Mord

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Du glaubst, daß du nie im Leben in der Lage wärst, einen Menschen zu töten, und auf einmal steht da so ein halbstarker Bursche mit einem Butterflymesser neben dir in der Tiefgarage, will dein Geld, deinen Schmuck, die Uhr, deinen Ehering, den du, wieso eigentlich, immer noch trägst.Vielleicht, weil du so brav bist und ängstlich, beugt er dich über den Kofferraum, zieht dir den Rock hoch, Strumpfhose und Slip runter, will in dich rein, während er dir die Klinge an die Kehle drückt. Als es soweit ist, und er dir seinen Schwanz zwischen die Schamlippen drückt, passiert es: du explodierst!

Als es vorbei ist, du wieder bei dir bist und die Augen aufschlägst, liegt der Bursche flach auf dem lackierten Beton in einer Blutlache, die sich um seinen Schädel herum ausbreitet, aus dem das Messer ragt, das er dir eben noch an den Hals gehalten hat. Du erinnerst dich an gar nichts mehr. Irgendwo wird ein Wagen gestartet und erinnert dich daran, dass du handeln mußt. Schnell ziehst du deine Pömps aus, schmeißt sie in den Wagen, zusammen mit dem Mantel, schlüpfst in die Mokassins, die du immer dabei hast, ziehst die Leiche beiseite, springst in deinen Wagen, parkst vorwärts über den leeren Stellplatz aus, um nicht durch das Blut zu rollen und fährst hinaus, weg, einfach irgendwohin.

Als du, Stunden später, zurück kommst, den Wagen auf deinen Platz stellst, siehst du noch die Reste vom Absperrband die Kreidemarkierung zur Lageskizzierung der Leiche und irgendwo liegt noch ein gelbes, geklapptes Papptäfelchen mit einer Nummer darauf. Plötzlich fällt dir die Überwachungskamera in der Nähe des Stellplatzes auf. Dir wird heiss, obschon… Du schließt den Wagen ab und gehst in Richtung des Fahrstuhls, unter der Kamera entlang. Du siehst, dass das Kabel abgerissen ist und der kleine rote LED-Punkt nicht leuchtet, der den Aufnahmemodus anzeigt. In Deiner Wohnung läßt du dir ein Bad ein. Du hast das Gefühl, viel Schmutz von Haut und Seele waschen zu müssen. Es ist gut, dass du ab morgen ein paar Tage Urlaub hast. Im warmen Wasser werden die Bilder und die Momente des Überfalls wieder lebendig. Schnell verläßt du die Wanne und übergibst dich ins Klo.

Du hast eine unruhige Nacht hinter dir. Du duscht, nachdem du aufgestanden bist. Liegen zu bleiben, wie du es an freien Tagen gern tust, bringt nichts. Du brauchst Ablenkung. Du verstehst, was es bedeutet, einen Menschen getötet zu haben. Ja, der Bursche hat dich überfallen, wollte dich ausrauben und vergewaltigen, er hat es versucht und du hast ihn nicht das Schmutzige unter dem Nagel interessiert. Er war bereit, Dich zu töten! Trotzdem hast du einenMenschen getötet, und das ist etwas anderes, als Berichte in den Nachrichten.

Gerade hast du dein Frühstück beendet, zu dem du dich gezwungen hast: ein Stück Stuten, in Milchkaffee getunkt, als die Türschelle geht. Zwei Polizeibeamten stehen da und möchten dir ein paar Fragen stellen. Dein Herz beginnt zu rasen, du fühlst dich elend. Am liebsten würdest du auf der Stelle alles loswerden wollen, aber du hast Angst. Du hast keinen Zeugen und dann ist da die Sache mit Elouise vor anderthalb Jahren. Auch sie war überfallen worden, auf einem Parkplatz mitten in der Stadt, vergewaltigt von einem Fremden. Seine Freunde beeideten, dass Elou schon mit allen Sex gehabt hätte für Geld. Als deren Freund sie nach dem Sex anerkennend als geilste Nutte überhaupt bezeichnet habe, sei sie völlig grundlos ausgerastet und habe ihm die Hoden abgerissen. Bevor der Krankenwagen eintraf, war ihr Freund bereits verblutet und sie in einem Taxi entwischt. Elou wurde angeklagt, die Anwälte der Familie des Toten zogen sie in den Dreck. Vor dem Termin der Urteilsverkündung, gab Elou auf und schluckte Tabletten. In ihrem Schreiben erklärte sie, nach der Demütigung, vergewaltigt worden zu sein, nun auch die Demütigung einer falschen Verurteilung erdulden zu sollen, überstiege ihre Kraft. Du vertraust der Justiz nicht, die deine Freundin in den Tod getrieben hat.

Du bittest die beiden Beamten, eine Polizistin und ein Kommissar herein. Sie mustern dich aufmerksam. Ihre Fragen sind zu erwarten und logisch.

Nein, du hast das „Opfer“, wie sie den Toten nennen, noch nie im Haus, der Tiefgarage oder in der Gegend gesehen. Nein, als du in deinen Wagen gestiegen bist und die Tiefgarage verlassen hast, ist dir nichts aufgefallen.

 Die Beamtin fasst nach. Du erklärst, dass du nach dem stressigen Tag im Job einfach den Kopf frei machen wolltest, noch keine Lust gehabt hättest, in deine Wohnung zu gehen, etwas Cruizen durch dieStadt, dir stets hülfe, zu entspannen. Du siehst, dass diePolizistin irgendwas stört. Du verstehst sie. Ist eben auch eine Frau, hat Instinkt, denkt über etwas nach. Das Telefon klingelt. Die Arztpraxis fragt an, ob du vielleicht gleich noch zur Ultraschalluntersuchung kommen könntest. Der Kommissar verkündet, dass sie fürs Erste alles wüßten, bedankt sich mit Handschlag und übergibt dir seine Visitenkarte. Die Beamtin blickt dir direkt in die Augen, reicht dir ebenfalls die Hand, aber anders. Ja, vielleicht wäre es besser gewesen, die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Der Fall geht durch die Presse und ein Typ lungert auffällig in der Gegend herum, macht Notizen, fotografiert, spricht Leute an und eines Tages steht er an deiner Wohnungstür, dringt auf dich ein, ignoriert deine Bitte, sich zu entfernen. Du nimmst Dein Handy wählst die Nummer des Kommissars und sagst ihm, dass du von der Presse belästigt wirst. Er bittet dich, dem Mann dein Handy zu reichen. Das Gesprächist kurz. Der Pressemann gibt dir das Handy zurück, sieht dich an, wie ein Stück Mist und geht wortlos. Einen Monat später ist vom „Tiefgaragenmord“ nichts mehr zu lesen und auch die Polizei hat keinen weiteren Kontakt zu dir aufgenommen. Was geblieben ist und bleibt, ist dieses schale Gefühl und die hin und wieder grelle Erinnerung daran, daß da was war. Der Tod des Burschen, dem recht bald anhand der DNA-Analyse die Vergewaltigung dreier Frauen zugeordnet werden konnte, bleibt trotzdem wie ein Fleck in einer Bluse auf deiner Seele haften. Wenn du Menschen sagen hörst, dass sie sich nicht vorstellen können, je einen Menschen zu töten, dass sie nicht verstünden, wie es Leute geben könne, die derartiges tun, denkst du nur, dass du vor gar nicht so langer Zeit selbst so gedacht und empfunden hast. Es erleichtert dich nicht, wenn manche sagen, daß sie dem oder jenem Kriminellen gern eine Kugel gäben. Du weißt, sie wissen nicht, was sie sagen.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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