Diesellokomotive

© hpkluge 2007

der gedanke kam mit der gewalt einer diesellokomotive
was hatten die denn erwartet?
dass wir das auch nicht erwarteten? gut, so war das auch,
was aber nichts daran änderte

wir wollten jeder eine diesellokomotive sein
wir wollten frei über alle schienen gleichzeitig rasen,
über brücken schnellen,
die noch gar nicht gebaut waren,
abheben, fliegen,
unser gipfelkreuz
auf dem regenbogen errichten
und alles mit lichterglanz
neuen bildern und farben bemalen
was grau war und gestern und gleichschritt und marsch

sie haben risse bekommen
es gleich von anfang an gemerkt
und das feuer aus
braungebrannten gehirnen eröffnet
krieg, ja das kannten sie noch
vom schreibtisch oder
anderen, sicheren bunkern aus
nein, sie waren weder dabei gewesen, noch hatten sie gewusst,
wie es in der scheisse, in rotz und blut gewesen war…

sie hatten sich lieber im speck verkrochen,
es immer besser gewusst,
nur gefressen und nichts gemacht,

ausser sich zu widersetzen,
mal was zu tun

wir wollten nur eine diesellokomotive sein

und über brücken, die noch gar nicht…

und schon kamen die lahmen,
die – die sich immer dranhängen
sich schwertun und so leicht daher reden,

den mund dazu bewegen, wie sie es sehen
und bremsen und kriechen und loben
und schön tun und wichtig nehmen, freundlich zu bedenken geben
und fördern und buntes zaumzeug verteilen, nur so aus spaß…ha haha…
und auf einmal die lok übernehmen

während die träumer noch tanzen und schon mal die gläser heben
auf das gipfelkreuz,
das sie auf dem regenbogen…

und dann sagten sie uns,
daß der diesel schmutz und eine schande sei und so blieb sie stehen,

die lokomotive
und die gewalt, ihre kraft, rostete
auf den alten schienen fest
der regenbogen zerfloss, wurde blass
wie nach zehntausend wäschen

der traum geriet zum verzweifelten warten, am nächsten wochenende
und im nächsten urlaub
noch besoffener zu sein
und sich besoffen die haut aufzureissen

an mauern
die um uns,

verrottete diesellokomotiven,
beamtet wurden und bürokratet
um uns schließlich
vernünftig zu entseelen
und uns auf den wagon
zur enthäutung

und ent-ver-wertung zu rollen…

…recycled…amen…hallelokomotiven…und tot!


Man-droid

© hpkluge 2019

Als er Sigmed XIII neben sich stehend erkannte, war klar, dass der schlimmste aller Fälle eingetreten war.

„Herr Kommandant, ich begrüße Sie zum Erwachen auf der Solar!“

Er hatte die Stimme der medizinischen Einheit von den Trainingsszenarien her anders in Erinnerung. Sigmed klang weniger synthetisch, als damals.

„Lassen wir das! Dass wir hier zusammen sind und Du mich reaktiviert hast, sagt, dass Rang und Titel gegenstandslos geworden sind. Für uns beide allein hier: Mumpitz!“, brachte er heraus und wunderte sich über den absolut widerlichen Geschmack im Mund.

„Das ist der Basisstoff der Körperflüssigkeiten, die Ihre organischen Anteile versorgen, Herr Kommandant! Wenn Sie sich daran gewöhnt haben, werden Sie es weder schmecken, noch werden ihre oralen oder nasalen Wahrnehmungen beeinflusst!“

„Danke, Siggi!“, entgegnete er und begriff, dass Sigmed XIII ihn niemals anders anreden würde als „Herr Kommandant.“.

„Kann ich aufstehen?“, fragte er.

„Versuchen Sie es!“, kam die knappe Antwort.

Tatsächlich gelang es auf Anhieb ohne Probleme.

„Ich habe vor einer Stunde bereits mit den vorbereitenden Maßnahmen begonnen, Herr Kommandant! Sie sind in jeder Weise vollständig funktionstüchtig!“

„Das ist gut zu wissen!“, sagte er schmunzelnd mit einem leichten Bedauern, dass der Droide niemals Humor würde verstehen können, und er einfach keine Qualifikation oder Kenntnisse besaß, die Intelligenz der Maschine dahingehend zu modifizieren.

„Gehen wir in die Zentrale! Ich muß mich auf den aktuellen Stand bringen.“, fuhr er fort und erhob sich. Von den Trainings her, kannte er noch den Weg und war verwundert, die Mannschaftsunterkünfte als belegt ausgewiesen zu sehen.

„Die Einheiten sind, mit Bordmitteln, nicht mehr zu aktivieren.“

„Wieso ist das so?“, wollte er wissen.

„Wir sind in den Wirkbereich einer Supernovaexplosion geraten, Herr Kommandant und weit aus unserem Kurs geschleudert worden. Der Pilot der Bordintelligenz hat nach Wiedererlangung der Kontrolle einen neuen Kurs zu den Zielkoordinaten der Mission errechnet und den Flug angepasst. Wir haben etwa dreihundertfünfzig Jahre verloren. Für diesen Zeitraum waren die Einheiten nicht ausgelegt, nicht ohne die Serviceunterstützung, die Ihnen als Kommandant gewährt wurde.“

„Also ist die Mission hinfällig geworden, denn wenn ich es recht sehe, gibt es nichts mehr zu retten, wenn wir unseren Auftrag erfüllen.“, stellte er nüchtern fest.

„Mag sein, dennoch gibt es keine Abstriche vom Missionsziel. Wir sind voll einsatzfähig und auf Kurs!“, wandte der Medodroide ein.

„Auf der Brücke der Solar begab er sich in die Identifikationskabine, die er, sollte ihn die Intelligenz nicht als den erkennen, der er war, nicht mehr ins Schiff zurück verlassen, sondern ins Vacuum des Raumes transmittiert werden. Bestätigt und authorisiert trat er zurück in die Zentrale und nahm im Sitz des Kommandanten Platz. Die Bordintelligenz bestätigte, was Sigmed XIII ihm bereits vorgetragen hatte.

„Mission ist abzuschließen! Befehl nur auf Widerruf durch Terra-Luna auszusetzen!“

„Bitte Überprüfung!“, entgegnete er.

„Eingang eines Widerrufs ist nicht erfolgt. Kontakt zu Terra-Luna nicht möglich, Peilsignal-Abbruch noch vor Zwischenfall.“

„Da keine Verifizierung möglich ist, wie nach der veränderten Lage notwendig, befehle ich den Rückflug zum Solarsystem!“, brachte er hervor.

„Unmöglich!“, sagte der Holo-Avatar über seinem Befehlscockpit. „Das Solarsystem wurde aus dem Raum-Zeit-Gefüge gerissen!“

Die Intelligenz spielte ihm die letzte Übermittlung der „Liberté“, eines Schlachtschiffes der Verteidigungsflotte ins Display.

Irgendwo in sich gab es eine Reaktion, relevant war, dass es die Option Rückkehr nicht gab, ein Abgleich nicht möglich war und damit der Missionsauftrag galt.

„Missionsdaten!“, befahl er und eine Darstellung erschien.

Die Solar befand sich derzeit knapp zwölf Millionen Lichtjahre entfernt von den Ausgangskoordinaten im Solar-System und eilte mit unveränderter Geschwindigkeit auf einen, einer Galaxie vorgelagerten kleinen Sternhaufen zu, dessen Randzone sie in siebzehnTagen erreichen würde. Das Schiff war in einwandfreiem Zustand, geschützt durch Schutzschirme, die Strahlungen, jedwede Kollision mit Staub-, Materiewolken oder Partikeln ausschlossen und im Zwischenraum Instabilitäten ausglichen. In dem Maße, wie die Solar Energie verbrauchte, nahm sie Energie aus ihrem Umfeld auf. Das Universum besteht aus Energie in unterschiedlichsten Erscheinungsformen.

„Abtastung?“, fragte er.

„Keine Ortung bislang. Vorschlag: Eintritt in Normal-Kontinuum in zwölf Tagen, dann Verdecktabtastung im Stand-bye zu Notsprung.“

„Einverstanden!“, bestätigte er.

Am vorgeschlagenen Tag rief ihn die Intelligenz gegen 12 Uhr Standardzeit in die Zentrale zum Bericht.

„Keine Ortung!“, begann der Avatar. „Mit welchem Filter, auf welchem Spektrum auch immer!“

„Schlußfolgerung?“,fragte er nach. Das Ergebnis der Bordintelligenz war  und kaum nachzuvollziehen:

„ AchzehnProzent Wahrscheinlichkeit, dass jede uns zur Verfügung stehende Ortungstechnik durch eine neuartige Technologie neutralisiert wird. Zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Sternhaufen von einer uns bislang vollkommen unbekannten Form von Intelligenz, Leben und entwickelten Technologie bewohnt und beherrscht wird! Dem gegenübersteht eine Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent, dass dieser Sternhaufen „tot“ ist, keinerlei Leben, welcher Form auch immer beheimatet. Drohnen sind ausgeschickt zur Spurensuche. Jede Einheit arbeitet voll funktionstüchtig.“

„Gibt es auch keine Ortungen im Umfeld des Sternhaufens oder in der Galaxis?“

„Negativ.“

Seine positronische Intelligenz erkannte die Daten der Bordintelligenz vollständig an, sein synthetisch nachvollzogenes, organisch-menschliches Gehirn stemmte sich, gegen deren Übernahme und Akzeptanz. Er nahm etwas wahr, dass er nur als „nicht klar zu definierenden Zustand, als einen nicht hinterlegten Prozeß“ zu beschreiben in der Lage war. Genau diese Sensibilität war ursächlich gewesen, das Kommando der Solar und weiterer Einheiten, mit einer unabhängigen, organischen Intelligenz zu ergänzen.

„Ortungsscans bleiben mit Priorität auf aktuellem Modus!“, bestätigte die Bordintelligenz. Ich schlage vor, die Zielkoordinaten über einen veränderten Kurs anzulaufen!“

„Einverstanden! Außerdem sollten die Scans prioritär verstärkt auf Veränderungen ausgerichtet sein, die als Reaktion auf unsere Kursänderung, bzw.Änderungen zu interpretieren wären.“

Der Avatar nickte und gab das Display frei für Darstellungen der Ortungsergebnisse der Drohnen.

Die Solar bewegte sich drei Tage später mit halber Lichtgeschwindigkeit im Sternhaufen auf Kurs zu den Zielkoordinaten. Weder Bordortung noch Drohnen hatten den geringsten Hinweis auf Aktivitäten nicht natürlichen Ursprungs oder auf Leben ausmachen können.

„Wirsind exakt in der Nähe der, von den Spähschiffen der Flotte ermittelten Heimatkoordinaten der Invasoren!“, bestätigte die Bordintelligenz und die Mimik ihres Avatars drückte deutlich Ratlosigkeit aus. „Es gibt keinerlei Abtastungen, keine Ortungsaktivitäten!“

An der Analyse der BI konnte es keinerlei Zweifel geben, ebensowenig am perfekten Zustand der Systeme. Das akzeptierte auch seine biologische Intelligenz, aber im gleichen Maße, wie die objektiven Fakten bestätigt und verifiziert wurden, regte sich dennoch, eigentlich unverständlich Widerstand in ihm, wuchs etwas, das mit dem menschlichen Begriff „Mißtrauen“ deckungsgleich war.

„Ihr werdet oft feststellen, dass Ihr in Konflikt mit Eurer positronischen Intelligenz kommt. Dieser Widerspruch ist gewollt! Es ist anstrengendb ihn zu lösen. Es kann sein, dass ihr Euch blockiert, paralysiert fühlt. Das ist aber kein Defekt! Es ist ein eingeleiteter Prozess, den ihr abbrechen könnt, der damit aber nicht abgeschlossen ist, sondern erneut seine Fortsetzung suchen wird. Zieht Euch zurück und lasst Eure Intelligenzen die Lösung finden, denn das wird geschehen!“, Major Keira Deventer, die kybernetische Ausbildungsleiterin der Akademie hatte sie immer und immer wieder mit den Widersprüchen ihrer Existenz in Berührung gebracht und sie zur Versöhnung mit sich selbst ermuntert, wie sie es genannt hatte. Sie war ein nativer Mensch, aber als Wissenschaftlerin und Entwicklungsingenieurin für synthetische Persönlichkeiten, für Androiden, wie er einer war, verstand sie es, sich in den Geist, das Wesen von Individuen seiner Art einzufühlen.

„Wieso gibt es uns? Wieso wurden wir gemacht?“, wollte einer von Ihnen während einer Schulung von Major Deventer wissen und sprach aus, was alle schon einmal beschäftigt hatte und es immer wieder tat.

„Gründe gibt es mehr, als ich hier aufzählen oder benennen könnte. Die Wahrheit aber ist: Ich weiß es nicht! Menschliche Neugier, wissenschaftlicher Ehrgeiz. Ihr seid da, weil wir Menschen Euch in die Welt gesetzt haben, weil wir taten, was wir konnten, weil wir es konnten. Wir wollten mehr als Maschinen, mehr als Eure Vorfahren, die Roboter… ich glaube, wir wussten selbst nicht genau, was wir wollten, über die reine Neugier hinaus zu sehen, was möglich ist. Indem Ihr da seid, werdet ihr anfangen, selbst etwas aus Euch und dem, was ist zu machen! Ihr werdet erfahren, was Einsamkeit ist –allein im Widerspruch zu allem zu sein – und so aus Euch selbst neu geboren werden!“

Er hatte das, wie die meisten anderen, nicht verstanden, aber es hatte ihm fortan keine Ruhe gelassen.

„Zielkoordinaten erreicht!“, stellte der Avatar der BI nüchtern fest. „Nichts!“, ergänzte sie unmittelbar darauf, seine Frage vorweg beantwortend. Die Solar hatte sich in Schleichfahrt genähert, war weder angepeilt worden, noch hatten ihre Systeme technische Systeme oder Anzeichen von Leben entdeckt.

„Wie wahrscheinlich ist es, dass die Ermittlung der Koordinaten der Flotte fehlerhaft war?“, fragte er.

„Wahrscheinlichkeit unter einem Prozent! Bis zum Zeitpunkt der Ermittlung der Koordinaten hat es keine Beanstandungen, keine Mängel der Technik gegeben, die ein derartiges Versagen erklären könnten! – Ausgangspunkt aller Feindaktivitäten, Ausgangspunkt der Invasion war definitiv hier!“

„Die Vernichtung unseres Heimatsystems kam also aus dem Nichts?“

Die BI ersetzte ihren Avatar mit dem Symbol der Flotte. Er wollte sich erheben, um die Zentrale zu verlassen, hielt aber inne und fragte:

„Was spricht dagegen festzustellen, daß die Mission hiermit gegenstandslos geworden ist?“

Der Avatar baute sich erneut auf.

„Die Tatsache, dass die Auslösung „der Fracht“ nicht stattgefunden hat!“, formulierte die BI und ließ ihren Avatar die Lippen schürzen und lächeln.

„Ein symbolischer Akt?“, fragte er.

„Keineswegs!“,sagte der Avatar. „Es handelt sich um einen klaren Befehl zum Abschluss der Mission! Wir sind gebunden, Befehle zu befolgen, und nicht selbstständig von ihnen abzuweichen!“

„Und, was ist unser Auftrag nach dem Abschluß der Mission?“, fragte er ohne eine konkrete Antwort zu erwarten.

„Rückkehr zum Solar-System!“, kam es nüchtern zurück.

„Okay!“, hörte er sich sagen. Die BI würde die Missionsbefehle bis ins Detail befolgen.

„Ausstoßen der „Fracht“ in zehn Sekunden. Auslösung selbstständig in dreissig Minuten. Start Antriebsaggregate: jetzt!“

Sigmed XIII betrat die Zentrale.

„Herr Kommandant, Ihre Langstreckenkabine ist vorbereitet!“

Selbstironisch stellte er fest, dass der Begriff „Kommandant“ ja wohl kaum seine Rolle an Bord beschrieb.

„Es hätte ja auch anders kommen können!“, nahm er einen Gedanken wahr. „Dann hätte es durchaus Deiner autarken Position als Kommandant bedurft!“

Da war er sich keineswegs sicher. Er lächelte und folgte Sigmed XIII. Als sich die Kuppel über seinem Lager schloß und das Licht herunterdimmte, war da noch eine gewisse Zeit, bis seine Funktionen und sein Bewußtsein in den Ruhemodus übergeben wurden. Seine organische Intelligenz beschäftigte sich mit dem Problem, wie Vernichtung aus dem Nichts geschehen kann.

„Herr Kommandant, ich begrüße Sie zum Erwachen auf der Solar!“

SigmedXIII stand neben ihm, und er hatte das deutliche Gefühl eines DejaVues.

„Schon wieder?“, fragte er. Der Androide schien verblüfft zu sein, was immer sein Schweigen sonst auch zu bedeuten haben mochte.

„Ich verstehe nicht, Herr Kommandant!“, brachte er hervor.

Ander sals nach dem Hinflug fühlte er sich müde und abgespannt.

„Wie lange waren wir denn diesmal unterwegs?“, hakte er nach.

SigmedXIII schien von dieser einfachen Frage vollkommen überfordert zu sein. „Herr Kommandant?“

„Wir waren noch gar nicht fort, Herr Kommandant! Sie sind gestern von den Vorbereitungen auf Guerta IX eingetroffen und haben gleich in Ihrer Kajüte Quartier genommen! Das Training muß hart gewesen sein, denn an dem Farewell-Dinner nahmen Sie gar nicht mehr teil!“

Er erhob sich und schaute sich um. Er hatte tatsächlich im Bett der Kapitänskajüte gelegen, die Langstreckenkabine war geschlossen und dunkel.

„Ich habe Sie nach Abschluß der Routinechecks und der Behandlung kleiner Hämatome und einer Überdehnung im linken Wadenmuskel geweckt, Herr Kommandant. In dreissig Minuten findet das Briefing statt und vielleicht möchten Sie noch einen kleinen Imbiss vorher zu sich nehmen!“

Verwirrt beeilte er sich mit seinem Toilettengang, der Lichtdusche, sprang in seine Bordkombination, trank einen Schluck Kaffee, kaute einen Keks und verließ seine Kajüte. Hatte er da einen wilden Traum gehabt?

„Ah, Kommandant Vanmorris!“, begrüßte ihn Admiral Lukanow, der offenbar persönlich das Briefing abhalten wollte. „Wir gratulieren Ihnen zum hervorragenden Abschluß des AlphaXpert-Seminars! Sie sind ein Vorbild für Ihre Kameraden!“ Alle Anwesenden erhoben sich, salutierten und applaudierten.

Das war real, doch er fühlte sich, als sei er in einem Traum gefangen.

Das, worauf der Admiral vorbereitete, hatte doch längst stattgefunden: der Flug der Solar zum Ausgangspunkt der laufenden Invasion! Das Briefing, an das er sich so lebendig erinnerte, als sei es gestern erst gewesen, hatte ein Oberst der Flottenraumlandetruppen geleitet, der mit einem Battaillon auf dem, die Solar eskortierenden Träger stationiert war, der sie bis zur Randzone der Milchstrasse begleitete, um den sicheren Eintritt in den Zwischenraum zu gewährleisten, denn es waren bereits kleinere Invasionsverbände geortet worden.

„Wir erwarten eine erste Invasionswelle in den kommenden Tagen. Eine Abfangflotte, zu der der überschwere Träger „Konrad D. Gershwin“ gehört, wird die Solar eskortieren und ihren Eintauchkurs bis zum Eintritt in den Zwischenraum sichern…“

Nach Abschluß des Briefings winkte Lukanow ihn zu sich.

„Bitte suchen Sie mein Büro auf! Man hat mich gebeten, es zur Verfügung zu stellen, um nach dem offiziellen Briefing diskret mit Ihnen sprechen zu können. Ich weiß nichts Vanmorris! Warten Sie ab. Ich werde bereits auf der „Konrad D. Gershwin“ erwartet. Also: „Schoten-und Mastbruch!“ für Ihre Mission, Kommandant! So wie es sich Seeleute in grauer Vorzeit auf den Ozeanen der Erde wünschten!“ Von Ihrem Erfolg hängt mehr ab, als wir es alle uns vorstellen können oder wollen, denn was Kurs auf unsere Insel genommen hat, entzieht sich allem, was wir uns jemals hatten vorstellen können! Der Admiral drückte ihm die Hand mit offenem Blick und Vanmorris salutierte, was Lukanow in gleicher Weise und sichtbarem Respekt erwiderte.

Die beiden Wachen am Eingang zu Lukanow´s Trakt traten zur Seite und er ging durch die Tür, schritt durch das verlassene Vorzimmer auf das Büro zu. Die Tür glitt auf und mit dem Rücken zu ihm stand, in der silbriggrauen ‚Uniform des Föderationssicherheitsdienstes eine weibliche Person, die sich ihm auf seine Meldung hin zuwandte: Major Keira Deventer!

Sie entgegnete sein überraschtes Salutieren mit einem warmen, offenen Lächeln.

„Wir kennen uns, Kommandant! Ich entschuldige mich für dieses Versteckspiel, aber Sie werden gleich den Grund verstehen! Setzen wir uns, und ich glaube, ein Glas von Admiral Lukanows originalem Vodka wird weder mir noch Ihnen schaden. Ich weiß, dass sie das Getränke benso schmecken und seine Wirkung spüren können, wie ich!“

Sie schenkte ihm und sich jeweils in ein recht ansehnliches Glas ein, setzte sich, hob das ihre, prostete ihm zu, leerte es, setzte es ab. Als er ihrem Beispiel gefolgt war, begann sie zu sprechen.

„Ich war und bin Wissenschaftlerin aber ich war immer zugleich auch Mitarbeiterin des Geheimdienstes. Vor dem Hintergrund der Wichtigkeit unserer geheimen Forschung und Entwicklung ist das kein Widerspruch sondern zwingende Notwendigkeit. Aber kommen wir zum Wesentlichen:

Ich weiß, wie es Ihnen geht, Kommandant, und ich kann ihnen sagen, dass Sie sich nicht irren und ganz bestimmt nicht verrückt sind! Die Tatsache, dass wir uns hier gegenüber sitzen ist der klare Beweis, dass Ihre Mission, an die Sie sich klar erinnern, ein voller Erfolg war!

Die Invasion der Milchstrasse durch eine intelligente Rasse aus genau jenem Sternhaufen, den Sie mit der Solar anliefen, hat stattgefunden. Unsere Flotte wurde niedergerungen und das Solsystem wurde mit einer unbekannten Technik schließlich aus dem Raum-Zeitgefüge gerissen. Das alles ist real geschehen. Wir konnten es nicht verhindern, aber den Ursprung der Invasion, die Heimat, das Nest dieser Rasse konnten wir herausfinden und aus der Überlegenheit ihrer Flotte, den Waffen ihrer Einheiten eine Vorstellung gewinnen, mit wem und mit welcher Technologie wir es zu tun hatten. Diese Rasse war uns überlegen, aber auch wir waren schon auf ähnliche Lösungen gekommen. Als wir sie auf ihre Mission schickten, hatten Sie eine Fracht an Bord über deren Natur auch die Bordintelligenz der Solar keine Information besaß, denn diese Rasse hatte Möglichkeiten, Informationen auch aus hochgesicherten Positronengehirnen auszulesen.

Aus ausgewerteten Ortungen und anderen Beobachtungen waren wir zu dem Schluß gekommen, dass diese Spezie in der Lage war, mit der Zeit zu operieren, zu spielen. Ihr Schiffe verschwanden in einem Gefecht und tauchten exakt an Positionen wieder auf, an denen sie sich Sekunden oder Minuten zuvor in exakt den gleichen Manövern befunden hatten.Das war unheimlich und der Gedanke lag nahe, daß sie nicht nur ihre Raumschiffe in die Vergangenheit versetzen konnten, sondern möglicherweise auch Planeten oder ein ganzes System. Bei der „Fracht“ handelte es sich nicht nur um eineTera-Gravitations-Bombe, die eine SonnensystemverschlingendeSingularität in der Gegenwart produzieren konnte, sondern zugleich um eine, in die Zeit, weit in die Vergangenheit wirkende, auslöschende Waffe.

Wir haben nicht herausgefunden, wie die Mission der Solar dem Feind bekannt wurde, aber es gelang ihm, Ihr Schiff im Zwischenraum zu orten und in einer Weise anzugreifen, die die Bordintelligenz der Solar als Wirkung des Energieausbruches einer Supernova identifizierte, bzw. fehlinterpretierte. Nach diversen Kurskorrekturen verlor der Feind die Solar aus seiner Ortung. Statt sie weiter zu suchen, versteckte er das bekannte Ziel unseres Schiffes in einer Art Zeittrichter weit in der Vergangenheit, während es ihm gelungen war, aus der Vergangenheit heraus die Erde und das gesamte Sonnensystem „verschwinden zu lassen und mit ihm unsere Verteidigungsflotte, bis auf die Liberté, die sich ausserhalb der Wirkung der Waffe befand und ihre Beobachtung meldete.

Als die „Fracht“ der Solar ausgelöst wurde, trat ein, was wir bei der Entwicklung erhofft hatten: Das komplette Heimatsystem der Invasoren wurde über alle Zeitebenen hinweg ausgelöscht bis zurück zum Beginn der Invasion unserer Galaxie, möglicherweise aber auch weiter. Zugleich ist logisch alles ausgelöscht, was sie in der letztlich betroffenen Zeitspanne geschaffen und verändert haben und wir wissen nicht, welche Auswirkungen das insgesamt hat. Das Solarsystem existiert wieder da, von wo aus es aus demRaum-Zeit-Gefüge gerissen wurde. Damit war die Mission erfolgreich.

„Und eigentlich dürfte ich mich an gar nichts erinnern und wir hier nicht zusammen sitzen, wenn die Mission so erfolgreich war, wie Sie beschrieben haben und der Feind bis so weit in die Vergangenheit vernichtet wurde, wie Sie sagten, Major! Es hätte nie einen Auslöser für meine Mission gegeben!“

„Ich weiß!“, sagte Major Deventer, „Ich fürchte, dass – egal ob von denen oder von uns oder von ihnen und uns – etwas in Gang gesetzt wurde, das nicht mehr zu kontrollieren ist!“

„Und, das soll es gewesen sein?“, fragte er. Sie sah ihn an, erschrocken über die Konsequenz in seiner Frage, die konkret zum Ausdruck brachte, was sie noch nicht zu denken wagte. Zugleich war sie seltsam berührt über seinen Trotz. Sie verharrte und atmete diesen Widerstand ein wie ein Taucher die Luft nach einer langen Strecke unter Wasser. Er trat auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Wangen und wusste einfach, was zu tun war ohne zu wissen, warum.

„Und ginge auch gleich morgen die Welt unter, ich pflanzte heute noch einen Apfelbaum!“

„Was sagst Du da?“, fragte sie, glücklich in inniger Umarmung mit ihm.

„Keine Ahnung. Kam mir in den Sinn. Es ist so wahr!“

„Das ist es!“, antwortete sie und küßte seine Wange, während der Raum sich aufzulösen begann und nur die Wärme ihrer umschlungenen Körper verweilte.


Stanly

© hpkluge 2018

Stanly is his name

and it is said, he is a fortune-teller

chaplin Hunter calls him a shame

but Stanly sees a secret cellar

in there a bed, sweets and lots of toys

year by year more sad looking boys

in this town so warm, honest and fine

Stanly was his name

the saying is, he has been a fortune-teller

One day he left, and never was seen again

a body is found in a hidden cellar

lying strangled between sweets, dusted toys

and countless fotos of small naked boys

around its hands a worn rosary is bound

Many years later, father Hunter was found

dead in his bed with a glas

of poisoned sacramental wine.


Now leaves are falling

© hpkluge 2018

Now leaves are falling

the golden highway

with peace for always

aproach on delay

the church of last days

then souls are calling

watchtower´s emptied

no colours cheering

no smile is wanted

the streets are clearing

I gave my promise

to keep my mouth shut

like got my tongue cut

no further french kiss

but there´s no mercy

once you´ve dropped on your knees

they say you´re lazy

no chance for true and lasting peace

Now leaves are falling

on barren meadows

silence is calling

gets close on light paws

the church of sinners

brave prophets, beginners

get ready to strike back

the demons attack


Last poem before crossroad ahead

© hpkluge 2018

When the wolves of times are howling,

when crows are watching down from high

when air is getting thick by breath like fouling

when all loving turns to lie

when gravediggers rule the sayings

when they take your blood for payings,

when spring is dry and seamless turning into fall

you can read the future written on each and ev´ry wall


Carnival is over

© hpkluge 2018

Carnival is over here and ev´ry then

times have been as easy, as fragile light can be

the only task exhausting was to pass over some tea.

Hipping hopping through dark hours day by day

dreams in sugar-lumps were said to get you bright and gay

sugared pills left you locked up in some kind of lasting grey.

Carnival is over here and now and ev´ry then.

with blinded eyes and narrowed mind

you are bound to voices of them hissing hollow-hearted kind.

now, that carnival is over, birth yourself from ashes

do not panic when your rainbow ghost-light crashes

nothing but carnival is over just let your soul cheer up again!


Berries promised

© hpkluge 2018

berries promised to be growing in this wood

a wise man and a puppetplayer are sitting at the gate of dawn

exchanging views of life, of love and hate.

A merlin circling, unseen above their heads, above their secret lawn

is recognising them as beings, not interested in their fate.

He gets himself a field mouse then savouring his meal.

Later flying up again, for to spy another steal

he views two bodies lying stock-still in their blood.

For him there´s been no reason to be understood.


Aurora

© hpkluge 2018

Aurora came with hellfire

giving a damn piercing shriek

like a bird of prey on the wire

smile in her eyes somehow meek

Justice has been ripped off of her toga

raped and beheaded; blindfolded by death

but from her skull came a sigh, „I know ya“

the victims witnessed murderers last breath

The underworld opened its gate

but no ferryman there for them slayers,

them servants of hell-prophets, and hate

and false gods sucking souls from their payers

„Hell is my place!“, said the shape with the whip

„pious unfidels welcome, no fanatic scum!“

It raised its arm fastening its grip

„Get off you basterds, I didn´t ask you to come!

Get off, savour, what you´ve made of His creation

drink the blood you´ve sheded, eat what you´ve slain

and prepare for your elimination

when the hate you´ve spilled gets injected into your vein.“


Das Raunen schlagender Flügel

© hpkluge 2019

In ewige Blätter gehüllt

dringt die Sage himmelwärts

all die Schwere, das Blut der Geschichte

hinter sich, unter sich lassend…

ich weiß nicht viel mehr,

als das Raunen schlagender Flügel verrät

Die Lüge ist ein Strauch mit scharfen Stacheln und süßen Beeren

eine Verlockung sich sammelnd zu verstricken

in munterer Auswegslosigkeit…

Dagegen seh ich die fromm ergriffnen Gesichter

wächserne Frohseligkeit kündend

hinter blassen Augen die Leere aufgegebener Hoffnung

für ein hartes, vom Schimmel ergriffenes Gnadenbrot.

Ich hab den Weg zur sicheren Einschläferung mit Jammergesang

verlassen, sag ich

verraten, verkauft, muß ich mir ins Gesicht speien lassen

von all den Jüngern der, aus Zögerlichkeit verpassten Chancen

deren Hochmut nichts ist, als gläubig überzuckerte Feigheit

vor dem Bild, dass sie sich machten von dem der kein Bild,

sondern dem, der das Leben, der alles ist.

In Vergänglichkeit gehüllt

dringt die Sage himmelwärts

alles Gewicht aus Körper und Geist

hinter sich lassend, vergessend

ich weiß nicht viel mehr

als das Raunen schlagender Flügel verrät

und, dass eine Wahrheit von Zukunft und Liebe erzählt,

dem Busch aus Dornen und süß duftender Blüten,

dem Auge und allen Sinnen die einzige Richtung gebend.


Die Glocke

© hpkluge 2019

Anton Drömer arbeitete schon seit den frühen Morgenstunden im Glockenturm der Dorfkirche. Pfarrer Alois Aichner hatte drei Tage zuvor seinen Partner, Stefan Nomad, privat aufgesucht, um ihm zu schildern, worum es ging. Anton kam dem Auftrag nur widerwillig nach, denn es gab genug zu tun. In der Kreisstadt gab es das Geläut im dortigen Rathaus zu überprüfen, ein Auftrag, von dem absehbar war, dass über Änderungswünsche und Nachaufträge eine anständige Summe hereinkommen musste. Das Budget war verabschiedet, die Zahlung sicher. Mit den Kirchen hatte Anton stets den Ärger, dass nach den Nachverhandlungen immer noch Nachverhandlungen gewünscht wurden und sich die Abnahmen nach erbrachter Leistung sehr zäh gestalteten, und häufig von konstruierten Bemängelungen begleitet wurden. Dabei traten stets Mitglieder aus Kirchenvorstand oder Presbyterium mit angeblich fachlicher oder wirtschaftlicher Kompetenz vor, die sich auf diese Weise der Gemeinde empfehlen wollten. „Anton,“ hatte Stefan versucht ihm zu verdeutlichen, „der Aichner ist mit dem Bischof und den Leuten im Bistum, die sich um Erhalt, Pflege und Sanierung der Kirchen kümmern bestens verdrahtet! Da fällt in den nächsten fünf Jahren allein ein hübscher Brocken für uns ab, wenn wir ihn auf unserer Seite haben.“

„Wenn das so ist, Stefan, wieso hat der Wiesinger aus Tellasee, das ja nicht im Bistum liegt, den Auftrag für die Pfarrkirchen in Oberswald und Steiningen gekriegt und nicht wir? Unsere Angebote lagen sogar unter denen vom Wiesinger!“

„Sei nicht naiv, Anton, er kann uns nicht jedesmal unterstützen!“

„Aber unsere Rechnungen haben wir schon zu bezahlen, nicht? Seit dieser Manteuffel im Bistum sitzt, kriegen wir im Schnitt ohnehin etwa 15 Prozent weniger durch, als zuvor und da haben sie uns auch schon gepresst. Ich kann auch rechnen, Stefan! Bitte, wer ist naiv?“

„Mein Gott, Anton, das Rathaus ist fix und die Termine stehen. Auf zwei Tage kommt es nicht an!“, hielt Stefan dagegen.

„Ich werde Dich erinnern!“, hatte er geantwortet.

Annamaria Wellner, pensionierte Musiklehrerin vom Severin-Gymnasium in derKreisstadt und ehrenamtliche Organistin der Dorfgemeinde hatte den Klang der großen „Mathilde“ bemängelt. Niemand ausser ihr hatte eine Änderung im Klang der Glocke wahrgenommen, auch Pfarrer Aichner nicht, der sich mit ihr zu einem Abendgeläut in die leere Kirche gesetzt und mit ihr dem Klang gelauscht hatte. Er selbst hatte sich auch allein einige Male in die Kirche gesetzt und den Küster gebeten, Mathilde allein schlagen zu lassen. Nicht den geringsten Missklang, kein störendes Vibrieren hatte er wahrgenommen. Ihm war aber sehr daran gelegen, Annamaria nicht vor den Kopf zu stoßen. Die Arbeit, die sie ehrenamtlich als Organistin und Leiterin desKirchenchores, den sie aufrecht erhielt und für den sie mit frischen Arrengements sogar Nachwuchs herangeholt hatte, war unverzichtbar. Mit dem Kirchenvorstand andererseits wollte er das Thema nicht anrühren, denn da gab es noch Verletzungen, seit er an ihm vorbei den Austausch einiger Orgelpfeifen und die Reinigung des Instruments beauftragt und damit die Arbeiten zur Fertigstellung des Kreuzweges hin zur Bachkapelle, einem beliebten Wallfahrtsort, um zwei Jahre verzögert hatte, was einen lokalen, kleinen Bauunternehmer verärgert hatte, den Schwager des Kirchenvorstandvorsitzenden. Stefan Nomad hatte er vor einiger Zeit über einenMitbruder kennen- und menschlich schätzen gelernt.

„Ich werde die Überprüfung der Mathilde aus eigenen Mitteln bezahlen!“,erklärte er dem Unternehmer. „Es soll nicht sein, dass es durch Befürchtungen, dass ich da der Gemeinde Kosten auflasten will, Diskussionen gibt, die Frau Wellner verletzen. Aus guter Absicht und engagiertem guten Willen entsteht nicht selten Leid. Ausserdem, auch wenn ich keine Wahrnehmung machen konnte, die Frau Wellners unterstützt, ich habe nicht ihr geschultes, professionelles Gehör! Sollte zutreffen, dass Mathildes Klang verändert ist, gilt es die Ursache zu finden, denn da schwebt eine Masse Metall über den Köpfen der Menschen!“

Stefan Nomad kalkulierte reell und Pfarrer Aichner stimmte zu.

Anton hatte zur Morgenandacht in der Kirche gesessen und sich das Läuten aufmerksam angehört, ohne ein, auch nur geringes Anzeichen einer Auffälligkeit wahr zu nehmen. Im Turm begann er nun „Mathilde“ in Augenschein zu nehmen. Seit 1698 tat sie ihre Arbeit und zeigte keine Schwäche, die er an manchen Glocken mit vergleichbar langer „Dienstzeit“ schon gesehen hatte. Sie war aus allerfeinstem Material gegossen und auch mit großer Meisterschaft bearbeitet worden. Auf der Stelle gab er ihr Platz Drei  in seiner Liste meisterlicher Werke der Glockengießkunst. Er schmiegte sich an den Glockenkörper, schlug leicht mit einem Hammer gegen sie und nahm dieSchwingungen mit seinem Körper auf. Irgendwo, ganz tief im Metall war etwas, aber das konnte auch seiner übersteigerten Konzentration geschuldet sein. Ausgeschlossen erschien ihm, dass es sich um etwas handelte, was Einfluß auf das Klangbild der Glocke haben könne. Er legte nun die Sensoren an, schloss sie an das Notebook, startete das Programm und brachte das Metall zum Schwingen. Nach einer Stunde, in der er durch alle Filter der Software hindurchgemessen hatte, war er sich sicher, dass, was auch immer die Organistin glaubte wahrgenommen zu haben, nichts mit der Glocke und derem Klang zu tun habe. „Mathilde“ hatte aber begonnen, ihn zu faszinieren, daher beschloss er, seinen alten Meister, Ferdi Moosleitner, am Wochenende in der Ignazius Senioren Residenz zu besuchen, in die er sich, wie er es einmal lächelnd aber ernsthaft formuliert hatte, vor seiner Familie geflüchtet habe. Sein ganzes Leben lang hatte er mit Glocken, überall auf der Welt zu tun gehabt. Ferdi war erblindet und nicht mehr gut zu Fuß, war aber auf der Stelle begeistert, sich „Mathilde“ einmal an zu hören, als Anton ihm den Fall vorgetragen hatte.

„Ich hab sie früher schon gehört und jeder, der Glocken liebt, sollte sie einmal gehört haben. Einen reineren, volleren Klang mit diesem Singen noch lang nachdem sie im Turm zur Ruhe gekommen ist, gibt es eigentlich kein zweites Mal!“ Gleich am Montag früh nach dem Frühstück holte Anton ihn von der Residenz ab. Gegen neun Uhr war eine Trauermesse angesetzt. Sie saßen im Kirchenschiff in einer der hintersten Bankreihen. Ferdi lauschte dem Klang der großen Glocke zur Wandlung, blieb aber stumm. Als Frau Wellner von der Empore kam, wo sie die Orgel spielte nachdem die Trauernden mit dem Sarg die Kirche verlassen hatten, trat Anton auf sie zu, stellte sich ihr und dann Ferdi vor.

„Pfarrer Aichner hat meinen Partner angesprochen und ihn gebeten, „Mathilde“ einmal genau inoffiziell zu untersuchen! Seine Sorge ist die, dass hinter Ihrer Wahrnehmung ein ernster und gefährlicher Schaden an der Glocke sein könne! Ich habe Herrn Moosleitner, meinen alten Ausbilder und Meister gebeten, mich zu unterstützen, denn seine Erfahrung ist unvergleichbar größer, als die meine.“

„Also glaubt er mir doch!“, kommentierte Annamaria Wellner.

„Das tut er unbedingt, Frau Wellner! Er möchte lediglich keine Verunsicherung oder Spekulationen provozieren und hat um Verschwiegenheit gebeten.“

„Na, die heiligen Besserwisser vom Kirchenvorstand werden es eh gleich erfahren, dass sich da Fremde in der Kirchen aufhalten, die mit der „spinnerten“ Wellner reden. Unser Küster ist leider a Gemeinderatschen!“

Ferdi grinste sich eins und meinte: „Dann sollten wir schnell zur Sache kommen, Frau Wellner! Lassen Sie uns gleich hier Platz nehmen. Ich habe ein paar Fragen, die ich Sie bitte, mir zu beantworten.“

Während die beiden sprachen, achtete Anton darauf, dass sie nicht gestört wurden. Als er ein Geräusch von der Sakrestei her wahrnahm, eilte er dort hin und nahm den Küster gleich in Empfang, als der durch einen Türspalt lauschen wollte. Der Mann zuckte förmlich in sich zusammen, gab vor, sich nur überzeugen zu wollen, dass alles mit rechten Dingen zugehe.

„Tut es! Ich darf Sie beruhigen, mein Lieber! Mein Freund hat mit Frau Wellner in einer absolut privaten Familienangelegenheit zu sprechen. An Ihrem Beispiel zeigt sich ja, dass in dieser Gemeinde Privatheit nicht respektiert wird. Wenn Sie jetzt also bitte anderen Aufgaben nachkommen könnten, bis die beiden sich ausgetauscht haben.

„Für so etwas gibt es Wirtshäuser! Dies ist das Haus des Herrn!“,brachte der Gescholtene hervor.

„Gut, dass Sie zugeben, dass dies nicht Ihr Haus ist, und auch ich will Ihnen etwas sagen: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider Deinen Nächsten, gell! Und wie sagte Jesus zu Judas? Tu was Du tun mußt!“

Der Mann flüchtete geradezu durch die Sakrestei zum Hintereingang hinaus.

„Danke, Frau Wellner!“, sagte Ferdi gerade, als er zu den beiden trat. Sie verabschiedete sich und verließ die Kirche.

„Es war interessant, was sie zu sagen hatte, und ich beginne eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, was sie hört. Wir sollten uns „Mathilde“ bei Gelegenheit in aller Ruhe anschauen, was jetzt nicht möglich sein wird!“

„Tatsächlich traten gleich drei, sich sehr wichtig gebende, Männer und zwei Frauen mit hochroten Köpfen auf sie zu, als sie die Kirche verließen. In diesem Moment traf Pfarrer Aichner und ein Ministrant ein, die von der Beerdigung zurück kehrten.

„Ach, Ferdi, Herr Drömer! Wie schön, Euch zu sehen! Ich nehme mal an, Ihr seid wegen dieser Familiensache von Annamarie hier?“

Den wichtigen Gemeindemitgliedern schien die heiße Luft zu entweichen und sie zogen sich nach vorgeschobenen Beschwerden zurück.

Zwei Tage später stieg Anton mit Pfarrer Aichner zum Glockenturm hinauf und folgte den Tipps, die ihm Ferdi gegeben hatte. Wie von dem voraus gesagt, wurde er im Inneren der Glocke fündig. Sowohl an einigen Stellen der Innenseite, als auch am Klöppel fand er deutliche Materialabtragungen, die er fotografierte. Der Pfarrer entdeckte schließlich an den Wetterlamellen vor den Schallöffnungen im Turm Absplitterungen und etwas, das wie der Durchschlag einesProjektils ausschaute. Aichner rief die Kripo und die rückte mit Kriminaltechnikern an. Als die Beamten in die Wohnung eines gewissen Herberth Dahms eindrangen, war der schon ausgeflogen.

Dahms war bereits polizeilich bekannt als gewaltbereiter „Aktivist“,der bei diversen Krawallen im Bundesgebiet als Mitglied des schwarzen Blocks aufgefallen war. Er wurde auf einem Pressefoto entdeckt, dass einen Artikel illustrierte, der die inszenierte Kundgebung im Dorf nach der Entscheidung gegen den Moscheebau auf dem Dorfanger beschrieb. Mit einem Scharfschützengewehr waren aus dem Gehölz auf der Kuppe des Wamserls, eines am Dorf liegenden Hügels Schüsse auf den Glockenturm bei Geläut abgegeben worden. Patronenhülsen wurden gefunden, ebenso deformierte Projektile zwischen dem Taubenkot im Turm. Fingerabdrücke, die von den Hülsen sichergestellt werden konnten gehörten nicht zu Dahms, konnten aber eindeutig als die eines zurückgekehrten IS-Terroristen identifiziert werden.

„Der Plan war wohl der, die Glocke entweder zur Unbrauchbarkeit zu beschädigen oder mehr!“, war die Einschätzung des LKA.

Edith Fellner-Hochkämper, grüne Kommunalpolitikerin brachte daraufhin die Forderung auf, erneut über den Moscheebau zu beraten und abstimmen zu lassen. Irgendwie war dann jedoch, zu den bevorstehenden Landtagswahlen, davon nichts mehr zu hören.

In der Runde seiner guten Bekannten im Seniorenheim diskutierte Ferdi über das unglaubliche Gehör der Organistin.

„Weder mein alter Schüler, ein ausgewiesener Fachmann, noch ich, haben irgendetwas Auffälliges hören, messen oder wahrnehmen können. Die Materialabschlagungen durch die Schüsse waren marginal, aber Tatsache bleibt, dass diese Frau die dadurch verursachte minimalstminimale Klangdifferenz wahrgenommen hat. Mein Schüler hat sich die allerneuste Analysesoftware und ultrasensible Sensoren besorgt und mit denen nun unzweideutig bestätigen können, was bis dahin unvorstellbar gewesen ist.

Dahm´s Schicksal erfüllte sich beim beabsichtigten Wurf eines Molotowcocktails auf Beamte der Bereitschaftspolizei, die das Nest der Antifagruppe einer norddeutschen Großstadt stürmte. Der fehlgehende Steinwurf eines Genossen gegen einen Beamten zerbrach die Flasche mit Benzin, das sich über Dahms ergoß und der bereits angezündete Lappen setzte ihn in Brand, die Pyros, die er am Gürteltrug wurden gezündet. Der Glockenschütze wurde nie gefasst.