01 DieStadt

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Sie hatte nicht einschlafen können, sich wohl ein halbes dutzendmal schon unter die Dusche gestellt, aber dennoch keine Erfrischung, keine Ruhe gefunden. Eine drückende Schwüle hatte den ganzen Tag über der Stadt gelegen. In dichten Wolken schwärmten Mücken um die Straßenlaterne vor dem Haus. Sie hielt die Fenster geschlossen. Gegen halb eins nahm sie einen erneuten Versuch, doch noch etwas Schlaf zu finden. Der Ventilator ließ die Illusion einer frischen Brise auf ihrer Haut entstehen und aus der quälenden Erschöpfung wurde sanfte Mattigkeit. Abrupt wurde sie aber durch laute Stimmen draußen aus dem seichten Schlaf gerissen. Gereizt erhob sie sich vom Sofa und trat ans Fenster. Auf der Straße lungerte ein Traube Halbstarker herum, die miteinander stritten und in der fremden Sprache aufeinander einschrien, pöbelten, sich schubsten, lachten, mit Fäusten einander drohten. Sie seufzte. Zwecklos, die Polizei zu rufen, das erhöhte nur den Krawall und änderte gar nichts. Vor zwei Wochen war in dieser Strasse nachts eine Polizeistreife massiv angegangen, der Beamte mit einem Baseballschläger bewußtlos geschlagen, der Beamtin Uniform und Wäsche vom Körper gerissen und mit Autosprühlack „Nazi-Fotze“ auf Po, Rücken, Brust, Bauch und Schenkel geschrieben, die Waffen der Beamten entwendet worden. Sie fühlte die Ohnmacht, sich wie die Klaue eines Greifvogels um ihren Hals klammern, als sie das dreiste Treiben der Halbstarken sah, das wichtigtuerische, anmaßende Gestikulieren und Gestammel, die Drohgebärden zu den Fenstern hinauf. Sie zog sich wieder auf das Sofa zurück und presste ihr Gesicht in das große Kissen. Es hatte eine Razzia in den Häusern der Clans gegeben, die sich hier breit machten. Es hatte gar nichts gebracht, nur, dass sich die Typen noch unantastbarer fühlten. Immer wieder nahm sie sich vor, eine andere Wohnung in einem zivilisierten Stadtteil zu suchen. Es gab ein Problem: diese fünf Tage auf Höhe 741. Als Ärztin war sie in den Einsatz gegangen. Als am Morgen des sechsten Tages die Hubschrauber kamen, nahmen die sie als Kämpferin zurück zum Stützpunkt.

Der Lärm draussen hielt an, eine Scheibe klirrte und plötzlich zuckte blaues Licht zum Fenster herein. Drei Streifenwagen hatten sich diesmal ins Viertel gewagt. Vier Beamte versuchten Ruhe zu schaffen, während zwei sicherten und den Funkkontakt hielten. Plötzlich kamen von überall her immer mehr Halbstarke und junge Männer. Als ein Beamter deutlich Verstärkung anforderte, zogen sich die Randalierer aufreizend langsam mit beleidigenden Gesten und Beschimpfungen zurück. An deren Stelle tauchten kleine Jungen auf, die die Beamten verspotteten und auslachten. Gegen Viertel vor eins zogen die Streifenwagen unter dem Gejohle einer Gruppe Halbstarker ab, die ebenso schnell wieder aufgetaucht war, wie sie sich vorher verzogen hatte. Sie ging in die Küche, ihr war danach, sich einen Tee aufzugießen, als es plötzlich Lärm im Treppenhaus gab. Zwischen zwei schnauzenden männlichen Stimmen hörte sie deutlich die angstvollen Schreie einer Frau, die sie als die ihrer Nachbarin erkannte. In dieser Sekunde handelte sie und es war ihr, als sähe sie sich selbst dabei zu. Die beiden Kerle, die die junge Frau vor sich her schubsten, sie zerrten, übel beleidigten, Messer hämisch gezückt in ihre Richtung hielten, begriffen nicht mehr, was ihnen geschah, als sie durch das brechende Treppengeländer schreiend vier Stockwerke tief fielen und auf den gekachelten Boden des Erdgeschosses klatschten.

Die Turmuhr der nahen Kirche schlug gerade eins, als die ersten Blitze zuckten, mit dem brachialen Donner der Regen fiel, der die Luft reinigte und die ersehnte Erfrischung brachte. Sie spürte die Müdigkeit, streckte sich aus und überließ sich wohlig dem Schlaf, der sie endlich erlöste und mit sich nahm.

Die junge Frau beschrieb den Hergang des Vorfalls den Beamten. Die Burschen hatten sie an der Bushaltestelle abgepasst, sie belästigt, bedrängt und ins Treppenhaus verfolgt. „Als ich meine Wohnungstür erreichte, drängten sie sich gegen mich, wollten in meine Wohnung, um es mir dort „richtig schön“ zu machen, „so wie es Christenhuren gern haben“. Ich kriegte die Panik, weiß gar nicht, was ich getan hab, um mich zu wehren. Sie schlugen mich und auf einmal krachten sie gegen das Geländer und waren weg. Ich bin in meine Wohnung, hab abgeschlossen und Sie angerufen.“ Die Angaben der anderen Mieter im Haus brachten keine brauchbaren Erkenntnisse. Sie waren selbst alle bereits belästigt, beleidigt und bedroht worden, hatten Angst. Vor dem Haus hatte sich eine wütende Menge versammelt, darunter kreischend klagende Frauen, Mütter und Verwandte der Toten. Erst als ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei auftauchte, sicherte und Festnahmen durchsetzte, zog sich die Meute etwas zurück.

01:40 Uhr

„Todesursache war eindeutig der Aufprall auf dem Steinboden mit allem, was sowas mit sich bringt.“, meinte der Rechtsmediziner. „Die junge Dame muss in ihrer Panik geradezu unmenschliche Kräfte entwickelt haben, denn die Angreifer sind nicht einfach gegen das Geländer getaumelt, sie haben Tritte kassiert, die es in sich hatten. Schau sie Dir an, dieses Persönchen hat gar nicht die Physis. Yoga ist wohl eher ihr Sport. Aber, wie gesagt, Todesangst setzt manches frei. Gene vergessen nichts. Und, da war niemand sonst?“

Hauptkommissar Gelber zuckte mit den Schultern. „Sie lebt allein, keine Freunde, keine Männerbesuche, wie die anderen im Haus erzählen.“

„Was ist mit der Wohnung neben der ihren?“, fasste der Dok nach. Gelber schüttelte den Kopf. „Steht seit drei oder vier Jahren leer. War von einer Stabsärztin angemietet, die in Afghanistan gefallen ist.“

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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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