Sie – allein

© hpkluge 2019

sie war da, wo er war

oder bemühte sich die orte zu sehen,

kennen zu lernen, die er besucht oder aufgesucht hatte

und fand sie natürlich toll und überwältigend, herrlich

sie las oder betrachtete, was er für bedeutsam hielt

versuchte zu verstehen, worauf es ihm ankam

formulierte selbst tastend in die richtung, die sie glaubte

in seinen äusserungen erkannt zu haben

entschuldigte sich flugs für ein stolpern,

machte sich klein, lachte über sich, gab den clown,

zeigte sich niedlich und schwach,

spürte schmerzhaft, dass ihm gerade das nicht gefiel

sprang hastig in ein anderes kostüm

und in seine vermeintliche spur

immer noch und immer wieder

das mädchen, so bemüht, dem papa zu gefallen

seinen entfernten blick auf sich zu ziehn

nun stets auf der suche,

ihn in ihm oder einem wie ihm, wieder zu sehn.

sie macht es so leicht,

sie in besitz, wie zur sklavin zu nehmen.

sie will gern, dein zeichen tragen,

mit deinen freunden befreundet sein,

um dich für sich zu haben,

einen herrn und könig,

der nur ihr und nur ihr ganz und völlig allein gehört.


Charakterschwein… geil muß nicht unbedingt auch Liebe sein

© hpkluge 2019,

er hat mich an und angeschmachtet

und ich dachte noch:

das kann nicht sein doch irgendwie, er war da und irgendwie
war er junge, wie ich und war auch sie

und es war, irgendwie erste liebe und viel

leichter, weil er ein junge war

und nicht wirklich eine sie

jetzt ist er frau und dominiert

er hat die pussy, er regiert

ich lerne, dass ich ohne ihn nur schuld am aus, am niedergang und sonst nichts bin, nichts sein kann und, was er nicht will, das kann, das darf nicht sein

wer anders denkt, ist krank oder dumm oder ein nazi-schwein dabei kann er so lieb, zärtlich und so ein wunderbarer partner sein

stets mittelpunkt

wenn nicht, dann halt

migränekrank

so durch und durch, narzist, und voll ein charakterschwein

ätzend und krank aber voll und ganz, ganz mein!


Du hast es weit gebracht

© hpkluge 2019

ja, ja, ja,

du hast es weit gebracht

dich charmant mit klarer witterung

bekannt gemacht

gut situiert,

auch ehe mal probiert

aber irgendwie

gehört doch etwas mehr

als glück dazu

ja, ja, ja,

du hast es weit gebracht

bist auf du und du

mit großen namen,

die deinem mikrofon

nett antwort geben

du bist wo du bist

weil du weißt was man denkt und sagt

und wie man ist

dein blick, dein Ohr

sind staatsanwalt und polizei

und richter sind sie sowieso

du schaust nicht, liest nicht,

hörst nicht zu. verstehn, wieso?

alles ist nichts und falsch, gehört verboten

ist es, spricht es, denkt und gibt sich nicht wie du

ja, ja, ja,

du hast es weit gebracht

so weit von dir,

die du doch warst

oder doch nur vorgegeben hast zu sein?

So selbstgewiss, erschütternd blind

und stumpf und taub

für all das, was nicht in deinem Spiegel ist

nicht ist, wie du

enttäuscht? ja schon, von mir! von dir? nein, bin ich wirklich nicht,

seh ich doch nun dein wirkliches gesicht

und nicht das von dir in mir


Narzissus

© hpkluge 2019

ich hab diese welt immer wieder

und immer nur wieder diese welt

und immer wieder dieses gesicht

und immer nur wieder dieses gesicht

in diesen kristall-leeren augen gesehen, gelesen

da war sonst nichts, rein gar – rein überhaupt nichts

gekachelte wände, böden,

kacheln sogar an der decke

weiß und sagrotanrein.

und dann das immergleiche grinsen, als selbstsicheres lächeln getarnt

wie ein icon überall, allüberall

zwanghaft perfekt

zu aggressiv scharfen bögen gezupft definierte brauen

überheblich der klang, der zwischen zynisch geformten,

kalt gezogenen Strichlippen entweicht

an den hüpfenden gang hebiphrener,

sich in der pubertät festkrallend feststeckender menschenkinder erinnernd

augen voller nichts, die zu gar nichts führen

in diese welt aus nichts und wieder nur nichts

diesen gekachelt sagrotanreinen raum,

von dessen weißen, glasierten kacheln und fliesen

immer und immer wieder nur

dieses gesicht reflektiert wird

unendliche male,

das sich nicht von sich lösen kann

an sich, an der menge seiner reflektionen erstickt,

ertrinkt, verwirrt und ausgelöscht wird.

im erlöschen verätzt es noch mit hämisch schmierigem grinsen und unschuldsvoll vorwurfsvollem schulterzucken den frieden, die liebe,

die welt um sich herum, die menschen guten willens und freier offenheit

um sich an deren schmerz, deren ratlosigkeit und demütigung zu ergötzen, über das kreuz spottend, das sie sich aufladen

narzissus ist die lust, millionenfach in legionen und menschengestalt nichts, leer und böse zu sein!


schatten in der hand

© hpkluge 2019

es war leicht verständlich

vom vortragenden wie knetgummi

ins auditorium geworfen.

jedoch schien die mehrzahl der personen im saal

körperlich und geistig motorisch eingeschränkt zu sein.

niemand fing auch nur einen gedanken, ergriff nur einen aspekt

der geist tropfte zäh zu boden,

prallte, auf schall reduziert, gegen wände, scheiben und deckenpanelen.

eine welt, deren bestand, fortschritt und zukunft

auf den rohstoff kreativer gehirne, deren kraft und geist angewiesen ist,

geht unter im bleiernen dunst befindlicher displaylaberei,

stumpf blickender daddelei…

drei von hundert folgen ihrem weg, und schaffen,

was siebenundneunzig durchfüttern muß,

die ihre seelen ihr leben auf dem silikon-altar opfern

für etwas, das schon versickert ist, bevor es

in einem neuronalen cluster überhaupt  hat ankommen können.