Schlange

© hpkluge 2018

„Ich!“, sagte sie, schob sich, einer Praline gleich, ein weiteres Stück seiner Lebenszeit in den Mund, schmatzte genüßlich; ihr weißes, schlaff-fettiges Fleisch bewegte sich wie in Wellen unter dem zeltartig weiten Gewand, das zudem bei Gegenlicht mehr zur Schau stellte, statt zu verbergen. Ihr kaltnervös toter Lauerblick glitt durch den Raum, zitterte umher, wie die nach Beute spähende Zunge einer Steppenschlange,war zugleich eifersüchtig darauf bedacht, stets in seiner Nähe zu sein, wenn er sich interessiert dem Werk einer andren Person, näherte, von dem er angezogen wurde, und das drohte, sich zwischen ihres und ihn zu plazieren. Bei ihm gelang es ihr dennoch nicht, ihn mit ihren Hintergrundinformationen wie bei der Hand nehmend, kurskorrigierend wieder auf sich zu fixieren. So, wie sich die Schlange im Staub windet, war sie mit jedem Schmutz eines Konkurrenten, einer Konkurrentin vertraut.

„Du wirst schon sehn,“ sprach ihn am Buffet ein Schöpfer neonbunter Werke auf Holztafeln an. „Am Ende wird sie Dich ausgesaugt haben, wie jeden von uns, den Du hier siehst. Ihr Trick ist es, pummelig hilfos nett um Hilfe zu bitten,und wieder und wieder –  sei bloß nicht auch so dumm!“

„Ich!“,sagte sie wieder einmal, nachdem sie eben erst und kurz davor… Er sah nun die Neonfarben der Holztafelwerke durch ihr zeltartig weites Gewand schimmern und sah ihr wogend wallendes Fleisch, erkannte, dass all das Fett nichts anderes war, als die angefressene Zeit aller, die geglaubt hatten, ihr etwas helfen zu müssen aus Kameradschaft, Solidarität unter Kollegen oder ganz einfach aus Mitmenschlichkeit. „Nein!“,entgegnete er. Sie umschlängelte ihn und schlängelte sich ihm in den Weg, tat sorgenvoll, hilflos, traurig, fragend veschüchtert.Dreimal sagte er „Nein!“. Erst, als er schließlich und zweifellos den Fuß hob mit dem eisenbeschlagenen Stiefel aus allerendgültigstem „Nein“, glitt sie von hinnen und sah es ein.

Nicht einen Sekundenbruchteil bekam er zurück, aber seine Zeit gehört nun wieder ihm ganz allein!




Veröffentlicht von

hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.