09 Josef Spanger

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Josef Spanger hatte eine durchquälte Nacht hinter sich und war keineswegs bereit, das ihm sonst so erfrischend, belebende Knarzen des Weckers als Einladung in einen neuen Tag voller Konzepte und Entscheidungen, stundenlangen Diktaten zur Erledigung seiner Korrespondenz anzunehmen. Den Maßgaben seiner Gattin folgend hatte er Hedwig Körner zu seiner persönlichen Sekretärin bestimmt, ein hageres, schmalstlippiges Wesen mit weit vorgealtert faltiger Reptilienhaut, die auf streichholzartig knöchernen Beinen erschreckend flink durch die Büros lief und huschte, und ihn dabei nur deshalb nicht an eine Spinne erinnerte, da sie nur vier Extremitäten besaß und sich, soweit er es beobachtet hatte, stets auf die Fortbewegung mittels der zwei hageren Beine beschied. Fräulein Körner, wie sie mit Nachdruck wünschte, angesprochen zu werden, war, was niemanden im Unternehmen oder bei Lieferanten und Kunden Wunder nahm, eine, im höchsten Maße perfekt und effizient arbeitende Kraft, und es ging das, vom Fachmann eines beauftragten IT-Unternehmen gestreute Gerücht, dass sich neben ihr selbst die aktuellen, höchstgetakteten Prozessoren in Servern und Notebooks welk und frustriert fühlten, was immer wieder die Probleme verursachte, deretwegen er vor Ort in Erscheinung träte und schöne Rechnungen schreiben dürfe. Josef Spanger hatte seinerseits dieses Gerücht schmunzelnd zur Kenntnis genommen und es für sich behalten, denn über die Frauen seiner Freunde, würde es auch Fräulein Körner´s Schutzmacht, seiner Gattin, zu Ohren kommen, quälende Ermittlungen verursachen, Mutmaßungen und Personalfragen bis ins Bett zur Diskussion stellen, wo dies doch die einzige Zeitspanne im Tagesverlauf für ihn war, in der er etwas Privatsphäre und Zeit für sein Hobby genießen konnte, dem Stöbern in Modellflugzeugkatalogen. Die Sehnsucht, diesem Sport aber auch real nachzugehen, war verdammt, auf ewig, Sehnsucht zu bleiben, denn die Gewissheit, dann Tag um Tag nicht nur durch eine Wüste aus Eis mit fauchenden, schneidenden Winden zu wandern, sondern zugleich graue Meere uferloser Hoffnungslosigkeit stets aufs Neue zu durchschwimmen angehalten zu sein, hatte ihn zum immer freundlichen, weisen Menschen schon in seinen besten Jahren geformt. Aus dieser, ihm zueigen gewordenen Camouflage heraus gelangen ihm, ihn erheiternde Vorstöße auf einem ihm feindlichen Gelände.

FräuleinKörner´s militärische Disziplin war zu erschüttern, sobald er deren Bruchstellen in zwischenmenschlicher Kommunikation und Interaktion behutsam entdeckte und es ihrer Zwängigkeit überließ, eine Dystrophie zu erkennen, die sie als Diagnose einer anderen Person nur als Kriegserklärung  hätte verstehen und beantworten können. Mißtrauisch schmeckte sie seine subtilen Manipulationen auf Kontrollverlust oder planvolle Kontrollbeschneidung ab. Sie ahnte, stand sich aber immer wieder mit dem für sie unumstößlichen Paradoxon im Wege, nicht wirklich, nicht perfekt, zu sein. Da es die Abläufe seiner Unternehmensführung dann aber doch beeinflußte, wenn er Fräulein Körner zu lange in einer Endlosschleife sich dehnender Rückkopplungen hielt, beendete er sie, so sehr die Beobachtung ihn auch amüsierte. Ausserdem, wollte er seine temporäre Dominanz nicht dadurch gefährden, daß sie, wie alle Raubtiere in eine Optimierung ihrer Problemlösungskompetenz überginge. Gestern war er bewusst ein neues Risiko eingegangen, sie aus ihrer Blockadezu lösen.

„Körnchen, Sie sind ja doch mein bestes Pferd im Stall!“, hatte er einfach gesagt. Im gleichen Augenblick, als er es sich sagen hörte, ergriff ihn beinahe so etwas, wie Panik. Sie schien wie aus einer kurzen Unaufmerksamkeit aufzuwachen. Ihm kam sofort das Bild einer aufgerichtet, tänzelnden Kobra vor Augen, die den Flötenspieler und seine mesmerisierenden Bewegungen hochkonzentriert verfolgt, duldet und doch die Spannung für einen Angriff aufrecht erhält. Der sich ändernde Faltenverlauf ihrer Gesichtshaut wäre nur wohlwollend als Lächeln zu interpretieren gewesen, eher schon als eine Art vorweggenommenen Abschmeckens der fokussierten Beute. Ansonsten machte sie einfach mit dem Vorgang weiter, der vor ihr lag. Bildete er es sich ein, oder hatte sie dem nächsten Anrufer tatsächlich mit entfrosteter Stimme geantwortet?

In der Nacht hatte ihn Harndrang zweimal aus dem Schlaf geholt. Als er sich dann schließlich erschöpft in einen Schlaf gequält hatte, griffen die Bilder eines Albtraums nach ihm, die ihn endgültig in ein Zwischenreich aus aufschreckendem Erwachen und von Visionen getriebener Bewußtlosigkeit verbannten.

Schweißgebadet war er aus dem Bett ins Bad geflüchtet, um sich unter dem kalten Wasser der Dusche in die Realität zurück zu zwingen.

Fräulein Körner´s Gesicht hatte über ihm geschwebt, während sie ihn zur Paarung zwang und er in schillernden Fascettenaugen sein Schicksal als Proteinquelle zur Produktion zigtausender Eier lesen konnte.

Es gelang ihm das Haus verlassen zu haben, bevor das Licht im Treppenhaus aufleuchtete. Sie würde sein Handy erst entdecken, wenn sie versuchte, ihn anzurufen und das Klingeln sie zur Garderobe rief. Sie würde ihn im Büro anrufen wollen, um seine Rechtfertigung zu verlangen und von Fräulein Körner erfahren, daß auch die nicht im Bilde war, wieso er nicht im Büro sei, daß sie keine Termine notiert habe für ihn und sich auch nicht vorstellen könne, wo er sich aufhielte. Nun würde sie den Auftrag erhalten, dieFlugbereitschaft seiner Firmenmaschine zu kontaktieren, dieFahrbereitschaft, ob er möglicherweise mit einer der luxuriösen Limousinen unterwegs sei, ohne eine positive Rückmeldung geben zukönnen, also würde das Interview sich auf eine persönlichere Ebene erstrecken… ob es Probleme im Unternehmen gegeben habe, die ihn belasteten, ob er sich irgendwie anders in der letzten Zeit verhalten habe… Josef Spanger war sich sehr sicher, daß Fräulein Körner seiner Gattin nichts von jenem Satz sagen würde, den er ihr zur freien Verfügung überlassen hatte. Sollte sie es, wieso auch immer dennoch tun, würde seine Gattin weder spontan verstehen, noch zu einer Entscheidung gelangen. Schließlich hatte er selbst keinen Plan verfolgt, sondern spontan, experimentell gehandelt, etwas, das weder in ihr noch ihrem Schützling angelegt war.

Einen Atemzug lang spielte Josef mit dem Gedanken, seinen alten Schulfreund Gregorius aufzusuchen, um sich – für alle Fälle – einen Befund über Herz und Kreislauf erstellen zu lassen. Er würde sich zwar Vorhaltungen machen lassen müssen, daß er in unverantwortlicherWeise selbst mit dem Wagen gefahren sei, statt den Arzt kommen zulassen, oder wenigstens seinen Fahrer zu bestellen, oder als letzteMöglichkeit ein Taxi zu rufen, aber das wäre die erträglichste Variante. Josef blickte von der Brücke, am Geländer stehend überden Hafen aufs Meer bis zum Horizont hinaus und schüttelte, über sich selbst lachend, den Kopf. Nein, genau auf so etwas hatte er keine Lust. Alte Spiele und ausgetretene Wege sind sterbenslangweilig, so sehr sie sich auch bewährt haben mögen. Im Grunde lernt man bei den einen nur, was man doch längst schon gelernt hat ohne zu lernen. Bei den anderen stolpert man von einem Dejavu ins andere und stellt irgendwann desillusioniert fest, nicht einen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen zu sein. Überrascht stellte er plötzlich fest, wie das Stahlrohr des Brückengeländers, das er umgriffen hielt, sich in seiner Konsistenz zu verändern schien: weicher fühlte es sich an, nachgiebig beinah, wie Knetmasse.Es ängstigte ihn nicht, obwohl er diese Wahrnehmung als real empfand und keineswegs einem geistigen oder organischen Problem geschuldet. Es erheiterte ihn, als sich ihm von beiden Seiten her, delphinartige Verformungen des Stahlrohrs näherten, sich durch seine Fäuste hindurch kreuzten, er ihre schnatternden Stimmen hörte und sich ein feiner Wassernebel aus ihren Atemlöchern über ihn legte!

„Ja,nehmt mich mit, meine Freunde!“, flüsterte er ihnen zu, während warme Tränen feuchte Bahnen über seine lächelnden Wangen zogen und sich mit den kühlen Tropfen des Wassernebels vermischten.


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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