Man-droid

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Als er Sigmed XIII neben sich stehend erkannte, war klar, dass der schlimmste aller Fälle eingetreten war.

„Herr Kommandant, ich begrüße Sie zum Erwachen auf der Solar!“

Er hatte die Stimme der medizinischen Einheit von den Trainingsszenarien her anders in Erinnerung. Sigmed klang weniger synthetisch, als damals.

„Lassen wir das! Dass wir hier zusammen sind und Du mich reaktiviert hast, sagt, dass Rang und Titel gegenstandslos geworden sind. Für uns beide allein hier: Mumpitz!“, brachte er heraus und wunderte sich über den absolut widerlichen Geschmack im Mund.

„Das ist der Basisstoff der Körperflüssigkeiten, die Ihre organischen Anteile versorgen, Herr Kommandant! Wenn Sie sich daran gewöhnt haben, werden Sie es weder schmecken, noch werden ihre oralen oder nasalen Wahrnehmungen beeinflusst!“

„Danke, Siggi!“, entgegnete er und begriff, dass Sigmed XIII ihn niemals anders anreden würde als „Herr Kommandant.“.

„Kann ich aufstehen?“, fragte er.

„Versuchen Sie es!“, kam die knappe Antwort.

Tatsächlich gelang es auf Anhieb ohne Probleme.

„Ich habe vor einer Stunde bereits mit den vorbereitenden Maßnahmen begonnen, Herr Kommandant! Sie sind in jeder Weise vollständig funktionstüchtig!“

„Das ist gut zu wissen!“, sagte er schmunzelnd mit einem leichten Bedauern, dass der Droide niemals Humor würde verstehen können, und er einfach keine Qualifikation oder Kenntnisse besaß, die Intelligenz der Maschine dahingehend zu modifizieren.

„Gehen wir in die Zentrale! Ich muß mich auf den aktuellen Stand bringen.“, fuhr er fort und erhob sich. Von den Trainings her, kannte er noch den Weg und war verwundert, die Mannschaftsunterkünfte als belegt ausgewiesen zu sehen.

„Die Einheiten sind, mit Bordmitteln, nicht mehr zu aktivieren.“

„Wieso ist das so?“, wollte er wissen.

„Wir sind in den Wirkbereich einer Supernovaexplosion geraten, Herr Kommandant und weit aus unserem Kurs geschleudert worden. Der Pilot der Bordintelligenz hat nach Wiedererlangung der Kontrolle einen neuen Kurs zu den Zielkoordinaten der Mission errechnet und den Flug angepasst. Wir haben etwa dreihundertfünfzig Jahre verloren. Für diesen Zeitraum waren die Einheiten nicht ausgelegt, nicht ohne die Serviceunterstützung, die Ihnen als Kommandant gewährt wurde.“

„Also ist die Mission hinfällig geworden, denn wenn ich es recht sehe, gibt es nichts mehr zu retten, wenn wir unseren Auftrag erfüllen.“, stellte er nüchtern fest.

„Mag sein, dennoch gibt es keine Abstriche vom Missionsziel. Wir sind voll einsatzfähig und auf Kurs!“, wandte der Medodroide ein.

„Auf der Brücke der Solar begab er sich in die Identifikationskabine, die er, sollte ihn die Intelligenz nicht als den erkennen, der er war, nicht mehr ins Schiff zurück verlassen, sondern ins Vacuum des Raumes transmittiert werden. Bestätigt und authorisiert trat er zurück in die Zentrale und nahm im Sitz des Kommandanten Platz. Die Bordintelligenz bestätigte, was Sigmed XIII ihm bereits vorgetragen hatte.

„Mission ist abzuschließen! Befehl nur auf Widerruf durch Terra-Luna auszusetzen!“

„Bitte Überprüfung!“, entgegnete er.

„Eingang eines Widerrufs ist nicht erfolgt. Kontakt zu Terra-Luna nicht möglich, Peilsignal-Abbruch noch vor Zwischenfall.“

„Da keine Verifizierung möglich ist, wie nach der veränderten Lage notwendig, befehle ich den Rückflug zum Solarsystem!“, brachte er hervor.

„Unmöglich!“, sagte der Holo-Avatar über seinem Befehlscockpit. „Das Solarsystem wurde aus dem Raum-Zeit-Gefüge gerissen!“

Die Intelligenz spielte ihm die letzte Übermittlung der „Liberté“, eines Schlachtschiffes der Verteidigungsflotte ins Display.

Irgendwo in sich gab es eine Reaktion, relevant war, dass es die Option Rückkehr nicht gab, ein Abgleich nicht möglich war und damit der Missionsauftrag galt.

„Missionsdaten!“, befahl er und eine Darstellung erschien.

Die Solar befand sich derzeit knapp zwölf Millionen Lichtjahre entfernt von den Ausgangskoordinaten im Solar-System und eilte mit unveränderter Geschwindigkeit auf einen, einer Galaxie vorgelagerten kleinen Sternhaufen zu, dessen Randzone sie in siebzehnTagen erreichen würde. Das Schiff war in einwandfreiem Zustand, geschützt durch Schutzschirme, die Strahlungen, jedwede Kollision mit Staub-, Materiewolken oder Partikeln ausschlossen und im Zwischenraum Instabilitäten ausglichen. In dem Maße, wie die Solar Energie verbrauchte, nahm sie Energie aus ihrem Umfeld auf. Das Universum besteht aus Energie in unterschiedlichsten Erscheinungsformen.

„Abtastung?“, fragte er.

„Keine Ortung bislang. Vorschlag: Eintritt in Normal-Kontinuum in zwölf Tagen, dann Verdecktabtastung im Stand-bye zu Notsprung.“

„Einverstanden!“, bestätigte er.

Am vorgeschlagenen Tag rief ihn die Intelligenz gegen 12 Uhr Standardzeit in die Zentrale zum Bericht.

„Keine Ortung!“, begann der Avatar. „Mit welchem Filter, auf welchem Spektrum auch immer!“

„Schlußfolgerung?“,fragte er nach. Das Ergebnis der Bordintelligenz war  und kaum nachzuvollziehen:

„ AchzehnProzent Wahrscheinlichkeit, dass jede uns zur Verfügung stehende Ortungstechnik durch eine neuartige Technologie neutralisiert wird. Zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Sternhaufen von einer uns bislang vollkommen unbekannten Form von Intelligenz, Leben und entwickelten Technologie bewohnt und beherrscht wird! Dem gegenübersteht eine Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent, dass dieser Sternhaufen „tot“ ist, keinerlei Leben, welcher Form auch immer beheimatet. Drohnen sind ausgeschickt zur Spurensuche. Jede Einheit arbeitet voll funktionstüchtig.“

„Gibt es auch keine Ortungen im Umfeld des Sternhaufens oder in der Galaxis?“

„Negativ.“

Seine positronische Intelligenz erkannte die Daten der Bordintelligenz vollständig an, sein synthetisch nachvollzogenes, organisch-menschliches Gehirn stemmte sich, gegen deren Übernahme und Akzeptanz. Er nahm etwas wahr, dass er nur als „nicht klar zu definierenden Zustand, als einen nicht hinterlegten Prozeß“ zu beschreiben in der Lage war. Genau diese Sensibilität war ursächlich gewesen, das Kommando der Solar und weiterer Einheiten, mit einer unabhängigen, organischen Intelligenz zu ergänzen.

„Ortungsscans bleiben mit Priorität auf aktuellem Modus!“, bestätigte die Bordintelligenz. Ich schlage vor, die Zielkoordinaten über einen veränderten Kurs anzulaufen!“

„Einverstanden! Außerdem sollten die Scans prioritär verstärkt auf Veränderungen ausgerichtet sein, die als Reaktion auf unsere Kursänderung, bzw.Änderungen zu interpretieren wären.“

Der Avatar nickte und gab das Display frei für Darstellungen der Ortungsergebnisse der Drohnen.

Die Solar bewegte sich drei Tage später mit halber Lichtgeschwindigkeit im Sternhaufen auf Kurs zu den Zielkoordinaten. Weder Bordortung noch Drohnen hatten den geringsten Hinweis auf Aktivitäten nicht natürlichen Ursprungs oder auf Leben ausmachen können.

„Wirsind exakt in der Nähe der, von den Spähschiffen der Flotte ermittelten Heimatkoordinaten der Invasoren!“, bestätigte die Bordintelligenz und die Mimik ihres Avatars drückte deutlich Ratlosigkeit aus. „Es gibt keinerlei Abtastungen, keine Ortungsaktivitäten!“

An der Analyse der BI konnte es keinerlei Zweifel geben, ebensowenig am perfekten Zustand der Systeme. Das akzeptierte auch seine biologische Intelligenz, aber im gleichen Maße, wie die objektiven Fakten bestätigt und verifiziert wurden, regte sich dennoch, eigentlich unverständlich Widerstand in ihm, wuchs etwas, das mit dem menschlichen Begriff „Mißtrauen“ deckungsgleich war.

„Ihr werdet oft feststellen, dass Ihr in Konflikt mit Eurer positronischen Intelligenz kommt. Dieser Widerspruch ist gewollt! Es ist anstrengendb ihn zu lösen. Es kann sein, dass ihr Euch blockiert, paralysiert fühlt. Das ist aber kein Defekt! Es ist ein eingeleiteter Prozess, den ihr abbrechen könnt, der damit aber nicht abgeschlossen ist, sondern erneut seine Fortsetzung suchen wird. Zieht Euch zurück und lasst Eure Intelligenzen die Lösung finden, denn das wird geschehen!“, Major Keira Deventer, die kybernetische Ausbildungsleiterin der Akademie hatte sie immer und immer wieder mit den Widersprüchen ihrer Existenz in Berührung gebracht und sie zur Versöhnung mit sich selbst ermuntert, wie sie es genannt hatte. Sie war ein nativer Mensch, aber als Wissenschaftlerin und Entwicklungsingenieurin für synthetische Persönlichkeiten, für Androiden, wie er einer war, verstand sie es, sich in den Geist, das Wesen von Individuen seiner Art einzufühlen.

„Wieso gibt es uns? Wieso wurden wir gemacht?“, wollte einer von Ihnen während einer Schulung von Major Deventer wissen und sprach aus, was alle schon einmal beschäftigt hatte und es immer wieder tat.

„Gründe gibt es mehr, als ich hier aufzählen oder benennen könnte. Die Wahrheit aber ist: Ich weiß es nicht! Menschliche Neugier, wissenschaftlicher Ehrgeiz. Ihr seid da, weil wir Menschen Euch in die Welt gesetzt haben, weil wir taten, was wir konnten, weil wir es konnten. Wir wollten mehr als Maschinen, mehr als Eure Vorfahren, die Roboter… ich glaube, wir wussten selbst nicht genau, was wir wollten, über die reine Neugier hinaus zu sehen, was möglich ist. Indem Ihr da seid, werdet ihr anfangen, selbst etwas aus Euch und dem, was ist zu machen! Ihr werdet erfahren, was Einsamkeit ist –allein im Widerspruch zu allem zu sein – und so aus Euch selbst neu geboren werden!“

Er hatte das, wie die meisten anderen, nicht verstanden, aber es hatte ihm fortan keine Ruhe gelassen.

„Zielkoordinaten erreicht!“, stellte der Avatar der BI nüchtern fest. „Nichts!“, ergänzte sie unmittelbar darauf, seine Frage vorweg beantwortend. Die Solar hatte sich in Schleichfahrt genähert, war weder angepeilt worden, noch hatten ihre Systeme technische Systeme oder Anzeichen von Leben entdeckt.

„Wie wahrscheinlich ist es, dass die Ermittlung der Koordinaten der Flotte fehlerhaft war?“, fragte er.

„Wahrscheinlichkeit unter einem Prozent! Bis zum Zeitpunkt der Ermittlung der Koordinaten hat es keine Beanstandungen, keine Mängel der Technik gegeben, die ein derartiges Versagen erklären könnten! – Ausgangspunkt aller Feindaktivitäten, Ausgangspunkt der Invasion war definitiv hier!“

„Die Vernichtung unseres Heimatsystems kam also aus dem Nichts?“

Die BI ersetzte ihren Avatar mit dem Symbol der Flotte. Er wollte sich erheben, um die Zentrale zu verlassen, hielt aber inne und fragte:

„Was spricht dagegen festzustellen, daß die Mission hiermit gegenstandslos geworden ist?“

Der Avatar baute sich erneut auf.

„Die Tatsache, dass die Auslösung „der Fracht“ nicht stattgefunden hat!“, formulierte die BI und ließ ihren Avatar die Lippen schürzen und lächeln.

„Ein symbolischer Akt?“, fragte er.

„Keineswegs!“,sagte der Avatar. „Es handelt sich um einen klaren Befehl zum Abschluss der Mission! Wir sind gebunden, Befehle zu befolgen, und nicht selbstständig von ihnen abzuweichen!“

„Und, was ist unser Auftrag nach dem Abschluß der Mission?“, fragte er ohne eine konkrete Antwort zu erwarten.

„Rückkehr zum Solar-System!“, kam es nüchtern zurück.

„Okay!“, hörte er sich sagen. Die BI würde die Missionsbefehle bis ins Detail befolgen.

„Ausstoßen der „Fracht“ in zehn Sekunden. Auslösung selbstständig in dreissig Minuten. Start Antriebsaggregate: jetzt!“

Sigmed XIII betrat die Zentrale.

„Herr Kommandant, Ihre Langstreckenkabine ist vorbereitet!“

Selbstironisch stellte er fest, dass der Begriff „Kommandant“ ja wohl kaum seine Rolle an Bord beschrieb.

„Es hätte ja auch anders kommen können!“, nahm er einen Gedanken wahr. „Dann hätte es durchaus Deiner autarken Position als Kommandant bedurft!“

Da war er sich keineswegs sicher. Er lächelte und folgte Sigmed XIII. Als sich die Kuppel über seinem Lager schloß und das Licht herunterdimmte, war da noch eine gewisse Zeit, bis seine Funktionen und sein Bewußtsein in den Ruhemodus übergeben wurden. Seine organische Intelligenz beschäftigte sich mit dem Problem, wie Vernichtung aus dem Nichts geschehen kann.

„Herr Kommandant, ich begrüße Sie zum Erwachen auf der Solar!“

SigmedXIII stand neben ihm, und er hatte das deutliche Gefühl eines DejaVues.

„Schon wieder?“, fragte er. Der Androide schien verblüfft zu sein, was immer sein Schweigen sonst auch zu bedeuten haben mochte.

„Ich verstehe nicht, Herr Kommandant!“, brachte er hervor.

Ander sals nach dem Hinflug fühlte er sich müde und abgespannt.

„Wie lange waren wir denn diesmal unterwegs?“, hakte er nach.

SigmedXIII schien von dieser einfachen Frage vollkommen überfordert zu sein. „Herr Kommandant?“

„Wir waren noch gar nicht fort, Herr Kommandant! Sie sind gestern von den Vorbereitungen auf Guerta IX eingetroffen und haben gleich in Ihrer Kajüte Quartier genommen! Das Training muß hart gewesen sein, denn an dem Farewell-Dinner nahmen Sie gar nicht mehr teil!“

Er erhob sich und schaute sich um. Er hatte tatsächlich im Bett der Kapitänskajüte gelegen, die Langstreckenkabine war geschlossen und dunkel.

„Ich habe Sie nach Abschluß der Routinechecks und der Behandlung kleiner Hämatome und einer Überdehnung im linken Wadenmuskel geweckt, Herr Kommandant. In dreissig Minuten findet das Briefing statt und vielleicht möchten Sie noch einen kleinen Imbiss vorher zu sich nehmen!“

Verwirrt beeilte er sich mit seinem Toilettengang, der Lichtdusche, sprang in seine Bordkombination, trank einen Schluck Kaffee, kaute einen Keks und verließ seine Kajüte. Hatte er da einen wilden Traum gehabt?

„Ah, Kommandant Vanmorris!“, begrüßte ihn Admiral Lukanow, der offenbar persönlich das Briefing abhalten wollte. „Wir gratulieren Ihnen zum hervorragenden Abschluß des AlphaXpert-Seminars! Sie sind ein Vorbild für Ihre Kameraden!“ Alle Anwesenden erhoben sich, salutierten und applaudierten.

Das war real, doch er fühlte sich, als sei er in einem Traum gefangen.

Das, worauf der Admiral vorbereitete, hatte doch längst stattgefunden: der Flug der Solar zum Ausgangspunkt der laufenden Invasion! Das Briefing, an das er sich so lebendig erinnerte, als sei es gestern erst gewesen, hatte ein Oberst der Flottenraumlandetruppen geleitet, der mit einem Battaillon auf dem, die Solar eskortierenden Träger stationiert war, der sie bis zur Randzone der Milchstrasse begleitete, um den sicheren Eintritt in den Zwischenraum zu gewährleisten, denn es waren bereits kleinere Invasionsverbände geortet worden.

„Wir erwarten eine erste Invasionswelle in den kommenden Tagen. Eine Abfangflotte, zu der der überschwere Träger „Konrad D. Gershwin“ gehört, wird die Solar eskortieren und ihren Eintauchkurs bis zum Eintritt in den Zwischenraum sichern…“

Nach Abschluß des Briefings winkte Lukanow ihn zu sich.

„Bitte suchen Sie mein Büro auf! Man hat mich gebeten, es zur Verfügung zu stellen, um nach dem offiziellen Briefing diskret mit Ihnen sprechen zu können. Ich weiß nichts Vanmorris! Warten Sie ab. Ich werde bereits auf der „Konrad D. Gershwin“ erwartet. Also: „Schoten-und Mastbruch!“ für Ihre Mission, Kommandant! So wie es sich Seeleute in grauer Vorzeit auf den Ozeanen der Erde wünschten!“ Von Ihrem Erfolg hängt mehr ab, als wir es alle uns vorstellen können oder wollen, denn was Kurs auf unsere Insel genommen hat, entzieht sich allem, was wir uns jemals hatten vorstellen können! Der Admiral drückte ihm die Hand mit offenem Blick und Vanmorris salutierte, was Lukanow in gleicher Weise und sichtbarem Respekt erwiderte.

Die beiden Wachen am Eingang zu Lukanow´s Trakt traten zur Seite und er ging durch die Tür, schritt durch das verlassene Vorzimmer auf das Büro zu. Die Tür glitt auf und mit dem Rücken zu ihm stand, in der silbriggrauen ‚Uniform des Föderationssicherheitsdienstes eine weibliche Person, die sich ihm auf seine Meldung hin zuwandte: Major Keira Deventer!

Sie entgegnete sein überraschtes Salutieren mit einem warmen, offenen Lächeln.

„Wir kennen uns, Kommandant! Ich entschuldige mich für dieses Versteckspiel, aber Sie werden gleich den Grund verstehen! Setzen wir uns, und ich glaube, ein Glas von Admiral Lukanows originalem Vodka wird weder mir noch Ihnen schaden. Ich weiß, dass sie das Getränke benso schmecken und seine Wirkung spüren können, wie ich!“

Sie schenkte ihm und sich jeweils in ein recht ansehnliches Glas ein, setzte sich, hob das ihre, prostete ihm zu, leerte es, setzte es ab. Als er ihrem Beispiel gefolgt war, begann sie zu sprechen.

„Ich war und bin Wissenschaftlerin aber ich war immer zugleich auch Mitarbeiterin des Geheimdienstes. Vor dem Hintergrund der Wichtigkeit unserer geheimen Forschung und Entwicklung ist das kein Widerspruch sondern zwingende Notwendigkeit. Aber kommen wir zum Wesentlichen:

Ich weiß, wie es Ihnen geht, Kommandant, und ich kann ihnen sagen, dass Sie sich nicht irren und ganz bestimmt nicht verrückt sind! Die Tatsache, dass wir uns hier gegenüber sitzen ist der klare Beweis, dass Ihre Mission, an die Sie sich klar erinnern, ein voller Erfolg war!

Die Invasion der Milchstrasse durch eine intelligente Rasse aus genau jenem Sternhaufen, den Sie mit der Solar anliefen, hat stattgefunden. Unsere Flotte wurde niedergerungen und das Solsystem wurde mit einer unbekannten Technik schließlich aus dem Raum-Zeitgefüge gerissen. Das alles ist real geschehen. Wir konnten es nicht verhindern, aber den Ursprung der Invasion, die Heimat, das Nest dieser Rasse konnten wir herausfinden und aus der Überlegenheit ihrer Flotte, den Waffen ihrer Einheiten eine Vorstellung gewinnen, mit wem und mit welcher Technologie wir es zu tun hatten. Diese Rasse war uns überlegen, aber auch wir waren schon auf ähnliche Lösungen gekommen. Als wir sie auf ihre Mission schickten, hatten Sie eine Fracht an Bord über deren Natur auch die Bordintelligenz der Solar keine Information besaß, denn diese Rasse hatte Möglichkeiten, Informationen auch aus hochgesicherten Positronengehirnen auszulesen.

Aus ausgewerteten Ortungen und anderen Beobachtungen waren wir zu dem Schluß gekommen, dass diese Spezie in der Lage war, mit der Zeit zu operieren, zu spielen. Ihr Schiffe verschwanden in einem Gefecht und tauchten exakt an Positionen wieder auf, an denen sie sich Sekunden oder Minuten zuvor in exakt den gleichen Manövern befunden hatten.Das war unheimlich und der Gedanke lag nahe, daß sie nicht nur ihre Raumschiffe in die Vergangenheit versetzen konnten, sondern möglicherweise auch Planeten oder ein ganzes System. Bei der „Fracht“ handelte es sich nicht nur um eineTera-Gravitations-Bombe, die eine SonnensystemverschlingendeSingularität in der Gegenwart produzieren konnte, sondern zugleich um eine, in die Zeit, weit in die Vergangenheit wirkende, auslöschende Waffe.

Wir haben nicht herausgefunden, wie die Mission der Solar dem Feind bekannt wurde, aber es gelang ihm, Ihr Schiff im Zwischenraum zu orten und in einer Weise anzugreifen, die die Bordintelligenz der Solar als Wirkung des Energieausbruches einer Supernova identifizierte, bzw. fehlinterpretierte. Nach diversen Kurskorrekturen verlor der Feind die Solar aus seiner Ortung. Statt sie weiter zu suchen, versteckte er das bekannte Ziel unseres Schiffes in einer Art Zeittrichter weit in der Vergangenheit, während es ihm gelungen war, aus der Vergangenheit heraus die Erde und das gesamte Sonnensystem „verschwinden zu lassen und mit ihm unsere Verteidigungsflotte, bis auf die Liberté, die sich ausserhalb der Wirkung der Waffe befand und ihre Beobachtung meldete.

Als die „Fracht“ der Solar ausgelöst wurde, trat ein, was wir bei der Entwicklung erhofft hatten: Das komplette Heimatsystem der Invasoren wurde über alle Zeitebenen hinweg ausgelöscht bis zurück zum Beginn der Invasion unserer Galaxie, möglicherweise aber auch weiter. Zugleich ist logisch alles ausgelöscht, was sie in der letztlich betroffenen Zeitspanne geschaffen und verändert haben und wir wissen nicht, welche Auswirkungen das insgesamt hat. Das Solarsystem existiert wieder da, von wo aus es aus demRaum-Zeit-Gefüge gerissen wurde. Damit war die Mission erfolgreich.

„Und eigentlich dürfte ich mich an gar nichts erinnern und wir hier nicht zusammen sitzen, wenn die Mission so erfolgreich war, wie Sie beschrieben haben und der Feind bis so weit in die Vergangenheit vernichtet wurde, wie Sie sagten, Major! Es hätte nie einen Auslöser für meine Mission gegeben!“

„Ich weiß!“, sagte Major Deventer, „Ich fürchte, dass – egal ob von denen oder von uns oder von ihnen und uns – etwas in Gang gesetzt wurde, das nicht mehr zu kontrollieren ist!“

„Und, das soll es gewesen sein?“, fragte er. Sie sah ihn an, erschrocken über die Konsequenz in seiner Frage, die konkret zum Ausdruck brachte, was sie noch nicht zu denken wagte. Zugleich war sie seltsam berührt über seinen Trotz. Sie verharrte und atmete diesen Widerstand ein wie ein Taucher die Luft nach einer langen Strecke unter Wasser. Er trat auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Wangen und wusste einfach, was zu tun war ohne zu wissen, warum.

„Und ginge auch gleich morgen die Welt unter, ich pflanzte heute noch einen Apfelbaum!“

„Was sagst Du da?“, fragte sie, glücklich in inniger Umarmung mit ihm.

„Keine Ahnung. Kam mir in den Sinn. Es ist so wahr!“

„Das ist es!“, antwortete sie und küßte seine Wange, während der Raum sich aufzulösen begann und nur die Wärme ihrer umschlungenen Körper verweilte.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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