Ripperjack

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Aus dem kleinen Häuschen 10, Primrose Lane in Copperton an der Südküste, kam eine attraktive Mittvierzigerin in luftigem Trägerkleid und auf Highheels herausgeschritten, kaum, dass ich meinen Wagen auf dem kleinen Besucherparkplatz neben dem Haus abgestellt und verlassen hatte.

„Sie sind angenehm pünktlich, Sergeant!“, meinte die Lady mit aufregend dunkler Stimme. „Der Tee steht bereit und mein Kuchen wartet darauf, gekostet zu werden. Der Handschlag, der sich bei uns in London inzwischen ziemlich eingebürgert hatte, war hier zwar nicht mehr unanständig, aber durchaus unüblich. Sie reichte mir ihre gepflegte Hand, an deren Ringfinger sie einen Ehering trug. Offenbar gehörte sie der katholischen oder der lutherischen Kirche an.

Ich bin Dana Carrington, ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Sergeantdetective Wouthman! Nennen Sie mich bitte, Dana, das macht es einfacher.“

„Gern, Dana!“, entgegnete ich, „Und nennen Sie mich bitte Thorn! „Thornwell“ ist doch etwas sperrig!“ Sie lächelte. „Sagen Sie, woher stammt Ihr Name?“

„Darüber gibt es Diskussionen in der Familie. Die einen sagen, unser Name stamme aus den Niederlanden, die anderen meinen zu wissen, er käme aus Wales. Mein Vorname soll sich auf einen Prediger aus den Staaten beziehen. Vielleicht sollte ich da mal recherchieren. Mir gefällt der Klang, das reicht mir voll und ganz!

Sie hatte wunderschönes Porzellan aufgelegt auf einem runden Mahagonitisch mit Messingdetails.

„Bitte nehmen Sie Platz, Thorn!“, bat sie, „und sein Sie so gut, helfen Sie sich mit dem Tee. Ich hatte gestern die Eingebung, eine Kommode in meinem Schlafzimmer zu verrücken, was mir irgend ein Nerv übel genommen hat. Ich werde die Kanne nicht sicher halten können. Ich schmunzelte innerlich, denn immerhin stand sie nun ja auf dem Tisch! War das ihre Rolle, oder fühlte sie mir auf den Zahn?

„Ich darf Ihnen Tee einschenken Dana?“, fragte ich mit einem Augenzwinkern.

„Sie sind ein aussergewöhnlich wohlerzogener junger Mann!“, entgegnete sie. „Irgendwie scheinen Gentlemen allgemein heute aus der Mode gekommen zu sein.“

DerKuchen war tatsächlich ein Gedicht; als ich es sagte, meinte sie: „Papperlapapp! Aber in der Tat, diese Deutschen verstehen es, hervorragende Backmischungen zu produzieren!“

Das war gewiss nicht das Ergebnis einer Backmischung, denn genauso hätte meine Großmutter diesen Kuchen gebacken.

„Ihr Chef tat am Telefon sehr geheimnisvoll und erkärte, Sie würden mich über alles in Kenntnis setzen. Worum also dreht es sich?“

Ich trug ihr den Sachverhalt des Falles vor, bei dem wir sie um ihre Mithilfe bitten wollten.

„Ich dachte mir schon, dass Connor, dieses alte Reptil hinter diesem Komplott steckt, mich alte Mumie nach all den Jahren wieder auszugraben und mir unheiliges Leben einzuhauchen!“, entgegnete Sie, nachdem ich geendet hatte.

„Sie verstehen sich außergewöhnlich gut darauf, ein vollständig unzutreffendes Bild von sich zu zeichnen, Dana, wenn ich das einmal sagen darf!“, hielt ich ehrlich dagegen, denn sie war eine äußerst anziehende Frau mit Charisma!“

„Sergeant, wäre ich doch nur 20 Jahre jünger! Sie sind so ein charmanter, junger Mann!“, lächelte sie, strich mir mit den Fingern kurz über die Wange und schenkte mir einen vielsagenden Blick. Dann straffte sie sich und begann ernst zu sprechen:

„Ihr Chef dürfte eben erst seine Akademieausbildung abgeschlossen haben, als Connor mein Vorgesetzter und ich Constabler in seiner Gruppe waren.

„Ja, dieser Fall, den Sie mir vorgetragen haben, hätte auch mich sofort und in allen Einzelheiten an den „Ripper-Jack“- Fall erinnert, an dem wir, Connor, zehn Leute und ich, letztlich erfolglos ermittelten, bis mich ein unglaublicher Zufall mit ihm zusammenbrachte. – Glauben Sie mir Thorn, und das hätte ich auch Connor ins Gesicht gesagt, wenn der alte Feigling sich nicht hinter Ihnen versteckte: Er war immer schon, und er ist auf dem Holzweg! Dieser Psychopath ist tot! Er kann nicht mehr leben! Ich weiß es, weil ich ihm persönlich ein Dum-Dum-Geschoß in den Kopf gejagt habe! Der hintere Schädel war weg und das Gehirn zehn Meter weit über das Flachdach verteilt, auf dem ich ihn damals stellte!“

Der Serienmörder ahmte den legendären „Jack the Ripper“ nach und wurde daher in Anlehnung „Ripper-Jack“ genannt. Jahre später wurden ihm zwei Prostituierte aus der Hafengegend in London zugeordnet, bei denen es sich offenbar um erste Übungsobjekte gehandelt haben musste. Er schien aber zu begreifen, daß er damit nur als Plagiateur betrachtet werden würde. Er verlegte er sich daher wohl auf ein anderes Beuteschema: er begann sich Opfer unter Strichern, Travestiekünstlern, transsexuellen Frauen, insbesondere jenen zu suchen, die als Prostituierte im weitesten Sinne ihren Lebensunterhalt verdienten – als Escort, Strassenhure oder  Sugarbabys. Insbesondere zeichneten sich seine Morde durch eine krankhaft gesteigerte Grausamkeit aus und zynische Symbolik. Ein Opfer wurde an seinem Gedärm an einer Strassenlaterne vor einemSchwulenclub hängend morgens gegen fünf gefunden, als die letzten Nachtvögel das Lokal verließen. Ein anderes Opfer fanden Spaziergänger in einem öffentlichen Park auf ein zugespitztes Rundholz gespießt, das ihm, wie es schien, noch lebend und geknebelt in den Darm bis in den Brustraum getrieben worden war und die eingebrannte Botschaft trug: „the best cock ever, for a gurl like me!“. Aus dem Gepfählten hingen die Eingeweide bis zum Boden heraus. Der Mörder war ein zwängiger Perfektionist. An keinem Tatort wurde die geringste verwertbare Spur gefunden. Zeugen gab es überhaupt keine und die damals bereits zahlreichen Überwachungskameras konnten nicht den geringsten Beitrag leisten. Entweder lag der jeweilige Tatort außerhalb  der Radien aller, in der Nähe befindlichen Kameras, oder es gab nicht eine Kamera in der Nähe des Fundortes eines Opfers. Angesichts absolut fehlender Spuren, liefen die Ermittlungen auf Grund. Aus der homosexuellen Community traten Freiwillige an die Polizei heran, die sich als Lockvögel anboten. Der Innenminister selbst lehnte diese Möglichkeit ab: „Was, wenn das schief geht? Ich lese schon die Presse, die uns garantiert vorwerfen wird, dass wir der Bestie wehrlose Opfer geradezu vor die Füße werfen! – Lockvogel kann nur ein namenloser Undercover-Beamter sein, den es nie gegeben hat, wenn sein Einsatz schief geht!“

„Und da kam ich ins Spiel!“, begann Dana und lächelte mir offen zu.

„Verwundert?“, fragte sie. „Ein schöneres Kompliment können Sie mir gar nicht machen Thorn!“ und legte ihre Hand schmunzelnd, mich aber genau beobachtend auf die meine. Ich war über mich selbst verwundert, dass ich sie nicht zurückzog, sondern im Gegenteil, die Berührung sogar als sehr angenehm empfand!

„Okay,“ fuhr sie fort, „ich war elitärer Eton-Schüler, und ich darf bestätigen, dass jedes Gerücht, die sexuelle Entwicklung mancher Knaben dort, besonders aus sehr priviligierten Familien, sehr nah an der Wirklichkeit ist. Meine Familie war alles andere als priviligiert, doch mein Vater hatte Beziehungen, und mir wurde ein Stipendium zugesprochen. Nun, alles ist militärisch streng dort, es ist hart, man kommt kaum einmal heim… und so ist es zwangsläufig, dass sich besondere Freundschaften erst, und im weiteren Beziehungen bilden, die aus ihrer Art und wegen der gesellschaftlichen Ablehnung, einen zusätzlichen Reiz entwickeln, eine Spannung entstehen lassen, die nicht wenige für ein Leben prägen. Mein Stubengenosse sagte mir auf den Kopf zu, daß ich vielleicht als Junge geboren, in Wirklichkeit aber ein Mädchen sei. Er bewies mir das noch in der gleichen Nacht, er entjungferte mich und nannte mich nur noch sein Weibchen. Ehrlich? Es traf genau einen Nerv in mir, ich war wie berauscht, als Junge ein Mädchen zu sein. Er brachte mir Wäsche seiner Schwester mit, die ich fortan trug und wenn wir ausgingen,mußte ich Kleidung seiner Schwester tragen. Die demütigende Angst, in der Stadt von Mitschülern oder Lehrern erkannt zu werden, war derartig aufregend und manchmal taten wir es gleich hinter einer Tür oder in einem Gebüsch. Nach dem Abschluß ging mein Geliebter an eine Eliteuniversität in die Staaten und ich, der die Mittel nicht hatte, bewarb mich erfolgreich bei der Polizei. Nach Ausbildung und erfolgreichem Examen wurde ich sofort von Connor angefordert, der mich auf der Stelle durchschaute. „Dan, es ist mir sowas von egal, ob Du homo, hetero oder Bonbon bist! Machst Du Deine Arbeit, bin ich zufrieden, machst Du sie nicht oder wird Deine Neigung zum Problem, werden wir, und ich meine: wir, uns zusammensetzen und eine Lösung finden!“

In diese Zeit hinein fiel das Auftreten des Ripper-Jacks. Als ich mich anbot, den Lockvogel zu spielen, war Connor alles andere als begeistert. „Dan, kannst Du verstehen, dass ich nicht neugierig bin zu erfahren, welchen Spaß er sich mit Dir leisten könnte? Du bist noch grün, warte ab!“ Er unterstützte meine Spezialkräfte-Ausbildung, die ich solange durchhielt, bis ich mit einer Hormontherapie begann. Das schwierigste war, mich emotional unter Kontrolle zu halten. Deutlichen Bartwuchs hatte ich nie gehabt und dass die Körperbehaarung zurückging fiel ebensowenig auf, da auch andere Kollegen der Pornomode folgend, sich von der Behaarung trennten. Als aber meine Brüste zu wachsen begannen, meine Hüften, Oberschenkel und Po fülliger wurden, waren Probleme absehbar. In diesem Moment unterbreitete Connor seinem Boss den Plan, mich undercover in die Szene zu schicken. „Der Officer hat sich intensiv auf diese Aufgabe vorbereitet!“ Mein Auftritt war überzeugend, und es gab grünes Licht. Während eines Jahres gab es weitere fünf Morde ohne, dass wir dem Killer auch nur einen Millimeter näher kamen. Ich hatte das Gefühl, dass er auf irgendeiner Ebene, instinktiv wahrnahm, dass seine Jäger ihn einzukesseln begannen. Plötzlich war es vorbei, wie es schien. Kein Mord während eines weiteren Jahres, bis Connor von ähnlichen
Morden mit gleichen Opferprofilen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland erfuhr. Connor lehnte es ab, dass ich in jenen Ländern aktiv werden sollte, er hielt die Taten dort für die eines Nachahmungstäters, und er hatte recht, wie sich herausstellte. Ich blieb hier im Milieu präsent, hatte wohlhabende Freier und galt als so interessant, dass mich zwei Zuhältergrößen „verpflichten“ wollten. Als sich die Handschellen schlossen, hatten sie keine Ahnung, welches „Vögelchen“ gezwitschert hatte. Connor hielt mich vom Revier und den Kollegen fern. Ich arbeitete von einer konfiszierten Wohnung in einem Viertel am Rande der City aus, und stand allein mit ihm in Kontakt. Es war ruhig, sehr ruhig. Ich wurde nervös. Der „Ripperjack“ verstand es, mit schnellen Stichen, seine Opfer so wehrlos zu machen, aber am Leben zu halten, daß er seine perversen Rituale umsetzen konnte. Bei einem illegalenWaffendealer fand ich eine kleine handliche Faustfeuerwaffe, die früher angeblich beim FBI zur Ausstattung der G-Men eingesetzt worden war, und die ich unauffällig unter dem Rock in einem Oberschenkelholster tragen konnte. Ich zweifelte aber an der Wirkung der eher kleinkalibrigen Waffe.

„Nimm die da, und Du wirst Dich wundern, was passiert.“ Leary, der Dealer schob mir eine 50iger Patronenschachtel zu. Die Bleispitze jedes Projektils war kreuzförmig eingekerbt.

„Sobald es auf sein Ziel trifft, geht sie wie ein Quirrl weiter, fräst sich durch. Das Eintrittsloch ist rund, der Austritt kann schon faustgroß und größer sein. Im Nahkampf gibt es nichts Besseres!

„Ist nicht legal.“, entgegnete ich. „Ach was! Schätzchen, wenn Du legal tot bist, hast du nichts davon, richtig?“, konterte Leary überzeugend.

Er lud die Trommel mit fünf Patronen und ich steckte den kleinen Revolver in das Holster. Es trug sich einwandfrei und war vollkommen unsichtbar. Am Abend eines unerträglich schwülen Tages, wollte mich ein Kunde im „Tits´n Banana“ treffen. Als er nicht kam, griff ich mir einen Piccolo und ein Glas mit Eiswürfeln und kletterte aufs Dach, wo ein frischer Wind vom Hafen her wehte. Gerade hatte ich einen Schluck genommen und wollte mir eine Zigarette anstecken, da sprang mich aus dem Schatten des Lüftungskamins heraus eine Gestalt mit   schwingendem Rasiermesser an. Meine Schulter wurde getroffen, der Schnitt schmerzte sofort höllisch, aber mein Knie traf reflexartig grade da, wo es der Gestalt höllisch weh tat. Schnell hatte ich nun den Revolver gezogen und als er die Hand mit dem Messer hob, um mich am Hals zu treffen, drückte ich ab.“

Dana schloß und bat mich, ihr Tee nachzuschenken.

„Thorn, Kopfschüsse mit Standardmunition kann ein Mensch unter Umständen überleben, aber das Dum-Dum-Geschoß hat ganze Arbeit geleistet, viel Gehirn war im Restschädel nicht mehr zu finden!“

Mein Chef nahm meinen Bericht regungslos entgegen, Connor hatte ihn sich auf der Couch sitzend schweigend angehört.

„Dana weiß, daß das Schwein noch lebt! Mir kommt das alles so vor, als habe sie sich vorgenommen, auf eigene Faust vorzugehen!“, trug er knurrig vor.

„Ich habe die Akte durchgesehen und die Fotos der Kriminaltechniker, die der Rechtsmediziner gesehen! CI Connor, da kann es gar keinen Zweifel geben, daß ihr damaliger Sergeant, den Serienmörder erschossen hat!“, erklärte unser Boss. Connor wußte, daß der Punkt erreicht war, die Klappe zu halten. Coulton konnte Widerspruch genau ab diesem Punkt nicht leiden. Auf dem Flur sah Connor mich an, klopfte mir auf die Schulter und meinte: „Dir mache ich keinen Vorwurf, Thorn, aber unser Boss müsste es besser wissen!“

Ichverstand gar nichts mehr. Dana hatte mich irgendwie beeindruckt und es irritierte mich, daß ich darüber nachdachte, ihr erneut zu begegnen! Ich war gute 20 Jahre jünger als sie und empfand sie alsFrau und als sonst gar nichts.

„Er beschäftigt Dich, Thorn, nicht wahr?“, sagte mir Connor auf denKopf zu.

„Hör auf damit. Daniel ist ein Mann, er ist keine Frau, er spielt die Frau, die er vorgibt zu sein. Er hat Hormone geschluckt, das hat etwas mit ihm gemacht, aber sobald er die Hose runter läßt, wird deutlich, was er ist! Komm mir nicht mit diesem esoterischen Quatsch, dass er im falschen Körper geboren sei! Er ist eine ambivalente Persönlichkeit und er war ein guter Analytiker, ein guter Polizist aber auch ein äußerst manipulativer Mensch!“

„Ich schluckte meinen Ärger runter, wollte keine Auseinandersetzung mit dieser „Legende“, als die er in Polizeikreisen galt. Ich war aber enttäuscht, wie er sich zu Dana geäußert hatte, auch wenn ich mich erinnerte, dass sie ebenfalls nicht gerade respektvoll über ihn gesprochen hatte.

„Wenn Sie behaupten, Chiefinspector, dass der Mörder nach dieser Verwundung, die auf den Fotos der Kriminaltechniker festgehalten wurde noch leben soll, dann ist das für mich, wie sagten Sie „esoterisch“!

Er klopfte mir erneut auf die Schulter:

„Nochmal,Thorn, ich mache Dir keinen Vorwurf. Ich verstehe Dich sehr gut, aber ich kann Dir nur sagen: Wir sind zum Gehen auf zwei Beinen auf dieser guten Erde geboren, wir taugen nicht zum Fliegen oder Tauchen ohne unsere Prothesen: Flugzeuge, U-Boote oder Tauchequipment. Fakten, harte Beweise, Polizeiarbeit, Mißtrauen und klarer Kopf, das sind die Werkzeuge, die wir Bullen haben. Wenn wir etwas sehen, was nicht sein kann, hilft, glaub mir, Polizeiarbeit! Tut es das nicht, haben wir nur ein weiteres Ergebnis, über das nachzudenken, unser Job ist.“ Er pausierte einen Moment und sortierte sich.

„Ein Kollege aus Penzance erzählte mir mal folgende Geschichte: Mitten in der Nacht kriegte er den Anruf einer hysterischen Person. Ihr und ihrem Mann sei draußen in der Bucht die „weißeDame“ auf dem Meer surfend erschienen und habe fürchterlichste Flüche ausgestoßen. In ihrer Panik habe sie kein Foto von dem Geschehen gemacht. Der Kollege ist raus gefahren zum Hafen, wo die völlig aufgelöste Person mit ihrem nicht weniger verdatterten Gatten an Bord ihrer Segelyacht gerade einlief. Es machte keinen Sinn in der Nacht draußen nach dem Rechten zu sehen. Es wurde ein umfassendes Protokoll angefertigt und am Morgen lief ein Boot der Wasserschutzpolizei aus, um an der angegebenen Stelle nachzuschauen und eine Erklärung zu finden. Erst drei Tage später kam etwas Licht in die Geschichte, die er nicht als das dumme Geschwätz neureicher Städter hatte abhaken wollen. Haifischangler hatten einen beachtlichen Mako aus der See gezogen. Als sie ihn aufbrachen, fanden Sie die angedauten Reste einer älteren Person mit Fetzen eines Nachthemds im Inneren sowie Fischreste, wie sie von den Haijägern zum Anlocken der Raubfische benutzt werden. Die Durchsicht der Liste, der als vermisst gemeldeten Personen führte den Kollegen auf die Spur einer älteren Dame, die in einer kleinen Pension bei Penzance wohnte, deren Inhaberin sie gleich am Morgen als vermisst meldete, als sie nicht zum Frühstück erschienen war. Zufällig hielt sich in der Gegend ein Meeresbiologe auf, der von der Gerichtsmedizin befragt wurde.

„Haie sind nachts oder in der Dämmerung auf Futtersuche, aber im Prinzip nehmen sie den Menschen nicht als Beute wahr, es sei denn, er blutet, trägt auffällige Kleidung oder befindet sich in unmittelbarer Nähe von Beute oder in einer Blutspur.“

Sie hatte ein helles Nachthemd getragen, war inmitten von Fischresten und ganz sicher nicht allein aufs Meer hinausgefahren und ins Wasser gefallen. Als der Biologe den Bericht über die vermeintlich surfende, fluchende Dame hörte, die das Ehepaar draußen auf ihrer Segelyacht beobachtet zu haben glaubte, gab er folgende Erklärung:

„Jemand hat die Köder ausgestreut und Haie angelockt. Als diese Person die alte Dame über Bord warf, hat die natürlich geschrien und ertrinkend um sich geschlagen. Das Tier hat zugepackt, sie hat gezappelt und es hat wie eine Katze begonnen, mit der Beute zuspielen. Das Tier hat sie möglicherweise vor sich hergeschoben, sie dabei etwas über die Wasseroberfläche gedrückt, was den Zeugen den Eindruck vermittelte, sie sei förmlich über das Wasser geschwebt und die „Flüche“ waren Todesschreie aus allerhöchster Verzweiflung.“

Die Frage nach dem Motiv für solch einen Mord wurde wieder durch einfache Polizeiarbeit entschlüsselt. Ein Rechtsanwalt meldete sich, als der Name der Toten veröffentlicht wurde.

Die Tote sei seine Mandantin gewesen, und habe über ein kleines aber solides Vermögen verfügt, unter anderem ein Haus an der Küste mit etwas Land besessen, was sie zu verkaufen plante. Es sollte ihr als Alterssicherung dienen, falls sie auf die Pflege in einem Heim angewiesen sein würde. Für den Fall, dass sie vorher sterben würde, hatte sie bei uns ein Testament aufsetzen lassen. Eines Tages rief sie uns an und meinte, dass sie das Testament zu ändern beabsichtige. Dahingehend vereinbarten wir einen Termin mit ihr, der in sechs Wochen stattfinden sollte, da sie zunächst noch eine Pilger-Reise nach Lourdes unternehmen wollte. Um so erstaunter waren wir, als sie uns erst vor anderthalb Wochen um eine Vorverlegung des Termins bat. Sie wünschte die Streichung eines Namens aus ihrem letzten Willen und die Einsetzung einer kirchlichen Organisation, die sich für die Ausbildung von Kindern aus ärmsten Familien engagierte, als alleinige Erbin ihres Besitzes. Bei der Person, die sie als Erben ausschloß, handelt es sich um ihren Enkel Wilbert Bancroft, den einzigen noch lebenden Verwandten, der dennoch Anspruch auf einen Pflichtteil hätte anmelden können. Um das zu verhindern, legte sie vor uns und einem Richter eine eidesstattliche Erklärung ab, die den jungen Mann bezichtigte, sie immer wieder zu bedrängen ihm seinen Pflichtanteil auszuzahlen. Zuletzt habe er einen Termin benannt, zu dem er über die Summe verfügen müsse. Sie ließ den Termin verstreichen und drohte ihm, ihn aus dem Testament streichen zu lassen, sagte ihm wohl, dass sie dies in kürzester Frist zu tun beabsichtige.“

Ihr Enkel war in akuter Zeitnot, um ihren Plan zu verhindern, von dem er nicht wissen konnte, daß er bereits umgesetzt war. Er hatte keinen Plan, wie er die Leiche risikolos würde verschwinden lassen können, dass die alte Frau sterben mußte, war beschlossen. Die Idee, sie von einem Hai töten und vielleicht sogar verschlingen zu lassen, erschien ihm verlockend, sie im Meer zu versenken, war zu unsicher, Taucher an der Küste konnten sie finden. Dass da draußen in dunkelschwarzer sternenloser Nacht eine dunkelblau gestrichene Segelyacht mit zusammengerollten dunkelblauen Segeln und defekten Positionslichtern ankerte, konnte er nicht wissen. Ja, der Zufall hatte dicke Finger im Spiel, aber jener Kollege hat gemacht, was zu tun war: einfache Ermittlungsarbeit. Er hat einen Fachmann hinzu gezogen, Öffentlichkeitsarbeit btrieben und plötzlich ist aus einer versponnen Geschichte ein Fall geworden, der gelöst wurde…

„Thorn, glaub mir, dieser Ripper-Jack ist auch so eine „surfende Weiße Dame“, ein lösbarer Fall, man muß nur entschieden dran bleiben!“

„Eine interessante Geschichte, kein Zweifel,“ dachte ich, „aber trotzdem nicht annähernd vergleichbar.“

Connor schien meinen Gedanken gehört zu haben.

„Präg es Dir ein, Thorn: nicht alles ist so, wie es aussieht, daß es sei! Wer das Deckchen nicht hebt, kann den Beweis darunter nicht finden.“

Der Anruf erreichte mich, wie üblich, gerade als ich eingeschlafen war.

In Liskeard, einem Ort in Cornwall, nahe der Küste, hatte ein Polizist auf Streife einen, am Tor der St.Martin´s Church hängenden Körper entdeckt. Aufgrund der Art und Weise, wie das Opfer aufgefunden wurde, setzte sich die örtliche Polizei mit uns in Verbindung. Ich machte mich auf den Weg. Als ich vor Ort eintraf, hatten die Kriminaltechniker, Gerichtsmediziner und Kollegen aus Plymouth schon ganze Arbeit getan.

„In der Datenbank lasen wir, dass Sie mit einem Kollegen zusammen an Fällen genau dieser Art arbeiten.“ Der Chefinspektor setzte mich ins Bild. Der Tote war lebend und geknebelt an das Portal genagelt worden. Ihm war bei lebendigem Leib noch die Bauchdecke eröffnet, Gedärm und Innereien um den Hals gelegt worden. In der Nähe der Kirche hatte eine laute Festlichkeit mit Musik, Tanz und Darbietungen stattgefunden. Ob es Zeugen gab, mußten die kommenden Tage erweisen, bislang war da nichts. Die Leiche war bei einem örtlichen Bestatter im gekühlten Vorbereitungsraum von den Medizinern untersucht worden. Was ich sah, ließ keinen Zweifel zu: hier hatte entweder ein hochinformierter und talentierter Nachahmer oder Ripper-Jack selbst zugeschlagen, was laut Dana und den Fotos, die eben jenen tot zeigten, nicht möglich sein konnte. Connor war, so teilte mir meine Dienststelle mit, auf dem Weg nach Wales in einem Stau nach einem gewaltigen Unfall auf der Schnellstrasse stecken geblieben und seit Stunden nicht erreichbar.

„Hatte das Opfer in irgendeiner Weise einen homosexuellen Hintergrund?“,fragte ich den Chefinspektor. Er sah mich verwundert an und nickte.

„Er tourte mit einer etwas anrüchigen Travestietruppe durchs Königreich und stand, ich möchte es vorsichtig ausdrücken, Anfragen geneigter Männer sehr aufgeschlossen gegenüber. Im Grunde haben wir ihn in unserem Einflußbereich unbehelligt gelassen; es gab nie Beschwerden wegen Diebstahl, Erpressung oder ähnlichen Delikten. Haben Sie einen Verdacht?“

„Ja, und ein Problem! – Der, der in jederlei Hinsicht Täter sein müßte, fragen Sie dazu in der Datenbank die Akten zu „Ripperjack“ ab, Sie werden den Zusammenhang zu diesem Verbrechen erkennen, lebt nicht mehr, wurde vor Jahren von einer Kollegin erschossen!“

Da ich nichts mehr unternehmen konnte, setzte ich mich in meinen Wagen und wollte nach London, Arbeit lag genug auf meinem Schreibtisch. Den Mord in Liskeard wollte ich mit Connor besprechen, sobald er wieder zurück war.

„Was will Connor in Wales?“, fragte ich unseren Boss, nachdem ich ihm Bericht erstattet hatte. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nur, dass er einen Anruf bekam und aus dem Haus rannte. Natürlich sind wir alle davon ausgegangen, daß es um eine Angelegenheit hier ginge. Wir kennen ihn und wissen, daß er sich nicht ohne handfesten Grund so verhält. – Was ist mit dem Mord in Liskeard? Führt uns da irgendein Brotkrümelchen näher an denTäter, ob an einen Trittbrettfahrer oder hypothetisch an den, wie wir annehmen müssen, toten Ripperjack heran?“ Ich verneinte.

„Die Kollegen aus Plymouth gehen zusammen mit Beamten vor Ort dem Fall weiter nach. Wir haben vereinbart, daß wir, Connor oder ich bei Bedarf unterstützen. Es wird nach Zeugen gesucht, Kameraspeicher werden ausgelesen und analysiert. Die Überwachungskameras haben nichts Brauchbares aufgezeichnet. Der Täter ist, das wissen wir ja schon, ein Perfektionist!“

„Und er muss über erhebliche Körperkraft verfügen oder einen Komplizen haben, denn man nagelt nicht so eben einen Körper an eine Eichentür und hält ihn gleichzeitig fest!“, stieg Coulton ein.

„Die Kollegen waren der gleichen Ansicht und versuchten für einen zweiten Täter Anhaltspunkte zu finden, ergebnislos, aber sie sind weiter dran.“

Der Geburtstag einer entfernten Tante stand an, die mich schon als kleinen Buben gemocht und bei jeder Gelegenheit verwöhnt hatte, natürlich nie mehr, als die anderen Kinder der Familie, aber ingewisser Weise doch. Was schenkt man einer alten Dame, die schon alles hat? Ich erinnerte mich an die beeindruckenden Gemälde in ihrem Haus, die eines gewissen Stuart M.Armfield, die sie, wie sie mit leuchtenden Augen erzählte, im Hausstudio des Künstlers in Looe, sozusagen „direkt von der Staffelei“, erstanden hatte.

Der Künstler lebte leider nicht mehr, wie ich herausfand, aber eine kleine Galerie in Plymouth sollte angeblich noch zwei Werke Armfield´s anbieten. Ich bat einen Kollegen dort, den ich in Liskeard kennengelernt hatte, festzustellen, welche Galerie es sei.

„Das eine hat den Hafen von Looe als Motiv, weist allerdings einen Wasserschaden auf, der mangels eines versierten Restaurateurs vor Ort, der mit Ei-Tempera-Farbe umgehen kann, bislang nicht ausgebessert werden konnte, das andere zeigt bunte Fischerboote auf dem Dock, auf das aber bereits eine bindende Kaufzusage erfolgt ist. Komm vorbei und schau sie Dir an, bei der Gelegenheit, können wir einige bei unseren Ermittlungen entstandenen Fragen klären, die wir mit Dir unter vier bzw. sechs Augen zu besprechen hätten. Wir hätten Dich in den kommenden Tagen angerufen, aber so ist es besser.“

Der Kollege klang zurückgenommen. Ich nahm den kommenden Tag, einen Freitag als Urlaubstag und verkündete, am Wochenende unerreichbar zu sein, da ich vorhätte, ein Date wirklich einmal ohne Unterbrechung zu genießen. Coulton stimmte zu und meinte: Petri Heil, mein Lieber! Ich werde den Kollegen Anweisung geben, Sie unbelästigt zu lassen! Connor ist ohnehin ab morgen wieder im Dienst! Ihr Bericht ist umfassend und detailliert. Ich werde ihn mit Ihrem Vorgesetzten besprechen!“

Ich informierte den Kollegen in Plymouth über mein Kommen. Wir verabredeten uns für den späten Freitag Nachmittag. Ein Kollege aus Bodmin, der uns vor Ort in Liskeard unterstützte, wird ebenfalls zu uns stoßen und uns die Auswertungs-Ergebnisse einer Vielzahl von Foto-Speicherkarten präsentieren, die er und seine Leute durchführten. Er stellte Neuigkeiten in Aussicht, die uns veranlaßten, ein konspiratives Treffen mit Ihnen allein anzustreben!- Nebenbei: Die Galerie erwartet uns am Samstag Vormittag!“

Es machte mich nervös und nachdenklich, daß sie Connor bei dem Meeting nicht dabei haben wollten. Sie würden mir den Grund erklären.

Ich fuhr früh los, hatte keine Eile und freute mich, die Küstenstrasse zu genießen, statt über den Motorway zu rauschen. Ich rief Dana an, um ihr mitzuteilen, daß ich in der Gegend sein würde.

„Das ist ja wundervoll, Thorn! Aber auf jeden Fall erwarte ich, daß Du mich besuchst!“ Mein Herz steigerte seine Frequenz spürbar und als ich zum erstenmal den Ortsnamen „Copperton“ auf einem Schild sah, war ich geradezu aufgeregt. Auf dem Rücksitz lag ein Blumengebinde und dann fuhr ich auch schon in die Primrose Lane und sah Dana winkend vor ihrem Haus stehen. Sie umarmte mich herzlich, küsste mich auf beide Wangen und nahm die Blumen mit großer Freude entgegen.

„Ich werde sie sofort ins Wasser stellen!“, sagte sie, als wir ins Haus traten, sie eine Vase ergriff und in die Küche eilte.

„Nimm Dir doch schon einmal einen Drink!“, sagte sie. „Ich bin gleich bei Dir. Sei so lieb und schenk mir einen Gin mit Zitrone ein!“

Ein Duft schwebte im Raum, der mir bekannt vorkam, der aber von Dana´s Parfüm beeinflußt wurde.

„Ich habe Teewasser aufgestellt und ein paar Sandwiches vorbereitet. Laß uns doch etwas in den Garten gehen, es ist so schön!“

Als wir durch die Schiebetür hinaus gingen, sah ich, dass die Terrasse vollständig mit einer Plane abgedeckt war, auf die wir traten.

„Ich möchte einen alten Tisch aufarbeiten. Der Beize wegen geht es an der frischen Luft viel besser. Wenn Du Zeit hast, bleib doch einfach bei mir und hilf mir morgen, wenn Du magst.“

Hatte mich eben der Duft im Haus etwas irritiert, war da nun etwas in ihrer Stimme, das anders klang. Der Einstich im Hals war wie ein Insektenstich und ich verlor auf der Stelle das Bewußtsein. Als ich, nach unbestimmter Zeit die Augen aufschlug, entdeckte ich, noch benommen, nackt an einem Seil, das mit einer Schlinge an meinen Fußgelenken befestigt war, kopfüber über der Plane zu hängen. Vor mir stand Dana, kniff mir zärtlich in eine Wange und meinte: „Du bist ja so ein süßer Bursche, ich könnte mich tatsächlich in Dich verlieben!“ Des Knebels in meinem Mund wegen, brachte ich keinen Laut hervor. Ich kämpfte mit dem Brechreiz und mir flossen Tränen über die Wangen hinab. Was sollte das? – Im gleichen Moment begriff ich, worum es ging.

„Schau, er hat es begriffen, Liebste!“

Connor trat mir ins Gesichtsfeld und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

Nichts hast Du kapiert, nichts gespürt, keinen Rat angenommen. Thorn, ich sag es Dir ganz ehrlich, nichts von dem, was jetzt geschieht, tut mir leid, Du bist ein erbärmlicher Loser!“

„Sei nicht so hart mit ihm, Schatz!“, hörte ich Dana. „Immerhin wird er in den nächsten Stunden damit beschäftigt sein zu sterben!“

Panik und Entsetzen ließen mich zittern und meine Schließmuskel gaben auf. Was sich aus mir löste, rann an mir hinab.

„Jetzt macht er auch noch Dreck!“, fluchte Connor. Dana spritzte mich mit einem Gartenschlauch ab. „Thorn, sei nicht so kindisch!“, sagte sie und zog etwas aus einer Lederschürze, die sie sichzwischenzeitlich umgebunden hatte.

„Liebling, Du hast mir versprochen, dass ich diesmal das Ritual vollziehen darf!“, gab Connor beinahe brünstig von sich. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Ihr Beamter ist bei uns nicht eingetroffen! Wir warteten noch bis zum Abend, dann haben wir uns mit Ihnen in Verbindung gesetzt.“

Coulton saß den Kollegen in Plymouth gegenüber und blickte erschüttert auf die Fotos der Kriminaltechnik. Sergeantdetective Wouthman´s Leiche war, am Gedärm aufgehängt am mittleren Mast eines historischen Viermasters, der „Chevallier de Maison Blanc“, die gerade  in Plymouth angelegt hatte, am frühen Sonntag Morgen entdeckt worden. Wieder einmal gab es keine Zeugen und Kameras an Bord und im Hafen waren sabotiert worden, in dreistem Sarkasmus mit Smileys beklebt.

„Dies ist der Grund, weswegen wir Ihren Sergeantdetective ohne seinen Vorgesetzten sprechen wollten!“, sagte der Beamte und gab dem Kollegen aus Bodmin das Zeichen, seine Präsentation zu beginnen.

Aus einem Wagen, der auf dem öffentlichen Parkplatz neben der St.Martin´s Church in Liskeard stand, stieg eine Person, die unzweideutig als Chiefinspector Connor zu erkennen war. Etwas später waren vor dem Portal der Kirche zwei Gestalten zu erkennen, die etwas wie einen zusammengerollten Teppich zu tragen schienen. Die extreme Überarbeitung des Fotos ließ ein Gesicht unscharf aber an Merkmalen zuordnungsfähig erscheinen: das von Chiefinspector Connor. Die andere Gestalt war vermummt, aber in der Vergrößerung wurde im Umriß eine Wölbung im Brustbereich sichtbar. Coulton assoziierte und dann kam es ihm über die Lippen: „Dana! Mein Gott, Dana ist der Ripperjack und Connor sein Komplize!“

Von beiden war nicht die geringste Spur zu finden und nie wieder wurde ein Verbrechen, mit der Handschrift des „Ripperjacks“ bekannt.

„Schatz,“ meinte der Alte mit den verdreckten grünen Gummistiefeln, den fleckigen Latzhosen, dem angeschmuddelten Shirt unter der fleckigen Jacke, der Kappe auf dem fast kahlen Kopf mit grauen Bartstoppeln auf roten Wangen, am Kinn und dem faltigem Hals, „Percy kommt mit derPost, kannst Du mal hingehen? Ich sehe aus wie ein Schwein!“ Mit einem Schlauch gab er einen Brei in die Fresswannen der Schweineboxen, der sofort gierig verschlungen wurde.

„Diesmal kümmerst Du Dich darum!“, rief ihm die Frau mit dem zum Knoten gebundenen blondgrauen Haar, den weiten Arbeitskleidern und Gummistiefeln zu und winkte ihm mit einem grauen Kuvert aus Recyclingpapier zu.

Er nickte, steckte sich eine krumme Zigarre zwischen die Lippen, zündete sie sich an, paffte genußvoll und entgegnete den Gruß des Postboten, dem für einen Augenblick so war, als sähe er hinter einer aufschlagenden Tür den aufgehangenen Körper eines Menschen mit herausgequollenen Innereien. Auf der Stelle wischte er den närrischen Gedanken beiseite, der unzweifelhaft Ausgeburt der langen, von Alkohol getränkten Party zum 80igsten Geburtstag von Oma Heather war.

„Idiot!“dachte er, „die haben Schlachttag, da hätte ich doch günstig kaufen  können!“ Seit einiger Zeit hatte er aber Kontrolleure und Zeitnehmer an den Fersen. Er konnte schließlich auch am Abend noch herkommen und vom guten Fleisch kaufen!


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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