Pollerbrink

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Auffällig wurde Jochen Pollerbrink im Jahre des beginnenden Wahnsinns 1968! Mit einem Haufen „verlauster Affen“, wie seinerzeit langhaarige junge Männer in Jeans, Batikhemden, Amiparkas mit olivgrünen Armeeumhängetaschen und komischen Schlabberstiefeln genannt wurden, hatte er sich zu einer Sitzdemonstration (Sit-in) vor den Haupteingang des Rathauses gehockt und sich lautstark, ein Plakat schwingend, für die „Freiheit aller Gummibärchen“ eingesetzt, den Schlachtruf „Haribo-Haribo“ johlend skandiert. Zwei oder drei Polizeibeamte standen abwechselnd neben dem Häuflein, grinsten, bemühten sich immer dann um einen ernsten Gesichtsausdruck, wenn allerwichtigste Mitglieder von Stadtverwaltung und Stadtrat Unverständnis und Verärgerung äussernd an den Sitzenden Abstand suchend vorbei tänzelten, wie fürchtend, es könne tatsächlichetwas auf sie überspringen und sie infizieren.

„Kommt, Jungs, macht keinen Ärger, geht nachhause!“, PolizeihauptmeisterKnippschild, selbst Vater einer Bande verrückten Nachwuchses, ging freundlich und mit verhaltenem Nachdruck auf das junge Volk ein und war gerade dabei, die Spaßvögel zur Beendigung ihrer Demo und zumVerlassen der Fläche vor dem Ratshausportal zu bewegen, als ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei eintraf, sechzehn Uniformierte mit gezogenen Gummiknüppeln absprangen und gegen das, in Auflösung begriffene Häuflein vorgingen. Bürgermeister Kernbeck hatte sich, nach seiner Einschätzung der Lage und der der Mehrheit des Stadtrates veranlaßt gesehen, die Autorität der Stadt wieder herstellen zu lassen. Kurti Thymian, der kleine, geistig etwas zurückgebliebene Bruder eines der Teilnehmer der „Demo“ hatte den herbeieilenden Beamten noch sein Teddybärchen wie ein Friedenszeichen entgegengehalten, doch ein Steinwurf aus einer Gruppe abseits stehender Burschen, der den Tschako eines Polizisten traf, ließ die Situation eskalieren und der Teddybär löste sich unter der Wucht des Schlagstockes in seine Bestandteile auf. Kurti stand weinend da überdeckt mit Wollfäden und Holzwolle. Die „Verteidiger der Rechte der Gummibärchen“ wurden abgeführt und zwei sportliche Bereitschaftspolizisten übernahmen die Verfolgung der Steinewerfer, die durch die, ihnen geöffnete, Glastür ins Innere des Freizeitheims der sozialistischen Parteijugend verschwanden. Einem der Beamten waren die örtlichen Gegebenheiten geläufig, er spurtete um die Ecke des Gebäudes, Schreie waren zu hören und weitere Polizeibeamten stürmten heran. An der straff gedrehten Knebelkette führte der Beamte einen der Steinewerfer mit sich und übergab ihn einem Kollegen, der ihn zum Mannschaftswagen zerrte, wo ihm Handschellen angelegt wurden. Jochen Pollerbrink saß bereits ungefesselt auf der Holzbank im Inneren. Ihm war jeder Spaß und Ulk verlorengegangen. Er ahnte, dass die Steinwürfe der Leute, mit denen er und seine Freunde nicht die Bohne zu tun hatten, der ganzen blöden Aktion einen anderen Anstrich gegeben hatten.

Polizeihauptmeister Knippschild erklärte seinem Kollegen von der Bereitschaftspolizei, dass die Jungs sich vor dem Rathaus einen Spaß geleistet hätten, der schlimmstenfalls dumm aber keineswegs bösartig oder gar politisch zu verstehen gewesen sei.

„Dann hör Dir mal die Burschen von der sozialistischen Freizeiteinrichtung an! Die Sprüche, die die klopfen, klingen ganz anders, Kollege. Der Anwalt der Partei ist auch schon im Anmarsch und das ist eine ganz und gar unangenehme Nummer!“

„Die haben sich den Gummibärchen-Blödsinn der Burschen hier zum Anlass genommen, ihr Ding, Aufregung und Krawall zu machen.“, hielt Knippschild dagegen. Sein Kollege war ein ebenso verständiger Mann und nickte. Diese Hosenscheisser im Rathaus gingen ihm und den Kameraden gehörig auf die Nerven. Tatsache aber war und blieb, dass die sich den Bürgern als echte Macher und knallharte Vertreter von Bürgerinteressen, von Ruhe und Ordnung verkaufen wollten. Bei Langhaarigen setzte unter vielen Leuten spontane Schnappatmung ein.

„Es ist absolut notwendig, ein Fanal gegen den US-amerikanischen Kriegskapitalismus in Vietnam und überall auf der Welt zu setzen!“, stand morgens in dicken schwarzen Lettern über einem Foto das Pollerbrink und drei, vier Freunde vor dem Rathauseingang hockend zeigte. Im Inneren dann ein kleineres Foto, dass den Steinewerfer mit abgewandtem Gesicht zeigte, wie er an der Knebelkette abgeführt wurde. „Polizeigewalt gegen unbeteiligte, zufällig anwesende Jugendliche!“, beschwerte sich im nebenstehenden Text ein Rechtsanwalt, Dr.Gaetan Kehlhardt, der ernste rechtliche Schritte gegen Polizeiführung und Stadt ankündigte. Norbert Czimpanske, durch das Foto seiner Verhaftung zum Helden des lokalen Undergrounds und der linken Szene aufgestiegen, brüstete sich im „Progressive Shelter“ mit dem Steinwurf auf den „verschissenen Bullen“ und ließ sich von der geilen Kommunardin Lore Zardin einen Joint mit nassem Mundstück zwischen die Lippen schieben. Kurz darauf zog sieihn an der Hand hinter sich her zum rückseitigen Treppenaufgang, wo es sich schnell verschwinden ließ bei Bullenalarm. Sie lüftete ihren weiten Wollrock, zog ihren Po frei, lehnte sich gegen die Backsteinwand und hielt Norbert ihr Hinterteil entgegen. Als die Tür aufging und jemand ins Freie drängte, keifte sie schneidend: Ey, Arschloch, hier ficken Genossen für den Weltfrieden! Mach Dich weg oder willst´e Krieg?“

„Tut mir leid!“, kam es schüchtern zurück, die Tür fiel wieder ins Schloß, Norbert zog seine Jeans runter, nahm sein Ding in die Handund brachte es in Position. Lore warf sich dagegen, übernahm den Akt herrisch, wich seinen Versuchen, sie auf Wange, Nacken oder Mund zu küssen aus. „Nobbi, lass das Rumgebürgere sein, ich will Dich ficken und sonst nichts, glaubst Du, Du kriegst das hin?“ Norbert kam viel zu schnell aus lauter Panik, sie könnte sich ihm entziehen.

„Bist Du sicher, dass Du es warst, der den Stein auf den Drecksbullen geworfen hat?“, ließ sie giftig über ihre Lippen tropfen. Sie wandte sich ihm zu, sah ihn mit offenem Blick an, griff sich zwischen die Schenkel und schmierte ihm mit der Hand die Mischung ihrer Feuchtigkeit und seines Ergusses mit gespitzten Lippen ins Gesicht.

„Kein Zweifel, dass Du es warst! Nobbi, mein Held. Tut mir leid…“

„Na, geh mal wieder rein, Schatz!“, sagte sie dann und tätschelte ihm noch mit der klebrig nassen Hand die Wange. Als er brav und völlig irritiert in den herausströmenden Kneipenqualm trat, schob ihn „Che“ Dompskie, der Sprecher der Marxistischen Roten Aktionsbrigade zur Seite und drängte sich an ihm hinaus ins Freie.

„Was hast´e denn mit der Wurst angestellt?“, fragte er Lore, packte ihren Kopf zwischen seine schmalen aber kräftigen Hände und schob ihr seine Zunge in den Mund. Wenige Momente später drang er in sie ein und Lore schrie hemmungslos ihre Lust hinaus.

Pollerbeck´s Eltern wurden von Direktor Volland zum Gespräch gebeten.

„Sie werden verstehen, dass wir nach den Ereignissen, bei denen Ihr Sohn eine maßgebliche Rolle gespielt hat, sogar einer der Initiatoren war, ihn nicht weiter an unserer humanistischen Bildungseinrichtung dulden können! Unser Gymnasium ist in einer absolut degoutanten Weise in ein grelles öffentliches Licht gezerrt worden, dessen negativen Folgen noch gar nicht zu ermessen sind. Marlies Pollerbeck, Jochen´s Mutter wollte entschieden aufbegehren. Arthur Pollerbeckstand auf, legte seiner Frau den gesunden Arm um die Schultern und meinte: „Marli, lass es gut sein! Dieser Herr hat seinen Herren zu gut gedient, um mit geradem Rücken zu stehen und sich ein eigenesBild zu machen.“

Volland wollte aufbegehren, sprang von seinem Holzstuhl hoch. Der „Zeigefinger“ von Arthur´s mit schwarzem Leder bezogenem Handstück der Armprothese, wies Volland zurück.

„Sie wären bei uns, ganz vorne, möglicherweise ein brauchbarer Mensch geworden, Gauleiter, Volland!“ Der sackte mit flatternden Knien und ängstlich bleichem, hassverzerrtem Gesicht auf seinen Stuhl. Pollerbeck griff nun mit der unversehrten Hand in die Brusttasche seiner Anzugjacke, zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor, schüttelte es, bis es sich geöffnet hatte und hielt es Volland in sicherem Abstand vor.

„Erkennen Sie das, Gauleiter? Ja, ich weiß, das tun Sie und noch viel mehr Leute werden Ihre Unterschrift neben dem Siegel wieder erkennen, und der Formel im Namen des Führers usw.usw.! Brauch ich Ihnen ja nicht zu sagen, Sie wissen doch, was da steht! Ich bin überzeugt, Volland, dass unser Sohn an diesem Gymnasium sein Abitur ohne schändliche Grätschen und Manipulationen, von wem auch immer, machen wird, so gut er es aus seiner Kraft heraus vermag. Stimmen wir da überein? Denken Sie darüber nach, aber ein Versprechen geb ich Ihnen: Ich mußte zehn Jahre mit Kakerlaken, Wanzen, Flöhen, Ratten leben, ich kenne jede Bewegung, jede Taktik dieses Geziefers und sollte ich Anlass haben, etwas erkennen zu müssen, was sich mir in all den Jahren eingeprägt hat, wird dieses Dokument und werden einige andere mit eidesstattlichen Erklärungen und belegbaren Unterschriften ihren Weg in die richtigen Hände finden! Ach ja,vorsorglich habe ich verfügt, dass ich bei gewaltsamem oder unnatürlichem Ableben dem Anwalt und Notar erlaube, alles was ich in dessen Hände gab der Öffentlichkeit zu übergeben. Ihr guter alter Freund Sturmbannführer Birkin sollte seine professionellen Künste unterdrücken, denn jedes Leid, das meiner Frau, meinem Sohn oder anderen Mitgliedern meiner Familie angetan wird, könnte für ihn zu einer Reise nach Israel führen, wo man gewiss ihn betreffende Dokumente zu schätzen weiß!

Jochen Pollerbrink brachte ein recht manierliches Abitur zustande und wandte sich dem Studium der Veterinärmedizin zu. Sein Vater erlag kurz darauf den Spätfolgen einer weiteren Kriegsverletzung. Er hinterließ Jochen ein Kuvert mit dem Namen und der Anschrift eines Rechtsanwaltes darin und einen an ihn adressierten Brief. „Wenn Du mal das Gefühl hast, einfach so, es sei an der Zeit, überbringe den Brief dem Anwalt!“, stand auf einer kurzen Notiz.

Zwanzig Jahre später begegnete Jochen auf einem Treffen der Ehemaligen seiner Schule auch einigen der anderen „Verteidiger der Freiheit für alle Gummibärchen“ wieder, insgesamt waren von allen drei Klassen aus denen sie sich rekrutiert hatten gerade einmal acht Leute gekommen und nur ein Lehrer, ausgerechnet Pater Wolfenson, ein trocken humoriger „Mönchskrieger des Herrn“, der dem Religionsunterricht in stetem freundschaftlichen Streit mit Herrn Buda, dem für die evangelische Religion zuständigen Lehrer Würze verliehen hatte. Herr Buda war das gothische Spiegelbild vonWolfensens Barock und beide zusammen das einleuchtende Vorbild gelingender Ökumene gewesen. „Ohne meinen Bruder im Herrn bin ich nur die Hälfte!“, sagte er, als er die Verwunderung seiner Schüler über seine ernste Verschlossenheit spürte. Er hatte Buda, der nach dem Tod seiner Ehefrau und beider Kinder durch einen Autounfall selbst unheilbar an Krebs erkrankte, über Monate als Seelsorger eines Hospizes begleitet, ihm die Augen geschlossen und ihn mit einer ökumenischen Zeremonie beerdigt.

Wolfensen wußte von den meisten der Lehrer, die sie unterrichtet hatten zu berichten und er schätzte besonders die heiteren Anekdoten, die er ihnen vortrug.

„Direktor Volland ist vor sechs Jahren etwa in großem Unfrieden mit sich und der Welt gestorben!“, erklärte Wolfensen und beendete die Beantwortung der an ihn, den ehemaligen Direktor betreffend, gerichteten Frage.

Dafür übernahm Dirk Korte:

„Der Geistliche, der ihm das letzte Sakrament spenden sollte, konnte es nicht verhindern, das er etwas schluckte, das er in seiner Hand gehalten hatte! Er schluckte, sprang aus dem Bett, riss den rechten Arm hoch und soll geschrien haben: „Heil, mein Führer und einziger Gott!“ dann hat es ihn zuckend zu Boden geschmissen!“

Wolfensen schüttelte missbilligend den Kopf und sprach dann ruhig mit der Geste des Segens:

„Der wahre, allmächtige und barmherzige Gott sei ihm gnädig! Soll er in Frieden ruhen!“

„Amen!“, sagte jemand der Anwesenden.

Irgendwie ging damit das Treffen zuende, das Seltsame aber war, dass alle den Wunsch mitnahmen, sich über kurz oder lang erneut zusammen zu finden.

Jochen hatte das klare Gefühl, verstanden zu haben. Er holte daheim das Kuvert seines Vaters, weitere Dokumente, Fotos, Negativbildstreifen und drei daumendick gerollte, seitlich gelochte Zelluloidstreifen aus dem Tresor im Keller, in dem er auch die Gifte und Wirkstoffe gesichert hielt, nachdem es bereits zweimal Einbrüche in seine Veterinärpraxis gegeben hatte. Jana, seine Frau hatte Dienst als Notärztin der Feuerwehr. Er machte Feuer im Kamin, bereitete sich einen Whisky mit einem Spritzer Wasser, stopfte sich seine Lieblingspfeife mit duftendem Tabak, paffte sie an, schob die Scheite zurecht, blickte einige Zeit in die Flammen, nahm den Whisky, kaute auf ihm, genoss den milden torfigen Geschmack, schluckte, stopfte den Tabak etwas nach, paffte die Pfeife, schnupperte dem süßlich, nach Pflaumen duftenden, bläulich grauen Qualm hinterher, nahm dasKuvert und das andere Material vom Sims und warf es ins Feuer, ein kurzes Aufflackern, Zischen und Lodern, und es war vorbei. Er verstand, warum Vater das selbst nie hatte tun können aber nun war diese Eisenkugel, die schwer an seiner Seele gehangen haben musste, als Rauch den Kamin hinauf gestiegen und im Schwarz der Nacht verschwunden. Die Gerechtigkeit, die Vater sich gewünscht hatte, war nicht in die Vergangenheit zu tragen und all seine Beweise wären nur ein Sandkörnchen in einem hohen Berg aus Sand. So aber war in den Flammen ein Stein aus einer Mauer aus Verbrechen, Hass, Rache und Leugnen verbrannt, schuf eine Lücke für das Licht, das in das Leben scheinen wollte!

Nachtrag:

„Alle tot, Elon!“, berichtete Jakoov Gilderman seinem Vorgesetzten.

“Verstorben, suicidiert, verunglückt; den einzigen, der von der Gruppe zuletzt noch von Interesse war und lebte, Sturmbannführer Helmfried Birkin, hat Leutnant Devora Kurtzweil von Yaron´s Einheit mit der Injektion wohl eher befreit als bestraft!“

„Diese Gnade hat er niemandem zuteil werden lassen!“, schloss Elon Maczkowiak, entließ Jakoov und übergab das vor ihm liegende Blatt Papier dem Reisswolf.


Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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