hier was schießen wollen, das ausgestopft in ihren Büros Angestellte und Besucher erschrecken soll, dann sei nicht so naiv zu glauben, Du könntest die erwischen! Ich gehe mit Dir eine Wette darauf ein, dass sie die Kamera längst entdeckt und den Chip ausgetauscht haben. Entweder sie haben so einen Scanner, der Elektronik aufspürt, oder sie haben einen wirklich guten Trapper, der jeden Zweig dort kennt. Sei vorsichtig, Kumpel! Ein Tipp vom Angestellten eines Elektronikbauteilemarktes: nimm erst einmal nie dasselbe GPS-Modul mit, über das Dich Deine Dienststelle orten kann, wenn Du Dich am Pass oder bei den Grizzlyrevieren rumtreiben willst. Vielleicht bist Du damit auch bei denen auf demSchirm! Mag sein, dass ich zu viele schlechte Filme gucke, aber immer find ich in denen was, was ich locker in unseren Katalogen bestellen oder aus Teilen unseres Katalog zügig bauen kann.“

„Conny hat recht!“, pflichtete Vater ihm bei. Mach Deinen Job im Territorium! Es gibt tausend Dinge zu tun. Derweil werde ich mitSnoopy und Tyron mal die Touristennummer durchziehen und typischerweise etwas abseits der ausgewiesenen Wanderpfade mit Megaobjektiv-bewehrten Kameras die Gegend unsicher machen, wenn Du verstehst… und kein Wort darüber zu wem auch immer!“

Nach dem zweiten Glas seines „Spirit of strong Pine´s“, wurde es Zeit, wieder unseren grimmig dreinblickenden Damen unter die Augen zu treten.

„Schau sie Dir an, Mom! Ich wette mit Dir, um was Du magst: irgendwo da unten hat Dad ein Schnapsdepot! Von wegen, er tut nur den Nachbarn einen Gefallen! Conrad! Gestehe auf der Stelle alles!“

Mein Schwager würde in den nächsten Tagen den schwersten Job von allen haben, dessen war ich mir, innerlich schmunzelnd, sicher.

Ich hätte June Hathaway, die stellvertretende Leitung des Rangerpostens küssen mögen, als sie anrief und sich kleinlaut entschuldigend, mich über ein Verbrechen an den Fällen informierte, wo eine junge Frau von zwei Kerlen vergewaltigt worden sei, die sich in die Gegend davon gemacht hätten. Der Hubschrauber mit der Wärmebildkamera war unterwegs auf der Suche nach den Tätern, aber in den Wäldern ist nichts so effektiv, wie ein Ranger, der die Gegend kennt.

„Mom, schau es Dir an, wie er sich freut, uns sitzen lassen zu können!“

Meine Schwester fühlte sich zurecht, um einen weiteren Auftritt und eine tief bewegende Predigt gebracht. Gegen Vaters milde, aber nicht in Zweifel zu ziehende Authorität hatte sie kein Mittel.

Ich packte meine Tasche mit frischer Wäsche und einer gebügelten Ersatzkombination, schnallte meinen Gürtel um, küsste alle und war fort.

Auch, wenn mir Conrads Rat in den Ohren klang, nahm ich mein gewohntes GPSmit, da ich nicht damit rechnete, irgendwie in die Nähe des Passes oder der Grizzlyreviere zu kommen. Schon anderthalb Tage später beorderte ich den Hubschrauber unseres Rangerpostens, um die Verdächtigen abzuholen. Der eine war in eine uralte, rostzerfressene, vergessene Bärenfalle getappt und es war klar, dass ihn sein „Abenteuer“ mit Glück nur den Fuß, wahrscheinlicher aber das linke Bein bis oberhalb des Knies kosten würde. Sein Kumpan hatte ihn sich selbst überlassen, angeblich, um Hilfe zu holen und hatte in blanker Unkenntnis und blinder Hast, in irrigem Vertrauen in sein Glück, sich trotz großer Warnschilder einer Hängebrücke aus morschen Tauen anvertraut und verloren. Nach 80 Metern Sturz blieb von ihm nur das, was wir von den Felsen kratzend in einem Plastiksack zum Posten schafften.

Der jungen Frau hatten sie das Leben gelassen, aber die Fähigkeit zerstört, je eigene Kinder zu bekommen und dieser Welt zu schenken, wie ich aus dem Bericht des Krankenhauses erfuhr, der uns zugeschickt wurde.

Nach diesem Fall blieb ich im Ort und mietete mich in der kleinen Pension von Amelia Simons ein, die schräg gegenüber des Rangerpostens und neben der einzigen Bar mit annehmbarer Küche weit und breit lag. Da Amelia sich nicht mit alkoholisierten Gästen herumärgern wollte, und nicht vollständig auf die Einnahmen der Pension angewiesen war, beherbergte sie nur Leute, die sie kannte. Für alle anderen gab es Andrej´s Boarding House, gute zehn Schritt hinter der Bar gelegen, hinter dem widerum „Anabell´s Heaven“, einsame Durchreisende und ausgehungerte Trapper, Goldsucher und Abenteurer um zuviel Dollars für zuwenig Zuwendung brachte. Nicht selten war früher schon die ein oder andere der Frauen mit der Schürfarbeit mehrerer Wochen verschwunden, wenn der Unvorsichtige aus seinem Vollrausch oder einer Betäubung tags drauf erwachte. Einige dieser Frauen wurden nur wenig später ohne das Gold und entsorgt wie Abfall irgendwo in der Gegend oder im Fluß nach den Stromschnellen treibend gefunden.

Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte ich in Privatklamotten, schloß meine Dienstsachen weg, schrieb meinen Bericht und suchte die Bar auf, bestellte den „Standard“, ein 10oz-Steak mit Spiegelei, fingerdick geröstete Zwiebeln darüber und gebratenen Chips in einer Extraschüssel. Dazu gehörte ein Wasserglas mit dem, was dort„Scotch“ genannt wurde und ein Pint Lager, unbekannter Herkunft und Marke. Das Gute war: es sättigte, schmeckte einigermaßen, war preiswert, hob die Stimmung und schuf die Bettschwere, die einen auch nach einem üblen Tag mit Gottvertrauen auf einen besseren hoffend in Amelias Daunenkissen einschlummern ließ. In dieser Nacht aber wachte ich zweimal voll innerer Unruhe auf. Ich schrieb es dem schweren Abendessen zu, nahm einige Schlucke aus dem Flachmann, den Vater mir stets nach Gefühl mit einem seiner Schnäpse füllte. Keine Ahnung, was ihn getrieben hatte, aber diesmal enthielt das Gefäß den Schnaps den er aus einer Bitterwurzel destillierte. Amelias Zimmer waren allesamt mit Wassertoiletten ausgestattet. Ich schaffte es rechtzeitig, mich vor das Porzellan hin zu knien, bevor mein Magen sich vollständig entleerte. Nach einem weiteren Schluck beruhigte sich mein Inneres, es verschwanden Übelkeit und innere Aufruhr. Ich wusch mich, ging zu Bett, wurde aber erneut von einer Nervosität ergriffen, die in ihrer Art anders war, als jene zuvor. Schließlich glitt ich vor meinem inneren Auge in Szenarien zwischen gereizter Fantasie, Gegrübel und Wirklichkeit.

Oben in den Bergen hatte es bereits zu stürmen und zu schneien begonnen. Das Fenster meines Zimmers flog auf und ein eisiger Wind kam herein.Ich stand eilig auf, schloß es, zog aber die schweren Übergardinen nicht vor, setzte mich in den Sessel, schlang die Daunendecke des Bettes um mich und starrte hinaus in die Dunkelheit. Im Kegel derStraßenlaterne sah ich kleine Schneekristalle wirbeln, wie es sommers dort die Mücken taten. Bald obsiegte die Müdigkeit und zog mich in wohlige Hingabe, in einen langen dunklen Tunnel, bis ich bereit war und, als sei ich wach spürte, wie ich in die farb- und formlose Welt des Schlafes glitt. Im Augenblick des Vergessens hörte ich etwas wie einen entfernten Ruf durch die Schluchten zwischen den Bergen echoen: „Du hast mich verraten…“. Dann war es nur noch warm, ruhig und dunkel.

Am nächsten Vormittag kam Harris Deveraux, ein Pelz- und Fellhändler in den Rangerposten und erklärte mir, daß ihm ein „durchgeknallter“, ihm bislang unbekannter Trapper, den Pelz eines riesigen weißen Grizzlys zum Kauf angeboten habe, und er das Gefühl habe, daß da etwas nicht in Ordnung sei.

„Ich weiß nicht, Sean, halte mich für verrückt, aber als Fachmann sage ich Dir, das Fell ist gut erhalten, imposant, aber uralt. Schau ich es mir intensiver an, um Verfallsspuren zu entdecken, kommt es mir vor, dass es kaum älter als ein paar Jahre sein kann. Ich werde noch irre!“

„Was sagt der Typ, woher er es hat?“, fragte ich. Harris zuckte mit den Schultern:

„Der Typ quatscht nur komisches Zeugs, lacht irre, fuchtelt mit den Armen rum, als kämpfe er ums Gleichgewicht und wird auf einmal fuchsteufelswild. Nein, er greift mich nicht an, aber er führt sich sehr eigenartig auf. Er will so gegen Zwölf kommen, um zu hören, ob ich kaufe oder nicht. Bist Du so gut, und begleitest mich? Mir ist der nicht geheuer!“

„Ich geh mit ihm!“, rief ich June zu, die gerade dabei war, den Hubschrauber zu einem Camp von Landvermessern zu schicken. Sie hob den Daumen und ich schnallte mir den Gürtel um, nicht ohne die Sicherungslasche der Waffe festzuzurren. Ich folgte Harris´Toyota mit dem Rover und parkte am Eingang zu seinem Lagerschuppen. Auf einem großen Tisch inmitten des Raums lag, im hellen Licht einer Deckenlampe das hellgraue, beinahe weiß erscheinende Fell eines einstmals etwa Zweimeterfünfzig bis drei Meter großen Bären. Ich fühlte mich auf der Stelle seltsam beunruhigt, als ich es sah, so, als könne das Tier, dem es gehört hatte, sich erheben und mich angreifen! Ich war kein ängstlicher Mensch, um so unverständlicher war mir diese Unruhe. Als es an der Tür klopfte, ging Harris und öffnete sie. Es entstand ein Zug und ich fröstelte durch den eisigen Wind, der in den Schuppen drang.

„Hast Du Dir Hilfe geholt, Deveraux?“, hörte ich eine tiefe, grollende Stimme und war erstaunt, eine eher kleine Gestalt, hinkend neben Deveraux auf mich zutreten zu sehen. Ein außergewöhnlich dichter, grauer Schnauzbart, mächtige graue Brauen über gelblich braunen Augen, ein ausladender, fast weißer Vollbart, schulterlanges, dichtes Haupthaar untermalten noch die lauernde Boshaftigkeit in seinem Blick, der Widerwillen und gespannte Vorsicht in mir weckte und nach einem Bild in meiner Erinnerung suchte, das ich glaubte, in mir zu tragen.

„Ah,und dazu gleich einen tapferen Ranger!“, fügte der Kerl provozierend hinzu, ließ ein keuchend zischendes Kichern folgen, das für einen Augenblick die braunen Stummel gebrochener Zähne entblöste.

 will ich doch hoffen, Sir!“, entgegnete ich und streckte ihm offen meine Hand entgegen, die er geflissentlich übersah. „Mein Name ist Cavenaugh und wie heißen Sie, Sir, wenn ich fragen darf?“

„Geht Dich nichts an, Ranger, oder hab ich was verbrochen?“, kam es kalt und drohend zurück. Ich nahm mir vor, diesen Burschen im Auge zu behalten, hatte aber keine Lust, auf der Stelle in eine Auseinandersetzung mit ihm zu gehen. Der wandte sich Harris zu.

„Also, Deveraux, nimmst Du den Pelz oder nicht?“, knurrte er und fuhr fort, als Harris stumm blieb: „Also nicht! Hat es Dir die Sprache verschlagen, Arschloch?“

„Was ist, Ranger? Willst Du dieses hübsche Fell nicht für Deine Freundin? Kannst ihr ja sagen, dass Du den Burschen in den Tod geschickt hast, um ihr den Pelz zu verehren… nein?“ Was er sagte und die Art, in der er es tat, klang bitterböse und gemein.

„Behalten Sie Ihren Pelz!“, antwortete ich.

„Oh, Jungchen, Du glaubst nicht, wie gern ich das getan hätte!“, gab er zurück und etwas echote in mir, erschloss sich aber noch nicht.

Er trat zum Tisch, begann das Fell zusammen zu rollen und mit einer Schnur zu binden, dabei schien er erhebliche Schwierigkeiten mit der linken Schulter zu haben, die oft kraftlos einsackte. Schließlich schmiß er sich das geschnürte Bündel mit der Rechten über dieSchulter und schlurfte hinkend zum Ausgang, den Harris ihm öffnete und offen hielt. Eine Sekunde schien es, als würde der kräftige Wind den eigenartigen Kerl wieder ins Innere zurück drücken, dann aber war er fort und Harris schloß fröstelnd die Tür hinter ihm.

„Was für ein Mensch!“, sagte er und rieb sich wärmend die Arme. „Das war´s wohl, der Sommer geht zuende und der Herbst fängt gar nicht erst an!“, orakelte er.

„Woher kommt der Kerl? Kennst Du seinen Namen?“, fragte ich Harris noch, nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte.

„Keine Ahnung, Sean! Einer meiner Lieferanten, ich glaube Devlin Murray, erzählte mir, ihm hin und wieder in der Nähe des Grizzly-Gebiets begegnet zu sein. Aber einen Namen kannte der auch nicht.“

„Geht Murray auf Bären?“, fasste ich nach. „Sean…“, entgegnete Harris schmunzelnd. „Sagen wir mal so: Weder hat er mir je ein Grizzlyfell angeboten, noch hab ich je eins von ihm gekauft und wie Du mitbekommen hast, hab ich ja auch diesen prächtigen Pelz abgelehnt…“

Ich saß gerade vor dem Bildschirm meines Arbeitsplatzes und blätterte mich durch die Datenbank der registrierten Trapper und auffällig gewordener Wilderer, in der Hoffnung, einen Hinweis auf diesen Kerl, der Harris aufgesucht hatte zu finden, fand aber rein gar nichts, nur, daß Devlin Murray, den er erwähnt hatte, vor einigen Wochen Opfer eines Bärenangriffs geworden war. Ich beschloß den zuständigen Kollegen, der die Information eingestellt hatte bei nächster Gelegenheit zu befragen.

„Sean, „Zorniger Donner“ aus dem Huronendorf hat in aller Frühe angerufen und verlangt, daß Du und nur Du heute bei ihm vorbeikommen sollst.“, trug mir June vor. Worum es geht, hat er nicht gesagt.“

„Zorniger Donner“ war der Medizinmann des Stammes und in seiner Art ein ebenso seltsamer Mensch wie der Kerl, dem ich bei Harris begegnet war, seltsam zwar, aber nicht bösartig. Ruf ihn an, ich komme!“,bat ich June.

„Hab ich Trommeln, kann ich Rauchsignale oder beherrsche ich Telepathie?“,entgegnete sie schulterzuckend. Sie hatte recht. Wenn der Medizinmann jemanden erreichen wollte, nutzte er die „böse Zauberei“, entweder über ein öffentliches Festnetztelefon oder mit dem Prepaidhandy eines Stammesmitglieds, über das er auch nie zurückgerufen werden konnte. „Haben wir noch etwas von dem Fusel für besondere Gelegenheiten?“, fragte ich. „Zorniger Donner“ war zwar gut sortiert, was Rauschmittel anging, mit denen er zu Verstorbenen, Geistern aller Art in Verbindung trat, aber ein Seagrams oder Canadian Club schien, wenn ich ihn seinerzeit einmal richtig verstanden hatte, besonders geeignet zu sein, mit Geistern und Dämonen der Bleichgesichter Kontakt zu schaffen. „Leider nein. Ist alles bei der letzten Neujahrsparty hier drauf gegangen!“

In diesem Moment rief mich Vater an.

„Junge, ich hab Dir ein paar Fotos auf Deinen Quasselknochen geschickt. Ruf bitte am Abend zurück! Snoopy und Tyron streifen im Umkreis unseres Lagers herum, um zu sehen woher und wohin ein paar dieser Spuren kamen, über die wir gestolpert sind, und wohin sie führen.“

„Paps, macht keinen Scheiß! Das ist mein Job!“, entgegnete ich.

„Den ich und die Jungs hier über dreissig Jahre gemacht haben!“

June lachte, ich zog mir den warmen Parka, die Wollmütze mit dem Rangeremblem über, steckte Handschuhe in die Taschen, nahm die Pumpgun, zwei Schachteln Munition mit und winkte June zu.

„Gehst Du auf Kriegspfad?“, wollte sie besorgt wissen.

„Ich nicht, Schatz, aber erinnerst Du Dich, wann und warum unser roter Bruder zuletzt seine Hemmung vor dem „bösen Zauber“ überwandt?“

„Pass auf Dich auf!“, entgegnete sie. Ich lenkte den Rover zur Bar und kaufte eine dicke Flasche Whisky zum Ranger-Vorzugspreis. Vor der Weiterfahrt setzte ich mich auf ein Pint hin und schaute mir die Fotos an, die Paps mir geschickt hatte. Markante Abdrücke von Militärstiefel-Profilsohlen, Geleerte Konserven- und Bierdosen, Zigarrettenkippen, ein Schnapsflachmann und schließlich eine verlorene Patrone Karabinermunition. „Alles eingetütet und dokumentiert, bringen wir Dir mit!“, stand dabei neben den Koordinaten der Fundstellen. „Seid vorsichtig, Ihr alten Knaben!“, schrieb ich.

Es war offensichtlich, was vor sich ging. Als ich schließlich losfuhr, rief ich June an und bat sie den Hubschrauber los zu schicken, um Vater und seine Kumpels von deren augenblicklichen Koordinaten abzuholen.

„Ich hab ein Scheißgefühl, June!“

Am Dorfrand war ein befiederter, mit Perlen und einem  , mit frischen Farben bemalter Speer in den Boden gerammt. Ein Knabe, der einen, mit Kriegsfarben bedeckten Lederschild hielt und mir entgegenstreckte, trat auf meinen Wagen zu und bedeutete mir ihm zu folgen. Speer und Schild waren gedacht, um Böses fern zu halten. Wenn der Junge mir den Schild entgegenhielt, galt die Drohung nicht mir, sondern dem Bösen, was sich mir eventuell angeheftet hatte, um ins Dorf zu gelangen.

„Zorniger Donner“ hatte sein Zuhause in einem großen, heruntergekommenen und mit allerlei Zeichen bemalten Wohnwagen genommen, einem „Wigwam der Weißen“, wie er ihn zu nennen pflegte. Von festen Häusern aus Holz oder Stein hielt er gar nichts und auf Lederzelte, Tradition hin und her, verzichtete er schon lange der oft heftigen und eisigen Winde wegen.

Er begrüßte mich, indem er mich bat, auf einem Stein vor seinem Heim Platz zu nehmen, wo er den Rauch seiner Pfeife auf mich blies und ihn mit seinen Händen wie einen Stoff über mich verteilend strich. Nach dieser „Reinigung“ und der somit gleichzeitigen Übertragung einer „schützenden Haut“, bedeutete er mir, aufzustehen, wonach er mich umarmte und in sein „Wigwam“ bat. Sein Gesicht hellte sich auf, als ich ihm den Whisky überreichte, blieb aber ernst und mit freundlich ernster Dankbarkeit überreichte er mir als Gegengeschenk ein Amulett mit einem unscheinbaren Lederbeutelchen daran, das zwischen zwei Eulenfedern befestigt war.

„Das ist eine starke Medizin, die Dir einen großen Feind enthüllen wird, sobald er sich Dir nähert!“

„Danke Dir, „Zorniger Donner“!“, sagte ich. Er nahm zwei Gläser aus einem Hängeschränkchen, in dem zugleich eine Reihe kleiner verkorkter Tongefässe und gefüllte Schnaps-Probefläschchen standen, die inzwischen irgendwelche anderen Stoffe enthielten. Er stellte eines der Gläser vor mich, eines vor sich hin und dann füllte er sie bis zum Rand mit dem Whisky, den ich ihm gebracht hatte. Er hob das seine und prostete mir zu.

„Das ist Euer Zauber, um Eure Seele zu der eines Freundes sprechen zulassen, nicht wahr?“, gab er mit schelmischem Lächeln von sich.

„Und Du bist ein zu weiser und zu erleuchteter Mann, um nicht zu wissen, was es ist!“, gab ich grinsend zurück, woraufhin er kichernd sein Glas hob und anerkennend daran nippte.

„Ich habe Dich gerufen, Ranger, Hüter des Waldes, weil Du bist, der Du bist!“, brachte er in seltsamer Betonung hervor. Ich beschloß, ihm schweigend zu zuhören. Er würde mir sagen, was ich nie von ihm würde erfragen können. Er hob erneut lächelnd sein Glas und leerte es in einem Zug. Ich tat ihm gleich und aus einer Tasche seines uralten, speckigen Jagdhemdes zog er ein Päckchen Zigaretten hervor, bot mir eine an, steckte sich selbst eine zwischen seine faltigen Lippen und nahm mein Feuerzeug, um sie sich anzustecken, danach reichte er mir Feuer und das Feuerzeug verschwand mit dem Päckchen in der Tasche seines Jagdhemdes. Dabei beobachtete er mich freundlich und aufmerksam.

„Der Große Geist gab einst seinen Atem in das schwarze Nichts, weil es ihm gefiel, von Leben, Licht und Wärme umgeben zu werden. Alles Leben, das von ihm ausgegangen war, erfreute sich seines Geschenkes, ihn und sein Werk betrachten und verstehen zu dürfen und den Großen Geist wärmte seine Bewunderung und Dankbarkeit. Das Nichts jedoch fühlte sich betrogen, weil der Atem des Großen Geistes, etwas in es hinein hatte werden lassen, das nun das Nichts um sich selbst verringerte. „Du zerstörst unser Gleichgewicht!“, klagte das Nichts. „Lass alles im Fluß!“, schlug es listig vor. „Lass, was Du hast werden lassen, vergehen! So wird mir wieder zuteil, was Du mir nahmst und es wird wieder Ausgleich sein!“

Der Große Geist erkannte den Plan, der ein berechtigtes Anliegen des Nichts zu seinem Nachteil drehen sollte, um ihm am Ende Atem zu nehmen.

„So soll es sein!“, stimmte er dem Nichts freundlich zu. „Wenn aber alles im Fluß bleiben soll, dann bedarf es des Unterschieds, wie Du verstehst! Machen wir es also so, dass alles, was vergeht, nach einer Zeit neu entsteht, so ist auch mir Rechnung getragen und Dir kein Schaden entstanden, weil es nach einer weiteren Zeit erneut vergeht!“

So wurde es, auch wenn das Nichts sich bis heute als übervorteilt versteht, aber nicht zu sagen wüßte, inwiefern – weil es nichts von Dankbarkeit, Bewunderung, Liebe, vom immerwährenden Werden versteht!“

Seine Worte, ihr Klang, der Geist der sie trug, nahm mich gefangen und mein Respekt vor dem Alten wuchs.

Jemand klopfte an der Tür des Caravans. „Zorniger Donner“ erhob sich und bat mich, ihm zu folgen. Draußen kamen wirbelnd zwei Kinder auf ihn zugelaufen, die er, alle Würde aufgebend, mit offenen Armen empfing, herzte, aufhob, drückte und wieder hinab ließ. Etwas abseits stand eine junge Frau, offensichtlich die Mutter der Rangen. Sie trug ein buntes, gewebtes Tuch um Schultern und leicht über ihr Haupt gelegt. Der Alte winkte sie zu sich. Mit den beiden, die ihre Arme um ihre Beine schlangen, kam sie der Aufforderung nach.

„Das ist der Sohn des alten Rangers, der dem Weg seines Vaters folgt und von dem ich Dir erzählte!“, stellte er mich ihr vor. „Das ist meine Enkeltochter, deren Name „Das Herz, das dem Tod widerstand“, ist. Vor der Geburt ihrer beiden Kinder blieb für Minuten ihr Herz stehen, bis es von allein wieder zu schlagen begann. Das war einZeichen und ihr Mädchenname „Scheues Reh“, traf nicht mehr zu.“

Die junge Frau schlug nun das Tuch zur Seite und enthüllte ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht, über das sich quer, beinah unsichtbar vier feine, helle Linien zogen. Ihr Blick traf den meinen mit einer Wärme und Intensität, als sei er unmittelbar in mein Herz gedrungen! Ihr schien es ähnlich zu gehen.

„Ich habe noch mit dem Ranger zu sprechen, mein Kind! Deine Mutter wartet auf Euch! Sag ihr, ich werde kommen, sobald mich mein Freund wieder verläßt!“, unterbrach der Alte den Augenblick.

„Soll er denn nicht unser Gast sein und mit uns speisen?“, fragte die junge Frau und wich meinem Blick dabei aus.

„Ihm wird dazu keine Zeit bleiben, wenn er gehört hat, was ich ihm zusagen habe!“, entgegnete er ihr und zog mich wieder in seinen Caravan hinein. Bedauernd löste ich meinen Blick von ihr.

„Ich wanderte zu der Höhe der „kleinen Hasen“, die Ihr Weißen „Schönen Ausblick“ nennt, weil sich zwei Krähen und ein Habicht in der Luft über mir stritten und heftig gegeneinander vorgingen. Ich wurde sofort von großer Unruhe ergriffen, das Band meiner Pfeife riß, sie fiel zu Boden und ich trat unbedacht auf sie. Als ich aufblickte, war der Habicht bereits in eine Höhe gestiegen, in die ihm die Krähen nicht zu folgen vermochten. Über der Höhe der„kleinen Hasen“, verschwand er im Licht der Mittagssonne.

Dort angekommen berührten mich Worte, die meine Ankunft erwartet hatten. Ich kann sie Dir nicht wiederholen, denn ich habe nicht den Mund, sie zu sprechen, aber ihre Botschaft war deutlich und klar!

Ranger, wir müssen uns auf das Böse, den Tod vorbereiten! Er ist bereits da und diesmal will er das Leben, das er hatte, zurück holen und Rache nehmen!“

„Von wem redest Du?“, fragte ich den Alten, der uns in aller Ruhe die Gläser erneut füllte. Er erwiderte meinen Blick fest, ohne mir eine Antwort zu geben. Nach einer Weile begann er:

„Der Große Geist läßt vergehen und das Vergangene neu entstehen. So begleitet es ihn von einem Ende dessen, was ist, zum anderen Ende seiner Schöpfung vom Morgen zum Mittag zum Abend und wieder zum Morgen der Zeit und immer schließt sich dabei ein Kreis und alles,was mit offenen Enden auf dem Weg bleibt, sucht nach dem Weg, sich zu schließen oft unzählige Male bis das Ende den Anfang und der sein Ende trifft. Es ist wieder einmal soweit!“

„Der zornige Donner verstummte, schien im Sitzen erschöpft oder vom Whisky berauscht eingeschlafen zu sein.

Als ich den Wohnwagen verließ, stand „Das Herz, das dem Tod widerstand“ dort und lächelte mir schüchtern fast zu, so daß mir ihr Mädchenname sehr viel zutreffender zu sein schien.

„Mein Großvater geht wieder an der Hand eines Geistes durch einen Traum spazieren“, lächelte sie. „Ranger, ich möchte meinen Kindern gern einmal die Wanderung der Bären zeigen, wenn sie auf dem Weg zu ihren Höhlen sind. Allein ist es mir zu gefährlich und niemals würde Großvater zustimmen! Darf ich Dich bitten die Kinder und mich zu begleiten?“

„Was ist mit Deinem Mann, ihrem Vater?“

Sie sah mich offen an. Ich habe keinen Mann, Ranger, und der Vater der beiden konnte sie zwar zeugen, war aber leider zu schwach, sie zu begleiten, weil er selbst nicht aufhören konnte, ein Kind zu sein.“

Ich nickte.

„Das ist kein Spaziergang, und ich werde Euch nur begleiten, wenn Ihr mir absolut und unbedingt folgt!“

Sie nickte begeistert! „Wird es Dir übermorgen möglich sein?“ Ich stimmte zu.

ImPosten warteten bereits mein Vater, seine Kumpels, Snoopy und Tyron auf mich. Die Beweisstücke, die sie mitgebracht hatten, weitere Fotos und Notizen ließen keinen Zweifel daran, was im Gange war. Die Mounties hatten bereits ein halbes Duzend Beamte zur Unterstützung losgeschickt, die sich ums Grizzlyrevier herum verteilten. Dazu stand ein Armeehubschrauber in Bereitschaft.

Es ist besser, Du redest Deiner Indianerfreundin den Ausflug, zudem mit ihren Kindern, aus!“, meinte Vater. „Wir wissen nicht genau, wer da auf Jagd gehen will, aber wir wissen, um was für eine Sorte Leute es sich handelt!“

„Okay, aber ich muß hin, denn, wenn ich nicht auftauche, wird sie dennoch aufbrechen!“

„Das ist die Geschichte meines Lebens mit Deiner Mutter, Sohn! Hier, nimm das!“, sagte er und drückte mir seinen Gürtel mit dem 9mm-Magnum-Colt in die Hand. Ich sah in der Trommel Patronen mit eingekerbter Spitze.“

„Absolut illegal!“, sagte Vater, „aber absolut notwendig, wenn Du ein Monster vor Dir hast und keine Zeit mehr, den Karabiner in Anschlag zu bringen. Mit Deiner Dienstpistole würdest Du nur Dein Ende einläuten!“

„Zorniger Donner“ sprang singend um ein Feuer herum, in das er Pulver, Steine, Knochen und bunte Erde warf. Er schmierte mir, seiner Enkeltochter und den Kindern mit Zeige- und Mittelfinger, Farbe auf die Stirn vom Haaransatz zur Nasenwurzel. Er war nicht ansprechbar, verharrte in einer Art Trance.

„Das Herz, das dem Tod widerstand“, trug einen Karabiner am Nackenriemen in Vorhalt, darüber eine bunte Decke, die die Waffe verbarg. Die Kinder trugen Proviant in den Rucksäcken und drängten aufgeregt zum Aufbruch. Mir war flau im Magen, denn die Wanderung, das wurde mir sekündlich klarer, war Irrsinn. Da waren Leute unterwegs, die stumpf waren für alles, nur fokussiert darauf, sich Trophäen zu schießen.

Gegen Nachmittag hatten wir die „Höhe der kleinen Hasen“ erreicht und sahen den ersten Koloss, der sich aufwärts ins Gebirge bewegte, wo er seine Höhle aufsuchen wollte. Die Kinder waren aufgeregt und kaum ruhig zu halten, als der Riese sich witternd aufrichtete und um sich schaute. Eine Bärin mit einem Jungen trottete etwas abseits und verschwand mit ihrem Nachwuchs im dichten Tann weit unter der Baumgrenze. Nach dieser Bärin geschah nichts mehr und die Spannung der Kinder nahm ab. Plötzlich entdeckten Sie einige Beerensträucher, deren Zweige schwer mit reifen Früchten hingen. Wir begleiteten sie und hielten die Augen wachsam auf. Das Treiben der Kleinen lenkte meine Wachsamkeit ab, bis ich deutlich ein Zucken im Nacken verspürte, ausgehend von dem Lederband, an dem das Amulett und der Lederbeutel hingen, den mir „Zorniger Donner“ geschenkt hatte. Plötzlich sprangen drei Gestalten zwischen den Beerensträuchern hervor mit vorgehaltenen Waffen, einer von ihnen, der eigenartige Trapper, dem ich bei Harris begegnet war. Mit erhobener Waffe zielte er auf die Kinder und lachte: „Endlich!“ Im gleichen Augenblick krachte der Karabiner der Squaw und warf den Kerl mit aller Gewalt den Abhang hinab. Meine Pumpgun streckte die beiden anderen Kerle zu Boden, bevor sie einen Schuß abgeben konnten. „Das Herz, das demTod widerstand“, war bei ihren Kindern und zerrte sie mit sich in den Schutz einiger hoher Felsbrocken. Brüllend und von unnatürlicher Energie getrieben brach der wahnsinnige Trapper erneut zwischen den Sträuchern hervor und schoß aus zwei Waffen ziellos um sich. Vater´s Magnum riß ihm fast die linke Schulter weg, aber wie ein Zombie drang er weiter vor. Der zweite Schuß zerquirrlte ihm ein Fußgelenk, worauf er erneut eine Waffe hob und gegen mich richtete. Ich drückte noch einmal ab und sein Schädel verwandelte sich in einen rötlichen Nebel.

„Zorniger Donner“ stand in meiner Wahrnehmung wie ein Geist neben mir und sagte: Du mußt es zuende bringen, Ranger!“ Ich verstand, trat auf den zuckenden Körper des Trappers zu, zielte und drückte ein letztesmal ab. Als die Leiche vom Gerichtsmediziner untersucht wurde, fehlte sein Herz ebenso wie der Schädel.

Die beiden andern Toten waren altbekannte Trophäenwilderer und ihrer Skrupellosigkeit wegen bekannt und mit Belohnung zur Suche ausgeschrieben. Ihnen die Magnum mit der DumDum-Munition zuzuordnen ergab sich von allein. Daß ich die Waffe zur Notwehr ergriffen hatte, war offensichtlich.

Als „Das Herz, das dem Tod widerstand“ und ich, entsprechend der Zeremonie der Huronen und dem Ritus meiner Kirche, nach dem offiziellen Akt beim Standesamt vermählt wurden, hatten meine Schwester und meineMutter endlich „erreicht“, was ihnen so lange am Herzen gelegen hatte, insbesondere, als sich weiterer Nachwuchs ankündigte. Vater, Conrad, hin und wieder „Zorniger Donner“ und ich waren im Bootshaus fortan vor weiterer weiblicher Investigation sicher, wobei keine Gelegenheit ausgelassen würde, darzulegen, dass frau genau wisse, was da los sei…

Insbesondere Vater´s Kiefernschnaps fand die Anerkennung von „Zorniger Donner“,der den Zauber wie folgt beschrieb: „Howgh!“


Droid

© hpkluge 2018

Ein Sturm zog über dem Raid-Territorium auf. Die einsetzenden Winde bliesen als Vorboten Sand, Dreck und Staub vor sich her, pfiffen zwischen den verstreut liegenden Containern der ehemaligen Wohneinheiten hindurch. Hier und da schlugen schwere Metalltüren krachend und in den Angeln grell quietschend gegen die Rahmen. Abgemagerte Dinkoys eilten verängstigt auf der Suche nach sicherem Unterschlupf, einem Versteck vor der Gewalt des nahenden Wetters zwischen den Überbleibseln der einstigen Siedlung umher. Der einbeinige Droide, der, auf das Stahlrohr einer Hochdruck-Sauerstoffleitung gestützt, wie orientierungslos durch die Szenerie humpelte, beeindruckte sie nicht. Sie kannten ihn seit ihrer Zeit als Welpen, so wie ihn schon ihre Eltern, Großeltern und Generationen zuvor als Teil ihres Lebensraumes kennengelernt und erlebt hatten. Die Maschine erschien Tag um Tag am unteren Ende des Weges, den ein kaum noch leserliches Schild als „Hauptstraße“ auswies, schien im Zickzack deren Verlauf zu kreuzen, verschwand zwischen den ausgebrannten, von Hitze völlig verformten Containern am oberen Ende. Zuletzt erreichte er das Stahlbetontor, den Zugang zum zerstörten Abwehrgeschützturm, blieb davor regungslos stehen, zwei oder drei Stunden lang, um sich plötzlich abrupt wendend auf den Rückweg zu machen, mit exaktem Ablauf des Hinwegs in umgekehrter Reihenfolge. Als sich schließlich das Schott des Tiefbunkers hinter ihm schloss und er sich wieder in seine Kabine sortiert hatte, prüfte er sein Aktionsprotokoll, schloss es mit Zeitsignatur ab und ging auf Stand-by. Der Sturm erreichte den Ort in den ersten Minuten des anbrechenden ersten Tages seines 847ten Jahres auf dieser Welt.

…..

„Die ganze Mission ist hirnrissig, überflüssig und kostet mich mindestens sieben Monate, mit denen ich verspätet das Studium und den Offizierslehrgang antreten muss!“ Kadnos schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Schon klar, Euch ist es egal! Euch interessiert nur der Bonus!“

„Na, dann verzichte Du doch drauf!“, zischte Kraytos. „Sei nur so gut und hör mit Deinem ewigen Gejammer auf! Ich kann´s nicht mehr hören! Es nervt!“

Zustimmendes Gebrumm war zu hören. Alle Männer blickten von Zeit zu Zeit auf das Display der Zeitanzeige. Der Start des Shuttles, das sie zum Träger bringen sollte war inzwischen zum drittenmal verschoben worden. Der Grund hatte sie nicht zu interessieren. Soldaten müssen immer bereit sein – egal für was, egal zu welcher Zeit und egal für wie lang. Die Orkos galt als einer der dicksten Brocken der Flotte. Wenn die in Marsch gesetzt wurde, dann, um es gewaltig krachen zu lassen und zwar genau da, wo die Scheiße am dicksten war. Diesmal sollte der Tarkos-Nebel das Ziel sein, wo immer der auch liegen mochte und wieso man gerade dorthin sollte. Die Gerüchteküche in der Flotte war eine Pest, doch diesmal fiel nicht ein Wort, nicht der geringste Hinweis sickerte durch. Niemand wusste irgendwas, nur, dass ein paar arme Schweine im Schnelldurchgang wegen „zersetzender Falschinformationen“ zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt und unmittelbar darauf transmittiert worden waren. Wenn es derart herging, dann musste es schlimmer sein als katastrophal. Gegen vier Uhr früh Bordzeit heulten die Alarmsignale. Die Truppen traten hastend auf den Fluren vor ihren Unterkünften an, in voller Montur mit Marschausrüstung. Im Laufschritt eilten die Kompanien in Zügen zu den Hangars der Shuttles. Erst beim Antreten an Bord der Orkos vermissten die Kameraden Kadnos und erfuhren, dass er an der Mission nicht teilnehme. „Hat seine Schnauze wohl zu voll genommen!“, kommentierte Kraytos. „Den werden wir nicht wiedersehen.“

Die Orkos bewegte sich langsam inmitten einer Formation von etwa drei Duzend schwerer Schlachtschiffe und Zerstörer aus dem Orbit. Die Flotte nahm Fahrt auf in Richtung der Eintrittskoordinate in den Zwischenraum. Grelle Lichtgranaten begleiteten den Aufbruch und sorgten für ein spektakuläres, machtvolles Bild, das der Moral der Truppen und der Menschen an den Holodisplays auf den Welten der Föderation dienen sollte. Den älteren Soldaten entstanden Sorgenfurchen im Gesicht, denn sie wussten, dass zuviel Tam-Tam beim Auftakt einer ernsten Sache oft nur Unsicherheit und Mängel kaschierte, für den sie und ihre gefallenen Kameraden schon in der Vergangenheit den Preis hatten zahlen müssen. Drei Monate waren für den Flug angesetzt worden. Wenige Tage vor Ankunft an den Zielkoordinaten erst würden sie aus dem Tiefschlaf geweckt, der in allererster Linie dazu diente, sie alle vor Grübeleien, Spekulationen und dem Verlust von Motivation und Kampfbereitschaft zu bewahren.

Der Sturm hatte das Bild des ehemaligen Ortes erneut erheblich verändert. Viele der einstigen Wohncontainer waren weiter hinaus in Richtung Wüste gerissen und einige fast vollständig vom Sand bedeckt worden, als versänken sie in ihm wie Schiffe in einem Meer. Der Droide hatte große Mühe, den Abgang zum Tiefbunker frei zu bekommen. Er benötigte beinah den gesamten Tag und es war erstaunlich, mit welcher Geschicklichkeit er die Aufgabe trotz seiner Behinderung erledigte. Nachdem Sand, Dreck, Schrott, Steine und Gesträuch beseitigt waren, machte er sich wieder auf seinen Rundgang, den er, wie schon früher häufig, den veränderten Gegebenheiten anglich. Am verschlossenen Schott des Abwehrgeschützturms blieb er jedoch wie üblich stehen. Eigenartig war diesmal, dass er mit der Stirnplatte seines Metallschädels am Stahlbeton des Schotts rieb und ebenso die Fläche der freien Hand gegen sie presste. Dann stand er wieder bewegungslos wie immer gute zwei Stunden vor dem Schott, bis er sich in der aufziehenden Dunkelheit humpelnd auf den ebenfalls geänderten Rückweg machte. Als ein Meteroitenschauer ein Schauspiel am dunklen Abendhimmel bot, ruckte der Schädel der Maschine hoch und sie hielt ein, verfolgte das Geschehen. Ein Dinkoy hatte sich etwas von seinem Rudel entfernt und näherte sich vorsichtig, mehr kriechend als gehend dem Droiden, der von ihm aber keine Notiz zu nehmen schien. Zuletzt hatte ihn eines dieser Lebewesen in den ersten Tagen seiner Anwesenheit hier beachtet. Sie hatten schnell erkannt, dass er für ihresgleichen keine Gefahr darstellte und für sie auch keine Konkurrenz bedeutete bei der Jagd. Der Droide seinerseits hatte Dateien über sie und war in der Lage, jedes einzelne Wesen sofort an seiner Bewegung, seiner Artikulationen seiner Atmung oder am Herzschlag zu erkennen, seiner Fellzeichnung, dem gesprenkelten Irismuster. Er ließ es zu, dass ihm der Dinkoy folgte, ihn bis zum Abgang des Bunkers begleitete. Als das Schott hinter ihm zuglitt, sah er das Tier, wie es auf der obersten Stufe verharrte, ein leises Winseln von sich gab und sich dann ausstreckte.

Es war nicht ungewöhnlich, dass seine Intelligenz während des Stand-bys das Protokoll sowohl des zurückliegenden Tages als auch weiter zurückliegende aufrief und offene Relevanzen versuchte aufzuarbeiten. Das war in dieser umfassenden Weise kein Standard für reine Kampfmaschinen, wie er eine war. Noch an Bord des Schiffes, mit dem die Legion, der er angehört hatte, zur Aufrüstung einer Grenzgarnison transportiert werden sollte, hatte ihn ein Offizier zufällig, mit dem Finger auf ihn weisend, für seine Eskorte bei der Erstürmung eines aufgebrachten Feindschiffes ausgewählt. Er hatte ihn daraufhin, mit seinem Schirm deckend und mit seinen Waffen sichernd durch den Auftrag gebracht. Captain Villeneuve leistete ihren Truppendienst ab und gehörte eigentlich zum Stab der Forschungsflotte. Ihr Antrag auf Zuordnung des Droiden als Adjutant wurde abgewiesen. Als Kybernetikerin wurde ihr allerdings ein Testprojekt mit dem Droiden als Objekt erlaubt.

„Vielleicht tue ich Dir keinen Gefallen, mein Freund,“ hatte sie gesagt, als sie die unscheinbare Erweiterung an seiner Intelligenz vornahm.

“Sei mir nicht bös, wenn es so sein sollte, aber vielleicht …“

Immer und immer wieder rasten die Protokolle durch seine Synapsen. Es gab nichts Fassbares, keinen Anhaltspunkt. Es war, als sei er in einer Endlosschleife gefangen und zugleich widersprach seine Selbstanalyse dieser Option. Da war etwas sehr konkret von ihm gemessen, gescannt, geortet worden. Er konnte es einfach nicht einordnen, nicht realisieren, eingrenzen oder benennen.

Bevor er die Rebootsequenz für die übliche Zeit bestätigte und seine bewussten Funktionen in den „Tiefschlafmodus“ schaltete, huschte noch das Bild dieses eigenartigen Dinkoys an ihm vorbei, wie er sich auf der Stufe draußen ausgestreckt hatte.

Als er am Morgen aufbrach, um wieder seinen Rundgang aufzunehmen, erwartete ihn der Dinkoy vor dem Treppenabgang noch an den Resten einer Shroona kauend, die er in der Nacht gejagt haben musste. Er folgte ihm auf seinem Weg, streunte in seiner Nähe, eigenen Spuren und seiner Witterung folgend, um dann wieder zu ihm zurück zu kehren. Es durchbrach das Einerlei seiner Routine. Der Dinkoy schien offensichtlich bemüht, eine Kommunikation mit ihm aufzubauen, und er begriff, dass dieses Lebewesen über Eigenschaften verfügte, die seinen Ortungs-, Tracking- und Scansystemen ähnlich waren. In seiner Datenbank fand er den Begriff „Instinkt“.

….

Die ersten Einheiten der kleinen Flotte explodierten unmittelbar nach dem Wiedereintritt in den Normalraum. Ihr stand an diesen Koordinaten unerwartet eine Streitmacht von einigen duzend „Birnen“ gegenüber, wie die Kriegsschiffe der Fremden ihrer Form wegen genannt wurden. Von drei gewaltigen Einheiten des Feindes, jedes dieser Schiffe durchmaß an der weitesten Aufwölbung etwa fünfzehn Kilometer, ging eine Feuerkraft aus, die für sich, der einer Flotte entsprach. Die Abwehrschirme der Orkos waren vom ersten Moment an zu sechzig Prozent beansprucht. Allerdings war die Entgegnung ihrer Waffen für den Feind eine schmerzhafte Erfahrung. Sie zog in waghalsigen Manövern das Feuer auf sich und schuf den Begleitschiffen Luft und Gelegenheit, die eigenen Waffen wirksam werden zu lassen. Nach einer Stunde etwa, war die Schlacht dennoch so gut wie entschieden. Die Orkos und sieben verbliebene Schiffe versuchten, einen Rückzug zu schaffen. Die Orkos lief zunächst massiv aus allen Waffen feuernd gegen das Zentrum der Feindflotte an, die sich um ihre drei Riesenschiffe formierte, während die sieben Begleitschiffe den Feuersturm nutzend hinter ihr in Notbeschleunigung davon eilten. Als der Feind die Flucht bemerkte und Schiffe den Ring zur Verfolgung verließen, steuerten sie geradewegs in einen Hagel transmittierter Antimateriebomben, die von den Fluchtschiffen gestreut wurden. Die Orkos nutzte den aufgebrochenen Ring und es gelang ihrer Feuerleitbrücke, je eine Gravitationsbombe in zwei der Riesenbirnen zu transmittieren. Die Dritte wurde von den Überfeld-Schirmen zweier Kampfschiffe abgelenkt. Zwei Riesenbirnen schrumpften und explodierten grell, die dritte, abgelenkte Bombe riss etwa ein duzend Einheiten in eine durch sie erzeugte Singularität. Dann war das Ende der Orkos gekommen. Nach dem ersten tödlichenTreffer, stieß sie noch einen schweren Kreuzer aus, der mit einem Notsprung die Sonne des Systems zwischen sich und den Feind brachte und beschleunigend schließlich in den Zwischenraum glitt. Drei Stunden später fiel er 15000 Lichtjahre entfernt im Kroonai-System, nur wenige Lichtminuten von dessen vierten Planeten, Scaro, in den Normalraum zurück. Auf Scaro gab es einen kleinen Flottenstützpunkt, der als geheim galt, weil er irgendwie nicht mit den korrekten Koordinaten in den Datenbanken erfasst worden war. Als der Sicherheitsdienst diesen Umstand ermittelt hatte und sich den, sich daraus ergebenden, Nutzen zu eigen machen wollte, blieb es dabei. Versorgungsflüge oder -transmissionen zum Stützpunkt liefen über den Sicherheitsdienst. Scaro lag abseits der Routen ziviler oder militärischer Schiffe. Kommandant des schweren Kreuzers war ein Oberst Kley, Flottenoffizier des Sicherheitsdienstes. Er hatte den Kurs codiert der Bordintelligenz übergeben und ordnete die Landung an. In der Kommandostelle des Stützpunktes existierte eine Hyperkommunikationseinheit, deren Standort weder sendend, empfangend noch im Standbye zu orten war. Die Codierung ausgehender Botschaften, die Decodierung und Verifizierung eingehender Kommunikation war auf allerletztem Stand und zur Einführung bei der Kriegsflotte erst zukünftig vorgesehen. Kley hatte seinen Bericht schon auf dem Flug aufgenommen. Er übergab den Speicherkristall der Komm-Intelligenz. Unmittelbar nach der Landung wurde eine Kompanie Kampfroboter der Orkos, die noch eilig in einen Hangar des Kreuzers kommandiert worden war, der Stützpunktintelligenz unterstellt, vergattert und in den Stützpunktkomplex befohlen. Der menschlichen Besatzung des Kreuzers wurden Aufgaben in der Kommandostelle, der Transmitterstation, im Feuerleitbereich und den autarken Geschützständen zugewiesen. Seit Monaten war die Ablösung ausgeblieben.

….

Während er, wie jeden Tag, gegen das Stahlbetontor des zerstörten Abwehrgeschützturms gelehnt stand, verharrte und es schien, als lausche er ins Innere, lag der Dinkoy nah bei ihm im Staub. Hin und wieder drehten sich seine spitz zulaufenden Ohrmuscheln in alle Richtungen. Manchmal hob er den Kopf, blickte umher und witterte, bis er mit einem leisen Fiepen wieder seine Spannung aufgab und den Schädel auf die ausgestreckten Vorderläufe sinken ließ. Zum ersten Mal in den langen Jahren seines Aufenthalts auf dieser Welt reagierte etwas in den Tiefen seiner Intelligenz bei der Beobachtung dieses Lebewesens. „Es sichert!“ – Er blieb noch eine Weile gegen das Tor gelehnt stehen. Objektiv war sein Handeln sinnlos. Er hatte die Ruine des Turms umkreist, um eine andere Möglichkeit zu entdecken, ins Innere zu gelangen, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wieso ihn sein Weg immer wieder hierher führte. Das fehlende Bein machte seinem Bemühen stets ein Ende. Oberhalb der ersten Plattform gab es die Öffnungen zersplitterter und zerschmolzener Panzerglasfenster der eigenständigen Kommandobrücke der Wachmannschaft und der Operatoren. Unzählige Konstruktionen hatte er konzipiert und mit seinen Mitteln zusammengebaut, um die Plattform zu erreichen. Zuletzt war es ihm gelungen eine Art Enterhaken mit scharfen Krallen herzustellen, den er an einem Stahlseil befestigte, das er in einer Ruine entlang seines täglichen Weges gefunden hatte. Das Seil war zwölf Meter zu kurz. Er berechnete mehrere Varianten, das Seil auf zu drillen und mit weniger Drähten ein längeres zu drehen. Keine Lösung verfügte aber über die Stärke, sein Gewicht zu tragen, und schon gar nicht die Kräfte, die durch Schlingern oder Rucken entstehen mussten. Zugleich mit dem Dinkoy registrierte er einen erneuten, schnell heranziehenden Sturm. Er packte seine Gehhilfe und beeilte sich, den kürzesten Rückweg einzuschlagen. Während er der berechneten Linie folgte, bemerkte er erstaunt, dass der Dinkoy genau auf dieser Route voran eilte. Bevor sie der Sturm mit voller Wucht erreichte, schloss sich das Schott des Bunkers hinter ihnen. Er hatte spontan entschieden, dem Lebewesen Unterschlupf zu gewähren.

Vielleicht lag es an der Anwesenheit des Tieres, das sich ihm angeschlossen hatte, der dadurch entstandenen Veränderung in seiner Existenz, dass sich Abläufe zwischen den Synapsen seines positronischen Gehirns änderten, geänderte Wege nahmen. Eigenartige Gedanken entstanden und sickerten durch sein Bewusstsein. Statt sich nach dem Andocken in der Kabine in den Ruhemodus zu schalten, rief er die Datenbanken seiner Modellreihe, sowie die Auswertungen seiner Beschädigungen auf, wie er es bereits früher schon getan hatte. Er verfügte über gewisse Möglichkeiten, sich selbst zu reparieren, doch weder waren notwendige Bau- und Ersatzteile vorhanden, noch das Werkzeug und die Materialien, sie anzufertigen. An diesem Punkt waren bislang alle Berechnungen und Projektionen abgebrochen.

Heute lehnte er die Abbruchoption ab und rief wieder einmal die Protokolle des Angriffs vor 847 Jahren auf. Er konnte keine konkrete Suchanfrage formulieren und wählte „ab Beginn“. Er hatte jede Zeit und so ließ er den Datenstrom durch sein Hirn ziehen. Er unterbrach, als der Dinkoy mit anhaltenden Lauten auf sich aufmerksam machte. Er ergriff das Rohr und verließ die Kabine. Das Wesen stand am Schott und rieb sich am Metall. Er verstand, es wollte ins Freie. Die Außensonden zeigten das anhaltende Wüten des Sturms und dass der Abgang zum Bunker trotz allem bislang frei begehbar geblieben war. Er ließ das Schott aufgleiten, der Dinkoy stürmte hinauf und blieb eine Weile im Sturm verschwunden. Als er zurück kehrte, hielt er eine Shroona im Maul und sein Fell war nass vom feinen, einsetzenden Regen.

„Organische Lebewesen müssen Wasser und Nahrung zu sich nehmen und die Stoffwechselprodukte ausscheiden.“, entnahm er einer Datenbank. Nun, über die Andockstation in der Kabine wurden seine beiden Energiezellen aufgeladen, was irgendwie der Nahrungsaufnahme des Wesens entsprach. Viel blieb von der Shroona nicht übrig. Als durch die Außensonde Alarm ausgelöst wurde, trat der Droide zurück ins Innere, der Dinkoy folgte ihm und dann schlug das Schott zu. Wieder in der Kabine ließ er den Datenfluss erneut strömen …

….

Eine Wolke eleganter „Nadeln“, Jagdmaschinen der Shree sammelte sich über dem Stützpunkt und begann mit den typischen „vibrierenden“ Angriffen, Bewegungen, die sich der Menge beteiligter Einheiten wegen weder vorausberechnen, noch vorausahnen ließen. Die Schirme des Stützpunktes hielten dem Feuer der Strahlenwaffen, den thermischen Lufttorpedos, dem Hagel konventioneller Explosionsbomben stand. Die „Nadeln“ vergingen in Scharen im konzentrierten Feuer der Geschütztürme. Da waren hervorragende Kanoniere am Werk, allein, für jede verglühende oder zerplatzende Nadel schienen zehn neue aufzutauchen. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über dem Stützpunkt und die Umrisse der Unterseite einer gewaltigen „Birne“ wurden sichtbar. Riesige Geschützkuppeln „plusterten“ sich hervor und dann kam der Feuersturm. Schon wenige Minuten später stand nur noch der größte der Abwehrgeschütztürme, dessen Schutzschirm flackernd immer noch schwerste Treffer absorbierte. Der Schirm des Stützpunktes verbrauchte längst 95 Prozent der Energie, die seine vier Meiler zu produzieren in der Lage waren. Das Feuer seiner Geschütze verpuffte wirkungslos im Schirm der „Birne“, die immer weitere Wolken ihrer „Nadeln“ ausstieß, die begannen, sich in die Schirme des Stützpunktes und des verbliebenen Abwehrgeschützturmes zu jagen. Der doppelten Belastung aus Strahlenfeuer und materiellem „Beschuss“ konnten die Schutzschirme nur begrenzt standhalten. In dieser Situation kam Oberst Kley der Gedanke, den Materietransmitter des Stützpunktes einzusetzen. Droiden stapelten im Bereich des Sende- und Empfangfeldes einen Turm von etwa drei duzend Geschützgranaten, deren Wirkung darin lag mit ihrer sich entleerenden Energie, die molekulare Stabilität jedweder Materie aufzuheben, die in ihre atomaren Bestandteile und schließlich zu ihren subatomaren Teilchen zerfiel. Die Droiden bildeten ein Haltenetz um die Granaten und verbanden sich mit den Auslösern der Granaten. Kaum, dass Kley den Befehl zur Transmission gegeben hatte, versuchte die Birne eine Fluchtbewegung. Ihre gewaltigen Triebwerke bliesen den Schirm der Station einfach fort und sprengten den Titanplastbeton. Noch in derAtmosphäre begann die Birne aber grünlich zu schimmern, zerfiel zu einer Wolke, die von Strömungen in der Atmosphäre verweht wurde. Die Shreejäger purzelten vom Himmel wie vertrocknete Nadeln einer absterbenden Fichte oder krachten steuerlos in die Oberfläche, gegen Felsen, Bergwände und explodierten oder wurden einfach nur durch die Wucht ihrer Geschwindigkeit zerschmettert. Eine Nadel jedoch raste noch in den letzten Abwehrgeschützturm, dessen Schirm nicht mehr existierte und explodierte mit einer weißen Stichflamme. Schrottteile und Betonbrocken zischten strahlenförmig umher und ein Schrapnell traf den Droiden und riss ihm ein Bein fort. Er hatte die Daten ungezählte Male durch seine Intelligenz fließen lassen. Auch diesmal blieb am Ende das klare „Gefühl“ einer Informationslücke. Er war eindeutig der Stützpunktintelligenz untergeordnet worden und innerhalb des Komplexes in aktiven Bereitschaftsmodus oberhalb „Stand-by“ geschaltet worden, was bedeutete, dass er aus völliger Untätigkeit in  den absoluten Kampfmodus, dem „Berserk“, geschaltet werden konnte, in dem er ohne Rücksicht auf Eigenschutz gegen alles vernichtend vorging, was nicht eindeutig als freundlich identifizierbar war. Was hatte er da draußen zu suchen gehabt? Es hatte keinen Befehl gegeben. Er spürte ganz weit entfernt in den tiefsten Tiefen seiner Synapsen das Ende eines winzigen, feinen weissen Fadens, den er schon einmal gesehen hatte. Aber heute war es noch nicht soweit.

….

Am Ende des Sturms und zu Beginn eines neuen, hellen Tages verließen er und der Dinkoy den Bunker. Während er wieder zielstrebig auf die Ruine des Abwehrgeschützturmes zu humpelte, zog der Dinkoy schnüffelnd Kreise, schien eine für ihn interessante Witterung aufgenommen zu haben. Der Droide erreichte das Schott, verhielt dort, wie üblich und ihm entstand eine Wahrnehmung, für die er die Begriffe „Wohlbefinden“, „Vertrautheit“ und noch etwas in der Datenbank fand, was gleich, nach dem es entstanden war, sich entzog und ein „blanc“ hinterließ. Erst als er den Rückweg antrat, sah er den Dinkoy wieder, und der war nicht allein, sondern in Begleitung eines anderen Dinkoys, eines Weibchens, wie er erkannte. Das Weibchen suchte vorsichtig Abstand, wirkte dennoch interessiert. Es schien ein Ziel zu haben, es strebte auf eine Bodenformation zu, die etwa fünf bis sechs Kilometer entfernt war. „Sein“ Dinkoy folgte dem Weibchen, kam dann zu ihm gerannt, umkreiste ihn und lief wieder in Richtung des Weibchens. Er verstand, das war eine Aufforderung. Er sah sich um, analysierte den Himmel, die Luftdruck- und Feuchtigkeitswerte, lauschte in den Wind. Überraschte ihn hier draußen ein Sturm, war der Rückweg zum Bunker nicht mehr zu schaffen. Als er keine Anzeichen für eine Wetteränderung wahrnahm und der Ladezustand seiner Energiezellen zufriedenstellend war, begann er, den beiden Dinkoys, so gut es ging, durch den tiefer werdenden Sand zu folgen. Sie hatten sich inzwischen nieder gelassen und schienen liegend auf ihn zu warten. Er benötigte etwa 50Minuten, bis er humpelnd bei ihnen angelangt war. Was er da entdeckte, erkannte er sofort. Vielleicht hatte der letzte Sturm dieses Ausfalltor des Stützpunktes freigelegt. Durch Tore, wie dieses, konnten Kampf-Droiden, wie er, geradezu hinausschießen und Angreifer übergangslos bekämpfen. Das Schott war schwer beschädigt und klemmte, doch er konnte in ein Loch greifen, das durch einen großen Metallbrocken infolge einer nahen Explosion geschlagen sein musste. Es gelang ihm, auf einem Bein stehend mit beiden Händen und Armen, den zentimeterdicken Stahl soweit zu biegen, daß das Loch bald einen erweiterten Eingriff bot. Er ertastete, dass es sich bei diesem Schott um eine, beim Einbau bereits überholte, halbmechanische Variante handelte. In wenigen Minuten hatte er den Öffnungsmechanismus gefunden, er hob das Schott leicht an und es fiel krachend nach innen in einen Vorraum, in dem sich die Droiden vor einem Ausfall sammelten. Wenige Schritte weiter war das Sicherungsschott zum Inneren des Stützpunktes. Er gab seinen ID-Code und das Schott fuhr leicht und selbstverständlich auf. Ein kompletter Zug Kampfmaschinen seiner Baureihe stand mit komplett leeren Energiezellen im Bereitschaftsraum, mit eingezogenen Waffen, geschulterten Schwerstkarabinern und Granatwerfern. Sie hatten, wie er, zu der Legion der Orkos gehört die zum Stützpunkt kommandiert worden war. Er orientierte sich mit seiner Optik, die er im Modus „Absolute Dunkelheit“ nutzte, denn die Energieversorgung funktionierte offenbar nur noch für die Kontrolle und Funktion der Schotten, was bis zuletzt eine Flucht ermöglichte. Er begab sich weiter ins Innere und passierte einen Raum, in dem beschädigte Droiden, Teile oder Überreste für Reparatur oder Recycling in deckenhohen Regalen aufbewahrt wurden. Auf einem Montagetisch lagen der Rumpf eines Droiden seiner Baureihe und zwei Arme zur Montage nebst dem notwendigen Werkzeug. In Augenhöhe entdeckte er im nächsten Regal exakt ein Bein, wie er es benötigte. Er setzte sich neben den Rumpf auf den Montagetisch, griff nach dem Werkzeug, das er mit einer seiner Energiezellen verband, entfernte die Reste seines zertrümmerten Beins vom Gelenk an und montierte das neue Bein, das auf der Stelle perfekt funktionierte. Als er wieder ins Freie trat, musterte ihn sein Dinkoy kritisch, kam aber zu dem Ergebnis, es mit seinem „Kumpel“ zu tun zu haben, der, jetzt einfach nur ein zweites Bein hatte. Die beiden kauten schon wieder jeder an einer Shroona herum, ihre einsetzende Unruhe zeigte aber, dass sich ein neuer Sturm aufbaute. Mit dem zweiten Bein war die Distanz zum Bunker kein Problem mehr. Als sich das Schott hinter ihm und den beiden Wesen schloss, setzte er sich in einem veränderten Zustand in seine Kabine und entdeckte den Begriff „Zufriedenheit“ in der Datenbank, der sich genau mit dem, was ihn durchlief, deckte.

Den neuen Tag begann er, wie so oft mit der Reinigung des Bunkerzugangs, was nun in einem Bruchteil der Zeit gelang. Die beiden Dinkoys waren schon wieder auf der Jagd nach ihrer Lieblingsbeute, den kleinen, sehr wendigen und blitzschnellen Echsen, den Shroona, als er sich diesmal nicht sofort zur Ruine des Abwehrgeschützturms aufmachte, sondern zum Ausfalltor des Stützpunktes. Dort gab es alles, was er benötigte. Er hatte zwei geladene Reserveenergiezellen mitgenommen, von denen er je eine in einen der anderen Droiden einbaute. Während ihrer Bootsequenz übergab er den Maschinen seinen ID-Code als den ihres Befehlshabers und löschte ihre Protokolle und Zuordnung zur Stützpunktintelligenz. Er beauftragte sie mit der Aktivierung oder Reparatur der Notenergieversorgung. Den Hauptgenerator hochzufahren, wollte er erst riskieren, wenn er der Stützpunktintelligenz „auf den Zahn gefühlt hatte“. Sie würde einen Kampf-Droiden gewiss nicht, die Befehlsgewalt einräumen, und unter ihren Befehl zu geraten, musste er ausschließen. Seine Kameraden unterbrachen den Kontakt zur Energieversorgung der Intelligenz, bevor sie den Generator in Gang setzten. Sie entnahmen dem Ersatzteillager soviele Energiezellen, wie es Ladestationen gab und schlossen sie an. Danach rief er sie zu sich und befahl ihnen, ihre Einsatzbereitschaft zu prüfen. Alle Funktionen waren da, Wartungsarbeiten wurden baldigst eingefordert, die lange Inaktivität forderte ihren Preis. Er befahl ihnen, je einen der Schwerstkarabiner auf zu nehmen und marschierte mit ihnen zur Ruine des Abwehrgeschützturmes. Die beiden Dinkoys spritzten auseinander und flüchteten hinter eine nahe Bodenwelle. Kurz darauf bewegten sie sich parallel zu den Maschinen in respektvollem Abstand. Am Schott angelangt, begannen seine Kameraden auf seine Anleitung hin, mit den schweren Karabinern, einen Durchgang in das Schott zu schneiden. Es erfolgte keine Reaktion. Im Inneren standen in klarer Abwehrformation drei Droiden, durch die Einwirkung einer thermischen Waffe irreparabel beschädigt, andere Einheiten lagen, zerschmolzen, im Inneren umher. Metallene Uniformteile erinnerten an die menschlichen Besatzungen des Turms. Ein leichter Vierlingslaser war durch die Decke des Turms gebrochen und in die Tiefe gestürzt. Dabei hatte die Waffe beim Aufprall einenRiss im weniger massiv ausgeführten Beton im Inneren verursacht. lötzlich nahm er Daten wahr, die durch sein Gehirn jagten, die ihn aufs Höchste unruhig werden ließen. Alle drei Maschinen begannen damit, das Geschütz aus der Ruine zu zerren. Dabei legten sie einen Durchbruch frei, der den Zugang zu einem tiefer gelegenen Geschoß ermöglichte. Er ging voran, ein Kamerad folgte ihm, der andere sicherte oben, auch ohne dass eine Bedrohung zu erkennen war.

Auf der Basisebene angekommen entdeckte er den Zugang zu einer Notkontrollzentrale. Als er das Schott aufgleiten ließ, und er die zusammen gesunkenen, mumifizierten Körper dreier Menschen in Offiziersuniform sah, von denen zwei aus den Sesseln gerutscht auf dem Boden lagen. Die dritte lag auf einer Pritsche gebettet, aus der linken Schulter ragte ein länglicher Metallsplitter. Diese Person war offenbar beim Vernichtungsschlag gegen den Geschützturm auf der obersten Ebene von diesem Metallstück getroffen und zur Basisebene gebracht worden.

Der Kragenspiegel der Uniform, die für weibliche Soldaten der Flotte geschnitten war, zeigte, dass die Tote den Rang eines Hauptmanns bekleidet hatte, als der Droide die Reste einer einfachen Decke beseitigte, die Beine und Rumpf bis in Brusthöhe bedeckte, sah er den Namensstreifen und sank von der Informationsflut überwältigt, die ihm aus dem Speicher ins Bewusstsein drang auf die Knie; etwas übermannte, lähmte ihn, wie der Treffer einer Strahlenwaffe und entsprach der Bedeutung des Begriffes „Schmerz“. „Villeneuve“war auf dem Streifen zu lesen. „Mama!“, hörte er sich artikulieren und noch einmal: „Mama!“. Energieströme durchfluteten ihn unkontrollierbar, verwirrend und seine Intelligenz formulierte pausenlos „Schmerz!“, „Schmerz!“ Er vermied es, die Mumie zu berühren, um sie nicht zu Staub werden zu lassen. Mit äußerster Vorsicht gelang es ihm, den Speicherkristall an der Kette, an der er befestigt war aus einer der Brusttaschen der Uniform zu ziehen. Er beinhaltete eine Bildaufzeichnung, eine mehrteilige Abschiedsbotschaft: Einen Bericht an das Flottenkommando, eine Sequenz, die ausschließlich an ihre Familie und an ihren Verlobten auf Terra gerichtet war, sowie einen Entschlüsselungscode, der, sollte er noch existieren, dem Droiden aus ihrem Forschungsprojekt „Pometheus“ genannt werden.

Als er ihre Stimme die Zeichenfolge des Codes aufsagen hörte, war ihm, als erlebe er einen Reboot. Die von ihr damals implantierten Änderungen erwachten nun umfassend zum Leben.

Ihm und seinen beiden Kameraden, die er als erste reaktiviert hatte, gelang es noch zwei Züge, etwa sechzig weitere Einheiten, der einstigen Kompanie wieder instand zu setzen, dann waren die Ersatzteile erschöpft und auch die Ressourcen, um welche anzufertigen. Die Maschinen durchkämmten die Reste des Stützpunktes und die Inventurliste war umfassend und breit gestreut. Als ihm die Übernahme der Stützpunktintelligenz geglückt war und er freien Zugriff auf ihren Speicher hatte, entdeckte er die Information zu einem unbemannten Schiff der Flotte, das auf einem der Monde eines äußeren Planeten des Systems gelandet worden war, nachdem die Orca aufgehört hatte zu existieren. Zwei Tage später setzte die „Lyra III“ in der Nähe des ehemaligen Stützpunktes auf Scaro auf. Bei der „LyraIII“ handelte es sich um einen, von seiner Bordintelligenz kontrollierten taktischen Zerstörer, der noch aus der Baureihe bemannter Schiffe modifiziert worden war. Da es keine steuernde „Mutterintelligenz“ mehr zu geben schien, war die Bordintelligenz mit Ausnahme der Funktionsbereitstellung zur technischen und kybernetischen Selbsterhaltung „tot“ und auf Input angewiesen. Zug um Zug stiegen die Droiden in die Aufgaben einer Besatzung, die einmal für dieses Schiff vorgesehen war, ein. Er übernahm die Aufgabe als Kommandant der „Lyra III“ und sein Plan war es, zur Erde zu fliegen, um dort die Reste von Capitain Villeneuve und die ihrer Kameraden zu bestatten, wie es für Menschen üblich war. Zwei Droiden mit medizinischer Qualifikation gelang die vollständige Sicherung aller Überreste. Was aus den Beständen des Stützpunktes noch brauchbar und nützlich war, wurde im Transporthangar der „Lyra III“ in Containern gesichert. Als der Tag des Starts gekommen war, ging er ein letztes Mal den Weg, den er über achthundert Jahre lang, Tag umTag, einem von ihm bis zuletzt nicht zuzuordnenden Impuls folgend, gegangen war. „Sein“ Dinkoy begleitete ihn, zusammen mit dem Weibchen und inzwischen sechs Welpen. An der Ruine des alten Geschützturms nahm er Abschied von diesen Lebewesen. Ihre Heimat war Scaro und kein anderer Ort im Universum, zumal es auch nur hier die leckeren Shroona gab. „Sein“ Dinkoy verstand genau, um was es ging, als er ihm zum ersten Mal vorsichtig das Fell zwischen den Ohren kraulte und ihm, ganz leicht nur die Metallhand auflegte. Das Lebewesen winselte leise und leckte das Metall der Finger. Als er sich erhob und mit schweren Schritten davon in Richtung des Schiffes stapfte, blieben die Dinkoys zurück und trotteten in Richtung eines neuen Ziels.

Eine Stunde später hob die „Lyra III“ mit dem „sanften“ Antigravitationsantrieb ab, mit dem sie auch gelandet worden war, um keinem Lebewesen Schaden zuzufügen. Nach einer weiteren Stunde hatte sie die Koordinaten zum Übergang in den Zwischenraum erreicht auf direktem Kurs zur Erde.


Burlesques Intermezzo

© hpkluge 2018

Wie von einer Tarantel gestochen,

jagt die Idee die Stufen hinauf,

nur, um sich sogleich vom Turm unterm Dach,

Zögern voran, in die Tiefe abseilen zu lassen,

wo sie, auf sicheren Füßen stehend, begierig himmelwärts äugt.

Wimperngezittertes Leugnen in Sofakissen gekrallt

Warten auf den Remote-Befehl

dann Ego-Geshooter bis zum Weckergerassel, dem Arbeitsaufruf

Mariacron, Jägermeister in Hirn und Knochen

auf allen Vieren zum Porzellan gekrochen

Halali… die Sau ist tot!


Urteil

© hpkluge 20018

Der Blick trat hart und unerwartet, wie ein Blitz hinter einem Lächeln hervor.

Ein Stück Zartbitterschokolade schob eine fein gepflegte Hand

auf einem Tellerchen edlen Porzellans mir unter die Augen,

lieb meinend wohl, und um mich abzulenken

von einem innerlich zutiefst bereits getroffenen Urteil

verhandelt von einem fremden Gericht

in einem Vermutungs- und Indizienprozess

gesprochen über mich innerlich – in Abwesenheit

gefragt, nein, befragt wurde ich, wurde ich nicht.

Nein, weh tun, verletzen wollen diese Gerichte nicht,

sind doch von tiefster Humanitas, feiner Lebensart gebildet und durchtränkt

ihre liebe Nachsicht, ihr schweigendes Verzeihen,

nächstenliebendes Umarmen, Drücken, sanft freundlich warmes Schauen

ist ein weit gnadenloseres, unbarmherzigeres Scharfrichterschwert,

als jeder noch so sehr geschliffne und polierte Stahl

es jemals zu sein vermöchte.

Da ist kein klagender Schmerz erlittner Ungerechtigkeit in mir

es ist wie ein kleines Loch im Reifen, durch welches stetig Luft entweicht,

ist wie ein heimlicher Riss in einem Hirngefäß, durch den der Lebenssaft

auf der Suche nach einem Raum, einem neuen Zuhause lautlos aussickert.


Teufel

© hpkluge 2018

Den Teufel verjagst du weder mit Gezeter, Lügen, Böllern, Krawall

auch Weihwasser hilft eigentlich nur im allerseltensten Fall!

Vortrag, Erklärung, Rhetorik, Indoktrination,

stoßen Herrn Satan auch nicht vom Thron,

denn, mein Freund es bleibt unbestritten:

seine Macht entsteht und dringt aus Deiner Mitten!

Du selbst bist es, der ihn herbei ruft und beschwört

bist oft berauscht von der Macht und von Kraft betört,

wenn Du auf seine vermeintlichen Jünger eindrischt,

ihren Ruf, ihr Hab und Gut schädigst,

ihre Gesundheit, ihr Leben und das der ihren bedrohst und zerstörst!

In Deinem Wahn, für Recht und Gesetz und Wahrheit zu sein,

stehst Du keineswegs gegen Hass, Gewalt und gegen Unrecht ein,

Du tanzt nur um Satan, Dein Spiegelbild, Ringelrein!


Seufzer zu jahresendzeitlicher Stimmung

© hpkluge 20014

Der große Garten, die tausend Antennen,

Melodien, wie Konfetti-Paraden

ich seh dieses Grinsen der tausend Gesichter

Spiegelungen, die in Öllachen baden

Niemand schreit niemandem ins Gesicht,

denn der Größenwahn hat Übergewicht.

Der Stecker reißt sich selbst aus der Dose

und das Gemälde über dem Sofa

pinkelt sich wieder einmal in die Hose

trara, trara und hip hip hurrah!

Goldenes Weh verlangt Anerkennung

und wertschätzende Erwähnung

im Klopapier Blatt drei auf vier

und nicht wieder nur übles Geschmier

Zeit vergeh und Faltenberg werde

allons enfants und allons nous merde

Kinder, kommt, Kinder kommt, zurück auf die Erde!


Schimmerschein

© hpkluge 2014

Glimmerglühender Schimmerschein

Pappschachtelduftendes Zuhausesein

Weltenbunter Wellblechhain

kalt zerbrochener Halbedelstein

Bierdosenkratzendes Laternenkegeln

draussen noch nach Treppenstiegenlabyrinth

nachtgefaltert schweben Schatten

unter schweigend schwarzen Segeln

schillernd geträumte Seifenkugeln jagt das Kind

Das Echo trägt Trompetenschmettern

mit schnellem Spatelpinselstrich

über Zeit und weisse Leinwand auf

bis  weit in die Ewigkeit

Schau Dich um, heiterer Wanderer

und winke noch einmal dem Lächeln zu

das Dir folgend in die Täler, Dörfer, Städte kam

und das Du auf Deinem Kurs nicht voraus fandest

Betonierter Glasasphalt erwogen und gewogen und

mit Arbeitsspiegelei zu ernster Geste angerührt

während Atemluft zwischen monochromer Reflexion

knirschend zerschreddert oder qualenvoll zu Staub zermahlen wird

Keine Zeit, kein Tag zu rasten, einzuhalten

Du bist zum Fließen ausersehen, zum Überwinden, Auferstehn

Schuldverzweifelndes Ersticken von Pfeilen die in Köchern rotten

streif ab von Haut, Geist, Herz, Gewand

statt Ziele anzueilen, fliegt die Zeit an jenen, ihrem Neid und Hass vorbei


Frühling

© hpkluge 2018

Der Graben war ausgehoben,

von verwestem Blattwerk des vorletzten Herbstes befreit

Modder und Reste waren einfach und laut

in einen großen Lastwagen gesaugt, Augen und Nase entzogen worden.

Frisches Schilf spross und Wasservögel kamen heran.

Nur ich rollte weiter im Wagen, es ging mich nichts an.

Mein Frühling wartete an einem anderen Ort in der Zeit

als ich ankam war er in einer anderen Welt.

Es dauerte mich, nicht in jenem Frühling geblieben zu sein,

denn mein Zuhause war nicht mehr mein Heim.


Haus in dem wir wohnen

© hpkluge 2018

Die Opfer sind vergessen,

man ist wie zwangsbesessen,

deren Anblick zu vermeiden

und mit Flackerblick kurzatmig zu beeiden,

gegen Hetze, Hass, Gewalt zu sein

duckt sich weg, macht sich ganz klein

ist taub, wenn grelle Stimmen hässlich singend hassvoll schrein,

Schwangren in den Bauch zu treten

und deren Fehlgeburt zu freaten, fressen…

mir hats die Haut von Herz und Seel und Leib gerissen!

Ich steh da, wie in menschenleerer Wüste ausgeladen

das Haus, in dem wir wohnen, hat einen Kälteschaden.


Es ist wie es ist

© hpkluge 2018

Es ist wie´s ist und´s ist nun einmal so.

wie´s ist…

Einmal durchgesiebt von oben

und alles unter den Teppich gekehrt

recht hat, wers niemandem recht macht

und an den Daumenschrauben dreht

Leuchte, kleines Würmchen, leuchte!

Leuchte, solang Du´s noch darfst.

Die Luft zum Atmen und zum Fliegen

wird längst und allmählich abgedreht.

Es ist wie´s ist und´s ist nun einmal so.

wie´s ist…

Ich kann nicht denken mit Blut auf Strassen

den Tränen, der Scham der Mißbrauchten

und dem eiskalten Schweigen dazu,

derer, die fromm die Augen verdrehen und

ihre Wahl treffen, wie schon 2000 Jahre zuvor

frommer Mob frenetisch den Mörder zur Freiheit

und den unschuldigen Menschen zur Schändung

zur Folter zum Kreuzestod schrie!

Menschen selektieren, wer Mensch

und wer einer der ihren ist – und

sieht man den toleranzfordernden Hass in ihren Masken,

weiß jeder und sieht, daß der wahrhaftige Mob

eine gelungene Wahl trifft!