Pollerbrink

© hpkluge 2018

Auffällig wurde Jochen Pollerbrink im Jahre des beginnenden Wahnsinns 1968! Mit einem Haufen „verlauster Affen“, wie seinerzeit langhaarige junge Männer in Jeans, Batikhemden, Amiparkas mit olivgrünen Armeeumhängetaschen und komischen Schlabberstiefeln genannt wurden, hatte er sich zu einer Sitzdemonstration (Sit-in) vor den Haupteingang des Rathauses gehockt und sich lautstark, ein Plakat schwingend, für die „Freiheit aller Gummibärchen“ eingesetzt, den Schlachtruf „Haribo-Haribo“ johlend skandiert. Zwei oder drei Polizeibeamte standen abwechselnd neben dem Häuflein, grinsten, bemühten sich immer dann um einen ernsten Gesichtsausdruck, wenn allerwichtigste Mitglieder von Stadtverwaltung und Stadtrat Unverständnis und Verärgerung äussernd an den Sitzenden Abstand suchend vorbei tänzelten, wie fürchtend, es könne tatsächlichetwas auf sie überspringen und sie infizieren.

„Kommt, Jungs, macht keinen Ärger, geht nachhause!“, PolizeihauptmeisterKnippschild, selbst Vater einer Bande verrückten Nachwuchses, ging freundlich und mit verhaltenem Nachdruck auf das junge Volk ein und war gerade dabei, die Spaßvögel zur Beendigung ihrer Demo und zumVerlassen der Fläche vor dem Ratshausportal zu bewegen, als ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei eintraf, sechzehn Uniformierte mit gezogenen Gummiknüppeln absprangen und gegen das, in Auflösung begriffene Häuflein vorgingen. Bürgermeister Kernbeck hatte sich, nach seiner Einschätzung der Lage und der der Mehrheit des Stadtrates veranlaßt gesehen, die Autorität der Stadt wieder herstellen zu lassen. Kurti Thymian, der kleine, geistig etwas zurückgebliebene Bruder eines der Teilnehmer der „Demo“ hatte den herbeieilenden Beamten noch sein Teddybärchen wie ein Friedenszeichen entgegengehalten, doch ein Steinwurf aus einer Gruppe abseits stehender Burschen, der den Tschako eines Polizisten traf, ließ die Situation eskalieren und der Teddybär löste sich unter der Wucht des Schlagstockes in seine Bestandteile auf. Kurti stand weinend da überdeckt mit Wollfäden und Holzwolle. Die „Verteidiger der Rechte der Gummibärchen“ wurden abgeführt und zwei sportliche Bereitschaftspolizisten übernahmen die Verfolgung der Steinewerfer, die durch die, ihnen geöffnete, Glastür ins Innere des Freizeitheims der sozialistischen Parteijugend verschwanden. Einem der Beamten waren die örtlichen Gegebenheiten geläufig, er spurtete um die Ecke des Gebäudes, Schreie waren zu hören und weitere Polizeibeamten stürmten heran. An der straff gedrehten Knebelkette führte der Beamte einen der Steinewerfer mit sich und übergab ihn einem Kollegen, der ihn zum Mannschaftswagen zerrte, wo ihm Handschellen angelegt wurden. Jochen Pollerbrink saß bereits ungefesselt auf der Holzbank im Inneren. Ihm war jeder Spaß und Ulk verlorengegangen. Er ahnte, dass die Steinwürfe der Leute, mit denen er und seine Freunde nicht die Bohne zu tun hatten, der ganzen blöden Aktion einen anderen Anstrich gegeben hatten.

Polizeihauptmeister Knippschild erklärte seinem Kollegen von der Bereitschaftspolizei, dass die Jungs sich vor dem Rathaus einen Spaß geleistet hätten, der schlimmstenfalls dumm aber keineswegs bösartig oder gar politisch zu verstehen gewesen sei.

„Dann hör Dir mal die Burschen von der sozialistischen Freizeiteinrichtung an! Die Sprüche, die die klopfen, klingen ganz anders, Kollege. Der Anwalt der Partei ist auch schon im Anmarsch und das ist eine ganz und gar unangenehme Nummer!“

„Die haben sich den Gummibärchen-Blödsinn der Burschen hier zum Anlass genommen, ihr Ding, Aufregung und Krawall zu machen.“, hielt Knippschild dagegen. Sein Kollege war ein ebenso verständiger Mann und nickte. Diese Hosenscheisser im Rathaus gingen ihm und den Kameraden gehörig auf die Nerven. Tatsache aber war und blieb, dass die sich den Bürgern als echte Macher und knallharte Vertreter von Bürgerinteressen, von Ruhe und Ordnung verkaufen wollten. Bei Langhaarigen setzte unter vielen Leuten spontane Schnappatmung ein.

„Es ist absolut notwendig, ein Fanal gegen den US-amerikanischen Kriegskapitalismus in Vietnam und überall auf der Welt zu setzen!“, stand morgens in dicken schwarzen Lettern über einem Foto das Pollerbrink und drei, vier Freunde vor dem Rathauseingang hockend zeigte. Im Inneren dann ein kleineres Foto, dass den Steinewerfer mit abgewandtem Gesicht zeigte, wie er an der Knebelkette abgeführt wurde. „Polizeigewalt gegen unbeteiligte, zufällig anwesende Jugendliche!“, beschwerte sich im nebenstehenden Text ein Rechtsanwalt, Dr.Gaetan Kehlhardt, der ernste rechtliche Schritte gegen Polizeiführung und Stadt ankündigte. Norbert Czimpanske, durch das Foto seiner Verhaftung zum Helden des lokalen Undergrounds und der linken Szene aufgestiegen, brüstete sich im „Progressive Shelter“ mit dem Steinwurf auf den „verschissenen Bullen“ und ließ sich von der geilen Kommunardin Lore Zardin einen Joint mit nassem Mundstück zwischen die Lippen schieben. Kurz darauf zog sieihn an der Hand hinter sich her zum rückseitigen Treppenaufgang, wo es sich schnell verschwinden ließ bei Bullenalarm. Sie lüftete ihren weiten Wollrock, zog ihren Po frei, lehnte sich gegen die Backsteinwand und hielt Norbert ihr Hinterteil entgegen. Als die Tür aufging und jemand ins Freie drängte, keifte sie schneidend: Ey, Arschloch, hier ficken Genossen für den Weltfrieden! Mach Dich weg oder willst´e Krieg?“

„Tut mir leid!“, kam es schüchtern zurück, die Tür fiel wieder ins Schloß, Norbert zog seine Jeans runter, nahm sein Ding in die Handund brachte es in Position. Lore warf sich dagegen, übernahm den Akt herrisch, wich seinen Versuchen, sie auf Wange, Nacken oder Mund zu küssen aus. „Nobbi, lass das Rumgebürgere sein, ich will Dich ficken und sonst nichts, glaubst Du, Du kriegst das hin?“ Norbert kam viel zu schnell aus lauter Panik, sie könnte sich ihm entziehen.

„Bist Du sicher, dass Du es warst, der den Stein auf den Drecksbullen geworfen hat?“, ließ sie giftig über ihre Lippen tropfen. Sie wandte sich ihm zu, sah ihn mit offenem Blick an, griff sich zwischen die Schenkel und schmierte ihm mit der Hand die Mischung ihrer Feuchtigkeit und seines Ergusses mit gespitzten Lippen ins Gesicht.

„Kein Zweifel, dass Du es warst! Nobbi, mein Held. Tut mir leid…“

„Na, geh mal wieder rein, Schatz!“, sagte sie dann und tätschelte ihm noch mit der klebrig nassen Hand die Wange. Als er brav und völlig irritiert in den herausströmenden Kneipenqualm trat, schob ihn „Che“ Dompskie, der Sprecher der Marxistischen Roten Aktionsbrigade zur Seite und drängte sich an ihm hinaus ins Freie.

„Was hast´e denn mit der Wurst angestellt?“, fragte er Lore, packte ihren Kopf zwischen seine schmalen aber kräftigen Hände und schob ihr seine Zunge in den Mund. Wenige Momente später drang er in sie ein und Lore schrie hemmungslos ihre Lust hinaus.

Pollerbeck´s Eltern wurden von Direktor Volland zum Gespräch gebeten.

„Sie werden verstehen, dass wir nach den Ereignissen, bei denen Ihr Sohn eine maßgebliche Rolle gespielt hat, sogar einer der Initiatoren war, ihn nicht weiter an unserer humanistischen Bildungseinrichtung dulden können! Unser Gymnasium ist in einer absolut degoutanten Weise in ein grelles öffentliches Licht gezerrt worden, dessen negativen Folgen noch gar nicht zu ermessen sind. Marlies Pollerbeck, Jochen´s Mutter wollte entschieden aufbegehren. Arthur Pollerbeckstand auf, legte seiner Frau den gesunden Arm um die Schultern und meinte: „Marli, lass es gut sein! Dieser Herr hat seinen Herren zu gut gedient, um mit geradem Rücken zu stehen und sich ein eigenesBild zu machen.“

Volland wollte aufbegehren, sprang von seinem Holzstuhl hoch. Der „Zeigefinger“ von Arthur´s mit schwarzem Leder bezogenem Handstück der Armprothese, wies Volland zurück.

„Sie wären bei uns, ganz vorne, möglicherweise ein brauchbarer Mensch geworden, Gauleiter, Volland!“ Der sackte mit flatternden Knien und ängstlich bleichem, hassverzerrtem Gesicht auf seinen Stuhl. Pollerbeck griff nun mit der unversehrten Hand in die Brusttasche seiner Anzugjacke, zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor, schüttelte es, bis es sich geöffnet hatte und hielt es Volland in sicherem Abstand vor.

„Erkennen Sie das, Gauleiter? Ja, ich weiß, das tun Sie und noch viel mehr Leute werden Ihre Unterschrift neben dem Siegel wieder erkennen, und der Formel im Namen des Führers usw.usw.! Brauch ich Ihnen ja nicht zu sagen, Sie wissen doch, was da steht! Ich bin überzeugt, Volland, dass unser Sohn an diesem Gymnasium sein Abitur ohne schändliche Grätschen und Manipulationen, von wem auch immer, machen wird, so gut er es aus seiner Kraft heraus vermag. Stimmen wir da überein? Denken Sie darüber nach, aber ein Versprechen geb ich Ihnen: Ich mußte zehn Jahre mit Kakerlaken, Wanzen, Flöhen, Ratten leben, ich kenne jede Bewegung, jede Taktik dieses Geziefers und sollte ich Anlass haben, etwas erkennen zu müssen, was sich mir in all den Jahren eingeprägt hat, wird dieses Dokument und werden einige andere mit eidesstattlichen Erklärungen und belegbaren Unterschriften ihren Weg in die richtigen Hände finden! Ach ja,vorsorglich habe ich verfügt, dass ich bei gewaltsamem oder unnatürlichem Ableben dem Anwalt und Notar erlaube, alles was ich in dessen Hände gab der Öffentlichkeit zu übergeben. Ihr guter alter Freund Sturmbannführer Birkin sollte seine professionellen Künste unterdrücken, denn jedes Leid, das meiner Frau, meinem Sohn oder anderen Mitgliedern meiner Familie angetan wird, könnte für ihn zu einer Reise nach Israel führen, wo man gewiss ihn betreffende Dokumente zu schätzen weiß!

Jochen Pollerbrink brachte ein recht manierliches Abitur zustande und wandte sich dem Studium der Veterinärmedizin zu. Sein Vater erlag kurz darauf den Spätfolgen einer weiteren Kriegsverletzung. Er hinterließ Jochen ein Kuvert mit dem Namen und der Anschrift eines Rechtsanwaltes darin und einen an ihn adressierten Brief. „Wenn Du mal das Gefühl hast, einfach so, es sei an der Zeit, überbringe den Brief dem Anwalt!“, stand auf einer kurzen Notiz.

Zwanzig Jahre später begegnete Jochen auf einem Treffen der Ehemaligen seiner Schule auch einigen der anderen „Verteidiger der Freiheit für alle Gummibärchen“ wieder, insgesamt waren von allen drei Klassen aus denen sie sich rekrutiert hatten gerade einmal acht Leute gekommen und nur ein Lehrer, ausgerechnet Pater Wolfenson, ein trocken humoriger „Mönchskrieger des Herrn“, der dem Religionsunterricht in stetem freundschaftlichen Streit mit Herrn Buda, dem für die evangelische Religion zuständigen Lehrer Würze verliehen hatte. Herr Buda war das gothische Spiegelbild vonWolfensens Barock und beide zusammen das einleuchtende Vorbild gelingender Ökumene gewesen. „Ohne meinen Bruder im Herrn bin ich nur die Hälfte!“, sagte er, als er die Verwunderung seiner Schüler über seine ernste Verschlossenheit spürte. Er hatte Buda, der nach dem Tod seiner Ehefrau und beider Kinder durch einen Autounfall selbst unheilbar an Krebs erkrankte, über Monate als Seelsorger eines Hospizes begleitet, ihm die Augen geschlossen und ihn mit einer ökumenischen Zeremonie beerdigt.

Wolfensen wußte von den meisten der Lehrer, die sie unterrichtet hatten zu berichten und er schätzte besonders die heiteren Anekdoten, die er ihnen vortrug.

„Direktor Volland ist vor sechs Jahren etwa in großem Unfrieden mit sich und der Welt gestorben!“, erklärte Wolfensen und beendete die Beantwortung der an ihn, den ehemaligen Direktor betreffend, gerichteten Frage.

Dafür übernahm Dirk Korte:

„Der Geistliche, der ihm das letzte Sakrament spenden sollte, konnte es nicht verhindern, das er etwas schluckte, das er in seiner Hand gehalten hatte! Er schluckte, sprang aus dem Bett, riss den rechten Arm hoch und soll geschrien haben: „Heil, mein Führer und einziger Gott!“ dann hat es ihn zuckend zu Boden geschmissen!“

Wolfensen schüttelte missbilligend den Kopf und sprach dann ruhig mit der Geste des Segens:

„Der wahre, allmächtige und barmherzige Gott sei ihm gnädig! Soll er in Frieden ruhen!“

„Amen!“, sagte jemand der Anwesenden.

Irgendwie ging damit das Treffen zuende, das Seltsame aber war, dass alle den Wunsch mitnahmen, sich über kurz oder lang erneut zusammen zu finden.

Jochen hatte das klare Gefühl, verstanden zu haben. Er holte daheim das Kuvert seines Vaters, weitere Dokumente, Fotos, Negativbildstreifen und drei daumendick gerollte, seitlich gelochte Zelluloidstreifen aus dem Tresor im Keller, in dem er auch die Gifte und Wirkstoffe gesichert hielt, nachdem es bereits zweimal Einbrüche in seine Veterinärpraxis gegeben hatte. Jana, seine Frau hatte Dienst als Notärztin der Feuerwehr. Er machte Feuer im Kamin, bereitete sich einen Whisky mit einem Spritzer Wasser, stopfte sich seine Lieblingspfeife mit duftendem Tabak, paffte sie an, schob die Scheite zurecht, blickte einige Zeit in die Flammen, nahm den Whisky, kaute auf ihm, genoss den milden torfigen Geschmack, schluckte, stopfte den Tabak etwas nach, paffte die Pfeife, schnupperte dem süßlich, nach Pflaumen duftenden, bläulich grauen Qualm hinterher, nahm dasKuvert und das andere Material vom Sims und warf es ins Feuer, ein kurzes Aufflackern, Zischen und Lodern, und es war vorbei. Er verstand, warum Vater das selbst nie hatte tun können aber nun war diese Eisenkugel, die schwer an seiner Seele gehangen haben musste, als Rauch den Kamin hinauf gestiegen und im Schwarz der Nacht verschwunden. Die Gerechtigkeit, die Vater sich gewünscht hatte, war nicht in die Vergangenheit zu tragen und all seine Beweise wären nur ein Sandkörnchen in einem hohen Berg aus Sand. So aber war in den Flammen ein Stein aus einer Mauer aus Verbrechen, Hass, Rache und Leugnen verbrannt, schuf eine Lücke für das Licht, das in das Leben scheinen wollte!

Nachtrag:

„Alle tot, Elon!“, berichtete Jakoov Gilderman seinem Vorgesetzten.

“Verstorben, suicidiert, verunglückt; den einzigen, der von der Gruppe zuletzt noch von Interesse war und lebte, Sturmbannführer Helmfried Birkin, hat Leutnant Devora Kurtzweil von Yaron´s Einheit mit der Injektion wohl eher befreit als bestraft!“

„Diese Gnade hat er niemandem zuteil werden lassen!“, schloss Elon Maczkowiak, entließ Jakoov und übergab das vor ihm liegende Blatt Papier dem Reisswolf.


Vorwort zu meinen „Krimis“

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Was, wenn man gar keinen Krimi schreiben will, sondern nur eine Geschichte erzählen möchte, die aus einer Laune heraus beginnt und sich, von Höxken auf Stücksken springend, von selbst weiter spinnt, munter aus einer Quelle sprudelt, seltsame Wendungen nimmt und einen Weg beschreibt, der für einen überraschend verläuft, bei dem man sich selbst rückblickend die Frage stellt, wie es dazu hat kommen können, was einen da wohl geritten haben mag. Wenn irgendwann die Ahnung bestimmt, dass der Augenblick für den letzten Satz und den Punkt hinter dem letzten Wort gekommen ist, und sich das Gefühl einstellt, etwas fertig gestellt zu haben, kommt das Staunen und zum erstenmal liest man selbst, was da zustande gekommen ist und dann noch einmal und nochmal, in begierigem Verlangen zu verstehen. Manchmal senkt sich der Daumen, wandelt sich Hochgefühl in die Einsicht: Nee, gefällt mir nicht, passt nicht. Da hilft nur Löschen, Platz schaffen für ein freies: „Auf ein Neues“! Vergeudete Zeit? Keineswegs, denn, was einem selbst nicht gefällt und überzeugt, hat vor anderen Augen nichts verloren, sollte niemandem die Zeit fürs Lesen stehlen. Ob es ein Krimi ist, der am Ende heraus gekommen ist, kann sein, wenn nicht? Auch gut, solange ein Rätsel da steht, das gelöst sein kann, auch wenn es „nur“ weitere Fragen stellt. Antworten zu geben überlasse ich denen, die keine Fragen haben oder ertragen. Das ist dann fragwürdig genug! Weder sollte man Angst vor sich selbst haben noch anderen Menschen Angst machen wollen oder behaupten, dass sie keine Angst haben müssen. Angst ist okay und wer lernt mit ihr klar zu kommen versteht…


Ripperjack

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Aus dem kleinen Häuschen 10, Primrose Lane in Copperton an der Südküste, kam eine attraktive Mittvierzigerin in luftigem Trägerkleid und auf Highheels herausgeschritten, kaum, dass ich meinen Wagen auf dem kleinen Besucherparkplatz neben dem Haus abgestellt und verlassen hatte.

„Sie sind angenehm pünktlich, Sergeant!“, meinte die Lady mit aufregend dunkler Stimme. „Der Tee steht bereit und mein Kuchen wartet darauf, gekostet zu werden. Der Handschlag, der sich bei uns in London inzwischen ziemlich eingebürgert hatte, war hier zwar nicht mehr unanständig, aber durchaus unüblich. Sie reichte mir ihre gepflegte Hand, an deren Ringfinger sie einen Ehering trug. Offenbar gehörte sie der katholischen oder der lutherischen Kirche an.

Ich bin Dana Carrington, ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Sergeantdetective Wouthman! Nennen Sie mich bitte, Dana, das macht es einfacher.“

„Gern, Dana!“, entgegnete ich, „Und nennen Sie mich bitte Thorn! „Thornwell“ ist doch etwas sperrig!“ Sie lächelte. „Sagen Sie, woher stammt Ihr Name?“

„Darüber gibt es Diskussionen in der Familie. Die einen sagen, unser Name stamme aus den Niederlanden, die anderen meinen zu wissen, er käme aus Wales. Mein Vorname soll sich auf einen Prediger aus den Staaten beziehen. Vielleicht sollte ich da mal recherchieren. Mir gefällt der Klang, das reicht mir voll und ganz!

Sie hatte wunderschönes Porzellan aufgelegt auf einem runden Mahagonitisch mit Messingdetails.

„Bitte nehmen Sie Platz, Thorn!“, bat sie, „und sein Sie so gut, helfen Sie sich mit dem Tee. Ich hatte gestern die Eingebung, eine Kommode in meinem Schlafzimmer zu verrücken, was mir irgend ein Nerv übel genommen hat. Ich werde die Kanne nicht sicher halten können. Ich schmunzelte innerlich, denn immerhin stand sie nun ja auf dem Tisch! War das ihre Rolle, oder fühlte sie mir auf den Zahn?

„Ich darf Ihnen Tee einschenken Dana?“, fragte ich mit einem Augenzwinkern.

„Sie sind ein aussergewöhnlich wohlerzogener junger Mann!“, entgegnete sie. „Irgendwie scheinen Gentlemen allgemein heute aus der Mode gekommen zu sein.“

DerKuchen war tatsächlich ein Gedicht; als ich es sagte, meinte sie: „Papperlapapp! Aber in der Tat, diese Deutschen verstehen es, hervorragende Backmischungen zu produzieren!“

Das war gewiss nicht das Ergebnis einer Backmischung, denn genauso hätte meine Großmutter diesen Kuchen gebacken.

„Ihr Chef tat am Telefon sehr geheimnisvoll und erkärte, Sie würden mich über alles in Kenntnis setzen. Worum also dreht es sich?“

Ich trug ihr den Sachverhalt des Falles vor, bei dem wir sie um ihre Mithilfe bitten wollten.

„Ich dachte mir schon, dass Connor, dieses alte Reptil hinter diesem Komplott steckt, mich alte Mumie nach all den Jahren wieder auszugraben und mir unheiliges Leben einzuhauchen!“, entgegnete Sie, nachdem ich geendet hatte.

„Sie verstehen sich außergewöhnlich gut darauf, ein vollständig unzutreffendes Bild von sich zu zeichnen, Dana, wenn ich das einmal sagen darf!“, hielt ich ehrlich dagegen, denn sie war eine äußerst anziehende Frau mit Charisma!“

„Sergeant, wäre ich doch nur 20 Jahre jünger! Sie sind so ein charmanter, junger Mann!“, lächelte sie, strich mir mit den Fingern kurz über die Wange und schenkte mir einen vielsagenden Blick. Dann straffte sie sich und begann ernst zu sprechen:

„Ihr Chef dürfte eben erst seine Akademieausbildung abgeschlossen haben, als Connor mein Vorgesetzter und ich Constabler in seiner Gruppe waren.

„Ja, dieser Fall, den Sie mir vorgetragen haben, hätte auch mich sofort und in allen Einzelheiten an den „Ripper-Jack“- Fall erinnert, an dem wir, Connor, zehn Leute und ich, letztlich erfolglos ermittelten, bis mich ein unglaublicher Zufall mit ihm zusammenbrachte. – Glauben Sie mir Thorn, und das hätte ich auch Connor ins Gesicht gesagt, wenn der alte Feigling sich nicht hinter Ihnen versteckte: Er war immer schon, und er ist auf dem Holzweg! Dieser Psychopath ist tot! Er kann nicht mehr leben! Ich weiß es, weil ich ihm persönlich ein Dum-Dum-Geschoß in den Kopf gejagt habe! Der hintere Schädel war weg und das Gehirn zehn Meter weit über das Flachdach verteilt, auf dem ich ihn damals stellte!“

Der Serienmörder ahmte den legendären „Jack the Ripper“ nach und wurde daher in Anlehnung „Ripper-Jack“ genannt. Jahre später wurden ihm zwei Prostituierte aus der Hafengegend in London zugeordnet, bei denen es sich offenbar um erste Übungsobjekte gehandelt haben musste. Er schien aber zu begreifen, daß er damit nur als Plagiateur betrachtet werden würde. Er verlegte er sich daher wohl auf ein anderes Beuteschema: er begann sich Opfer unter Strichern, Travestiekünstlern, transsexuellen Frauen, insbesondere jenen zu suchen, die als Prostituierte im weitesten Sinne ihren Lebensunterhalt verdienten – als Escort, Strassenhure oder  Sugarbabys. Insbesondere zeichneten sich seine Morde durch eine krankhaft gesteigerte Grausamkeit aus und zynische Symbolik. Ein Opfer wurde an seinem Gedärm an einer Strassenlaterne vor einemSchwulenclub hängend morgens gegen fünf gefunden, als die letzten Nachtvögel das Lokal verließen. Ein anderes Opfer fanden Spaziergänger in einem öffentlichen Park auf ein zugespitztes Rundholz gespießt, das ihm, wie es schien, noch lebend und geknebelt in den Darm bis in den Brustraum getrieben worden war und die eingebrannte Botschaft trug: „the best cock ever, for a gurl like me!“. Aus dem Gepfählten hingen die Eingeweide bis zum Boden heraus. Der Mörder war ein zwängiger Perfektionist. An keinem Tatort wurde die geringste verwertbare Spur gefunden. Zeugen gab es überhaupt keine und die damals bereits zahlreichen Überwachungskameras konnten nicht den geringsten Beitrag leisten. Entweder lag der jeweilige Tatort außerhalb  der Radien aller, in der Nähe befindlichen Kameras, oder es gab nicht eine Kamera in der Nähe des Fundortes eines Opfers. Angesichts absolut fehlender Spuren, liefen die Ermittlungen auf Grund. Aus der homosexuellen Community traten Freiwillige an die Polizei heran, die sich als Lockvögel anboten. Der Innenminister selbst lehnte diese Möglichkeit ab: „Was, wenn das schief geht? Ich lese schon die Presse, die uns garantiert vorwerfen wird, dass wir der Bestie wehrlose Opfer geradezu vor die Füße werfen! – Lockvogel kann nur ein namenloser Undercover-Beamter sein, den es nie gegeben hat, wenn sein Einsatz schief geht!“

„Und da kam ich ins Spiel!“, begann Dana und lächelte mir offen zu.

„Verwundert?“, fragte sie. „Ein schöneres Kompliment können Sie mir gar nicht machen Thorn!“ und legte ihre Hand schmunzelnd, mich aber genau beobachtend auf die meine. Ich war über mich selbst verwundert, dass ich sie nicht zurückzog, sondern im Gegenteil, die Berührung sogar als sehr angenehm empfand!

„Okay,“ fuhr sie fort, „ich war elitärer Eton-Schüler, und ich darf bestätigen, dass jedes Gerücht, die sexuelle Entwicklung mancher Knaben dort, besonders aus sehr priviligierten Familien, sehr nah an der Wirklichkeit ist. Meine Familie war alles andere als priviligiert, doch mein Vater hatte Beziehungen, und mir wurde ein Stipendium zugesprochen. Nun, alles ist militärisch streng dort, es ist hart, man kommt kaum einmal heim… und so ist es zwangsläufig, dass sich besondere Freundschaften erst, und im weiteren Beziehungen bilden, die aus ihrer Art und wegen der gesellschaftlichen Ablehnung, einen zusätzlichen Reiz entwickeln, eine Spannung entstehen lassen, die nicht wenige für ein Leben prägen. Mein Stubengenosse sagte mir auf den Kopf zu, daß ich vielleicht als Junge geboren, in Wirklichkeit aber ein Mädchen sei. Er bewies mir das noch in der gleichen Nacht, er entjungferte mich und nannte mich nur noch sein Weibchen. Ehrlich? Es traf genau einen Nerv in mir, ich war wie berauscht, als Junge ein Mädchen zu sein. Er brachte mir Wäsche seiner Schwester mit, die ich fortan trug und wenn wir ausgingen,mußte ich Kleidung seiner Schwester tragen. Die demütigende Angst, in der Stadt von Mitschülern oder Lehrern erkannt zu werden, war derartig aufregend und manchmal taten wir es gleich hinter einer Tür oder in einem Gebüsch. Nach dem Abschluß ging mein Geliebter an eine Eliteuniversität in die Staaten und ich, der die Mittel nicht hatte, bewarb mich erfolgreich bei der Polizei. Nach Ausbildung und erfolgreichem Examen wurde ich sofort von Connor angefordert, der mich auf der Stelle durchschaute. „Dan, es ist mir sowas von egal, ob Du homo, hetero oder Bonbon bist! Machst Du Deine Arbeit, bin ich zufrieden, machst Du sie nicht oder wird Deine Neigung zum Problem, werden wir, und ich meine: wir, uns zusammensetzen und eine Lösung finden!“

In diese Zeit hinein fiel das Auftreten des Ripper-Jacks. Als ich mich anbot, den Lockvogel zu spielen, war Connor alles andere als begeistert. „Dan, kannst Du verstehen, dass ich nicht neugierig bin zu erfahren, welchen Spaß er sich mit Dir leisten könnte? Du bist noch grün, warte ab!“ Er unterstützte meine Spezialkräfte-Ausbildung, die ich solange durchhielt, bis ich mit einer Hormontherapie begann. Das schwierigste war, mich emotional unter Kontrolle zu halten. Deutlichen Bartwuchs hatte ich nie gehabt und dass die Körperbehaarung zurückging fiel ebensowenig auf, da auch andere Kollegen der Pornomode folgend, sich von der Behaarung trennten. Als aber meine Brüste zu wachsen begannen, meine Hüften, Oberschenkel und Po fülliger wurden, waren Probleme absehbar. In diesem Moment unterbreitete Connor seinem Boss den Plan, mich undercover in die Szene zu schicken. „Der Officer hat sich intensiv auf diese Aufgabe vorbereitet!“ Mein Auftritt war überzeugend, und es gab grünes Licht. Während eines Jahres gab es weitere fünf Morde ohne, dass wir dem Killer auch nur einen Millimeter näher kamen. Ich hatte das Gefühl, dass er auf irgendeiner Ebene, instinktiv wahrnahm, dass seine Jäger ihn einzukesseln begannen. Plötzlich war es vorbei, wie es schien. Kein Mord während eines weiteren Jahres, bis Connor von ähnlichen
Morden mit gleichen Opferprofilen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland erfuhr. Connor lehnte es ab, dass ich in jenen Ländern aktiv werden sollte, er hielt die Taten dort für die eines Nachahmungstäters, und er hatte recht, wie sich herausstellte. Ich blieb hier im Milieu präsent, hatte wohlhabende Freier und galt als so interessant, dass mich zwei Zuhältergrößen „verpflichten“ wollten. Als sich die Handschellen schlossen, hatten sie keine Ahnung, welches „Vögelchen“ gezwitschert hatte. Connor hielt mich vom Revier und den Kollegen fern. Ich arbeitete von einer konfiszierten Wohnung in einem Viertel am Rande der City aus, und stand allein mit ihm in Kontakt. Es war ruhig, sehr ruhig. Ich wurde nervös. Der „Ripperjack“ verstand es, mit schnellen Stichen, seine Opfer so wehrlos zu machen, aber am Leben zu halten, daß er seine perversen Rituale umsetzen konnte. Bei einem illegalenWaffendealer fand ich eine kleine handliche Faustfeuerwaffe, die früher angeblich beim FBI zur Ausstattung der G-Men eingesetzt worden war, und die ich unauffällig unter dem Rock in einem Oberschenkelholster tragen konnte. Ich zweifelte aber an der Wirkung der eher kleinkalibrigen Waffe.

„Nimm die da, und Du wirst Dich wundern, was passiert.“ Leary, der Dealer schob mir eine 50iger Patronenschachtel zu. Die Bleispitze jedes Projektils war kreuzförmig eingekerbt.

„Sobald es auf sein Ziel trifft, geht sie wie ein Quirrl weiter, fräst sich durch. Das Eintrittsloch ist rund, der Austritt kann schon faustgroß und größer sein. Im Nahkampf gibt es nichts Besseres!

„Ist nicht legal.“, entgegnete ich. „Ach was! Schätzchen, wenn Du legal tot bist, hast du nichts davon, richtig?“, konterte Leary überzeugend.

Er lud die Trommel mit fünf Patronen und ich steckte den kleinen Revolver in das Holster. Es trug sich einwandfrei und war vollkommen unsichtbar. Am Abend eines unerträglich schwülen Tages, wollte mich ein Kunde im „Tits´n Banana“ treffen. Als er nicht kam, griff ich mir einen Piccolo und ein Glas mit Eiswürfeln und kletterte aufs Dach, wo ein frischer Wind vom Hafen her wehte. Gerade hatte ich einen Schluck genommen und wollte mir eine Zigarette anstecken, da sprang mich aus dem Schatten des Lüftungskamins heraus eine Gestalt mit   schwingendem Rasiermesser an. Meine Schulter wurde getroffen, der Schnitt schmerzte sofort höllisch, aber mein Knie traf reflexartig grade da, wo es der Gestalt höllisch weh tat. Schnell hatte ich nun den Revolver gezogen und als er die Hand mit dem Messer hob, um mich am Hals zu treffen, drückte ich ab.“

Dana schloß und bat mich, ihr Tee nachzuschenken.

„Thorn, Kopfschüsse mit Standardmunition kann ein Mensch unter Umständen überleben, aber das Dum-Dum-Geschoß hat ganze Arbeit geleistet, viel Gehirn war im Restschädel nicht mehr zu finden!“

Mein Chef nahm meinen Bericht regungslos entgegen, Connor hatte ihn sich auf der Couch sitzend schweigend angehört.

„Dana weiß, daß das Schwein noch lebt! Mir kommt das alles so vor, als habe sie sich vorgenommen, auf eigene Faust vorzugehen!“, trug er knurrig vor.

„Ich habe die Akte durchgesehen und die Fotos der Kriminaltechniker, die der Rechtsmediziner gesehen! CI Connor, da kann es gar keinen Zweifel geben, daß ihr damaliger Sergeant, den Serienmörder erschossen hat!“, erklärte unser Boss. Connor wußte, daß der Punkt erreicht war, die Klappe zu halten. Coulton konnte Widerspruch genau ab diesem Punkt nicht leiden. Auf dem Flur sah Connor mich an, klopfte mir auf die Schulter und meinte: „Dir mache ich keinen Vorwurf, Thorn, aber unser Boss müsste es besser wissen!“

Ichverstand gar nichts mehr. Dana hatte mich irgendwie beeindruckt und es irritierte mich, daß ich darüber nachdachte, ihr erneut zu begegnen! Ich war gute 20 Jahre jünger als sie und empfand sie alsFrau und als sonst gar nichts.

„Er beschäftigt Dich, Thorn, nicht wahr?“, sagte mir Connor auf denKopf zu.

„Hör auf damit. Daniel ist ein Mann, er ist keine Frau, er spielt die Frau, die er vorgibt zu sein. Er hat Hormone geschluckt, das hat etwas mit ihm gemacht, aber sobald er die Hose runter läßt, wird deutlich, was er ist! Komm mir nicht mit diesem esoterischen Quatsch, dass er im falschen Körper geboren sei! Er ist eine ambivalente Persönlichkeit und er war ein guter Analytiker, ein guter Polizist aber auch ein äußerst manipulativer Mensch!“

„Ich schluckte meinen Ärger runter, wollte keine Auseinandersetzung mit dieser „Legende“, als die er in Polizeikreisen galt. Ich war aber enttäuscht, wie er sich zu Dana geäußert hatte, auch wenn ich mich erinnerte, dass sie ebenfalls nicht gerade respektvoll über ihn gesprochen hatte.

„Wenn Sie behaupten, Chiefinspector, dass der Mörder nach dieser Verwundung, die auf den Fotos der Kriminaltechniker festgehalten wurde noch leben soll, dann ist das für mich, wie sagten Sie „esoterisch“!

Er klopfte mir erneut auf die Schulter:

„Nochmal,Thorn, ich mache Dir keinen Vorwurf. Ich verstehe Dich sehr gut, aber ich kann Dir nur sagen: Wir sind zum Gehen auf zwei Beinen auf dieser guten Erde geboren, wir taugen nicht zum Fliegen oder Tauchen ohne unsere Prothesen: Flugzeuge, U-Boote oder Tauchequipment. Fakten, harte Beweise, Polizeiarbeit, Mißtrauen und klarer Kopf, das sind die Werkzeuge, die wir Bullen haben. Wenn wir etwas sehen, was nicht sein kann, hilft, glaub mir, Polizeiarbeit! Tut es das nicht, haben wir nur ein weiteres Ergebnis, über das nachzudenken, unser Job ist.“ Er pausierte einen Moment und sortierte sich.

„Ein Kollege aus Penzance erzählte mir mal folgende Geschichte: Mitten in der Nacht kriegte er den Anruf einer hysterischen Person. Ihr und ihrem Mann sei draußen in der Bucht die „weißeDame“ auf dem Meer surfend erschienen und habe fürchterlichste Flüche ausgestoßen. In ihrer Panik habe sie kein Foto von dem Geschehen gemacht. Der Kollege ist raus gefahren zum Hafen, wo die völlig aufgelöste Person mit ihrem nicht weniger verdatterten Gatten an Bord ihrer Segelyacht gerade einlief. Es machte keinen Sinn in der Nacht draußen nach dem Rechten zu sehen. Es wurde ein umfassendes Protokoll angefertigt und am Morgen lief ein Boot der Wasserschutzpolizei aus, um an der angegebenen Stelle nachzuschauen und eine Erklärung zu finden. Erst drei Tage später kam etwas Licht in die Geschichte, die er nicht als das dumme Geschwätz neureicher Städter hatte abhaken wollen. Haifischangler hatten einen beachtlichen Mako aus der See gezogen. Als sie ihn aufbrachen, fanden Sie die angedauten Reste einer älteren Person mit Fetzen eines Nachthemds im Inneren sowie Fischreste, wie sie von den Haijägern zum Anlocken der Raubfische benutzt werden. Die Durchsicht der Liste, der als vermisst gemeldeten Personen führte den Kollegen auf die Spur einer älteren Dame, die in einer kleinen Pension bei Penzance wohnte, deren Inhaberin sie gleich am Morgen als vermisst meldete, als sie nicht zum Frühstück erschienen war. Zufällig hielt sich in der Gegend ein Meeresbiologe auf, der von der Gerichtsmedizin befragt wurde.

„Haie sind nachts oder in der Dämmerung auf Futtersuche, aber im Prinzip nehmen sie den Menschen nicht als Beute wahr, es sei denn, er blutet, trägt auffällige Kleidung oder befindet sich in unmittelbarer Nähe von Beute oder in einer Blutspur.“

Sie hatte ein helles Nachthemd getragen, war inmitten von Fischresten und ganz sicher nicht allein aufs Meer hinausgefahren und ins Wasser gefallen. Als der Biologe den Bericht über die vermeintlich surfende, fluchende Dame hörte, die das Ehepaar draußen auf ihrer Segelyacht beobachtet zu haben glaubte, gab er folgende Erklärung:

„Jemand hat die Köder ausgestreut und Haie angelockt. Als diese Person die alte Dame über Bord warf, hat die natürlich geschrien und ertrinkend um sich geschlagen. Das Tier hat zugepackt, sie hat gezappelt und es hat wie eine Katze begonnen, mit der Beute zuspielen. Das Tier hat sie möglicherweise vor sich hergeschoben, sie dabei etwas über die Wasseroberfläche gedrückt, was den Zeugen den Eindruck vermittelte, sie sei förmlich über das Wasser geschwebt und die „Flüche“ waren Todesschreie aus allerhöchster Verzweiflung.“

Die Frage nach dem Motiv für solch einen Mord wurde wieder durch einfache Polizeiarbeit entschlüsselt. Ein Rechtsanwalt meldete sich, als der Name der Toten veröffentlicht wurde.

Die Tote sei seine Mandantin gewesen, und habe über ein kleines aber solides Vermögen verfügt, unter anderem ein Haus an der Küste mit etwas Land besessen, was sie zu verkaufen plante. Es sollte ihr als Alterssicherung dienen, falls sie auf die Pflege in einem Heim angewiesen sein würde. Für den Fall, dass sie vorher sterben würde, hatte sie bei uns ein Testament aufsetzen lassen. Eines Tages rief sie uns an und meinte, dass sie das Testament zu ändern beabsichtige. Dahingehend vereinbarten wir einen Termin mit ihr, der in sechs Wochen stattfinden sollte, da sie zunächst noch eine Pilger-Reise nach Lourdes unternehmen wollte. Um so erstaunter waren wir, als sie uns erst vor anderthalb Wochen um eine Vorverlegung des Termins bat. Sie wünschte die Streichung eines Namens aus ihrem letzten Willen und die Einsetzung einer kirchlichen Organisation, die sich für die Ausbildung von Kindern aus ärmsten Familien engagierte, als alleinige Erbin ihres Besitzes. Bei der Person, die sie als Erben ausschloß, handelt es sich um ihren Enkel Wilbert Bancroft, den einzigen noch lebenden Verwandten, der dennoch Anspruch auf einen Pflichtteil hätte anmelden können. Um das zu verhindern, legte sie vor uns und einem Richter eine eidesstattliche Erklärung ab, die den jungen Mann bezichtigte, sie immer wieder zu bedrängen ihm seinen Pflichtanteil auszuzahlen. Zuletzt habe er einen Termin benannt, zu dem er über die Summe verfügen müsse. Sie ließ den Termin verstreichen und drohte ihm, ihn aus dem Testament streichen zu lassen, sagte ihm wohl, dass sie dies in kürzester Frist zu tun beabsichtige.“

Ihr Enkel war in akuter Zeitnot, um ihren Plan zu verhindern, von dem er nicht wissen konnte, daß er bereits umgesetzt war. Er hatte keinen Plan, wie er die Leiche risikolos würde verschwinden lassen können, dass die alte Frau sterben mußte, war beschlossen. Die Idee, sie von einem Hai töten und vielleicht sogar verschlingen zu lassen, erschien ihm verlockend, sie im Meer zu versenken, war zu unsicher, Taucher an der Küste konnten sie finden. Dass da draußen in dunkelschwarzer sternenloser Nacht eine dunkelblau gestrichene Segelyacht mit zusammengerollten dunkelblauen Segeln und defekten Positionslichtern ankerte, konnte er nicht wissen. Ja, der Zufall hatte dicke Finger im Spiel, aber jener Kollege hat gemacht, was zu tun war: einfache Ermittlungsarbeit. Er hat einen Fachmann hinzu gezogen, Öffentlichkeitsarbeit btrieben und plötzlich ist aus einer versponnen Geschichte ein Fall geworden, der gelöst wurde…

„Thorn, glaub mir, dieser Ripper-Jack ist auch so eine „surfende Weiße Dame“, ein lösbarer Fall, man muß nur entschieden dran bleiben!“

„Eine interessante Geschichte, kein Zweifel,“ dachte ich, „aber trotzdem nicht annähernd vergleichbar.“

Connor schien meinen Gedanken gehört zu haben.

„Präg es Dir ein, Thorn: nicht alles ist so, wie es aussieht, daß es sei! Wer das Deckchen nicht hebt, kann den Beweis darunter nicht finden.“

Der Anruf erreichte mich, wie üblich, gerade als ich eingeschlafen war.

In Liskeard, einem Ort in Cornwall, nahe der Küste, hatte ein Polizist auf Streife einen, am Tor der St.Martin´s Church hängenden Körper entdeckt. Aufgrund der Art und Weise, wie das Opfer aufgefunden wurde, setzte sich die örtliche Polizei mit uns in Verbindung. Ich machte mich auf den Weg. Als ich vor Ort eintraf, hatten die Kriminaltechniker, Gerichtsmediziner und Kollegen aus Plymouth schon ganze Arbeit getan.

„In der Datenbank lasen wir, dass Sie mit einem Kollegen zusammen an Fällen genau dieser Art arbeiten.“ Der Chefinspektor setzte mich ins Bild. Der Tote war lebend und geknebelt an das Portal genagelt worden. Ihm war bei lebendigem Leib noch die Bauchdecke eröffnet, Gedärm und Innereien um den Hals gelegt worden. In der Nähe der Kirche hatte eine laute Festlichkeit mit Musik, Tanz und Darbietungen stattgefunden. Ob es Zeugen gab, mußten die kommenden Tage erweisen, bislang war da nichts. Die Leiche war bei einem örtlichen Bestatter im gekühlten Vorbereitungsraum von den Medizinern untersucht worden. Was ich sah, ließ keinen Zweifel zu: hier hatte entweder ein hochinformierter und talentierter Nachahmer oder Ripper-Jack selbst zugeschlagen, was laut Dana und den Fotos, die eben jenen tot zeigten, nicht möglich sein konnte. Connor war, so teilte mir meine Dienststelle mit, auf dem Weg nach Wales in einem Stau nach einem gewaltigen Unfall auf der Schnellstrasse stecken geblieben und seit Stunden nicht erreichbar.

„Hatte das Opfer in irgendeiner Weise einen homosexuellen Hintergrund?“,fragte ich den Chefinspektor. Er sah mich verwundert an und nickte.

„Er tourte mit einer etwas anrüchigen Travestietruppe durchs Königreich und stand, ich möchte es vorsichtig ausdrücken, Anfragen geneigter Männer sehr aufgeschlossen gegenüber. Im Grunde haben wir ihn in unserem Einflußbereich unbehelligt gelassen; es gab nie Beschwerden wegen Diebstahl, Erpressung oder ähnlichen Delikten. Haben Sie einen Verdacht?“

„Ja, und ein Problem! – Der, der in jederlei Hinsicht Täter sein müßte, fragen Sie dazu in der Datenbank die Akten zu „Ripperjack“ ab, Sie werden den Zusammenhang zu diesem Verbrechen erkennen, lebt nicht mehr, wurde vor Jahren von einer Kollegin erschossen!“

Da ich nichts mehr unternehmen konnte, setzte ich mich in meinen Wagen und wollte nach London, Arbeit lag genug auf meinem Schreibtisch. Den Mord in Liskeard wollte ich mit Connor besprechen, sobald er wieder zurück war.

„Was will Connor in Wales?“, fragte ich unseren Boss, nachdem ich ihm Bericht erstattet hatte. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nur, dass er einen Anruf bekam und aus dem Haus rannte. Natürlich sind wir alle davon ausgegangen, daß es um eine Angelegenheit hier ginge. Wir kennen ihn und wissen, daß er sich nicht ohne handfesten Grund so verhält. – Was ist mit dem Mord in Liskeard? Führt uns da irgendein Brotkrümelchen näher an denTäter, ob an einen Trittbrettfahrer oder hypothetisch an den, wie wir annehmen müssen, toten Ripperjack heran?“ Ich verneinte.

„Die Kollegen aus Plymouth gehen zusammen mit Beamten vor Ort dem Fall weiter nach. Wir haben vereinbart, daß wir, Connor oder ich bei Bedarf unterstützen. Es wird nach Zeugen gesucht, Kameraspeicher werden ausgelesen und analysiert. Die Überwachungskameras haben nichts Brauchbares aufgezeichnet. Der Täter ist, das wissen wir ja schon, ein Perfektionist!“

„Und er muss über erhebliche Körperkraft verfügen oder einen Komplizen haben, denn man nagelt nicht so eben einen Körper an eine Eichentür und hält ihn gleichzeitig fest!“, stieg Coulton ein.

„Die Kollegen waren der gleichen Ansicht und versuchten für einen zweiten Täter Anhaltspunkte zu finden, ergebnislos, aber sie sind weiter dran.“

Der Geburtstag einer entfernten Tante stand an, die mich schon als kleinen Buben gemocht und bei jeder Gelegenheit verwöhnt hatte, natürlich nie mehr, als die anderen Kinder der Familie, aber ingewisser Weise doch. Was schenkt man einer alten Dame, die schon alles hat? Ich erinnerte mich an die beeindruckenden Gemälde in ihrem Haus, die eines gewissen Stuart M.Armfield, die sie, wie sie mit leuchtenden Augen erzählte, im Hausstudio des Künstlers in Looe, sozusagen „direkt von der Staffelei“, erstanden hatte.

Der Künstler lebte leider nicht mehr, wie ich herausfand, aber eine kleine Galerie in Plymouth sollte angeblich noch zwei Werke Armfield´s anbieten. Ich bat einen Kollegen dort, den ich in Liskeard kennengelernt hatte, festzustellen, welche Galerie es sei.

„Das eine hat den Hafen von Looe als Motiv, weist allerdings einen Wasserschaden auf, der mangels eines versierten Restaurateurs vor Ort, der mit Ei-Tempera-Farbe umgehen kann, bislang nicht ausgebessert werden konnte, das andere zeigt bunte Fischerboote auf dem Dock, auf das aber bereits eine bindende Kaufzusage erfolgt ist. Komm vorbei und schau sie Dir an, bei der Gelegenheit, können wir einige bei unseren Ermittlungen entstandenen Fragen klären, die wir mit Dir unter vier bzw. sechs Augen zu besprechen hätten. Wir hätten Dich in den kommenden Tagen angerufen, aber so ist es besser.“

Der Kollege klang zurückgenommen. Ich nahm den kommenden Tag, einen Freitag als Urlaubstag und verkündete, am Wochenende unerreichbar zu sein, da ich vorhätte, ein Date wirklich einmal ohne Unterbrechung zu genießen. Coulton stimmte zu und meinte: Petri Heil, mein Lieber! Ich werde den Kollegen Anweisung geben, Sie unbelästigt zu lassen! Connor ist ohnehin ab morgen wieder im Dienst! Ihr Bericht ist umfassend und detailliert. Ich werde ihn mit Ihrem Vorgesetzten besprechen!“

Ich informierte den Kollegen in Plymouth über mein Kommen. Wir verabredeten uns für den späten Freitag Nachmittag. Ein Kollege aus Bodmin, der uns vor Ort in Liskeard unterstützte, wird ebenfalls zu uns stoßen und uns die Auswertungs-Ergebnisse einer Vielzahl von Foto-Speicherkarten präsentieren, die er und seine Leute durchführten. Er stellte Neuigkeiten in Aussicht, die uns veranlaßten, ein konspiratives Treffen mit Ihnen allein anzustreben!- Nebenbei: Die Galerie erwartet uns am Samstag Vormittag!“

Es machte mich nervös und nachdenklich, daß sie Connor bei dem Meeting nicht dabei haben wollten. Sie würden mir den Grund erklären.

Ich fuhr früh los, hatte keine Eile und freute mich, die Küstenstrasse zu genießen, statt über den Motorway zu rauschen. Ich rief Dana an, um ihr mitzuteilen, daß ich in der Gegend sein würde.

„Das ist ja wundervoll, Thorn! Aber auf jeden Fall erwarte ich, daß Du mich besuchst!“ Mein Herz steigerte seine Frequenz spürbar und als ich zum erstenmal den Ortsnamen „Copperton“ auf einem Schild sah, war ich geradezu aufgeregt. Auf dem Rücksitz lag ein Blumengebinde und dann fuhr ich auch schon in die Primrose Lane und sah Dana winkend vor ihrem Haus stehen. Sie umarmte mich herzlich, küsste mich auf beide Wangen und nahm die Blumen mit großer Freude entgegen.

„Ich werde sie sofort ins Wasser stellen!“, sagte sie, als wir ins Haus traten, sie eine Vase ergriff und in die Küche eilte.

„Nimm Dir doch schon einmal einen Drink!“, sagte sie. „Ich bin gleich bei Dir. Sei so lieb und schenk mir einen Gin mit Zitrone ein!“

Ein Duft schwebte im Raum, der mir bekannt vorkam, der aber von Dana´s Parfüm beeinflußt wurde.

„Ich habe Teewasser aufgestellt und ein paar Sandwiches vorbereitet. Laß uns doch etwas in den Garten gehen, es ist so schön!“

Als wir durch die Schiebetür hinaus gingen, sah ich, dass die Terrasse vollständig mit einer Plane abgedeckt war, auf die wir traten.

„Ich möchte einen alten Tisch aufarbeiten. Der Beize wegen geht es an der frischen Luft viel besser. Wenn Du Zeit hast, bleib doch einfach bei mir und hilf mir morgen, wenn Du magst.“

Hatte mich eben der Duft im Haus etwas irritiert, war da nun etwas in ihrer Stimme, das anders klang. Der Einstich im Hals war wie ein Insektenstich und ich verlor auf der Stelle das Bewußtsein. Als ich, nach unbestimmter Zeit die Augen aufschlug, entdeckte ich, noch benommen, nackt an einem Seil, das mit einer Schlinge an meinen Fußgelenken befestigt war, kopfüber über der Plane zu hängen. Vor mir stand Dana, kniff mir zärtlich in eine Wange und meinte: „Du bist ja so ein süßer Bursche, ich könnte mich tatsächlich in Dich verlieben!“ Des Knebels in meinem Mund wegen, brachte ich keinen Laut hervor. Ich kämpfte mit dem Brechreiz und mir flossen Tränen über die Wangen hinab. Was sollte das? – Im gleichen Moment begriff ich, worum es ging.

„Schau, er hat es begriffen, Liebste!“

Connor trat mir ins Gesichtsfeld und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

Nichts hast Du kapiert, nichts gespürt, keinen Rat angenommen. Thorn, ich sag es Dir ganz ehrlich, nichts von dem, was jetzt geschieht, tut mir leid, Du bist ein erbärmlicher Loser!“

„Sei nicht so hart mit ihm, Schatz!“, hörte ich Dana. „Immerhin wird er in den nächsten Stunden damit beschäftigt sein zu sterben!“

Panik und Entsetzen ließen mich zittern und meine Schließmuskel gaben auf. Was sich aus mir löste, rann an mir hinab.

„Jetzt macht er auch noch Dreck!“, fluchte Connor. Dana spritzte mich mit einem Gartenschlauch ab. „Thorn, sei nicht so kindisch!“, sagte sie und zog etwas aus einer Lederschürze, die sie sichzwischenzeitlich umgebunden hatte.

„Liebling, Du hast mir versprochen, dass ich diesmal das Ritual vollziehen darf!“, gab Connor beinahe brünstig von sich. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Ihr Beamter ist bei uns nicht eingetroffen! Wir warteten noch bis zum Abend, dann haben wir uns mit Ihnen in Verbindung gesetzt.“

Coulton saß den Kollegen in Plymouth gegenüber und blickte erschüttert auf die Fotos der Kriminaltechnik. Sergeantdetective Wouthman´s Leiche war, am Gedärm aufgehängt am mittleren Mast eines historischen Viermasters, der „Chevallier de Maison Blanc“, die gerade  in Plymouth angelegt hatte, am frühen Sonntag Morgen entdeckt worden. Wieder einmal gab es keine Zeugen und Kameras an Bord und im Hafen waren sabotiert worden, in dreistem Sarkasmus mit Smileys beklebt.

„Dies ist der Grund, weswegen wir Ihren Sergeantdetective ohne seinen Vorgesetzten sprechen wollten!“, sagte der Beamte und gab dem Kollegen aus Bodmin das Zeichen, seine Präsentation zu beginnen.

Aus einem Wagen, der auf dem öffentlichen Parkplatz neben der St.Martin´s Church in Liskeard stand, stieg eine Person, die unzweideutig als Chiefinspector Connor zu erkennen war. Etwas später waren vor dem Portal der Kirche zwei Gestalten zu erkennen, die etwas wie einen zusammengerollten Teppich zu tragen schienen. Die extreme Überarbeitung des Fotos ließ ein Gesicht unscharf aber an Merkmalen zuordnungsfähig erscheinen: das von Chiefinspector Connor. Die andere Gestalt war vermummt, aber in der Vergrößerung wurde im Umriß eine Wölbung im Brustbereich sichtbar. Coulton assoziierte und dann kam es ihm über die Lippen: „Dana! Mein Gott, Dana ist der Ripperjack und Connor sein Komplize!“

Von beiden war nicht die geringste Spur zu finden und nie wieder wurde ein Verbrechen, mit der Handschrift des „Ripperjacks“ bekannt.

„Schatz,“ meinte der Alte mit den verdreckten grünen Gummistiefeln, den fleckigen Latzhosen, dem angeschmuddelten Shirt unter der fleckigen Jacke, der Kappe auf dem fast kahlen Kopf mit grauen Bartstoppeln auf roten Wangen, am Kinn und dem faltigem Hals, „Percy kommt mit derPost, kannst Du mal hingehen? Ich sehe aus wie ein Schwein!“ Mit einem Schlauch gab er einen Brei in die Fresswannen der Schweineboxen, der sofort gierig verschlungen wurde.

„Diesmal kümmerst Du Dich darum!“, rief ihm die Frau mit dem zum Knoten gebundenen blondgrauen Haar, den weiten Arbeitskleidern und Gummistiefeln zu und winkte ihm mit einem grauen Kuvert aus Recyclingpapier zu.

Er nickte, steckte sich eine krumme Zigarre zwischen die Lippen, zündete sie sich an, paffte genußvoll und entgegnete den Gruß des Postboten, dem für einen Augenblick so war, als sähe er hinter einer aufschlagenden Tür den aufgehangenen Körper eines Menschen mit herausgequollenen Innereien. Auf der Stelle wischte er den närrischen Gedanken beiseite, der unzweifelhaft Ausgeburt der langen, von Alkohol getränkten Party zum 80igsten Geburtstag von Oma Heather war.

„Idiot!“dachte er, „die haben Schlachttag, da hätte ich doch günstig kaufen  können!“ Seit einiger Zeit hatte er aber Kontrolleure und Zeitnehmer an den Fersen. Er konnte schließlich auch am Abend noch herkommen und vom guten Fleisch kaufen!


Karin Grothe, Mechanikerin

© hpkluge 2018

Karin fokussiert sich auf ihren Auftrag

Sie war bereits gegen Mittag eingetroffen und von der Tiefgarage direkt zur Etage gefahren, auf der ihr Zimmer lag, das sie per Internet gebucht und bezahlt hatte. Die Türkarte hatte eine junge Frau eines Kurierdienstes für sie abgeholt, telefonisch von ihr als persönlicheMitarbeiterin angekündigt.

Es war ein feuchtwarmer Sommertag und sie saß in ihrer Unterwäsche im kleinen Raum. Noch einmal ging sie sämtliche Schritte ihres Plans durch. Wenn es an der Zeit war, liefen ihre Handlungen wie ein Uhrwerk und daher konnte sie sich darauf verlassen, bei unerwarteten, unkalkulierbaren Störungen für kreative und effektive Lösungen innerlich frei zu sein. Um 14:00 stellte sie sich den kleinen Reisewecker, der sie bereits seit zehn Jahren begleitete und legte sich zu Bett. Ihr gelang es, beinah überall sofort einzuschlafen. Eine weitere Eigenschaft, die Sie sich antrainiert hatte, war es, sich die Dauer ihres Schlafes einzuprogrammieren. Der Wecker war lediglich ihrer Zwängigkeit geschuldet, auf fast alles vorbereitet sein zu müssen. Als sie gegen 18:00 Uhr die Augen aufschlug, ertönte das leise Klingeln des Weckers. Bewusst hatte sie auf den Gebrauch der Klimaanlage im Raum verzichtet. Die Gefahr sich zu erkälten, war zu groß, wie sie vor Jahren einmal bitter hatte erfahren müssen. Sie ließ sich ein lauwarmes Bad ein, stellte den Reisewecker auf den Wannenrand und genoß es im Wasser zu liegen, in das sie in geringem Fluß stetig kaltes hinzufließen ließ. Die angenehme Kühle begann in ihren Körper einzuwirken

ihreGedanken und Gefühle angenehm zu umhüllen. Um 18:30 Uhr verließ sie die Wanne, machte sich zurecht, kleidete sich an, nahm den flachen Aktenkoffer, fuhr mit dem Lift in die achte Etage, öffnete die Präsidentensuite mit einer entwendeten Generalkarte für Reinigungskräfte, ging hinein, blockierte die Tür mit der mechanischen Sperre, denn natürlich konnte bemerkt werden, dass sich jemand Zutritt verschafft hatte ohne, dass eine Reinigung vorgesehen war. In diesem Fall blieb die Tür blockiert. Sie rechnete mit knapp drei Minuten, die sie nutzen konnte, bis der Sicherheitsdienst eintraf. Sie tauschte die drei kleinen Vodkafläschchen in der Minibar gegen die aus, die sie in der Minibar ihres Zimmers gekühlt hatte und auch den schmalen Eiswürfelbehälter. Dreissig Sekunden später fuhr sie bereits mit dem Lift in die Tiefgarage, bestieg den alten BMW und lenkte ihn hinaus Richtung Flughafen. Auf dem Dach des Hochhauses der Fluggesellschaften bereitete Sie sich für die nächste Aktion vor. Inzwischen trug sie den grauen Overall der Flughafentechniker, den sie in einem Rucksack zusammen mit der Waffe im Technikraum der Aufzugsanlagen deponiert hatte. Über das Display eines Tablets beobachtete sie die Starts und Landungen der Maschinen auf dem privaten Abschnitt. Die Landung des erwarteten Learjets verfolgte sie durch die Zieloptik ihres Bushmaster-Karabiners. Mit der richtigen Munition und ihren Kenntnissen sensibler Stellen des Jets hätte sie das „Problem“ schon während des Landeanfluges lösen können. Der Auftraggeber wünschte aber eine diskrete Umsetzung. Das Honorar war gut, die Anzahlung unmittelbar nach derAuftragserteilung erfolgt. Der Schalldämpfer würde dem Projektil für diese Entfernung viel Wirkkraft nehmen, aber zugleich die Pulverfahne fast vollständig unterdrücken. Sie nahm das Ziel ins Visier, atmete aus und drückte ab. Das Projektil ging knapp am Ziel vorbei und schlug ein Loch neben ihm in die Hülle des Jets. Als es von den Personenschützern bemerkt wurde, brach die Panik aus. Sie wartete nicht, zerlegte geübt den Karabiner, packte die Teile zu der unauffälligen Alltagskleidung in den Rucksack und verließ das Haus im Erdgeschoß durch den Personaleingang, dessen Überwachungskamera inzwischen bereits repariert wurde. Der BMWstand auf dem Parkplatz für Mitarbeiter mit Vignette für dessen Nutzung an der Windschutzscheibe. Sie stellte ihn in der Nähe des Busbahnhofs ab, nachdem Sie den Overall, das Businesskostüm, Perücke und Pömps, mit denen sie im Hotel aufgetreten war in einenAbfallcontainer entsorgt hatte und in die Jeans, Sneakers und den Kapuzenpullover geschlüpft war. Mit der Hochbahn, die sich zwischen heruntergekommenen Häuserzeilen holprig hindurchschwang, fuhr sie bis zum Bahnhof, löste ihr Ticket, nahm einen kleinen Imbiss mit einem Milchkaffee zu sich und spazierte gemächlich zum Bahnsteig des Zuges, der kurz darauf zur Abfahrt bereit war.

Ihr gegenüber nahm eine junge Mutter mit ihrem Baby Platz, das sie in einer Brusttasche trug und das sich selig schlummernd an Muttis Brust, seine warme Nahrungsquelle, schmiegte. Karin spürte die Wärme in sich aufsteigen, die dieses Bild in ihr auslöste und lächelte der jungen Frau anerkennend zu, die ihren Blick dankbar beantwortete.Karin lehnte sich gegen ihren Rucksack, den sie wie ein Kissenhielt, hin und wieder störte nur der Widerstand, der von den Teilen des Karabiners darin ausging. Sie war kurz eingeschlummert, als eine laute Stimme und klagendes Jammern des Babys sie weckte. Karin fuhr hoch und sah einen, in feinen Zwirn gekleideten, fetten Spießer, der nachdrücklich auf die junge Frau einredete, die offenbar versuchte ihr Kind zu stillen. „Es hat doch Hunger!“, versuchte sie dem Mann entgegen zu halten. Auf der anderen Sitzreihe blickte eine fette, aufgetakelte Schabracke indigniert herüber und mischte sich laut daherredend ein: „Das ist ja derartig abstoßend, sich in aller Öffentlichkeit zu entblößen!“ Der Spießer fühlte sich bestätigt und wohl aufgefordert, sich erneut aufzuplustern.

„LiebeLeute, habt Ihr nicht verstanden, was Euch die Mutter klar und deutlich gesagt hat? Das Baby hat Hunger! Wisst Ihr nicht, was das ist?“

„Was mischen Sie sich denn da ein? Sie haben ja wohl auch keinen Anstand!“, giftete die Schabracke. Als der Spießer einstimmen wollte, stand Karin auf und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Laß es sein, Du könntest verlieren was Dir sehr wichtig ist!“ Wie zufällig glitt Karin´s Hand von seinem Knie aufwärts, und in ihrem Blick sah er, dass es nicht um eine leere Drohung ging. Schnell ging er weiter und auch der Schabracke war der kurze Moment einer bevorstehenden Entladung nicht entgangen. Karin winkte den Bahnangestellten zu sich, der auf ein Problem aufmerksam gemacht worden war.

„Ganz sicher haben Sie noch freie Sitzplätze in einem etwas weniger dicht besetzten Abteil wie diesem, nicht wahr?“

DerMann nickte verduzt. Er war davon ausgegangen, ein Problem schlichten zu müssen.

„Können Sie meine Freundin, ihr Kleines und mich bitte dorthin führen? Ich übernehme selbstverständlich die Aufschläge für uns!“

„Oh, ja, Maam! Bitte folgen Sie mir!“

Die junge Frau wußte nicht, wie ihr geschah. Sie folgte dem Angestellten, Karin nahm ihren Rucksack und die kleine Reisetasche der jungen Mutter und folgte wortlos und ohne den geringsten Blickauf die Schabracke oder den Spießer zu verschwenden, der, sich abwendend, die Gefahr vermied, ihren Blick auf sich zu ziehen.

DerAngestellte führte sie in einen abgeschlossenen Executive-Bereich. Karin reichte ihm ihre Kreditkarte, zeichnete und meinte: „Es ist gut dass Ihr Kleines endlich in Ruhe essen kann, aber ich glaube, uns täte etwas Stärkung auch gut, nicht wahr?“ Hilflos zückte die junge Frau ihre Brieftasche, um sich zu beteiligen.

„Hi, ich heiße Karin! Bitte, sein sie so lieb und nehmen Sie meine Einladung an! Wenn ich nachhause komme und erzähle meiner Frau,  Sie hab verhungern lassen, hängt der Haussegen schief! Bitte!“

Die junge Mutter lächelte: „Hi, ich bin Stephanie, und das ist Jules!“

Während Stephanie ihre Mahlzeit zu sich nahm, durfte Karin den Kleinen in seinem Deckchen eingewickelt in den Armen halten. Es war ein eigenartiges Gefühl, so ein kleines Leben am Busen zu spüren, dieWärme, die Bewegung, die von seinem Atmen ausging und die Ahnung des kleinen klopfenden Herzens. Karin begriff in dieser Zeit, in der sie den kleinen Jules halten durfte, daß sie dieses Glück ihrer Hannah nicht vorenthalten durfte! Sie spürte, dass sie selbst nicht geschaffen war, Mutter zu sein und auch nicht werden durfte!

Als Stephanie ihre Mahlzeit beendet hatte und Jules wieder übernahm, sah sie Karin lange an und meinte: „Du liebst Kinder und sieh mal wie mein kleiner Wurm zufrieden grinst! Er hat es auch gemerkt. Bei manchen Leuten wird er schon mal quengelig!“

„Lieb von Dir, dass Du das sagst. Meine Frau wäre eher die Mama! Aber so eine Familie, ich glaube, das werden wir wohl in Angriff nehmen,irgendwann. Aber was macht denn Jule´s Vater?“, versuchte Karin das Thema zu wechseln.

„Oh, Cedrik ist Soldat und wenn sein Schiff in ein paar Tagen einläuft und er heim kommt, wird er seinen Sohn zum erstenmal direkt und nicht nur über Skype sehen und in den Armen halten!“

Es übermannte Karin in dieser Sekunde und sie konnte die Tränen nicht zurück halten.

„Bitte entschuldige!“, sagte sie, und suchte den Weg zur Toilette.

„Er ist Soldat!“, schluchzte sie immer wieder, und die Tränen wuschen etwas von ihrer Seele, so wie ein Wolkenbruch die staubigen Strassen nach endlos heißen Sommertagen reinigt! Sie fing sich, schneuzte in ein Papiertuch aus dem Spender neben dem Waschbecken, wusch,trocknete sich das Gesicht, strich über die Haare und ging zurück an ihren Platz. Stephanie wiegte den Kleinen, lächelte ihr einfach nur zu und summte ein altes Kinderlied. Sie erinnerte Karin so sehr an Hannah, dass es fast weh tat und zugleich ihr Herz laut klopfen ließ!

Dann erreichte der Zug Karin´s Ziel. Stephanie umarmte sie zum Abschied mit aller Kraft und dankte ihr für die Hilfe und alles. Instinktiv spürte sie, dass diese Frau, die wie ein Schutzengel ihr Leben berührt hatte, keine Freundin oder gute Bekannte sein konnte. Siewar einfach nur da gewesen, als sie genau so jemanden gebraucht hatte. Stephanie schickte ein „Danke!“ zum Himmel und bat um den Segen für diese Frau und ihre Partnerin und deren Zukunft. Karin erwiderte ihre Umarmung und drückte dem kleinen Jules einen Kuß auf die Wange, der zufrieden schmatzte während etwas Speichel aus dem kleinen Schnütchen tropfte. „Gratulation an den Soldaten zu diesem Sohn mit dieser Frau! Wer soviel richtig macht, kann kein übler Bursche sein!“

„Ganz genau, wie Du!“

Karin marschierte ohne einen Blick zurück zu werfen, hinüber zum Bahnhofsgebäude und von dort zum Parkplatz, wo ihr alter, rostiger VW-Käfer stand, von dem sie sich nicht trennen konnte. Während sie die Fahrertür aufschloss, sah sie den Zug langsam davon rollen und spürte den Duft des kleinen Menschleins noch immer in ihrer Nase.

Zuhause angekommen, nahm Hannah sie überglücklich in die Arme, strahlte wie die Sonne und diese Herzlichkeit und Wärme war genau das, was Karin brauchte, was sie mal um mal auf die Beine stellte und sie darin versicherte, tatsächlich ein Mensch, ein Wesen aus Blut, Leib, Herz und Seele zu sein.

Während Hannah über ihre letzten Tage ohne Karin sprach, eine Mahlzeit vor ihren Augen entstehen ließ, ihr Kaffee einschenkte und einen Apfelkuchen aus dem Eisfach holte, „Den gibts hinterher!“,glitten ihr noch einmal im Nachgang einige Bilder am inneren Auge vorbei.

„Du hörst mir gar nicht zu!“, beschwerte Hannah sich sehr feinfühlig.

„Och, Liebling, ich bin ein dummer, dummer Mensch, aber einfach so froh, immer wieder zu Dir heim zu kommen!“

Hannah nahm sie gerührt von dieser Erklärung in die Arme, küßte sie und wischte sich mit der Hand das Mehl auf ihr ins Gesicht. Beide lachten.

„Und ich bin ein ungeschicktes Dummerle!“, sagte sie.

„…und die liebste und anbetungswürdigste Frau auf diesem Planeten! Ich liebe Dich, Hannah Grothe!“

Hannah fragte nicht mehr danach, wie es Karin ergangen sei auf ihrer Reise, was sie getan und erlebt hatte. Ohne, dass es je eine Diskussion zwischen ihnen gegeben hatte, spürte und verstand Hannah genau die Grenze, die Karin wünschte und dass es diese Grenze zu ihrem, Hannah´s, Schutz gab. Diesmal war da aber noch etwas, etwas Schönes, das Karin von ihrer Reise mitgebracht hatte und das, sobald die Zeit reif war, aus ihr heraus käme!

Die Mitteilungen in den Nachrichten überschlugen sich in hektischem Übermaß ohne weiteren folgenden Informationsgehalt. Senator Harris Leary, sei unerwartet und erschütternd an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben, der offenbar durch einen mißlungenen Anschlag auf ihn ausgelöst worden sei. Die NRA habe mit ihm einen ihrer profiliertesten Unterstützer und aufrechtesten Verteidiger des  verfassungsmäßigen Rechtes der Bürger auf den Besitz von Waffen verloren.

„So geht das schon seit gestern in einem durch!“, meinte Hannah. „In den Schulen schießen Schüler ihre Kameraden und Freunde tot, in den Städten ballert alles, was gerade die Windeln abgelegt hat, mit dem Teufelszeug rum, das Kerle wie der hemmungslos verteilen, um Millionen zu scheffeln und damit auch noch abstoßende Wahlkämpf für charakterlose Idioten zu finanzieren, die ihnen das Geschäft sichern! Hörst Du was davon? Nein! Ich hoffe diese Ratte schmort in der Hölle! – Ist doch wahr!“, fügte sie an, als sie Karins Schmunzeln sah. „Du nimmst mich nicht ernst!“, beschwerte sie sich.

„Ich könnte Dich einfach auffressen! Das ist die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“, entgegnete Karin und sprang lachend zur Seite, als Hannah mit dem Handtuch ausholte. Komm, wir haben besseres zu tun, als diesen Quatsch zu gucken!“, brachte Karin heraus, packte Hannah am Handgelenk und zog sie hinter sich her. Hannah lachte: „Duuuh…“

Als sie schließlich erschöpft nebeneinander in ihrem Bett lagen und sich in den Schlaf schmusten, flüsterte Karin der Geliebten zu: „Lass uns Kinder haben, mein Schatz, eine kleine liebe, glückliche Familie.“ Hannah nahm es wahr wie einen Traum und sank ins süße Nichts.

Hannah war tief eingeschlafen, Karin verließ vorsichtig das Bett und stieg hinab in den Keller. Es gab noch etwas zu tun. Dazu schloß sie ihr Notebook an die Technik an und startete eine Software, die sich einen heimlichen Weg ins Internet suchte.

„Genauso hat es sich der Auftraggeber vorgestellt!“, erklärte die verfremdete Stimme. „Wir sind sehr zufrieden!“

AlsKaren später einen Blick auf ihr Konto warf, stellte sie fest, was dem Auftraggeber „Zufriedenheit“ wert war. Dieses Format besaßen bei weitem nicht alle!

Sie durchforstete dann noch alle relevanten Nachrichtensender und Medien, die sich mit dem Tod des Senators befassten.

Infolge des „Anschlags“ auf dem Flughafen, war eine umfassende Obduktion der Leiche angeordnet worden. Das Gift, dass sie im Gegenzug für eine Gefälligkeit einem Auftragsmörder des chinesischen Geheimdienstes aus den Rippen gezogen hatte, war jedoch bereits nach dem Erliegen aller vitalen Funktionen nicht mehr nachweisbar. Leary war ins Hotel geeilt, wie erwartet, und mußte seine Nerven erst einmal, wie immer, mit Schnaps on the Rocks beruhigen. Die geleerten Schnapsfläschchen und ebenso jene, die der Senator nicht gebraucht hatte, waren längst geleert und entsorgt, Glas und Eisschale gespült. Dem Zimmermädchen, da war sie sich sicher, waren die zweihundert Dollar, die sie von ihr bekommen hatte näher, als die Aufklärung des Todes eines Menschen, der zynisch dafür Sorge trug, dass Waffen und damit der Tod auf den Strassen war.

Eines Tages, Hannah hatte gerade das Haus verlassen und war zur Schule aufgebrochen, wo sie in diesem Jahr wieder einmal Erstklässler unterrichtete, als Karin´s gesichertes Notebook mit dem Yankee-Doodle um Aufmerksamkeit heischte. Sie nahm das Gerät, ging mit ihm in den Keller und stöpselte es an ein Kistchen mit olivgrüner Kunststoffschale an. Beim Aufleuchten der dunkel-lila leuchtenden LED-Anzeige, war das Notebook nicht mehr Teil der messbaren Welt. Auf dem, an das Kistchen angeschlossenen Display begann eine Zauberwelt aus Grafiken und Tabellen zu tanzen. Als sie die Kommunikation freigab, wurde diese mit einer eingehüllten Linie dargestellt, um die aufgeregt zitternde Parallell-Linien auftauchten und wieder verblassten. Sie verstand, dass sie es versuchten mussten,aber dass sie es taten, machte sie nervös.

„Was ist los, bist Du auf Reisen?“, fragte die verfremdete Stimme.

„Bin ich das nicht stets und ständig?“

„Arbeitest Du noch für andere?“

„Wenn Du „andere“ bist, dann: „Ja!“

Das kurze Stutzen auf der anderen Seite ließ erkennen, daß da niemand saß, der über Humor verfügte.

„Du möchtest mich sprechen?“, kürzte Sie ab.

„Kannst Du sprechen?“, kam es zurück.

„Ja!“, entgegnete sie. Jeder Versuch einer zwischenmenschlichen Kommunikation war zum Scheitern verurteilt, soviel war klar.

„Gut! Wir benötigen Dich für eine Aufgabe, auf die Deine Fähigkeiten wie zugeschnitten sind!“

„Na, klar!“, giftete „Rita Meter“, wie sie die, oft nöhlige Stimme in sich personifizierend nannte. „Fehlt nur noch, dass der Clown sagt, daß es auf der ganzen weiten Welt keinen gibt, der den Job übernehmen und durchziehen kann.“

„Du hast vor kurzem erst eine erstklassige Arbeit abgeliefert, tut uns leid, Dich gleich wieder anzusprechen, aber derzeit finden wir niemanden, der das Zeug, die Erfahrung, die Professionalität hat, zu erledigen, um was wir angesprochen wurden.“

„Rita Meter“ kicherte sich eins.

„Vorsicht, das Arschloch will dem Affen Zucker geben!“

„Danke! Da sind wir einer Meinung!“

„Nicht dass das häufig der Fall wäre!“, stach Rita Meter nach.

„Ich höre.“, sagte Karin.

„Du bist wirklich bereit? Hast keine Verpflichtungen, keine Urlaubspläne…?“

„Standby…“, entgegnete sie.

„Wir haben eine Anfrage, uns eines Problems in Europa anzunehmen. Es ist ein Honorar in zweistelliger Millionenhöhe ausgelobt!“

„Frag ihn, ob das eine seriöse Aufgabe ist, oder ob er auf Deine Kosten reich werden will!“

„Rita Meter“ hatte recht! Das war irgendwie sehr dick. Hätte er gesagt:Anzahlung hunderttausend, Restzahlung hunderttausend plus Bonus,hätte nichts geklingelt. In dieser Liga aber spielte sie nicht, und wollte das auch nicht, denn da trifft man auf Möglichkeiten, die eine Einzelkämpferin überfordern. Es heißt: „Viele Hunde sind des Hasen Tod!“

„Und Du bist der Hase!“, steckte „Rita Meter“ hinterher.

Während der ganzen Zeit spielten sich sonderlichste Farb- und Linienspieleauf dem, an das Kästchen angeschlossenen Display ab.

„Weißt Du was?“, fragte sie, „Schick mir das Material im Laufe der Nacht einfach rüber, ich schau es mir nach dem Frühstück an und melde mich in kürzester Frist.“

Es knackste in den Lautsprechern des Notebooks und eine Linie erlosch.

„Du bist wirklich allein und niemand bekäme die Akte zu Gesicht?“

Nun schaltete sie ihrerseits den Stimmenverzerrer zu, denn Rita Meter hatte den Begriff „Analyzer“ erwähnt.

„Okay, ich habe eine blinde Katze bei mir, die mir zugelaufen ist. Soll ich das Tier aussperren?“

Für einen Atemzug lang hörte sie ein Geräusch, wie von einer Atemmaske.

„Wenn die Katze vier Beine hat, ist es okay. Wieso höre ich Dich jetzt kaum noch? Ist das ein Stimmenverzerrer?“

„Jep, ist es, ich muß sagen, man lernt viel von Dir!“, entgegnete sie.

Und wieso hast Du ihn eben erst dazwischen geschaltet?“

Ist neu das Gerät, es ist mir noch nicht so gegenwärtig, aber wenn Du eine Antwort willst, die Dir ehrlicher erscheint:

„Irgendwie hatte ich plötzlich das deutliche Gefühl, daß Du versuchst, meine Stimme zu analysieren und überhaupt habe ich diese krause Eingebung, daß Du versuchst mich zu orten.“

„Du hast sicher Gegenmaßnahmen ergriffen?“

„Ja, ich habe mir einen Nerventee gemacht, um nicht durchzudrehen.Paranoia ist nicht gut für die Arbeit, okay?“

Bis morgen Mittag spätestens wollen wir Deine Entscheidung haben!“

Die Kommunikation brach ab, die meisten Linien auf dem Display verschwanden.

Garth hatte ihr ein weiteres Kästchen gebastelt, das sie an das erste anschloß und dann ihr Notebook an diese Box.

Wenn Du den Kanal für den Flow offen läßt, kann da ein Fiesling huckepack mitgetragen werden, der während der ganzen Zeit nachhause telefoniert. Der Server blockt jede Positionsanfrage ab und schickt einen Alarmping, aber kaum kommt die Anfrage von Deinem Email-Client, geht das Paket auf Reisen. Dieses kleine Schächtelchen nimmt sich der Botschaft an und schickt sie auf eine Reise durch die Unendlichkeit, in Lichtgeschwindigkeit um sich selbst im Kreis. Der Empfänger, der ja der Absender ist, wird mit einer Informationsflut zur Position des Fieslings überladen, die sich jeweils nur relativ zur Veränderung innerhalb der Kreisbahn bezieht… nichtssagender Datenmüll, dabei, die speichernde Festplatte zum Überladungsabsturz zu bringen. In dem Moment, wo sie die Annahme der Antwort verweigern, wars das und Du kannst Dir die Sendung anschauen.“

Garth war Autist und völlig auf Technik und Mathmatik reduziert. Hannah hatte ihn auf einem Seminar ihrer Schule zum Thema kennengelernt und Karin von ihm berichtet. Karin hatte ihn zu einem Abendessen eingeladen mit der Aussicht, einen völlig veralteten Rechner flott machen zu dürfen. Als Karin das Gerät nach zwanzig Minuten einschaltete, wardas ein vollkommen anderes. Garth wohnte in einer Einrichtung, die Patienten seiner Erkrankung oder Überbefähigung betreute. Als sie Garth heim brachten, übergab sie seiner Betreuerin und Therapeutin ein Kuvert mit dem Gegenwert der geleisteten Arbeit.

„Dasist zuviel, Misses!“, meinte sie. „Das war doch keine Arbeit für ihn!“

„Ichhabe mein mir vertrautes Gerät behalten können, nur, daß es völlig neu und besser ist! Da habe ich eher das Gefühl, dass der Betrag zu gering ist.“

Irgendwie begann Garth Zug um Zug Kommunikation für sich anzunehmen in einer seltsamen, aber absolut tauglichen Art, so als appliziere er ein neues Modul in sich. Er machte Fortschritte, so dass seine Eltern ihn wieder heim zu sich nahmen und ihn in ambulanter Kontrolle durch die Einrichtung beließen.

Sie waren froh, dass er durch „Wartungs- und Reparaturarbeiten“, die er für Karin leistete ein schönes Taschengeld verdiente, das der Familie sehr zupass kam. Was niemand wußte war, dass Karin für ihn Rücklagen aufbaute, die dem tatsächlichen Wert seiner Leistung gerechter wurden. Sie ermunterte ihn, seine Arbeit zu dokumentieren und niederzulegen. Irgendwann sollte er Patente einreichen können, so ihr Gedanke. Dann aber erinnerte sie sich und es wurde ihr bewußt, dass bei dieser Befähigung und Ausrichtung von jenem Moment an sein Leben in Freiheit beendet oder gar gefährdet sein würde.

Ein Auftrag, den sie vor einiger Zeit übertragen bekommen hatte, war der einesehemaligen Geheimdienstoberst betreffend gewesen, dem es in privater Tüftelei gelungen war, entscheidende Verbesserungen am Konzept eines Hochleistungskarabiners zu entwickeln. Als er versuchte, ein Patent auf seine Entwicklung anzumelden, die sich auf keine existierende Waffe bezog, war es ihre Aufgabe gewesen, den guten Mann während eines Tauchgangs vor Barbados nachhaltig von der Umsetzung seiner Pläne abzuhalten. Das Gift, das sie ihm injizierte, ließ ihn gerade noch den Einstich der Injektionsnadel wahrnehmen. Es gab einige hochgiftige Lebewesen vor Ort. Der Militärarzt, der, oh Wunder, auf einer Fregatte, die vor der Küste ankerte, eingesetzt war, legte sich auf eine Quallenart fest, und das wars. Der Karabiner blieb unter Verschluß, denn die existierenden Waffen verkauften sich auch ohne Innovation wie geschnittenes Brot. Sollte tatsächlich eine neue Waffe gebraucht werden, war sie da und konnte ohne lästige Lizenzgebühren hergestellt werden.

Helden und Genies überleben nie, besonders nicht, wenn sie sich nicht betrügen lassen wollen.

Das Ziel, das ausgelobt wurde, war ambitioniert. Eine europäische, politische Persönlichkeit sollte unauffällig zu Tode kommen, eines „natürlichen“ Todes sterben. Die Akten zum physischen und psychischen Staus waren derart detailliert, dass sie nur aus einer Quelle stammen konnten, nämlich der, die sie erhoben hatte. In diesem Fall stimmte Karin „Rita Meter“ vorbehaltlos zu:

„Mit Speck fängt man Mäuse!“

„Hast Du die Unterlagen nicht bekommen?“, fragte die veränderte Stimme.

„Doch, sie sind eingegangen, ich konnte sie mir allerdings noch nicht anschauen, ich bin eben erst aus dem Krankenhaus zurück gekommen.“, gab sie zurück.

„Was ist geschehen?“, fragte die Stimme und trotz aller Verzerrung war ein Anflug von Zweifel heraus zu hören.

„Etwas Wasser auf poliertem Steinboden, Türschelle und schon ist es passiert.“

„Was ist passiert?“

„Knochenbruch!“, entgegnete sie vage.

„Du bist doch so eine trainierte und reaktionsschnelle Kämpferin, und dann passiert Dir sowas?“ Kein Zweifel, das Gegenüber glaubte ihr die Geschichte nicht.

„Tut mir leid, aber Training schützt vor Unfall nicht!“

„Ist das Deine Art, Angeboten, denen Du Dich nicht gewachsen fühlst aus dem Weg zu gehen?“

„Denk Dir die Welt, wie sie Dir gefällt, aber solange Du mit realen Menschen zu tun hast, passieren Dinge, wie sie passieren, auch wenn sie nicht in Deine Pläne passen!“

„Genau das ist mir jetzt klar geworden!“

Es knackte in der Leitung und die Verbindung brach ab.

Garth´s Zauberkistchen konnten zwar die Rückmeldung der Unterlagendatei an den Absender verhindern, nicht aber, daß sie sich unwiderruflich löschte, zuvor aber war es ihnen gelungen, den Absender zulokalisieren.

„Jetzt hast Du sie am Hintern kleben!“, konstatierte „Rita Meter“.

Sag mir was Neues, das tun sie doch schon seit einer Weile nehme ich an.“

„Seit sie wissen, dass Du technisch aufgerüstet hast, suchen sie nach Lösungen!“

„Über Nacht werden sie keine finden!“, beruhigte sich Karin.

„Bist Du sicher? Vielleicht haben Sie Dich ja auch schon lokalisiert!“

„Rita Meter“ konnte so beharrlich sein!

„Du hast recht!“, ging sie auf „Rita´s“ Einwand ein. „Wir werden keine Ruhe haben, solang das Problem existiert.

„Ich habe immer damit gerechnet, dass das passiert.“, war alles, wasHannah sagte, als sie sie weckte und ihr mitteilte, dass sie fort müssten. Während Hannah damit begann, nötigste Dinge und Unterlagen zusammen zu packen, ihrer Schule eine Mail schickte mit der Erklärung, in einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit verreisen zu müssen, fuhr Karin zu Parker Bailey, dem sie einmal mit ihren Möglichkeiten aus einer geschäftlichen Notsituation geholfen hatte und kaufte bei ihm ein Wohnmobil mit ausreichendem Komfort, echten Nummernschildern und Papieren. „Pässe, Kreditkarten etc. schick ich Dir per Kurier, sobald Du mir eine Adresse durchgeben kannst.“

„Den Wagen verschrottest Du besser!“, riet sie ihm. Er zuckte bedauernd mit den Schultern, begriff aber, dass Karin ihn nicht auf den Arm nahm. Es war noch dunkel, als sie mit dem Wohnmobil zuhause ankam. Hannah verstaute die Koffer und Kartons im Gepäckraum des Mobils,während Karin die Technik und ihr Werkzeug aus dem Keller holte und in den Stauräumen unterbrachte, die Parker ihr gezeigt hatte. Mitdem Mobil waren zwei Jahre lang erfolgreich Drogen geschmuggelt worden, was einer Erfindung geschuldet war, die das Erschnüffeln durch Drogenhunde so gut wie unmöglich machte. Parker hatte es, seinem Instinkt folgend aber für besser befunden, auf das Geld zu verzichten, das er im Milieu mit dem Fahrzeug hätte verdienen können. Gegen Mittag rollten sie bereits, Landstraßen folgend 600Kilometer von daheim entfernt Richtung Norden. Unterwegs ließen sie sich nie zu zweit sehen, immer ging nur Karin oder Hannah hinaus, um zu tanken, zu zahlen oder einzukaufen. Einmal quatschte ein Typ Hannah an einer Tankstelle an und wollte nicht verstehen, dass sie nicht interessiert war.

„Du, ganz allein unterwegs, und so ganz ohne Schutz?“, meinte er.

„Nicht wirklich.“, antwortete sie. „Butler und James sind mir Schutz genug!“

Der Typ setzte ein blödes Grinsen auf. „Was sollen das denn für Pfeiffen sein? Hört sich mächtig schwul an!“

„Kann sie Dir ja vorstellen… es hat sich vielleicht noch nicht zu Dir rumgesprochen, aber von schwulen Dobermännern hat die Welt noch nichts gehört.“ Karin hatte verfolgt, was da draußen lief. Über ihr Smartphone rief sie eine Dobermann-Zucht-Website auf. Der Typ bei Hannah grinste, weil er einen Trick roch. Als er sich ihr näherte, rief die „Jungs!“ und Karin startete den Stream,verstärkt über den Bluetooth-Lautspecher, öffnete die Tür einen Spalt und schlug gegen sie. Der Kavalier gab Fersengeld und fluchte wie ein Rohrspatz.

„Mädchen, hast Du da tatsächlich Dobermänner in Deiner Kutsche?“, fragte der alte Mann an der Kasse schmunzelnd. „Wann scheißen und pinkeln die denn mal?“

„Brauchen die nicht!“, antwortete Hannah und der Kerl kriegte einen Lachflash. Als Hannah gegangen war, kam der Kavallier in den Laden, um seinen Sprit zu bezahlen. Da hatte der Alte sich schon wieder unter Kontrolle und guckte nörgelig ernst, wie immer.

„Was gabs denn grade so zu lachen, Pete?“, fragte der Kavallier, der argwöhnte es könne was mit ihm zu tun gehabt haben.

„Ach, Huck,“ grinste Pete, „Ich werd zu alt für diese Welt! Dass Du Scheiße erzählst und Deine Kumpels, bin ich nun ja schon gewöhnt, aber dass Weiber heutzutage auch schon anfangen Blödsinn zu reden, dass sich die Balken biegen, bringt mich doch noch aus der Fassung. Dieses Mädel hat glatt behauptet, heute früh in Lordsburgh losgefahren zu sein und es schon bis hierher mit ihrer Büchse geschafft zu haben.“

„Und?“, setzte Huck nach.

„Hat gefragt, ob ich Hundefutter oder Hundeleckerlies hätte.“

Als Huck gegangen und mit seinem GM-Rost-Pick-Up wieder zu seiner Farm verschwunden war, holte sich der Alte erst einmal ein Bier aus der Getränkebox, hockte sich auf seinen Stuhl, schob sich eine braune mexikanische Zigarette zwischen die Lippen, paffte, nahm einenSchluck, blickte in den wolkenlosen blauen Himmel und kicherte  hinein. „Oh lord, wont you buy him a little more brain?“,sang er zur Melodie eines der Lieblingslieder seiner Jugend zufrieden vor sich hin.

Am vierten Tag überquerten sie die kanadische Grenze und gaben an, in ihrem Urlaub, durch Kanada bis nach Vancouver reisen zu wollen. Tatsächlich fuhren sie nach Halifax, wo Lauren die Halbschwester von Hannah, wohnte und sehr erfolgreich mit ihrem Mann Jonathan eine Bäckerei betrieb. Ihre Tochter Elaine war in einen Orden eingetreten und ihr Sohn Laurence hatte in Paris Französische Sprache, Literaturund Philosophie studiert. Bei dem Anschlag auf das Bataclan war er ums Leben gekommen, was die beiden in tiefe Trauer gestürzt und besonders Jonathan von einem liebenswürdig freundlichen Mann zu einem Eigenbrötler hatte werden lassen, der oft tief in seinen Rachegedanken und Hassfantasien versank. An solchen Tagen verschwand er völlig in seiner Backstube und blieb dem Laden fern, wo er sich früher gern aufgehalten und mit den Kunden gescherzt hatte. Alle litten mit den beiden und der Haushaltsladen von Rashid und Maryam oder das Elektrowarengeschäft von Said Al-Bukd, und weitere von Muslimen geführte Unternehmungen hatten nach dem Anschlag im fernen Paris, der einem Jungen der Stadt das Leben gekostet hatte, Probleme. Es gab Anfeindungen, auch wenn die meisten Kunden eine klare Linie zogen. Die beiden waren froh, daß mit Hannah und Karin Abwechslungin ihren Alltag kam. Elaine, die sich nun Schwester Magdalene nannte, stieß ebenfalls zu ihnen und es gab soviel zu erzählen.

„Wir wären gern bei Eurer Hochzeit dabei gewesen!“, äußerte Lauren und wandte sich an Karin: “Wir sind doch eine Familie!“

„Sie dürfen uns nicht böse sein, aber nach den ersten Beschimpfungen,die auf uns niedergingen aus Hannah´s Familie, hatten wir einfach keinen Nerv mehr, so ungerecht das im einzelnen auch gewesen sein mag.“

„Und was ist mit Ihrer Familie?“, setzte Lauren nach. Karin nickte verstehend. Auch das sind Menschen und bis auf meinen Großvater, der leider inzwischen verstorben ist, glaubten sich alle berufen, auf mich und auf Hannah hinabblicken zu müssen!“

„Ja, aber heute?“, wollte Lauren wissen, erschrocken über die Kälte,die aus Karin sprach.

„Niemand sollte sich mit Menschen umgeben, die ihn hinunterziehen wollen!“

Lauren verschluckte sich an dem Saft, an dem sie nippte.

„Man muss auch vergeben können, meinen Sie nicht, Karin?“

Karin begegnete ihrem Blick in aller Ruhe und sagte nur: “Nein.“

Elaine rettete die Situation, indem sie ihre Mutter an den Braten im Ofen erinnerte und sie mit sich in die Küche nahm.

Jonathan hatte mit großer Aufmerksamkeit Karin zugehört, sich noch einenSchnaps eingeschenkt und fing an, wie erwachend, den beiden Fragenzu stellen.

„Wo und wie habt ihr Euch eigentlich kennengelernt?“ Hannah begann wie befreit zu reden. Karin, die die Toilette aufsuchen musste, hörte durch die dünne Gipswand, die das Bad von der Küche trennte, wie Elaine auf ihre Mutter einredete: „Was tust Du da? Willst Du sie entfremden? Es ist ihre Frau!“

„Was redest Du da? Du willst eine Frau Gotte´s sein? Diese Karin hat sie verführt, sie in Laster und Unzucht gezogen!“

„Hörst Du Dich sprechen, Mutter? Wer hat Dich zum Richter über Deine Schwester und über ihre Frau berufen? Satan möchte man meinen, denn unser Herr Jesus kann es nicht sein! Er hat uns Liebe gepredigt und hat sie uns mit seinem Tod bewiesen!“

Lauren lachte auf: “Ist die Sünde nun auch schon in die heiligen Klostermauern gedrungen? Seid ihr…“

„Hüte Deine Zunge, Mutter! Verzeih, aber Du wirst böse!“

Das Gespräch verstummte, als sie die Wasserspülung hörten.

Karin nahm Jonathan gegenüber am Tisch Platz, während Hannah half den Tisch zu decken, Getränke zu holen, einzuschenken und Speisen aufzutragen. „Was machen Sie beruflich, Karin? Sind Sie auchLehrerin?“

„Oh,nein, ich bewundere Hannah für Ihre Engelsgeduld und ihre Liebe für schwierige Fälle, für die sie nicht immer belohnt wird. Nein, ich bin nicht zur Lehrerin berufen. Mein Interesse als Mädchen war es, angeregt durch den Krebstod meines Lieblingsonkels, diesen Feind zu bekämpfen, Ärztin zu werden. Irgend etwas muß ich am Studium missverstanden haben, denn als der „große Professor“ sich mehr für meine Brüste und meinen Unterleib zu interessieren begann, machte ich ihm klar, dass er sich seiner Aufgabe zuwenden solle. Daraufhin glaubte er, mich diskreditieren zu müssen und mein Ziel zerbröselte vor meinen Augen. Er hatte Kontakte überall hin und einige der wichtigsten Studien und Bücher hatte er betrieben und heraus gebracht. Mir blieb nur, einen Lebensunterhalt zu suchen.“

Bevor Lauren, in der es arbeitete, wieder eine unbedachte Äußerung tun konnte, hatte Elain ihr „ungeschickt“ etwas Sauce über das Kleid gekleckert. Sie stand auf und stapfte wütend davon, um sich zu reinigen.

„WelcheLösung haben Sie denn für sich gefunden?“, setzte Jonathan nach, den Faden verfolgend. Karin lächelte. Fragen Sie mich nach den Diners im mittleren Westen, italienischen Restaurants in LA oder Seattle. Ich bin hunderte Kilometer gelaufen, um Gästen Mahlzeiten zu servieren. Es war Zufall, dass eine recht bekannte Schauspielerin miterlebte, wie ein angetrunkener Kerl mir offen zwischen die Beine griff und plötzlich mit einigen Zähnen weniger am Boden lag und anschließend verhaftet wurde. Ein Bodyguard der Schauspielerin sprach mich an, ob ich mir vorstellen könne, für seine Klientin zu arbeiten. Als er mir beschrieb, was ich zu tun hätte und mir das Honorar nannte, wußte ich, dass ich eine Aufgabe gefunden hatte.“

Lauren, die inzwischen wieder mit neuem Kleid am Tisch Platz genommen hatte, schwieg und hielt sich aus den Gesprächen heraus. Schließlich schob sie Kreislaufprobleme vor und entschuldigte sich. Jonathan schien in gewisser Weise Witterung aufgenommen zu haben, denn er blieb an dem, für ihn offenbar interessanten Thema.

„Sind Sie immer noch für diese Künstlerin tätig?“

Karin wußte genau, worauf er hinaus wollte und schüttelte den Kopf.

„Ich arbeite für eine Agentur, die mich an Klienten vermittelt, die meine Qualifikation und Erfahrung brauchen für eine gewisse Zeit. Manchmal bin ich nur wenige Tage gebucht, z.B. um die eigeneS icherheitstruppe eines Klienten zu prüfen und Schwachstellen zu zeigen, manchmal bin ich ein oder zwei Wochen unterwegs, um Vorfeldprüfungen zu unternehmen, wenn ein Prominenter einige Zeit an einem anderen Ort verbringen will oder muß. Eine einzelne Frau, die so ein Hotel, einen Club, ein Resort aufsucht, ist immer unauffälliger als ein Securitymann oder ein Team, das „herumschnüffelt“. In der Regel gilt es, Paparazzi zu erkennen, zu fotografieren und die Security des Prominenten mit den Informationen zu versehen.“

„Und da gibt es nicht mal irgendwas Gefährliches?“ Jonathan war einerseits enttäuscht, glaubte aber auch, dass Karin einiges vorenthielt. Elaine sah, dass er begann, Karin zu nerven, die nicht bereit war, mehr preis zu geben, als sie es getan hatte. Elaine konnte wahrnehmen, dass Karin unter vielen Schalen einen Kern verbarg, der ihr einen Moment lang eine Gänsehaut verursachte. Sie sah aber auch, wie glücklich Hannah mit dieser Frau war.

Beim Frühstück überraschte Karin alle mit der Nachricht, dass ihre Agentur sie für eine Aufgabe nach New York rief. Hannah begriff sofort, was das bedeutete. Karin hatte die Entscheidung getroffen, der Schlange die Giftzähne zu ziehen. An ihrer Reaktion erkannte Jonathan, dass es um etwas anderes gehen musste, als das, was Karin beschrieben hatte. Er behielt es für sich. Lauren war froh, dass Karin das Haus verließ und war nur zu bereit Hannah zu beherbergen und sie so, wie sie glaubte, näher an ihrem Einfluss zu haben. Gegen neun Uhr machte sie sich mit dem Wohnmobil auf den Weg, wenngleich sie New York schneller hätte erreichen können.

„Auf diese Weise habe ich Zeit, mich in Ruhe vorzubereiten. In New Yorkknistert die Luft und ich brauche Konzentration.“, erklärte sie. In Wahrheit aber lag ihr Ziel viel näher.

„Opa,Opa!“, rief der kleine Bursche, rannte zu dem leicht übergewichtigen alten Herrn in grauer Tweedjacke mit ledernen Ellbogenschonern, den lodengrünen Knickebockern, karierten Strümpfen, den festen genähten Schuhen, einem irischen Flachkäppi und einer runden Hornbrille auf der Nase, deren feine rotviolette Äderung eine Vorliebe für harte Getränke verriet, und unter der ein buschiger, aufwändig gepflegter, gezwirbelter Schnäuzer einen gewissen Hang zu Eitelkeit und Wichtigkeit erkennen ließ.

„Opa, schau mal das Schiff da draußen! Was hat das denn für ein riesiges Segel?“, rief der Kleine mit roten Wangen begeistert.

„Das nennt man Spinnaker, Junge! Das bringt dem Boot nochmal richtig Geschwindigkeit!“

Der Alte drückte dem Jungen eine Tüte mit Brot und Kuchenstückchen in die Hand. „Da schau, die Vögel haben Hunger! Gib Ihnen was davon.“

„Oh, danke Opa!“, jubelte der Kleine und lief zu der Gruppe der Tauben und Möwen hinüber.

„Dein Enkel, Birdie?“, fragte der hagere Mann, der fast unmerklich zu dem Angesprochenen getreten war.

„Erwin, wenn Du glaubst, mich überraschen zu können, das hat noch nie geklappt, das wird nie klappen! Ich hab Dich schon entdeckt, als Du Dich in die Gruppe am Hotdogstand gequetscht hast.“

DerHagere verzog seinen faltigen, schmallippigen Mund, steckte sich eine filterlose Zigarette zwischen die Lippen und begann heftig an dem entbrannten Stäbchen zu ziehen. Der Wind vom See her fuhr in sein dünnes, weißes Haar, das an Spinnweben in dunklen Winkeln einer Scheune erinnerte.

„Was willst Du, Erwin? Wie Du siehst, bin ich mit Wichtigerem beschäftigt! Ich seh den Kleinen nur alle vier Wochen einmal!“

„Birdie, mein Freund, wenn wir in der Angelegenheit nicht endlich durchgreifen, könnte es sein, daß Dir das Licht ausgeht, bevor Du den Knaben noch einmal siehst!“

„Ach, Opa, laß uns doch noch etwas bleiben! Es ist so lustig hier!“,bettelte der Kleine und schmuste die Hand seines Großvaters.

„Okay, Erwin! Ich bin um acht Uhr im Büro!“

„Wenn Du meinst?“, entgegnete der frostig.

Birdie verstand, daß es wirklich ernst sein mußte, denn den Ton, den Erwin ihm gegenüber anschlug, hatte er sich zuletzt vor etwa einem Jahrzehnt herausgenommen.

Langsam schlenderte er etwa eine halbe Stunde später zur Limousine mit dem Jungen an der Hand. Der Chauffeur riß die Fondtür auf und kurz darauf rollte der schwere Wagen stadtauswärts.

„Nichts!“,begann Erwin und saugte an der wohl sechsten oder siebten Zigarette, wie Birdie anhand der Kippen im Aschenbecher überschlug. „Ausgeflogen das Nest. Nichts von Belang zu finden, keine Technik nichts. Nachbarn hatte sie keinen. So ein Fuzzi, der Werbeprospekteverteilt meinte, dass da noch eine andere Frau leben müsse, jedenfalls gelebt habe. In den Geschäften in der Nähe wollte niemand was dazu sagen. Die halten Fremden gegenüber zusammen, wie Pech und Schwefel. Nur ein Kind verplapperte sich und es kam heraus,dass diese andere Frau Lehrerin an der Countyschule war. Als unserMann da mal nachschauen wollte, hatte er Pech und wurde vom Sheriff erwischt. Er sitzt bereits im Untersuchungsgefängnis und der Richter scheint was gegen unseren Anwalt zu haben, er blockt ihn einfach ab und wird durch gute Freunde weiter oben gedeckt. Wir hätten besser ein Landei aus der Gegend dahin schicken sollen. Solange unser Mann einsitzt erfahren wir also gar nichts über das hinaus, was er uns auf dem Beantworter hinterlassen hat. Wir wissen nur, dass unser Vogel ausgeflogen ist!“

„Ja, der Birdie ist blöd, passt sich nicht den neuen Zeiten an! – Hab ich Euch nicht gewarnt, diesen Technikscheiss auf die Spitze zu treiben? Das Mädchen ist ein Kaliber für sich, mit solchen Leuten geht man anders um: mit Respekt! Das ist keine blöde Angestellte, die man Männchen machen lassen kann! Sie hat es gerochen und sich selbst mit Eurem Quatsch eingedeckt! Kommt alles aus China und wird an jeder Ecke verscherbelt! – Also, sie ist verschwunden, ja, und?“

„Nach Auswertung unser Aufzeichnungen scheint es möglich, dass sie unsgeortet hat und ganz genaue Koordinaten besitzt. Wahrscheinlich ist sie auf dem Weg hierher!“

Birdie kicherte vor sich hin. Na, dann brauchen Du und Deine Leute doch nur noch durchzugreifen, oder nicht?“

Durch Erwin´s bleiches, faltiges Gesicht zuckte nackter Hass über den unverhohlenen Spott, den Birdie gegen ihn gerichtet hatte. Er hatte immer schon daran gedacht, diesen fetten Sack aus dem Spiel zu nehmen und auch jetzt, beruhigte er seine Nerven mit dem kalten Metall in seiner Rocktasche. Es gab nur ein Problem: Birdie hatte die millionenschweren Kontakte, hatte es geschafft, sich das Vertrauen wichtigster Auftraggeber zu erschleichen! Nun, wäre er nicht da…

„Wir werden warten, Erwin, und dann, um gotteswillen, lass mich mit ihr sprechen! Nichts gegen Deine zwingende Überzeugungskraft, aber – ich meine, Du kannst ja nichts dafür – wenn Du aufgeregt bist, und das wirst Du sein, benötigst Du Deine Sauerstoffmaske und sie wird Dich für einen Roboter halten, der Du, sei mir nicht böse, ja auch bist!“

Erwinzwang sich, seine leere Hand aus der Rocktasche zu ziehen, aber eines Tages!

Die Bürotür flog auf, eine Gestalt hechtete herein und Erwins Schädel zerplatzte.

Birdie wischte sich Blutspritzer mit einem großen, blau karierten Taschentuch aus dem Gesicht. Er griff sich ans Herz und schalt sich selbst einen alten Narren. Er hatte schon vor Jahren kapiert, dass er längst dabei war, in größer werdenden Schritten den Berg hinab ins Tal zu wandern und dass selbst das immer schwerer wurde.

„Jetzt bist Du also da! Wir haben Dich erwartet! Aber natürlich nicht in dieser Weise!“

Karin nickte, schob ihm ein Glas und eine der Mineralwasserfläschchen zu, die auf dem Tisch standen.

„So, Du bist also herzkrank? Sicher hast Du irgendein Medikament bei Dir für Momente, wie diese. Nimm es, aber sei vorsichtig mit den Händen und mit den Knien, obwohl, den stummen Alarm gibt es nicht mehr und auch keinen anderen! Eure Männer, ich meine: Deine Männer – muß es jetzt heißen, liegen betäubt und mit unzerreißbaren Kabelbindern aneinander geknüpft in ihren Räumen. Das Außenteam wird ebensowenig ins Gebäude gelangen, wie die Polizei oder die Feuerwehr. Diese Alarmverriegelung aller Zugänge war eine geniale Idee! Ach ja, die Kameras nehmen nichts mehr auf, die Geräte sind verschmurgelt. Ich glaube, wir können uns entspannt unterhalten, meinst Du nicht auch, „Birdie“?“

Der Alte nickte, entnahm einem silbernen Döschen eine Tablette, nahm sie in den Mund und schluckte sie mit einem Schluck Wasser hinunter.

„Danke.“, sagte er.

„Dafür doch nicht!“, entgegnete Karin. „Sag mir doch lieber, wieso Ihr mich nach unserer langen Zusammenarbeit habt ausschalten wollen! Ich kapier da etwas nicht: erst sagt Ihr mir, wie zufrieden Ihr seid, legt einen großzügigen Bonus auf mein Honorar und dann sowas?“

„Du hast uns hinsichtlich des Europa-Jobs belogen! Du wolltest Dich drücken! In unserer Branche heißt das, dass Du Dich absetzen wolltest, Dich vielleicht hast abwerben oder umdrehen lassen!“

„Birdie, Birdie, beinah hättest Du mir sympathisch werden können, aber Du bist nicht aufrichtig Dich an Deinen eigenen Werten messend, denen Du Dich selbst nicht unterwirfst! Du weißt, wie man einen solchen Menschen nennt, nicht wahr? Der „Europa-Job“ war eine Falle, in die Ihr mich schicken wolltet! Wieso?“

„Erwin ist völlig durchgedreht, hat sich eingeredet, wir wären abhängig von Dir, erpressbar. Er hat mir unterstellt, daß ich Dich bevorzugt behandele, frag mich nicht, woran er das festmachen wollte. Er behauptete es und das Zusammenspiel zwischen uns kam ins Schwanken; ist der Kopf uneins, wackelt alles. Das durfte nicht sein, also war ich bereit, Dich für die Firma zu opfern.

„RitaMeter“ meldete sich wieder einmal mit einem Räuspern. „Bitte frag mal, ob es auch Popcorn und Cola gibt! Soll wohl eine Art Disneyfilm werden, nur daß es am Ende nicht gut ausgehen wird!“

Birdie saß ihr entspannt gegenüber und schien sich eine Last von der Seelereden zu wollen. Ein irgendwie netter alter Herr, der aber auffällig nervös am linken Ärmel seiner Tweedjacke fummelte.

„DasTablett!“, zischte „Rita Meter“. Karin riß es vom Tisch auf, Gläserund Tassen zersprangen auf der Steinplatte des Tisches. Kaum hatte sie es vor ihre Brust gezogen, da schlugen zwei kleine Pfeile gegen den harten Kunststoff und schwirrten in den Raum. Birdie wurde blass und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Ich mußte es versuchen!“

Karin hob einen der Pfeile vorsichtig vom Boden auf und sah ihn sich an.

„Das Gift an der Spitze ist absolut tödlich, nicht wahr?. Du arbeitest bevorzugt mit Gift, das hat mich immer fasziniert und inspiriert!“

Sie bedeutete ihm, die Jacke auszuziehen. Am linken Unterarm war die Doppel-Abschußvorrichtung für die Pfeile festgeschnallt.

„Ich hab so lange nicht mehr selbst getötet. Meine Nervösität hat mich verraten!“

„Hast Du noch irgendetwas zu sagen?“, fragte Karin.

„Ja, glaub es mir oder glaub es mir nicht, mir tut nur eines leid: Ich werde meinen Enkel nicht mehr sehen, werde mich nicht verabschieden können von ihm. Das bricht mir das Herz, und ich weiß, es ist meine Schuld!“

„Wenn Du an einen Gott oder eine höhere Macht glaubst, dann sprich Dein Gebet!“

Birdie sank in sich zusammen, das Kinn auf seiner Brust, machte sich bereit. Karin stach den Pfeil in seinen Hals. Als sein Körper leblos vomStuhl auf den Boden rutschte, verließ sie den Raum.

„Komm, los! Hannah wartet doch schon!“, mahnte „Rita Meter“. „Was soll  ? Was willst Du da?“

Im Park am Seeufer beobachtete sie eine junge Frau mit einem munteren kleinen Jungen, der seine Mama immer wieder zum Geländer zerrte und zu den Booten wies: „Mama, Mama, schau, das ist ein Katamaran und das da an dem anderen Schiff, das heißt Spinnaker! Hat mir alles Opa gesagt! Wann kommt denn Opa wieder zurück? Ich freu mich schon so!“

Karin spürte den Stich, der ihr Herz traf.

„Am Ende büßen wir alle für unsere Sünden!“