Priesterliebe

© hpkluge 2019


BedeutungsgeladeneWorte, treuherzig anmutend, väterlich im Klang

und doch von unstet wachsamen Augen begleitet,

sanft, verletzlich formulierend,

wie um Bestätigung vom Himmel flehend;

immer und immer wieder dieser harmlos tuend, lauernde Blick:

komm, Schätzelein, lieber Junge, wie wärs mit einem kleinen Glück?

Natürlich unausgesprochen, aber auch wortlos durch Blicke und dichter werdende Gesten klar verständlich fordernd lockende Lust.

Das Brevier in den Händen im Ledereinband, Merkmal der Aufrichtigkeit

doch drauf noch der, dem Verführer betörende Duft von unzähligen,

unzählige Male zum Lieben gebrauchter Knaben

beim Sühnegebet nach getaner Tat aufgetragen.

Bei Gebäck und duftend heißem, süßem, sahnegekröntem Kakao

das Confiteor abhörend, das Suspiciat

die kühle Hand versichernd auf jene

des eifrigen, künftigen Ministranten gelegt,

der mit aufgeregt glühenden Wangen schließlich sein junges Antlitz,

versichernd geführt, in den schwellenden Schoß des Gottesmanns legt

und zum ersten Male von vielen

die priesterliche Kommunion dessen Liebesspeisung empfängt…

und dann das geheime und geilige Sakrament

der Verbindung von Gottesmann und vermädlichtem Kind…

Es ist ein Gerücht, dass selbst von diesen entweihten Händen und Stimmen

bezeichnetes und besprochenes Wasser,

Satan und seine Dämonen verjagt,

oder, dass gar die Tränen genossener Opfer,

den Schändern Reue ins Herz treibt.

Schande über die Klagenden beschwört die,

an sich selbst verdorrende, verschworene Schar,

überdrüssig im nie gelebten Leben, angstvoll zu Staub zu zerfallen,

so, wie es längst in wiederkehrenden, mahlenden Träumen

zur dunkelsten, zur ersten Morgenstunde geschieht.


Eine Minute bis Kairo

© hpkluge 2019

Eine Minute bis Kairo

ein Gedanke zur Ewigkeit

ein kurzer Schritt ab des Weges

ein Leben fürs Warten auf Sorglosigkeit

Eine Stunde bis Kairo

ein Wort wie aus Ewigkeit

ein Ziel abseits in der Wüste

einmal und immer und wieder

Eine Strasse ist Spur von tausenden, von Millionen

hin zu einem Punkt,

wo was ist

oder auch nichts

und was es war, weißt du erst – und was es ist

wenn du am Ende

am Ziel

angekommen bist

Ein Tag bis Kairo

ein Buch aus alter Zeit

im Nichts wuchs ein Baum aus Mut

am Strassenrand fließt ein Leben in Asphalt und Sand

Nur die Träume in gläsernen Schiffen

allem, jedem Tag für Tag zu entgehen,

entstofflicht beinah

am Ziel noch vor dem ersten Schritt angekommen zu sein

ziehen fort mit jedem Wind und regnen als Staub auf die Welt

Ein Augenblick bis Kairo

ein Blitz wie Ewigkeit

ein Quell in totem Land

Heimat am Wegesrand


Antagonia.

eine Skizze

© hpkluge 2019

Eingang:

Ein modriges Stück Holz taucht von Gasblasen aus dem Schlamm gelockert und gedrängt zur braungraugrünen Oberfläche des stehenden Gewässers hinauf…
Nach einer kurzen Weile wird es wieder hinabsinken zum Grund,
bis es selbst zu Schlamm zersetzt, selbst Schlamm geworden ist.
Wieso es beachten?
Solang es aber an der Oberfläche treibt, ist es da und zieht den Blick auf sich.
Wird das Auge abgelenkt und kehrt zurück,
ist ihm das Stück vielleicht entschwunden, versunken,
doch taucht es von Zeit zu Zeit, eine Weile lang
immer mal wieder noch in der Erinnerung auf.

Die Bühne:

Er sei jemand, der sich an große Männer hänge,
wußte sie, sich professionell gebend,
mit gehobenen Brauen zu analysieren,
dabei jedoch verräterisch über den eigenen Schatten stolpernd,
sich zwar inspirierend gebärdend, kreativ ablenkend, den Infusionstropf
der Alimentation durch den verbergend, den sie zum Mann nahm,
um ihm, durch ihn versorgt, allerlei Gehörn auf zu setzen
ihn in kalter Ichbezogenheit zum erfrierenden Beweis,
zur Skulptur der Notwendigkeit ihres Selbsterfüllungsselbstbetrugs
zu exhibitionieren…
Narcissus wies wahre Liebe von sich, ertrank in verblendeter Liebe zum eigenen Spiegelbild im Wasser…
was aber ist dem, der sich nicht einmal selbst lieben kann?
Er, den sie beschämen, herabwürdigen wollte wünscht ihr,
dass der Mann, dem sie sich angehängt hat, nicht die Kraft verliert
und sie vor dem lockenden Taumel beim Blick vom Turm bewahrt!


Schwarzer Vogel

© hpkluge 2010

schwarzer vogel

ich seh deinen schatten

über mir an der decke

wenn ich nicht schlafen kann

ist es schon so weit?

ja, ich hab ein wenig angst

auch wenn du lächelst

und dein blick kein bisschen böse ist

kalt ist es

ach komm, sagst du

es gibt doch gar nichts zu verlieren

nicht wirklich

und ausserdem

laß uns einander kennen lernen

wirst sehn

ich bin ein guter freund

ach, schwarzer vogel

sag ich

und höre den atem meiner liebsten neben mir

mir ist so schwer

und ich spüre

leise und ganz heiss

eine träne erst und dann ganz viele

mir in die augen steigen

ganz leicht und sanft

zärtlich beinah

streift eine feder seiner schwarzen schwinge

mir über die wange

und nimmt ganz sacht eine träne auf

hab keine angst, mein freund

wenn wir uns wieder sehen

sei gewiss

sei nur gewiss

sagt er

und da, wo sein schatten war

bleibt noch eine weile

ein mildes und freundliches lächeln zurück

und ich bin glücklich, meine liebste

den duft deiner haut

und deine wärme

so nah

und so voller leben

bei mir zu spüren

dich atmen zu hören

so schlafe ich ein


Adieu

© hpkluge 2017

seine haut war anders, wie samt,

war schwarz und duftete nach zimt und muskat

seine stimme klang aufregend rauh, tief und drang dir

in die ohren, den hals,

die nippel deiner brüste

über den bauch bis hin zur scham und dann

wie eine liebkosende hand

bis in die innersten tiefen

und ließ deine gebärmutter pulsieren

du warst nur noch lust

leidenschaftliches vergessen

und prickelnde abkehr von dem,

dem du dich nüchtern berechnend und ohne feuer

zugewandt und versprochen hattest.

tausendfach hast du es vor dir

gerechtfertigt und argumentiert.

schon beim Versprechen am Altar es ihm zur Last gelegt.

es bleibt erst recht, was es war, was es ist

und immer sein wird,

du hast es inkauf genommen,

willst dich nicht verkaufen

und doch hast du dich verkauft am Altar

dich nicht hingegeben

deinen Teil verraten, betrogen

gegen lust, gegen momente

verschachert, getauscht

adieu kälte, adieu einsamkeit, adieu du!

dies ist kein urteil und auch kein mitleid.


Poem zum reflektierten Tagesbeginn

© hpkluge 2019

Selber, nein selber, will niemand mehr – nur ein paar

statt Rätsel zu lösen, solln klare Antworten, Aussagen her

die den Gebern vorgeworfen

notfalls per gerichtlicher Verfügung unterbunden

und bis in die letzte Instanz zurück in deren Gehirne

geklagt werden können

selber, nein, selber leben, will doch keiner von Verstand, will nicht mehr

ich schenkte dir meinen schönsten Zitronenbaum für deinen Garten

ich seh ihn nicht mehr

eine Betonglasskulptur ragt nun da vom weltweit nass erträumtesten

gigagroßkunstaktienkreateur…

ich war wohl nichts, bin leider nur geistig seelisch mental ziemlich schwer

wer braucht sowas schon, schließlich und endlich

gehts doch wohl um mehr

gehts doch wohl um mehr