21 Witwe

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Sie sitzt auf der Bank unter der Weide, drei Schritte von seinem Grab entfernt. In der Vase leuchtet ein frischer Blumenstrauss, arrengiert wie ihr Brautstrauß vor fünf Jahren und in der Lampe brennt ein neues Licht. Wenige Schritte weiter zupfen zwei alte Frauen Unkraut von den Gräbern ihrer Männer und reinigen deren Grabsteine, von Algen. Die eine lockert verbissen mit einer Harke die Erde auf und es scheint, als murmelte sie, wie im Selbstgespräch vor sich hin. Die andere wirft hin und wieder einen verstohlenen, warmen Blick zu der jungen Frau. Sie hatte 50 glückliche Jahre mit ihrem Kurt. Dieses Glück hat die Frau dort unter der Weide nicht erleben dürfen. Sie blickt ihr hinterher, als sie aufgestanden ist, noch einmal die Handauf das Grab gelegt, sich bekreuzigt hat, langsam erst, dann zügigen, festen Schritts zum Tor des Friedhofs geht und hinter der Mauer ihrem Blick entzogen ist.

Fin Keller und Jussef Al Rani stehen vor Gericht, um ihr Urteil zu hören. Fin soll für drei Jahre ins Gefängnis, Jussef bekommt fünf Jahre. Die Anwälte der beiden kündigen Berufung an. Richter und Schöffen sehen nicht so aus, als könnten sie in den Spiegel schauen. Die Anwälte haben ihren Job erledigt und sind eigentlich schon bei den nächsten Fällen, die sie vertreten. Sie haben das Optimum für die Angeklagten heraus geholt, wieder eine Referenz für weitere lukrative Mandate realisiert. Sie wundern sich, dass allein der Vertreter der Nebenklägerin zur Urteilsverkündung anwesend ist. Sie hatte stets gefasst gewirkt, betroffen, aber nie hatte sie während des Prozesses die „Tränen- und Opferkarte“ gezogen, sie hatte kühl aber fokussiert, neben ihrem Anwalt sitzend, die Verhandlung verfolgt, mit fester Stimme nüchtern gesprochen, wenn sie vom Richter, Staatsanwalt oder ihrem Vertreter zu einer Erläuterung aufgefordert worden war.

„Sie hat angefangen sich abzufinden!“, konstatiert der eine, als beide durchs Portal hinaus treten und sich mit Handschlag voneinander verabschieden.

Sein Kollege teilt diese Einschätzung nicht. Möglicherweise hat ihr Vertreter sie auf dieses Urteil vorbereitet, aber er hat gerade deshalb damit gerechnet, dass sie da sein würde. Sie hatte nicht so gewirkt, als wiche sie Problemen und unangenehmen Entwicklungen aus. Bescheiden und unaufdringlich hatte sie ihnen und ihren Mandanten während all der Verhandlungstage gegenüber gesessen. Ihm war aufgefallen, dass besonders sein Mandant kaum in der Lage gewesen war, ihre Anwesenheit zu ertragen. Er hatte seinen Kopf gesenkt gehalten, sich ständig die Hände an den Oberschenkeln seiner Hose gerieben. Er war zu abgebrüht, als dass er ihr gegenüber Schuld oder Scham empfunden haben konnte. Skrupellos hatte er Schuldbewußtsein und Bedauern dem Gericht gegenüber zum Ausdruck gebracht, ohne auch nur ein Wort davon empfunden zu haben. Trotzdem war da etwas an dieser Frau, das ihn auf seine wirkliche Größe reduzierte und rasend machte.

Er geht zu Bett, kaum, dass er zuhause ist, läßt den Pilotenkoffer mit den Akten, die er noch hat durchsehen wollen, an der Garderobe stehen. Er ist erschöpft, zu erschöpft, um sich zu fragen, wieso. Als seine Frau gegen Mitternacht von ihren Eltern nachhause kommt, wundert sie sich darüber, ihn verschwitzt, unruhig schlafend im Bett vorzufinden.

Sein Kollege sitzt in einer fröhlich trunkenen Runde alter Studienfreunde im Gesellschaftsraum der Kneipe, die sie schon seinerzeit bevorzugt aufgesucht hatten. Auf seinen aktuellen Fall angesprochen entgegnet er nur, dass es in Revision ginge und er sich daher gern jeder Kommentierung und Ausführung enthalten möchte. Gegen ein Uhr verabschiedet er sich bedauernd, da er am kommenden Vormittag schon wieder in einem anderen Fall vor Gericht erscheinen müsse. Er bittet den Wirt, ihm ein Taxi zu rufen. Leider kann er keinen Cognac an sich vorüber gehen lassen. Er tritt vor die Tür, um an der frischen Luft zu warten. Es ist mild, es duftet nach Blüten, die er in seiner Kindheit auf dem Land bei den Großeltern kennengelernt hat. Deren Name liegt ihm auf der Zunge, aber will sich nicht artikulieren lassen, statt dessen wird er von grellen Scheinwerfern geblendet und es wird schwarz.

Jussef winkt seinen Kusin Mahmut zu sich.

„Wenn Großvater etwas davon erfährt, schickt er uns in die Wüste! Du weißt, der alte Kerl, Allah lasse ihn hundert Jahre alt werden, meint es verdammt ernst! Wenn Du das Zeug brauchst, besorg es Dir von irgendwem sonst! Ich geh das Risiko nicht mehr ein. Mir gefällt es hier! Muschis ohne Ende und du kannst doch machen, was du willst!“, erklärt Mahmut.

„Feigling! Glaub nicht, dass ich für Dich noch einmal falsch schwöre! Hab ich gejammert?“ Jussef ist angefressen. Er braucht bald etwas. Er fühlt sich schlaff. Said hat er schon rum gekriegt mit dem Nacktfoto einer Muschi, von der er die Nase voll hat. Said hat ihm den Schlüssel von seinem getunten Mercedes gegeben. Kein Vergleich mit seinem Lambourghini, aber den hat er ja zerlegt und Großvater hat klar gemacht, dass es erst einmal nichts wird mit einem Wagen. Besser also einen Mercedes als nix. Er ruft erst Hakim an und gibt eine Bestellung auf, dann die Muschi, die er an Said weiterreichen will und erklärt ihr, dass sie etwas für ihn erledigen soll.

Als er bei ihr ist, gibt sie ihm das Plastiktütchen mir dem weißen Pulver darin. Schnell bereitet er zwei Linien auf der Marmorplatte ihres antiken Schminktischchens vor, rollt einen Fünfhunderteuroschein und schnufft sich damit den Stoff in die Nase. Die junge Frau hat sich inzwischen der Kleider und Wäsche entledigt, sich nackt mit gespreizten Schenkeln aufs Bett gelegt und damit begonnen, sich für ihn vorzubereiten. Jussef mag kein Gehampel und Gemache, er will rein und dann rammelt er wie ein Karnickel. Mit dem Stoff nimmt es oft kein Ende und immer will er dann noch in den Arsch. Jussef ist kein Mann fürs Leben. Er ist geistig, mental maximal dreizehn Jahre alt, skrupellos, narzistisch und durch die strenge Moral seiner Kultur aufgegeilt wie ein Sexzombie. Er hat Geld, sie hat Wünsche und Körperöffnungen. Mehr verbindet beide schon lange nicht mehr. Sie geht innerlich auf das, was sie den „Sexpuppenmodus“ nennt. Sie stumpft sich ab und wartet.

Plötzlich schreit er auf, brüllt, wie ein Tier, Möbel stürzen um, und er zuckt, zappelt, kracht zu Boden und genauso plötzlich ist es still und er liegt mit zuckenden Extremitäten auf dem Teppich während seine Schließmuskeln versagen. Sie spürt, dass Jussef Geschichte ist. Schnell zieht sie sich an, wählt die Notrufnummer, steckt das Tütchen in seine Jackentasche, nimmt das Päckchen gefalteter Geldscheine aus der Brusttasche seines maßgeschneiderten Hemds und steckt es sich in den Slip. Jussef´s Leiche wird in die Pathologie abtransportiert. Sie wird im Kommissariat verhört.

Woher er den Stoff gehabt habe und wieso ihre Fingerabdrücke auf dem Tütchen seien, wollen die Beamten am nächsten Tag wissen.

„Ich hab es ihm aus seiner Jacke holen müssen.“, erklärt sie. Sie wisse nicht, von wem er es habe. Sie erfährt, dass das Rauschgift erheblich mit Strichnin, Arsen, Puderzucker und Zyankali versetzt gewesen sei.

„Jemand hat offenbar ganz sicher gehen wollen, dass Ihr Freund nicht überlebt. Hat er Feinde gehabt?“

„Jeder echte Mann hat Feinde!“, denkt sie. „Blöde Bullen!“

Als sie alle zusammen sitzen, bringt Said vor: „Fragt mich nicht, wie sie es angestellt hat, aber das war dieses Weibstück von dem Kerl, den Jussef platt gemacht hat!“

Großvater Suleiman schüttelt verärgert den Kopf.

„Wer auch immer Jussef das angetan hat, wir werden ihn finden und richten, aber die Frau lasst ihr in Ruhe! Genau auf sowas wartet die Polizei und wenn ihr etwas zustieße, kämen gewaltige Probleme auf uns zu. Stellt sich heraus, dass sie etwas mit Jussefs Tod zu tun hatte, werden wir sie immer finden. Wir haben Zeit.“

„Was ist mit der Hure, bei der er war, in deren Wohnung er gestorben ist?“, setzt Said nach.

„Das ist eine Hure, aber schaut sie Euch an! Sie ist dumm, ungebildet, die Mischung, an der er starb, ist zu kompliziert, als dass sie überhaupt begreift, um was es geht. Jussef hatte aber etwa fünftausend Euro bei sich, die er eingetrieben hat. Das Geld ist weg. Sie hat also einen Toten bestohlen. Ihr wisst, was zu tun ist. Bevor ihr vollstreckt holt denNamen dessen heraus, von dem er den Stoff hat! Geht!“, sagt Suleiman und begibt sich in seinen Gebetsraum.

Aus den Nachrichten hat er vom tragischen Tod seines Kollegen erfahren und sich mit dessen Büro in Verbindung gesetzt, um Einzelheiten zu erfahren. Er glaubt nicht daran, dass es sich um ein Unglück handelt. Getötet durch ein gestohlenes Fahrzeug des gleichen Typs, durch den auch das Opfer von dessen Mandanten zu Tode kam? Nun teilt ihm sein Büro mit, dass der Mandant seines Kollegen an einer vergifteten Dosis Kokain gestorben ist. Im wird heiß. Ihm ist es vollkommen klar, dass es um Rache geht. Aber wer, um alles, könnte der Racheengel sein? Das Bild der Witwe des Opfers erscheint vor seinem inneren Auge, zugleich sträubt sich sein Verstand gegen diesen Verdacht. Sie ist nach all seiner Erfahrung nicht der Typ einer Psychopatin. Wohl ist ihm nicht, dass da draußen irgendjemand unterwegs zu sein scheint, der Rache nehmen will. Er teilt seinem Büro mit, dass er die Verhandlung am kommenden Morgen in seinem Büro daheim vorbereiten wird. Ein Blick auf seinen Termin- und Aufgabenkalender zeigt ihm, dass er einen Berg an Urlaubstagen angehäuft hat, den er sich auf keinen Fall auszahlen lassen darf, um nicht steuerlich zu büßen.

„Wieso nicht?“ denkt er. Er und Mariam haben schon seit Jahren keinen wirklich ausgedehnten Urlaub mehr gemacht. Ja, gleich morgen wird er es in die Hand nehmen nach dem Gerichtstermin, der ihm einen weiteren Erfolg bescheren wird, dessen ist er sich sicher.

Fin Keller tritt gegen Mittag seine Haft an, medienwirksam von Kriminalbeamten aus der elterlichen Villa abgeführt. Die Revision war

abgewiesen, ein nachgereichtes psychologisches Gutachten sprach eine deutliche Sprache. Doktor Keller, der große Unternehmensberater nagelt ihn, den Anwalt seines Sohnes telefonisch verbal an die Wand. „Aus!“, denkt er. Der Urlaub hat sich bereits atomisiert. Keller teilt ihm mit, dass er die Angelegenheit seines Sohnes einer durchsetzungsstarken Anwaltskanzlei übergibt, deren Vertreter ihn zur Übergabe aufsuchen wird.

Als er am nächsten Vormittag das Gerichtsgebäude zur Verhandlung betritt, erreicht ihn der Anruf seines Büros. Fin Keller ist in derNacht stranguliert in seiner Zelle aufgefunden worden. Er eilt zur Toilette und übergibt sich. Ihm ist, als habe sich ihm soeben eine eiskalte Hand auf die Schulter gelegt.

Der Verhandlung kann er nicht folgen, doch sie entwickelt sich exakt so, wie er es erwartet hat. Die neue Kollegin wickelt die Formalitäten souverän ab.

„Das müssen wir feiern!“, sagt sie.

„Für einen Champagner und einen kleinen Imbiss wird es grade noch reichen!“, entgegnet er. „Die Feier werden wir in den nächstenn Tagen stattfinden lassen! Gehen Sie doch bitte schon vor ins„Nouveaux vie“. Ich muss noch ein, zwei Telefonate führen.“

Er vereinbart einen Termin mit dem Reisebüro über das die Kanzlei jeden Flug, jede Reise jede Reservierung und Buchung abwickelt. Irgendwie ist er erleichtert, den Fall Keller zu den Akten legen zu können. Der Fall hat ihn belastet. Keller und Al Rani hatten sich mit ihren Edelsportkarossen auf der engen Strasse durch die Stadt ein Testosteronrennen geleistet, das ein, vielleicht zwei Menschleben gekostet hat. Beiden war das nur einen dummen Spruch und ein Schulterzucken wert gewesen. Das Honorar abzulehnen, dass Doktor Keller ihm angeboten hatte, wäre glatter Irrsinn gewesen. Er atmet tief durch und freut sich auf Mariam´s Gesicht, wenn er ihr von seinem Urlaubsplan berichten wird. Er geht beschwingt die Treppen hinab zum Vorplatz und freut sich zum erstenmal, die Tauben dort zu sehen, die die Brotkrümel picken, die ihnen eine alte Frau zuwirft. Es ist das letzte Bild, das er sieht.

Eine junge Frau sitzt auf der Bank unter der Weide, drei Schritte von einem gepflegten Grab entfernt. In der Vase leuchtet ein frischer Blumenstrauss, und in der Lampe brennt ein neues Licht. Wie sie so dasitzt und um sich schaut, ist ihr, als sei etwas anders. Zwei Gräber, an die sie sich klar zu erinnern glaubt, sind nicht da. „Das ist Unsinn!“, sagt sie sich. „Es ist alles, wie immer!“

In der Mittagspause geht sie gern lieber draussen spazieren, als in der stickigen Luft der Kantine oder an ihrem Platz im Großraumbüro zu sitzen. Irgendwann einmal ist sie zur anderen Strassenseite über die breite, inzwischen vierspurig ausgebaute Hauptstrasse gegangen und auf dem Friedhof einfach so durch die Reihen gegangen. Das war so beruhigend und versichernd gewesen. Die kleine Bank unter der Weide, in der Nähe der Kapelle, hat es ihr besonders angetan. Wenn sie dort sitzt, verstohlen ein Sandwich isst und aus der Wasserflasche trinkt, wird ihr Blick immer wieder von dem gepflegten, gegenüberliegenden Grab angezogen. Wieso das so ist, versteht sie nicht. Beinah fühlt es sich so an, als läge dort ein naher Verwandter oder ein guter Freund. Gerade hat sie auf die Uhr geschaut und gesehen, dass es Zeit ist, zurück zu gehen. In fünf Minuten ist die Mittagspause vorbei. Die beiden alten Frauen, die jeden Tag hier sind und die Gräber ihrer verstorbenen Männer pflegen, brechen heute früher ihre Arbeit ab, nehmen ihre Gießkannen, Schüppen und Harken auf und machen sich auch zum Ausgangstor auf. Eine schüttelt für die Spatzen Krumen aus dem Wachspapier, das sie in der faltigen Hand hält. Die andere bleibt bei ihr stehen und spricht sie im Vorbeigehen an. „Wir bewundern Sie so sehr, wie liebevoll Sie sich als junge Frau um das Grab Ihres Mannes kümmern! Es muß eine große Liebe gewesen sein! Bitte, nehmen Sie den Rat alter Frauen wie uns an: „Vergessen Sie das Leben nicht! Sie sind jung und immer noch in der Lage, Leben zu schenken! Er weiß es und er gönnt es Ihnen, denn Liebe hört nicht mit dem Tod auf!“

Ihr ist, als sei sie für einen Augenblick eingenickt.

„Es ist Zeit!“, denkt sie. Sie muß zurück zur Arbeit. Als sie die Augen aufschlägt sind die beiden Alten fort, so, als habe sie sich die nur eingebildet. Die Worte der einen schwingen weiter in ihr und verwirren sie.

„Sie wird wach!“, hört sie eine Stimme und dann sieht sie das Gesicht einer Frau über sich, die die Kleidung einer Krankenschwester trägt. „Endlich! Willkommen zurück!“, hört sie und spürt die warme Hand, die die ihre drückt.

Das Haus, in dem sie gelebt haben soll mit Ludwig, ihrem Mann, ist ihr fremd. Ihre Ärztin hat ihr gesagt, dass es noch eine ganze Weile dauern kann, bis die Erinnerung zurück kommt. Irgendwie weiß sie nicht, ob sie das überhaupt will. Ludwig, das ist für sie nur ein Name, mehr nicht. Alle Fotos, die man ihr zeigt, lassen nichts in ihr klingen. Der freundliche Kriminalbeamte hat ihr erzählt, was geschehen ist. Sie ist mit ihrem Mann, Ludwig, in ihrem Kleinwagen auf dem Weg aus der Stadt nachhause gewesen. Sie und ihr Mann hatten dort ein Kino besucht. Dann sei ihr Wagen frontal von dem eines entgegenkommenden Rasers erfasst worden. Sie sei durch die Windschutzscheibe hinaus geschleudert und von einem weiteren Wagen erfasst worden. Ihr Mann sei auf der Stelle tot gewesen, sie habe man im Koma gehalten. Sie erinnert sich an absolut nichts. Es habe einen Prozess gegen die beiden Raser gegeben. Beide seien mit milden Strafen davon gekommen, inzwischen aber verstorben, wie auch deren Anwälte. Der Richter ist von einem Segeltörn nicht zurückgekehrt, Yacht und Richter sind in der irischen See verschollen.

„Du hast es schön hier!“, hört sie eine ihr bekannte Stimme, als sie eines Nachmittags auf der Bank unter dem ausladenden Kirschbaum im Garten ihres Grundstücks sitzt.

„Erinnerst Du Dich an das, was ich Dir sagte?“

Sie glaubt im Licht der tief stehenden Sonne jemanden zu erkennen, ohne sich aber wirklich zu erinnern.

„Macht nichts, Kind!“, hört sie. „Lebe! Alles ist nun gut!“

Im Blumengeschäft in der Nähe der Bushaltestelle entdeckt sie eines Tages ein Bouquet, an das sie sich zu erinnern glaubt. Sie kauft es, seltsam berührt und teilt es ihrer Therapeutin telefonisch mit. Die bittet sie, zu ihr zu kommen mit dem Strauss. In der Praxis zeigt die ihr ein Foto. Sie erkennt sich als die Braut neben einem Mann, der in ihr das Gefühl auslöst, das man einem Bruder, aber keinem Mann und Geliebten gegenüber entgegenbringen mag.

„Sie haben sich ihrer Schwester gegenüber genau so geäußert, und er wusste, wie Sie empfinden, wie er es in einem Schreiben an einen guten Freund darlegte.

„Ludwig ist tot, Kind“, hört sie eines weiteren Nachmittags, während sie auf ihrem Lieblingsplatz unter dem Kirschbaum schlummert.

„Laß ihn los!“

„Wie soll ich das? Ich kenne ihn ja nicht einmal!“

„Warte ab!“

„Diakon Reinhold Stumpmann besucht sie, um sich als Seelsorger der Gemeinde vorzustellen.


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hpkluge

Geboren Anfang der 1950iger Jahre, Volksschule, Realschule, konfessionelles Gymnasium, Studium englische Sprache, Literatur, Amerikanistik, Kunst. Abbruch des Studiums nach Auseinandersetzung mit Kunstdozenten und der Weigerung, sich für den Vorwurf dessen ständiger Abwesenheit und Nichterbringung seiner Aufgabe als Lehrender zu entschuldigen. Erste Gedichte, Kurzgeschichten und Liederexte, Songtexte für Solovorträge oder als Sänger einer Hardrockformation. Beteiligung an Gemeinschaftsausstellungen und Einzelausstellungen. Mitbegründer der Essener Künstlergruppe Stadtgas. Anstellung als Krankenpflegehelfer in der Psychiatrie des LVR in Essen. Heirat, Familiengründung. Wechsel in den Vertrieb, Projektmanager für Verwaltungseinrichtung und Innenausbau. Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Prokura, eines mittelständischen Herstellers. Selbstständiger Berater innerhalb der Branche und Personaltraining für Beratung, Verkauf und Dienstleistung in der Gesundheitsbranche. immer wieder sporadisch oder durchgängig künstlerisch tätig u.a. Mitglied einer Künstlergruppe in Westfalen. Nach einer Serie lebensbedrohlicher Erkrankungen Ausstieg aus dem Berufsleben und Rückbesinnung auf den Beginn und die brachliegenden, liegengelassenen Talente. Seit nunmehr etwa drei Jahren Arbeit an kurzen Kurzgeschichten "shortcutstories" ©, Prosagedichten (Poemen) und lyrischen Arbeiten in deutscher und englischer Sprache.

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