02 Frau mit Schirm

© hpkluge . 2017

Die Frau mit dem bunten Regenschirm blieb unter einer der nostalgischen Strassenlaternen am Platz der Königlichen Kavallerie stehen. Ein kräftiger Novemberwind pfiff von Westen her an den Häuserzeilen des Übersee-Boulevards entlang, der vom Hafenviertel her sanft zum Stadtkern anstieg. Sie hatte Mühe, den Schirm mit der einen und den Kragen ihres langen, schwarzen Lackmantels schützend mit der anderen geschlossen zu halten. Im oberen Stockwerk des massigen, schmucklosen Gebäudes auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes schimmerte hinter einem einzelnen Fenster Licht, wohl das einer einsamen Schreibtischlampe. Sie blickte kurz hinauf, zog dann, als ihr der feine Regen stechend ins Gesicht schlug aber schnell den Schirm wieder tiefer. Sie fröstelte. Eine zerknüllte Zigarettenpackung tanzte im Rhythmus des Windes über den nassgrauen Asphalt, schien immer wieder, einer dramatischen Choreographie folgend, kurz zu verharren, um nur einen Wimpernschlag später, zu neuen Sprüngen ansetzend, ihre Bühne in Besitz zu nehmen. Die Glocke der Turmuhr der Kathedrale kündete mit vollem Klang das Viertel zur vollen Stunde an. Ausschauend blickte sich die Frau mit dem bunten Schirm um, den sie dabei nun mit beiden Händen gefasst hielt, gegen ein Überschlagen der Bespannung ankämpfend. Schließlich zog sie sich zur Hauswand zurück, um dem freien Zugriff des Windes zu entgehen. Kein Mensch war zu dieser Zeit und bei diesem Wetter hier zu Fuß unterwegs. Nur von Zeit zu Zeit schien sich ein Fahrzeug in dieses Viertel zu verirren, stockend, wie nach Orientierung suchend bewegt, oder würdevoll mit gewissem Ziel daher rollend.

Minuten später wurde die Stille und Unberührtheit der nächtlichen Stunde durch das Kreischen von Reifen, dem dumpfen Dröhnen und Hämmern aggressiv übersteuerter Bässe zerrissen und angegriffen. Ein schwarzer Sportwagen sprang geradezu auf den Platz, nachdem er durch eine Unebenheit in der Strasse die Bodenhaftung verloren hatte. Das ultrahelle Scheinwerferlicht des aufschlagenden Fahrzeugs erfasste kurz die, eng gegen die Hauswand geschmiegte Frau, die in einem Reflex den Schirm wie zum Schutz hochriss, bevor das schwarze Fahrzeug in die Fassade einschlug. Das einsame Licht hinter dem Fenster im obersten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes erlosch. Die Zigarettenpackung wurde vom nächsten Windstoß erfasst und unter ein parkendes Auto getrieben, wo ihr Auftritt endete. Ein Wachmann im Postenhäuschen an der mehrfach gesicherten Einfahrt zur Tiefgarage der lokalen Nebenstelle einer Regierungsorganisation, der den Crash des Wagens beobachtet hatte, bemühte sich den Vorfall der Polizei zu melden, doch sämtliche Leitungen und Netze waren „tot“, auch die beiden „roten“ Telefone. Auf keinen Fall durfte er seinen Posten verlassen, egal, was draussen geschah. Sie hatten ihn auf die perversen Szenarien terroristischer Attentäter mit Videomaterial vorbereitet, das ihm sein Innerstes umgekrempelt hatte. Die Vorstellung, soeben eine taktische Finte solcher Mörder beobachtet zu haben und nun möglicherweise einem realen Angriff ausgeliefert zu sein, überforderte seinen Magen massiv. Er schaffte es gerade noch, sich den Abfallkorb unterzuhalten, dann versagte sein Kreislauf. Er schlug mit dem Schädel heftig auf den harten Steinboden des Postenhäuschens und verlor sein Bewußtsein. Das Viertel lag wieder in tiefer Stille bis die Glocke der Turmuhr der Kathedrale Mitternacht schlug. Ihrem letzten Schlag und dem Abklingen des metallischen Schwingens schien ein leises atmosphärisches Beben, die Luft aufzuladen, nur um sich gleich darauf ins Nichts zu verlieren. Wäre jemand in diesen Sekunden auf dem Platz gewesen, hätte er beobachten können, wie sich der gothische Giebel der aufgegebenen, säkularisierten und zum Café umgenutzten Seitenkapelle flirrend in etwas wie schwarze Rauchfetzen auflöste, die sich zu Krähenvögeln zu wandeln schienen, die sich über dem Platz sammelten, um schließlich auf das Wrack des schwarzen Sportwagens nieder zu stoßen.

Die massive Beschädigung in der Wand des Clubhauses der Marine- Veteranen, die am kommenden Morgen entdeckt wurde, gab der Polizei, den Behörden, und einfach jedermann Rätsel auf, zumal keine der etwa vier Duzend Kameras am Platz etwas aufgezeichnet hatte, das eine Erklärung geboten hätte. Die peinliche Wahrheit war, dass sie gar nichts aufgenommen hatten. Im Rinnstein wurde ein achtlos fortgeschmissener, umgeschlagener Regenschirm mit auffällig regenbogenfarbiger Plastikbespannung gefunden und entsorgt. Der Wachmann im Postenhäuschen der Behörde war von seiner Ablösung dort tot aufgefunden worden. Offenbar war er der schweren Kopfverletzung nach einem Sturz auf den Steinboden erlegen.

Heli schlug verschlafen knatschig auf den Wecker neben sich. In zwei Stunden musste sie fit am Set stehen, um ihre letzten Szenen fürs Finale der endgültig letzten Staffel der hirnrissigen Serie abzuliefern, die sie nicht reich aber wohlhabend und recht bekannt gemacht hatte. Erin´s Betthälfte war verlassen, wieder einmal. Wie es aussah, musste sie bereits unterwegs sein. Sie hatte im Bett gelegen, ihr Pyjama lag achtlos über das zurückgeschlagene Oberbett und das zerknüllte Kopfkissen geworfen. Heli hatte am Abend zuvor ein Medikament eingenommen, um Schlaf zu finden. Bislang hatte sie noch kein seriöses Angebot für ein neues Engagement und es gab Rechnungen zu bezahlen, die in den letzten Jahren deutlich umfangreicher geworden waren. Erin leistete kaum einen Beitrag, konnte sich im Grunde nicht einmal selbst finanzieren. Das spielte zwar keine Rolle, doch irrte sie nur ziellos durch eine kaum zu beschreibende Existenz. Da war keine Entwicklung, keine Perspektive in ihrem Leben. Jetzt, wo sie selbst deutlich festen Boden unter den Füssen zu verlieren begann, empfand sie es als weiteres Gewicht am Bein, das an ihr zerrte. Seit einigen Wochen streunte Erin mit einer Kamera durch die Stadt – einfach nur so, wie sie sagte – ohne Plan, Spur, ohne ein Projekt zu verfolgen. Da Erin ihre fotographische Ausbeute vor ihr geradezu schamhaft verbarg, hatte Heli sich heimlich durch die Dateien geblättert. Am Ende war sie zum Schluß gelangt, dass es immerhin gut sei, dass Erin sich beschäftigte.

Heli ging unter die Dusche und stellte fest, dass Erin sie nicht benutzt und auch keinen ihrer Toilettenartikel angefasst hatte. „Seltsam.“, dachte Heli, denn Erin war eine gepflegte, sehr auf ihr Äusseres bedachte Person. In der Küche bereitete sie sich eine Tasse Tee mit Milch zu, nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck zwischen tiefen Zügen an der Zigarette und geübter Arbeit an ihrem Makeup. Nachdem sie sich im Schlafzimmer angekleidet hatte, brachte sie das große Doppelbett in Ordnung. Als sie den Bezug auf Erin´s Seite glattstrich, entdeckte sie mineralischen Staub, feine Splitter und Körner. Sie schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr, seufzte und brach auf. Während sie den Wagen in Richtung des Studios lenkte, schoss ihr nochmal das letzte flüchtige Gespräch mit dem Produzenten der Serie durch den Kopf. Sein obszönes Angebot hatte sie schon länger erwartet, unterbreitete er es doch beinah jeder Kollegin und auch einigen Kollegen. Schockiert aber hatte sie ihr eigener Gedanke: „Wieso nicht?“

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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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